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Full text of "Rene Descartes' Hauptfchriften"

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V/TTT EMANUELE III 




BIBLIOTECA 


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nazionaLe 

B. Prov. 










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@efd^id|te 


ber neuern |)l)ilo|'o|)l)te 


bon 

Stuno ^ifdber. 


©rftcr SBanb. 

®c8tartc8 unb feine 6c^ule. 
6teta S^til. 

allgemeine (äinleitung. SReni $e«carte». 
Btveite böllig nmgearbeitete Auflage. 


n 6 0 n (j. 


4^e{(«Tic»s. 

♦ Uf riQjBburl)l)onlilung non J^rieiriclj ßaffermann. 

1868. 


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^au^tf^riften 




^ pi^, 

' C ^ 




Jtit 


©rttttMcgung feiner ^^UofofjJie* 


3ns Dtut^dje übertragen 
unb mit einem ißotmort begleitet 
bon 

£uno JTtfd)er. 

9lene InSgabe. 


^eideKerg. 

Öerlagsbucljbont'lunS JTrifbricli öafffrmonn. 

1868 . 


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.. V 

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artfiie. 


©pflen unter ben SBerfen 3)e§cartc8’ biejemgen au§gc> 
U'erben, welche bie ©runblagcii feiner £et)re entljalten 
unb ben llmfc^ttjung erttaren, ben ber 9tame XeäcarteS in 
ber @efct)ict)te ber ^'^rtofof.'t)ic bejeiebnet, fo U'irb eS teinem 
Äenner ber ©nc^e jtneifeU)aft fein, baß e8 bie brei finb, n'eW)c 
id) l)ier ben bentfdjen Sefern in unferer 3)tutterff5rad)e l'orlege. 
(Sg giebt, fo oicl id) ioeif?, an» älterer Seit bentfe^e Heber- 
fe^nngen einiger ©djriften XebcarteS’; id) I)abe fie angeführt 
gefunben, berfelben aber nic^t, obtool)! icb mich bemüht, ^ab= 
baft loerben fönnen. 5(uö neuerer Seit fenne icb feine aüdj 
nur bem Dkmen nabb. Süt micb alfo b^'^’e ibb in betreff 
biefer Sfrbeit feinen Sorgäuger gehabt. ®od) toürbe mtbb 
biefer Umftanb nibbt bewogen b^J^en, fie ju toerbffentlibben, 
um bIo8 eine etwas auffaßenbe Sübfe in unferer Ueberfe^ungS- 
literatur auSäufüKen. 

Uiie 5lbfibbt ber Verausgabe fam mir erft wäbrenb ber 
Strbeit felbft, bie id) iunäd)ft febigticb ju meinet eigenen Se- 
friebiguug unternabm. Sn ber SSorbereitung für bie feit ge^ 
raumer Seit iibtbig geworbene neue Üluflage meiner ®efcbi^te 


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IV 


ber 5ß()Uofo^l)ic I)(ittcu mic^ meine ©tiibien miebcr ju Deg- 
carteg geführt, unb, um mir bie Slnfc^auung für biefen 
fcjj^eii rcd^t ju beleben, ^ielt id^ e8 für gut, lieber x^n felbft 
ganj bon Steuern ju lefen, alg nur an feiner §anb bie 31u8= 
jüge, bie ic^ bor Sauren aug feinen ©d^riften gefdf)ö^5ft l^atte. 
Unb in ber 3:|at emi>fing id^ bbn i^m felbft einen neuen bber 
ibenigfteng einen Weit lebenbigtten Sinbrud, alg bamalg, wo 
nur ber fj^ilofoip^ifcfje @ebanlen}ufammenl)ang, ber bag 50ta=: 
terial feiner Sel)re augmni^t, bag §auf5tjiel meiner SBeobad^* 
tung gewefen War. 3e^t trat mir weit beutlid)er unb ein= 
bringlid^er, alg frül)er, in beni tiefen Senfer jugleid^ ber 
grofee ©c^riftfteller entgegen, ben id) big in bie ein= 
jelnen 5ßilbungen feiner ©ä^e unb 9lugbrüde 'hinein ju ber^ 
folgen, in jebem SBorte ju berne^men, ein ungemeineg Ser= 
gnügcn cmisfanb. 3d() wu&te wo^l, ba^ ©egcarteg nidjt blog 
ber erfte ^^ilofoi?^, fonbern auc^ einer ber größten ©c^rift= 
fteüer ^ranheid)g ift unb bei feinen Sanbgleuten alg folc^er 
gilt, aber fo lebljaft unb fo einbringlic^ Ijatte ii^ biefe legtere 
®ebeutung nie gefiil)lt alg je^t. greilid^ forbert eg bie Sta* 
tur ber ©nd)e, ba^ ber grofee 2)enfer, wenn er fdjreibt, aui^ 
ber grope ©djiiftfteller ift, aber ßrfd^cinungen , welche bie 
Statur i^rer ©ad)c fo rein unb normal barfteüen, finb in 
allen ©:pl)äreu bie feltenften. Unb man ift in ber 5ß^ilofoi>l^ie, 
— ic^ ne^mc gewif; bie unfrige nid^t aug, l^bd^fteng bie gried^ifd)e — 
bon ben bebeutenben 2)enlern feinegwegg berwb^nt burd^ bie 
Ginfa(^l)eit, Älarl^eit unb Oenauigleit i^rer 3)arftellungg= 
Weife. S5ielmel)r erfc^eint l)ier fo oft bie Sliefe in ber Trü- 
bung. ^at man eg aber mit einem ipijilcfof^ljen ju t^un, ber 
alg ©c^riftfteller feiner ©ac^e bolltommen gewadjfen ift unb 
bie gereifte Äraft befi^t, feine in bie Siefe gerid^teten ®e= 


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V 


banfen l)'6d)ft anfd)auUrf) unb ffar »uiebctjUijcbcii , fo pnbet 
mau ben größten 6Vniu[? barin, nid)t bloS mit einem )olcl)cn 
'il.U)ik'fD))l)en ju benten, fonbern i^n reben jti I)bvcn unb reben 
iiu lafi’en, mit ber bodften ?tufmer!|'amfcit für febc einjetne 
SBenbnng unb jebeä einjetne SBort, nnb in biefer ©timmnug 
für feinen ©ebriftftetter fommt ber fiefer unmittfürlict) in ben 
iiug be^t Ueberfe^enS. 

@0 ift mit biefe Ueberfe’^ung entftanben, i'l)nc baf? id) 
borget ben $1«» baju gefafjt, oljne bafe id) ii'ä()renb berfelben 
an eine SSerbffentlidjung gebatikt l)atte. 3d) beburfte fie für 
mid) fetbft al8 ein 9Jiittel, mir ben 5}5l)ilofoi.'l)en mcnfd)tid) 
nä^cr ju füllten unb feine 33etanntfc^aft meit einget)cnber 
unb intimer ju machen, alg c% bei einer blofen Äefniig, bie 
immer etmaS glü^tigeb bet)ütt, gelingen mag. Ueberfe^en 
Ijeijjt im gemiffen ©inne mifroftef^iren. 3luc^ bie fleinen 
äuge beä Driginatä , bie bem £efer faum bemerfbar finb, 
treten bem Ueberfe|er l^erbor unb werben fpvedjenb. ®iit 
einem äßorte; man erlebt ben ©et)riftfte((er, wenn man i()u 
aub biefem 33ebütfnip überfe^t. Unb fo finb mir einige 
iffioc^en ber borjä^rigen §erbftferien, bie ic^ in biefer 9lrbeit 
jugebrac^t l^abe, bort^eil^oft unb genupreid) gewefen. Sie 
Ueberfe^ung ^at mir ben Sienft geleiftet, ben icb in Slbfid^t 
auf Sebcarteb ^aben Wollte: genau ju erfatjren, Wie 
er rebet unb fd^reibt. 

äu biefem ä'ued mufete bie Ueberfe^ung jwei 33ebin= 
gungen bereinigen: bab Driginal bib in bie Sorte hinein 
beobai^ten, um ein wirtlic^eb SJlbbilb ju werben, unb jugleid) 
fi(^ felbftänbig unb frei bewegen, bamit fie nid)t alb unbcj 
^olfener 3lbbrucE erf:^eine, ober überall bon bem Driginal 
fd)ülcr^aft ab^änge, wie ber ©djwimmer bon ber Seine. 


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VI 


®enn c8 ift !(ar, ttienn man einen ®e8carte8 fo iibevfe^t, 
ba^ er anfcingt beutfd) ju ftammeln, fo l)i>rt er auf 2)e?carte8 
ju fein. 3d) l)atte mir baruni bie 3lufgabe 9 efe|t, eine mbg^ 
Iid)ft U)örtlid)e Ueberfe^ung ju geben, anä ber aber 2)e8= 
cartea in ber eigent^ümlid)en SSoiltommen^eit feiner 9Jebe fo 
t)croorge^cn follte, bafi man meinen fönnte, einen beutfi^en 
Sei) ri f tfteUer jn lefen. 2)arum ^abe ic^ and) bie erfte 
©i^rift aub bem f^ranjbfifc^cn libcrfe^t *), ioeÜ fie 3)e8carte8 
felbft franjofifd) gefdjrieben, unb au8 bemfelben ©runbe bie 
beiben anberen auä bem Sateinifd)en. miü babei bemerk 
fen, ba^ ber bamalige franjöfifd)c ©h)I ft^ioieriger ju über^ 
fefeeii ift, al8 bet heutige; biefe langat^migen, bieloerjmeigten, 
obmo^t ftetä gefammeltcn unb logifd) mol^teingeric^teten 9^eti= 
oben , in benen 2)e8carte8 fc^reibt , mürben fici^ im 3)eut^ 
fd)en nic^t o'^ne unbe^iilflic^c ©d^werfäfligteit miebergeben 
taffen. ®Sa8 bei 3)e8carte8 in einer 5|5eriobe gefammelt ift, 
mürbe bei unb gef^ad^telt metben unb einen Sßadjt^eit 
^aben, ber ba8 franjbfifc^e Original meniger brüdenb beläftigt. 

^abe mir öfters bie grei^eit genommen, biefe ©ä|e be- 
meglidjer ju machen unb eine fermer jufamment)altenbe 5ße? 
riobeneinbeit ju töfeu, ot)iie bie ©ebanfeimerbinbung babureb 
ju änbern. 3Ba8 aber ben Snbalt betrifft, fo oerftebt e8 fidb 
auS meiner Slufgabe bon felbft, ba| idb nicht mit 33crid)= 
tigungen bajmifcben rebe. Sßenn j. 33. 2)e8carte3 in einer 
auSfübrliiben ©teile ber erften ©d)rift feine mecbanifd)e 5pbb’' 
fit oerbeutliebeu mitt an bem 33eifi)ict ber §aroeb’fcben Jbcorie 


*) ®ic Ucki'fdjvifteii allein, hic im Jvainbfifrfjcn fd)(cii, fiiib qii8 bev 
lateiitii(f)en Ue6ev)c|}ini() genommen. 


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VII 


ber §crjt)ewegung unb biegen 2Re^iant8mu8 tm ®iitjclnen 
bcfd)reibt, fo >üirb ber fiefer, bem babei mandietlei 3rr= 
t^itmer ouftaßen, Jelbft fagen, ba^i ein ©ci^riftfteBer beS 17ten 
3ai^r^unbert8 bie ©ntbedungen nid)t rtjiffen fonnte, bie erft 
im 18ten unb I9ten 3ol^r’^unbert gemailt würben. 3c^ ^abe 
mir ^ie unb ba eine erfUirenbe unb l^inweifenbe S3emerfung 
erlaubt, leine, bie ouf bie 9Katerien felbft cinlaffen. 
8lu(^ finb biefe SHaterien (ben angefiil)rtcn 3all »ietlcid)t 
ausgenommen, ber nur bie SBebeutung einc8 ®eiJipiel8 l)at,) 
oon i'elbft einlcuci^tenb in ber ©ntwiifluug , in ber fie SeS--' 
cartes oorfu^rt. 

l^abe geglaubt, ben ®ienft, ben i^ mir felbft mit 
biefer Ueberfe^ung geleiftct, mitt^cilen ju biirfen. 3Bir ®eutfd)e 
l^aben oon ©eiten un[erer SSJeltbilbung ba8 33ebürfni^ unb 
bon ©eiten unserer ©j>rac^e bie fjo^igleit, bie großen ©d^rift- 
ftetler frembcr SSiJlfer un8 anjueignen. SQäir imgortiren nii^t, 
Jonbern wir »erb eutfi^en. 9luf biefe Sßerbeutjc^ung, glaube 
ic^, ^at 2)e8carte8 ein fe^r begrünbete8 Siedet, unb id^ Wun* 
bere mid^, ba^ er nid^t längft in unferer ©^>rad^e einl^eimifc^ 
ift. SBäre er blo8 biefer größte gS^ilofo^?:^ , biefer '^er»or= 
ragenbe ©d^riftfteller §ranfreic^8, fo würbe il)m fd^on befe- 
^Ib in unferet Ueberfe^ung8literatur ein 5pia^ jufommen 
unter ben fremben Oro^en. (Sr ift un8 naiver »erwanbt. 
3Ran wei^, welchen Einfluß feine ip^ilofo|5l^ie auf ©ipinoja, 
Äeibnil, Äant gehabt l^at. Wie grantrei«^ in bem Sa^r^un^ 
bert 3?ottaire8’ bem (Seifte 3)e8carte8’ untreu würbe unb 
ftd^ ju :8cdte unb ju ben ©enfuatiften belehrte, bagegen bie 
beutfd^e iß^ilofofjl^ie bem Seifte 2)e8carte8’ »erwanbt blieb. 

3n ber langen unb jufammenl^angenben Sflei^e ber 5ß^i= 
lofof)^en, bie bi8 auf unfere füngften l^erabreid^t , bejeid^net 


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vni 


2)e8cavte8 Da8 erfte 68 giett ge»»iffe, für bie 

9lt<^tung ber i|5^UofDf)l)ie »ollfomtnen entfc^eibenbc 
feiten, bie er äum crftenmal im rit^tigcu Sidjte entbedt unb 
funbamental gematzt l)at, bie man nod) ^eute »on 9Jiemaub 
einleui^teuber ^ort al8 »on i()m, in benen er für alle Seiten 
ber befte Setter ber SBelt bleibt. 2)arum motlte id) gerabe 
biefe Schriften nid)t blo8 für mic^ überfe^t ^aben. 

3)iefe brei grunblegenben @(^riften, bie eigentlii^ ben- 
felben Äcrn enthalten unb nur in tjerfdjiebener SBeife cnt- 
mideln, finb iugleid) bie erften, bie 3)e8carte8 »erbffentli(^t 
^at: ber discours de la methode (Serben 1637)*), bie 
raeditationes de prima philosophia ($ari8 1641)**), 
unb bie principia philosophiae (Slmfterbom 1644). ®ie 
erfte ©c^rift erfd^ien an ber ©)>i|e feiner „essais“, bie au^er 
i^r gleic^fam al8 ißroben ber aufgefteüten 3Retl)obe bie 
2>iof5trif, bie SKeteorc unb bie ©eometrie enthielten. 3)ie 
jweite, fein eigentlidheS §auf)tWerf, moClte ®e8carte8 nid^t 
berbffentlichen , betoor er fein 5Wanufcri|jt einer Sfleihe »on 
©eiehrten mitgetheilt, beren ©intvänbe empfangen unb erwies 
bert hotte, unb et gab bem SBetfe biefe „Objcctiones et Re- 
sponsiones“ in bie Deffentlichfeit mit, gleichfam um bie ißole= 


*) ®ev jucvg bcobfubtigtc ®itct • le projet d’une scicnce 
universelle, qui pftt dlevcr notre natrre <i son plus haut clegre de 
perfection. 

**) ®er Xitel bev pariftr SliiSgabe bitß: Meditationcs de prima phi- 
losophia, ubi de Dei existentia et animae immortalitate. ®ev Xitel 
ber (Stneiteit omgevbanicc ^liiSgobe fogt: Med. de prima phil., in (piihus 
Dei existentia et animae humanae a corpore distinctio demon- 
strantnr. 


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IX 


mit toormcgjimeljmeit unb mit einer 9tei^e gemailter unb 
übcrmunbener ßinmänbe feine ©ac^e mie mit einer 
mauet ju umgeben. ®a8 brüte 3Berf cntljält in feinem erften 
®uc^ bie iprincifjicn ber menfd^lidjen (Srfenntni^, in ben brei 
fotgcnben bie bet materiellen 2)inge, ber 3Belt unb ber (5rbe. 

t)abe e8 l^iet nur mit bem erften 35m^e ju t^un, ba8 
bem 3nl)aU nac^ genau jufammenpngt mit ben S3etrad^# 
tungen unb mit ber ©t^rift über bie 50tet^obe. SffiaS in ben 
®etrad)tungen analtjtifd^ gefunben mirb, baS fteHen bie if?tin- 
ciipien in intern erften 53u(^ in fvn%tifc^er äBeife bar; unb 
iener geometrifc^e 3lbrig, ben ®e8carte8 uon feinen Setrab^- 
tungen ju geben uerfud^t auf eine Slnregung, bie von ©eiten 
gemiffer ©inmürfe gefommen mar, bilbet ein natürlic^eg aMit= 
telglieb jmif^en ben 9Webitationen unb ben $rinciipien. 

^abe barum biefe ©teße in bie Uebetfe^ung aufgenummen. £>ic 
SRebitationen aber bejie^en fid^ jutücf auf ben disconrs de la 
methode, ben fie erläutern motten, gleii^fam al§ ßommentar, 
mie 2)e8carte8 felbft fid) einmal bticflid^ auSbrüctt. ©o 
greifen biefe brei Schriften in einanber unb bilben ein 
®anje8. 

3)ie beiben erften ©(^riften finb in einer Sorm »erfaßt, 
bie fie einjig in i^rer 3lrt mad^t. SCßenigfteng mü|te id^ 
SRic^tS in ber f5l^ilofof)l?ifd^en Literatur bamit ju bergleic^en. 
5Btan ermattet bei ber erften ©d^rift eine ttRet^obenlel^re unb 
finbet biefe in ber ^orm einer ßebenSgefd^id^te; man 
ermattet bei ber jmeiten eine metafii^tjfifd^e Unterfui^ung unb 
em^ifängt biefe in ber Sonn oon Konf ef fionen. S)a8 ift 
nur ju begreifen au8 einem S^aratter, ber fein Seben mit 
ber SBiffenfd^aft unb bem fJlac^benlen ganj jufammengefü^rt, 
bet nad^ einer miffenfc^aftlic^en SRet^cbe gelebt unb barum 


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X 


biefe SKet^obe erlebt unb nun im ©tanbe ift, fie aI8 
bie reiffte gruc^t unb ©rfal^rung feineg SebenS ju geben: 
bet aug SBiffengbnrft fic^ juerft in bie Süb^ergelei^rfamteit 
»erfenit, bann «ug fßii^tbefriebigung biefe ©elebrfamfeit »er-= 
täp , fi(^ mit bem üBeltlcben »etmifdjt , o^ne fid) barin ju 
toerlieren, o^ne fi(^ im Äern feineg äBefeng ju jerftreuen ober 
ju jerfjptittern, iiberaH bie iBIenbungen ertennt, ben Srrt^um 
aufffjürt unb in feinen Urffsrung berfolgt, bann in fici^ felbft 
einfel^rt, abgemenbet »on bet äBelt bie tieffte ®infamteit fuc^t, 
um feine ©ebanfen ooHtommen augiuteifen, enblid^, fi^on 
übet bie SSierjige ^inaug, fic^ berbeiläp, biefe ©ebanten ju 
fcbreiben, nad)bem fie fo oft burc^bat^t finb, ba^ jeber ber< 
fclben eine reife £ebengfru<bt geloorben. Jpier fxnb bie Srü(^te 
ber ©rtenntnife groß geworben am Saume beg Äebeng. 2)a- 
taug begreift man, mie eine gebenggefc^id^te eine 3Ket^oben= 
le^re, unb ©elbftbefenntni^e fD{etaf>^bfi* 1«« tbnncn. Sugleic^ 
erflürt fic^ ^ieraug bie SoUtommen’^eit ber ®arfteßung; 
benn nii^tg 3lnbereg mad^t bie ©arftetlung boOfommen alg bie 
SKeifterfc^aft über ben ©toff, unb bag ©e^eimnifi ber fDJeifteiv 
fc^aft ift bie oollenbete Slneignuug. ©o einfach unb fidler 
fbnnen bie Slugbrücfe, fo georbnet unb lebenbig fortfc^reitenb 
ber ©ang ber Unterfud^ung, fo einlem^tenb unb auggearbeitet 
bie Silber unb Sergleid^e nur fein, wenn fie fxd^ in ben ©eifi 
eingelebt ^ben , oft bebad()t unb metl^obifd^ «iogen worben 
fmb. 3n bet S^ü'JfoiP^ie ift bag menfd^Ud^e geben in ben 
meiften fjäöen ju turj, unb eine SKenge Äinber Werben biei 
toor ber Seit geboren. Salbet bei fo »ielen bie Unform, bag 
©mbrvonen^afte, bie Unreife unb namentlich bag Unoermßgen 
ju reben. 2)ie ,3eit ber ©ntwictlung unb ©rjiehung hat ihnen 
gefehlt, baraug erflären fich biefe ©dhwächen, aug benen man 


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XI 


ja liiert, ii'ic c8 gejd^ic^t, ^ugenben mad^en foK. 

(Segen bicfe8 SJerberben giebt e8 tein beffereS jQeilmittel, aI8 
ba§ ©tubhim unb bie 33etrad)tung aubgereifter 3)enfer, unb 
(jier bietet Sebcarteb in feinen gvunbtegenben ©d^riften eineb 
ber le^vreic^ften 93ei|biele. (£v ^atte bie grb^te ©d^eu bor 
bem Slbfc^liefeen unb SSerbjfentlic^en , er fürchtete namentUi^ 
aud^ bie Unreife ouf ber ©eite ber Sefer, nnb tnärc eb blob 
nad) i^m gegangen , fo würbe er felbft bietteic^t feine feiner 
©c^riften beri'ffentlicfjt ^aben. ©c^on mit feinen ©runbges 
banfen im Ätaren unb bereitb über bie 3)rei|ige l^inaub, be< 
giebt er fid) in bie ^ollänbifc^c (Sinfamfeit, um feine iß^ilO' 
fob^ic fd)riftli(^ nieberjulegcn. 3lc^t 3a^re lebt er ^ier Wie 
ein !^erborgener , bebor er fic^ entfc^lie^en tann, bie ©d^rift 
bon ber SÖiet^pbe in feinen „essaia“ erfdjeinen ju laffen. 

(Steid) in ber erften Seit ber l^ollänbifdjen ißeriobe Ijat 
er bie SDtebitationen begonnen, bann läfet er fic über ein 
Sa^rjel^nt in feinem ©c^reibfjult liegen , bebor er fie boHen- 
bet, bann erft l)anbfd)riftUd) mitt!^eilt, um aüen möglid^en 
(SinWürfeu ju begegnen, fic^ bereu immer mel^r wünfe^t, um 
bie SJerbffentlic^ung nod) ^inaubjufd^ieben , cnblid^ fic^ baju 
entfd}Ucfet, wie bie (Binwönbe berftummen. @r war inftinctib 
eingenommen gegen bie iöud^mad^erei unb ^atte für ben 9iu^m, 
ber bou biefer ©eite fommt, gar feine (Smfjfinbung. 68 mag 
fein, bafe eine gewiffe ©d)eu boc 5ffentlid)en Sonflicten babei 
mit im ©^>iel war, aber bor Sittern war e8 ba8 überlegene 
(Sefül)l, bap in ber Slubbilbung unb ®rjiel^ung feiner ®e= 
banlen ba8 ißublicum i^m gar nic^tb nü^en fbnne, bafe er 
alfo für feine ifJerfon mit bem ißublicum gar nid)t8 ju teben 
l)abe. 2)arum finb namentlich bie beiben erften ©djriften 
ganj Wie 'iütonotoge gefi^rieben, in benen ®ebcarteb weniger 


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XII 


an t)ie Scute bcntt, bie p« foüen, al8 et fid) feinen 
eigenen (Sntnjidlungg' unb ©ebantengang tergegentnärtigt. 
Jpierüber aber werbe id) an einem anberen Drte au8fü^rlid)er 
reben; bei biefer @e(egeni)eit Wotite id^ nur bie @efid)tg= 
fjunfte bejei(^nen, unter benen ic^ 3)e8carte8 a(8 ©c^riftfteHer 
gelefen wünf^e. 

3 e n a , ben 23. Sluguft 1863. 


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Sn^artö 


I. 

«li^onblmifl übet bie 3JJe»|)Obe btb tfrbtißfit »«nunftßfbtoudi« 
nnb b(c to<|ftni4o{nid)tn !S<al)rtieitgfot{4unß. 

Seite. 

(ätß«8 Sopitet. Serjebiebene SSetvocbtuitßcn iu »ctrtff bet 

Slöifienf^aften 3 

.Hioeitea gobüet. ®ic 9ieflctn bet Pom 

guter getuebten 3Ketbobe 12 

SDritte« gnbitcl. (Sinifle nu8 bitjet gRetbobe entuommene 
9{cfleln bet ©ittenlebte 22 

SJietteS (Sapitel. ®ie 8eroei8ßviinbe für bo8 ®a[cin Oottes 

imb bet nieiijtblieben Seele ol8 ®rimMagen bet SDJetobbbftt 30 

i^ünftea gnpitel. Orbiiunfl bet Pom guter untetfutbten 
»boritatittben f robteme , inabejoiibere grnätuiiß bet Se» 
roenuna be8 Jper}eu8 uiib einiger aitbetet }itt SPiebicin ge « 
böriaer ^l$iintte; bann bet Uitterfcbieb iinjetet ©eete oon bet 
tbierijiben 38 

©eebatee Sobitel. iiBtt8 naib be8 gutot8 gnfitbt ba)u 
aebött, um in bet Stforttbuua bet SBnbtbeit notb weiter 
fottüu((breiten, iinb luel^e ®tiinbe ibn fetbß jiiiu ®d)tcibcit 
bentoaeii bube» 35 


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XIV 


II. 

getracStmifteii übet bit gUtla^tufit. ^n8 Dafeln go(It8 nnb btt 
UnttrtctieH AttifiStn Sette unt götOtr. 

gcltg. 

gtflt gettai^tunfl. Sier jlweifti 73 

Broeite SBetrai^tunfl. g)et menft^Iii^ ®e'ifi. iSeiiie glatiir 

i(l It'n^ttr ctlennSai al6 bie Iörpcrii(!^e 80 

Stittc SBctraii^tunfl. Sa8 S)aicin ®otte8 91 

iBierte iBetrad&tiiufl. Safttticit unb 3rrt{|um . . . . 110 

{fünfte aetiaditiiiifl. 3?a9 gBefen ber ÜPiatcvic iinb noilft 
einmal tag 2>a(eiii ®ottc8 * 121 

®ed^ete ^ctra^tunn- Sion ber 6yi(Ien', ber nintericKen 
Dinge imb beni Seieiisuiitciidjicb ;iroii(l)en ®eele unb 
^orpet 145 

aii^nnfl. Die getrnd^tiiiifleii iin seoinetvite^cn aSrifi . ■ • 147 


UL 

gtincititn 6er (£r[ter DStil- 

Sion ben i|3rinci|)ieu ber menfdiliifien Gilennliiifi . 163 


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ühtt Ht 

lifö ridjtiflfn Dfrnunftgfbraud)^ 

unb 

^er tviffenf4raftli(|^ett SBa^r^eiHf^rfc^titig* 


1 


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®erfd^iebene ©etrad^tungen in ©etreff bet 
SBiffenfd^aftcn. 

X'ft gefunbe Serftanb ift bic beftectt^cilte Sad^e ber SBett, 
benn jcbcrmann meint, bamit fc gut bctfel^en ju fein, bafe felbft 
bicjenigen, bie in alten übrigen Idingen fel^r fd^mer ju beftiebigen 
finb, bod^ ge»bl)nlid^ nid^t me^r Serpanb l^aben tnotlen at8 pe 
mirttid^ ^ben. 68 ijt nid^t ma'^rfd^einlid^ , bafe in biefem 
fünfte aKe Seute täufd^en, frnbern e8 bett>ci8t bielme^r, ba^ ba8 
©ermbgen, rid^tig ju urtl^eiten unb ba8 Sßal^re uom 5ölf<^«n ju 
unterfd^eiben , biefer eigentlich fogenannte gefunbe ©erftanb ober 
bie ©ernunft, oon tRatur in allen ®?enfdhen gleich 'P» 
bie ©erfchiebenheit unferer Meinungen nicht baher fommt, ba| bie 
einen mehr ©ernunft hu^t” anbern, fonbern lebiglich 

baher, bafe unfere ®ebanlen oerfdhiebene ©3ege gehen unb wir 
nicht alle biefelben 3/inge betrachten. Xenn e8 ift nidht genug, 
einen guten Sopf ju hut*fnj bie .^auptfadhe ift, ihn ridhtig an» 
Wenben. Die grbfeten ©eelen ftnb ber grbfeten Safter ebenfo fähig 
al8 ber grbfeten Dugenben, unb bie nur fehr tangfam gehen, 
tbnnen hoch, wenn fie ben richtigen ©3eg berfclgen, eiel Weiter 
oorwärts lommen al8 jene, bie taufen unb fi^ »om ridhtigen 
©3ege entfernen. 

1 * 


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4 


SQ3a8 mic^ bettifft, fo ^abe i* mir nie eingebiibet, bafe mein 
@ei|'t in irgenb etmaS »oilfommener märe, dg bie ®ei[ter Pom 
gemb^nlic^en ©erlöge; id^ ^abe fogar oft gemünfe^t, ben ©cbonfen 
fo bei ber ^anb, bie Sinbitbung fo fein unb beiittid), bo8 
©ebäc^tniff fo umfaffenb unb gegenmärtig ju ^aben, dä mand^e 
Snbere. Unb id) fenne, um ben ®eift ju oerootlfommnen, feine 
anberen ^Mittet, dä bie eben genannten 6igenfcbaften. Denn maS 
bie SSernunft ober ben gefunben Sßerftanb betrifft, baS ßinjige, 
ba§ un8 JU ÜÄenfe^en madbt unb ton ben Spieren unterfd^eibet, 
fo miß i^ glauben, bafe fie in einem jeben ganj ooßftänbig fei, 
unb miß hierin ber gcmöi)n(ic^en ÜSSeinung ber ^ß^ilpft'b^en fpißgn, 
bie fagen , bafe eb nur jmifc^en ben jufäßigen iBefc^affen'^eiten 
(Sfccibentien), nid^t jmifd^en ben Scrnien ober ÜRaturen ber 3tt= 
biöibuen einer unb berfetben 9(rt bie Unterf^iebe be8 ÜRe'^r unb 
SQ3eniger gebe. 

3lber ic^ befenne ol^ne ©c^eu: ic^ glaube barin oief ®tüd 
gehabt ju ^aben, bafj ic^ fd)on feit meiner 3ugenb mic^ auf 
fofeben SBegen angetroffen, bie mic^ ju Setrad^tungen unb ®runb« 
fä^en fib^rten, au8 benen id) mir eine ÜÄetl^obe gebifbet, unb 
burc^ biefe föJet^obe meine ic^ baS SJiittel gemonnen ju ^aben, 
um meine ßrfenntnife ftufenmeife ju »erme^ren unb fte aßmälig 
JU bem I)üc^ften 3tel ju erl^ebcn, mclc^eä fie bei ber ÜKittetmäfeig» 
feit meineb ©cifleg unb ber furjen Dauer meines 8eben8 erreid^en 
fann. Denn id) ^abe fd^on gute Brüebte geerntet. bin id^ 

in meiner ©elbftbeurtijeilung ftets bcmüt)t, mid^ lieber nac^ ber 
©eite beb 9JiifetraucnS afg beS ßigenbüufelS ju neigen, unb menn 
ic^ mit bem 3fuge beS ^^ilofop^en bie mannigfaltigen ^anb= 
lungen unb Unternehmungen ber Wenfehen betrachte, fo finbe ich 
faft feine, bie mir nicht eitel unb merthloS erfcheinen. Dennodh 
laffe ich "i'hi mich mit einer aufeerorbentlichen ®enugthuung 
beS Sotlfd)ritt8 ju erfreuen, ben ich in ber ©rforfchung ber äBahr^ 
heit bereite gemacht ju halben meine, unb mit folcher jUDerficht 


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5 


in bie Sufunft ä« blidteu, bafe, wenn e8 über^upt unter ben 
SBefc^äftigungen ber iöienfd^en, rein atb 3)ienfdjen genommen, eine 
ma^r^aft gute unb bebeutenbe gibt, ic^ fo fü^n bin ju glauben, 
eb fei biejenige, bie ic^ gewä^tt l^abe. 

2 ) 0 ^ fann eb fein, bafe ic^ mic^ täufc^e, unb eb ift oietfei(^t 
nur ein bibc^en Supfer unb @iab, »oab ii^ für ®oIb unb 2:ia= 
manten ne^me. 3c^ mei^, wie fe§r mir in 9tßem, mab bie eigene 
Werfen betrifft, ber «Setbfttäufd^ung untermorfen finb, unb mie fe^r 
auc^ bie Urt^eilc unferer Sreunbe , menn fie ju unferen ©unften 
fpre(i^en, unb »erbäd^tig fein müffen. Stber id^ merbe in biefer 
©d^rift gern bie S03ege offen jeigen, bie id^ gegangen bin, unb 
barin, mie in einem ®emälbe mein Seben barfteüen, bamit jeber 
baruber urt^eilen tonne, unb, menn mir »on ^brenfagen fotd^e 
Urt^eiie jutommen, bieb ein neueb Mittel ju meiner SBete^rung 
fei, bab ic^ ben anberen, bie i(^ ju braud^en pflege, ^inju= 
fügen merbe. 

©0 ift meine 3(bfic^t nic^t, l^ier bie Siet^obe ju lehren, bie 
jeber ergreifen mu^, um feine SSernunft richtig ju leiten, fonbern 
nur JU jeigen, in metd^er SlBeife id^ bie meinige ju leiten gefud^t 
^abe. Die fic^ bamit befaffen, anbern 35orfd)riften ju geben, 
müffen ftd^ für gefc^eitcr ^Iten, alb jene, benen fie i^re S8or= 
f(^riften ert^eilen, unb menn fie in ber tleinften ©ac^e fel;len, 
fo finb fte tabelnbrnert^. Da id^ nun in biefer ©c^rift nur bie 
Stbfid^t ^abe, gleid^f'am eine ©efd^ic^te, ober, menn man lieber 
mill, gleic^fam eine Sabel ju erjä^len, morin unter manAen na(^- 
a^menbmert^en ißeifpielen »ielleic^t auc^ manche anbere fic^ finben 
merben, benen man beffer nic^t folgt, fo ^offe ic^, tiefe ©c^rift 
mirb ßinigen nü^en, ol^ne 6inem ju fd^aben unb jeber mirb mir 
für meine Dffen^eit Dant miffen. 

3Jon Sinbl)eit an bin ic^ für bie SBiffenfe^aften erjogen 
morben, unb ba man mic^ glauben mad^te, bafe burd^ fie eine 
flare unb fiebere ©rtenntnife alle® beffen, mag bem l*eben frommt. 


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6 


j« emld^en fei, fo l^atte id^ eine a«6erorbent(ic| gro^e Segierbe, 
fie ju lernen. Doc^ »ie ic^ ben gonjen ©tubiengong beenbet 
l^atte, an bejfen ,3iel nian genj&^nlic^ in bie SRei^e ber ©elel^rten 
aufgenommen wirb, onbevte ic^ »oUftänbig meine Stnfic^t. ®enn 
i(^ befanb mic^ in einem ®ebränge fo oieler 3tt>c>ftl unb 3n» 
t^ümer, bafe ic^ bon meiner Sernbegierbe leinen anbcren 9Ju§en 
ge^bt JU ^aben fd^ien, alb bafe id^ me^t unb mel^r meine Un= 
»iffen^eit entbedft l^atte. Unb i(^ mar bo^ in einer ber bevü^m» 
tejlen ©c^ulen ©uropa’b, mo eb nad^ meiner 9Äeinung, menn 
irgenbmo auf ber 6rbe, geleierte Wänner geben mußte. 3c^ ^tte 
bort Sllleb gelernt, mab bie Uebrigen bort lernten, unb ba mein 
ffliffenbburft meiter ging alb bie SSJiffenfcbaften , bie man unb 
leierte, fo ^atte id^ alle löüd^er, fo biel ic^ beren ^abl^aft merben 
fonnte, burd^laufen, bie bon ben anerfannt merlmürbigften unb 
f eiten jten SUiffenfc^aften ^anbelten. 2)abei mußte id), mie bie an* 
beren bon mir urt^eilten, unb ic^ fa^, baß man mid^ ni(^t für 
meniger l^ielt alb meine 2Kitfd^üler, obmo^l unter biefen ßinige 
baju beftimmt maren, an bie ©teÖe unferer Seigrer ju treten. 
6nblid^ fd^ien mir unfer OJl^r^nbert ebenfo reid^ unb frud^tbar 
an guten SbüM/ ölb irgenb ein frül^ereb. ©o na^m ic^ mir bie 
grei^eit, aüe anbern nad^ mir ju beurt^eilen unb ju meinen, baß 
eb leine SOBiffenfd^aft in ber SBelt gebe, bie fo märe, alb man mic^ 
e^ebem ’^atte l^offen laffen. 

Dennod^ ließ id^ nid^t nad^, bie Uebungen, momit man fid^ 
in ben ©d^ulen befc^oftigt, mertl^jul^alten. 3d^ mußte, baß bie 
©prad^en, bie man bort lernt, jum ®erftänbniß ber ©d^riften 
beb ?tltert^umb notl^menbig finb, baß bie Slnmut^ ber ©agen ben 
(Seift belebt, boß bie bentmürbigen Jßanblungen ber (Sefc^id^te i^n 
erl^eben unb, »orfid^tig gelefen, bab Urt^eil bilben l^elfen, baß bie 
Cectüre guter ®üd^er gleit^fam eine Unterl^altung mit ben treff* 
ließen 5Äännern ber ffiergangenl^eit ift, bie jene ®üdi)er »erfaßt 
l^aben, unb fogar eine »o r^ erb ebac^te Unterhaltung, morin ße 


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7 


unä nur i^re beften ©cbanlen offenbaren; bafe bie SereblfamWt 
unoergleid^ticle ®etoa(t unb ©c^bn feiten, bie ißoefie |inrei^enb 
jarte unb iieblic^e ©mijfinbungen l^at; ba^ bie 9Bat|ematif fel^r 
feine (srfinbungen gemad)t, bie ganj geeignet finb, ebenfo bie 3GBi6* 
begierigen ju befriebigen ül8 bie Sünfte fdmintlic^ leichter unb bie 
menfc^lic^e ülrbeit geringer ju machen; bafe bie Schriften ber ?D?oraf 
mandje Sehren unb inand^e grmat)nungen jur Slugenb enthalten, 
bie fet)r nü^lieh finb, bafe bie M 

^immel oerbient; ba^ bie ißhilofophio jeigt, reie fi^ mit bem 
Schein ber SUahrheit oon allen 3)ingen reben unb bie 93e»unbe= 
rung berer ermerben Idfet, bie untoiffenber finb; bafe bie 3uri8= 
prubenj, bie 'JÄebicin unb bie übrigen S33iffenfd)aften ihren 3üngern 
©hren unb 9lei<hthümer cintragen; enblich bafe eb gut ift, fie 
fümmtliih geprüft ju hüben, felbft bie im äßahn unb 3rrthum be= 
fangenften, um ihren richtigen SBerth fennen ju lernen unb fleh 
oor ber SEauf^ung ju bewahren. 

3nbeffen glaubte id) hoch fchon 3cit genug auf bie Sprachen 
unb auch uuf bie Schriften beb Sllterthumb oerwenbet ju hüben, 
fowohl auf ihre ©efchichten, alb auf ihre Sagen. Denn mit ben 
®eijlern anberer 3«h’^hunberte oertehren, ijl faft bajfelbe alb reifen. 
®b ijl gut, etwab oon ben Sitten oerf^iebener SSblfer ju wiffen, 
um bie unfrigen unbefangener ju beurtheilen unb nicht ju meinen, 
bag Slileb, wab unferen 9Soben jumiberläuft, lächerlich unb oer= 
nunftwibrig fei, wie folche Seute pflegen, bie nichtb gefehen haben. 
3lber wenn man jiu oiel auf Dteifen oerwenbet, fo wirb man ju= 
le^t fremb im eigenen Canbe, unb wenn man ju begierig ift, in 
ber Sßergangenheit ju leben, fo bleibt man gewöhnlich feht un= 
wiffenb in ber ®egenwart. Daju fommt, bafe bie Sagen manche 
ßreigniffe alb möglich barjlellen, bie eb gar nicht finb, unb felbfl 
bie treueften ®efchichtberjählungen , wenn fie auch SEßerth ber 
Dinge, um fie lefenbwerther ju machen, nicht oerdnbern noch »er* 
gröfeern, boch faft immer bie niebrigflen unb weniger berühmten 


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8 


Um|iitnbe »eglajfen, unb halber rül^rt e8, baß ber Sleft nid^t fo 
erfd^eint, toie et iß, unb baß bte, tuelc^e au8 fold^en Oefd^ic^ten 
i^re ßtrtic^en Sorbilber nehmen, @efa§r laufen, in bie Ueberfpannt» 
l^eiten ber ißalabine unferer Slomane ju öerfatlen, unb auf Dinge 
;u finnen, bie über i^re D^atfraft l^inauSge^en. 

3d^ fd^agte bie SBerebtfamleit fel^r unb id^ liebte bie 
Sßoefie, aber ic^ badete, baß bie eine luie bie anbere me^r Da= 
lente beä ®eifteg als Brückte beb (Stubiumb feien. Diejenigen, 
meld^e bie größte firaft beä Urtl^eilö beß^en unb bie größte @e= 
fd^idflid^leit, i^re (Sebanten ju orbnen, um fie llar unb begreißic^ 
JU machen, fönnen allemal am beften bie Seute ju bem, »ab fte 
»ollen, Überreben, aud^ »enn fie nieberbretagnifc^ fpräc^en unb 
niemals bie 'Jlebelunft ftubirt l^ätten, unb biejenigen, »eld^e bie 
anmut^igften Srpnbungen l^aben unb fie auf baä jierlid^ße unb 
lieblid^fte auSjubrüdfen mißen, »erben aüemal bie beften Did^ter 
fein, aud^ »enn i§nen bie Didjtfun|l unbefannt »äre. 

®anj befonberS geßelen mir bie mat^ematif c^en SBißen= 
fc^aften »egen bet ©ic^erl^eit unb Slar^eit i^ter ©tünbe, boc^ 
bemerlte id^ nod^ nid^t i^ren »al^ren ©ebraud^; id^ meinte, baß 
fie bloä ben medjanif^en .flünften bienten, unb oermunberte mid^ 
beßl^alb, baß man auf fo fefte unb unerfc^ütterlic^e ©runblagen 
nid^tä ©rl^abenereg gebaut l^atte. ©leii^fam im ©egenfa^ baju 
»erglid^ id^ bie moralp'^ilofopl^ifd^en ©Triften ber alten 
Reiben mit fe^r ftoljen unb prai^tooHen ßlaläften, bie nur auf 
©anb unb ©i^lamm gebaut »aren: fie ergeben bie Dugenben 
fe^r l^od^ unb laßen fte über oUe Dinge ber Sßelt e^rmürbig er« 
fd^einen, aber fie leieren nicht genug, fie ju erlennen, unb oft ift, 
»a§ fte mit einem fo fc^önen iUamen bejeid^nen, bei Sid^t befel^en, 
nid^tS als IRo^^eit ober ©tolj ober SSerjmeißung ober baS größte 
SSerbred^en. 

3d^ adbtete unfere SLl^eologie unb »oltte ebenfo »ie jeber 
anbere mir ben Fimmel gcminnen. 9lber id) ^atte oon meinen 


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9 


Settern uerftc^ern ^oren, ba§ ber SBe^ §um ^immet ben Unroijfen» 
bcn eben fo offen ftebe, dä ben ®ele^rten, unb bafe bic geoffen*’ 
barten 35ßa^r!^eiten, bie ba^in fütjren, unfere (äinfidjt überfteigen. 
Darum ^ätte nic^t gewagt, fie meinem fd^wad^en Urtl^eil ju 
unterwerfen. Um eä ju unternel^men, fte ju prüfen, unb jwat mit 
Srfotg, baju, fo meinte ic^, müffe man irgenb einen aufecrorbent* 
licken 33eiftanb beä J^immelS §aben unb me^v fein als ein ‘üKenfc^. 

3d^ Win oon ber 5ß^itofopl)ie nic^tg weiter fagen, alb 
bafe ic^ fa^, fte fei oon ben oorjügtic^ften ®eiftern einer Steife oon 
Sa^r^unberten gepflegt worben, unb bennot^ gebe eb in i^r nid^t 
eine ©ac^e, bie nid^t ftreitig, unb mithin jweifel^aft fei; unb bafe 
id^ bemnac^ nic^t eingebitbet genug war, um ju ^offen, eb werbe 
mir bamit beffer ge^cn, alb ben anberen. Unb wenn id^ mir 
überlegte, wie oiete Oerfc^iebene 3tnridf)ten oon einer unb berfelben 
©ad^e möglich feien, bie alle oon gelehrten Seuten oert^eibigt 
worben, unb bod^ ftetb nur eine einjige Stnfid^t wa^r fein Tonne, 
fo '^ielt i^ alleb blob SCBa^rfc^einlid^e beinahe für falfd^. 

SQ3ab bann bie anberen SBiffenfd^aften betrifft, fo Weit fie i^re 
^rincipien oon ber iß^ilofopl^ie entlegnen, fo tonnte man nad^ 
meinem Urt^eil auf fo wenig feften ®runblagen unmöglich etwab 
Seftereb aufgebaut ^aben, unb Weber bie ß^re no(^ ber ®ewinn, 
ben fte oerfpred^en, tonnten mii^ jum ©tubiren berfelben einlaben. 
Denn id^ füllte mid^, ®ott fei Dant, nid^t in ber f*age, aub ber 
9ßiffenfd)aft ein ®ewerbe ma^cn 3 u müffen, um 
meine Umftönbe ju oerbeffern, unb obgleich id^ nidjt ein ®efd)äft 
bamit trieb, ben Slul^m wie ein ßpniter ju oerad)teu, fo fd^ä^te 
ic^ bod^ ben 9lu^m fe§r gering, ben i(^ nur unrechtmäßig erwer= 
ben JU tonnen bie J&offnung hatte. Unb wab enblidh jene fchlechte 
SBiffenfdhaften betrifft, fo meinte iih beren SBerth fchon hinlönglich 
JU tennen, um midh nicht tneh'^ h'^tergehen ju taffen Weber oon 
ben SBerheißungen eineb Slldhpmiften noch SJorherfagungen 
eineb Stftrologen noch t)en SBetrügereien eineb 3aubererb noch 


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]0 

Äniffen ober bev ^va^Ierei einc 8 jener Gbavlatane, bie aii 8 bem 
©c^einmiffen ein ©efc^aft machen. 

Xiefel^atb gab iii) ba 8 ©tutiiiin ber ®ijfenfc^aften noüftänbiä 
auf, fobatb baä Sdter mir erlaubte, au 8 ber untergebenen 
©tetlung be 8 Sdjülerä ’fjerauäjutreten. 3d) meüte feine anbere 
SBiffenfe^aft mel)r fud)en, al 8 bie ic^ in mir felbft ober in 
bem grofu’u '‘■ 8 ud)e ber ÜBelt mürbe finben tonnen, 
unb fo »enoenbete id) ben 9icft meiner 3ugenb ouf Steifen, Jgbfe 
unb ^ecre tennen ju lernen, mit itfenfeben oon oerfd)iebener ®e« 
müt^ 8 art unb üebenäftellung ju oerfe^ren, mannigfaltige ßrfal^» 
rungen eiimifammeln, in ben l'agen, in melebe bab Sc^idfal mid^ 
brachte, mii^ felbft ?u eroroben unb Sltleb, mab ftd) mir barbot, 
fo ju betrachten, baß ich einen ©eminn baoon h^iJ^en fönnte. 
l;enn ich mürbe, fo fchien mir, in ben praetifdjen Urtheilen ber 
©efihaftbleute über bie ihnen michtigen Sfngetegenheiten, mobei fich 
bab falfche Urtheil gleich burch ben (srfofg ftraft, meit mehr SBahr» 
heit fmben tonnen, alb in ben Theorien, bie ber ©eiehrte in 
feinem Stubirjimmer anbfpinnt, mit ®peeulationen befchaftigt, 
bie feine SlBirtung erjeugen unb für ihn felbft feine anbere golge 
haben, alb bafe fie ihn um fo eitler machen, je meiter fie felbft oom 
gefunben fStenfehenoerftanbe entfernt f'nb, meit er ja um fo oiel 
mehr ©eift unb Äunft anmenben mußte, um ihnen ben 0 chein 
ber SEBahrheit ju geben. Xenn ich h^ilf ^i”e außerorbentlich 
große ®egierbe, bab SBahre oom 8 atfd)en unterfch’eiben ju lernen, 
um in meinen Jganblungen tlar ju fehen unb in meinem Ceben 
ficher jU gehen. 

©0 lange ich nur bie ©itten anberer TOenfchen in llrmä= 
gung 50 g, fanb ich feeilich nichtb, beffen ich f*el)er fein tonnte, unb 
bemertte hier gemiffermaßen eine ebenfo große 95erfchiebenheit alb 
oorßer ?mifchen ben SSeinungen ber lllhilofophen. ©0 beftanb ber 
größte Seuhen, ben ich e*“® biefen ^Betrachtungen jog, barin, baß 
idj fah, eine SJtenge oon Xingen, mie ungereimt unb tcid)erlich 


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11 


fte au(^ erfi^einen, feien boc^ bei anberen großen Sblfern ge» 
meinfc^aftlic^ in ©eltung unb ?tnfef)en, unb ba^er lernte ic^, nidjt 
alljufeft an bie Xinge glauben, bie fic^ mir nur bur^ ißeifpiel 
unb ©etool^ntjeit cinge))rägt ^tten. Hub auf biefe SiSeife befreite 
i(^ mic^ allmälig oon oielcn 3rrt^ümern, bie unfer natürlicbeä 
2ic^t oerbunteln unb unb loeniger fa^ig machen, auf bie ißeruunft 
ju ^bren. Wadjbem ic^ ciber einige 3a^re barauf gemenbet l)atte, 
fo in bem 33ud^eber3Belt ju ftubiren unb bemül)t ju fein, 
mir einige förfa^rung ju ermerben, entfc^loß ic^ mid) eineb S^uge^, 
ebenfü in mir felbft ju ftubiren unb alle iträfte meines (JSeifteS 
aufjubieten, um bie SiSege ju mahlen, bie ic^ nehmen mußte. 
Unb bieg gelang mir, mie idj glaube, meit beffer, als locnn id^ 
mic^ nie oon meinem ®aterlanbe unb meinen Söiiebern ent» 
fernt ^ütte. 


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3tpeited 


Die ^auptf äci^Hc^en Flegeln ber t)om 9(utor 
gefügten 9Jiet^obe. 

3c^ »Dar bamalä in Deutfc^Ianb, tro^in mi(^ ber Stniafe be8 
ÄriegS, ber bcrt nec^ nic^t beenbct ift, gerufen ^atte, unb al8 id^ 
Don ber itaiferfrönung »Dicber jum ^eere jurü(ffei)rte, fo DerlDeiite 
i(^ ben Stnfang bc8 äBinterä in einem Quartier, »do ic^ o^ne jebe 
jerftreuenbe Untergattung unb überbiefe aui^ glüdlici^ermeife o^ne 
atte beunrut;igeube ©orgen unb Ceibenfc^aften ben ganjen Dag 
allein in meinem ,3im»ncr eingefd^Ioffen blieb unb ^ier alte ÜKuIße 
|atte, mit meinen ©ebanten ju oertel^ren. Unter biefen ©ebanten 
führte mich einer ber erften ju ber SSetrachtung, ba& in ben SBerfen, 
bie au8 mehreren ©tücfen jufammcngefe|t finb unb Don ber Jganb 
oerfchiebener 9Jieifter hcrtühren, oft nicht fo Diel SSolltommenheit 
fei, als in benen, »Doran ein ©injiger gearbeitet hat. ©o freht 
man, bafe bie ©ebäube, bie ein einjiger ©aumeifter unternommen 
unb Dollenbet half getDbhnlicb fchbner unb beffer georbnet finb 
al8 bie, melche 9)tehrere aubjubeffern bemüht »oaren, inbem fie 
alte, ju anbern gebaute, SBJünbe benu^ten. ©o ftnb jene 

alten ©tabte, bie anfönglich nur Surgfledlen rcaren unb im Saufe 
ber 3eit große ©tcibte gelDorben finb, im SSergleich mit biefen 
regelmäßigen ^lä|en, bie ein 3ngenieur nach Silbe) feiner 
Sßhantafie auf ber ßbene abmißt, geioohnliih fo unfijmmetrifcih , 


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13 


bofe man j»ar in i^ren einjelnen Jgäufern, jebe« für fic^ betrac^= 
tet, oft ebcnfo tid ober me§r ^tunft, al§ in benen ber regelmäßigen 
©täbte pnbet; aber fie^t man, >oie bie (Sebäube neben einanber 
georbnet finb, ^ier ein großeg, bort ein fleineg, unb Wie fte bie 
©fraßen frumm unb ungleich machen, fo mochte man fagen, eg 
fei mel^r ber atS ber aBitle oernünftiger SRenfc^en, ber fte 

fo georbnet f>abe. Unb menn man bebentt, baß eg bod^ aücjeit 
einige SBeamte gegeben, metd^e bie Raufer ber ^rioatleute jum 
3mecf ber öffentlichen 3tcib« ju beauffldhtigen Ratten, fo wirb man 
leicht erfennen, baß eg fchmer ift, etmag SBollenbcteg ju machen, 
loenn man nur an fremben SQSerten htrumarbeitet. ©o meinte 
ich, Sölfct, bie aug bem urfprünglichen ^uftanbe halber 

Sßilbheit fidh nur atlmälig cioilifirt unb ihre ©efege nur gemadht 
haben, je nachbem ber IRothftanb ber SSerbre^en unb ^tfiflisWten 
fte baju gejwungen, nidht fo gute ginridhtungen haf>en fbnnen, 
alg bie, meldhe feit bem iBeginne ihrer SSereinigung bie Stnorb* 
nungen irgenb eineg weifen ©efeßgeberg befolgt haben. ISBie eg 
benn auch Sanj gewiß ift, baß bie Serfaffung ber wahren SReligion, 
bie ©Ott allein angeorbnet hat, unoergleidhlidh beffer geregelt fein 
muß, alg bie aller übrigen. Unb um »on menfdhlidhen Gingen 
ju reben, fo glaube ich, ^aß, wenn ©parta einft ein fehr blühen» 
ber ©taat war, bieg nicht oon ber Srefflichfeit jebeg einjelnen 
feiner ©efege im ®efonberen hfrrühtte, waren bodh mehrere h&<hl’t 
feltfam unb fogar ben guten ©itten wiberfprechenb, fonbern baß 
eg baher lam, baß feine ©efe^e nur oon einem ©injigen 
erfunben unb alle auf ein 5id gerichtet waren. Unb fo meinte 
ich, Ijaß bie SBüdhergelehrfamfeit, — jum wenigften bie, beren ©rünbe 
bloße ffiahrfcheinlichfeit unb feine ißeWeife haben, — wie fte aug ben 
^Meinungen einer Sfenge oerfdhiebener $erfonen aömälig jufammen» 
gehäuft unb angewachfen ift, ber ffiahrheit nicht fo nahe fommt, 
afg bie einfachen Urtheile, bie ein iöfenfeh bon gefunbem SSerftanbe 
über bie 2)inge, bie bcr ihm liegen, Bon fRatur bilben fann. 


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14 


Unb »eit wir aöe fiinber waren, e^e Wir Wänncr würben, unb 
lange ’^inburd^ »on unferen Trieben unb Se^rern gelenft 
werben mufeten, bie oft mit einanber in Sffiiberftreit waren, unb 
bie beibe unb nietleic^t ni(^t immer bab SBefte rietl^en, fo backte 
id) weiter, bafe unfere Urtl^eile faft unmöglich fo rein unb fo feft 
feien, alb fw gewefen fein würben, wenn wir »om Stugenblid 
unferer ©eburt ben boCten ©ebrauc^ unferer SSernunft gehabt 
t^ätten unb ftetb nur burc^ fie geleitet Worben waren. 

Sreili(^ fe^en Wir nid^t, bafe man ade Raufer einer ©tabt 
über ben Raufen wirft blof; in ber Jtbfid^t, fie in anberer ©eflalt 
wieberl^erjufteden unb f^önere ©tragen ju mad^en, aber man fie'^t 
wol^t, bafe oiele 2eute bie i'^rigen abtragen laffen, um fie wieber 
aufjubauen, unb baf, fte man(^mal fogar baju gezwungen werben, 
wenn bie ,§aufer in ©efalyr einjufaHen unb i^re ©runblagcn 
nic^t feft genug finb. 9fad^ biefer Slnalogie war ic^ überzeugt, 
baj? es in SBal^r^eit ganj unoernünftig fein würbe. Wenn ein 
iprioatmann bie Slbfic^t ^tte, einen ©taat fo ju reformiren, 
baü er SllleS barin oon ©runb auS änberte unb baS @anje um= 
ftürUe, um eS wieberl^erjuftetlen, ober auc^ nur bie gewB’^nlic^en 
ffiiffcnfd^aften unb beren feflgefteUteS ©^ulfi^ftem; bafe aber, was 
meine pcrfbnli(ben 31nfic^ten fämmtlic^ betrifft, bie id^ bis je^t in 
meine Ueberjeugung aufgenommen, id) nichts bcffereS t^un fonnte, 
als fie einmal abjulegen, um bann nad^trägli^ entweber anberc, 
bie beffer finb, ober auc^ fte felbft wieber an i^re ©teile ju fe^en, 
nad^bem fte oon ber SSernunft gered^tfertigt worben. Unb id^ 
glaubte feft, bafe eS mir baburc^ gelingen würbe, mein Seben oiel 
beffer ju führen, als wenn ic^ nur auf alte ©runblogen baute 
unb mid^ nur auf ®runbfä|e ftü|te, bie ic^ mir in meiner 3ngenb 
^atte einreben laffen, o^e jemals ju unterfud}cn, ob fie wa^r 
wären. ü)enn obwoljl id^ l^ierin oerfc^iebene ©c^wierigteiten be= 
mertte, fo waren fte boc^ nic^t l^eiCloS unb mit benen nid^t ju 
oergleit^en, bie in bem öffentlid^en SKefen bie fReformation 


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15 


ber fleinftcn SSct^ltniffe mit fic^ fü^vt. Diefe großen Sbrper finb 
fcl^r fcbmer miebft aufjuvic^ten, U'cim fic am ^eben liegen, ober 
auc^ nur aufju^lten, trenn fie fc^tranfen, unb i^r ©turj ift alle^ 
mal fe^r fc^irer. Unb iraa i^re 9^{ängel betrifft, trenn fie trelc^e 
^aben, tric beim fd)ou bie Süterfc^ieben^eit allein, bie unter i^nen 
ftattfmbet, bemeibt, bafe friere Mängel bei mehreren ror^anben 
finb, fr ^at biefelbe ber ©ebraud^ o^ne .^treifel fe^r gemilbert, 
unb fogar riete baroii, betten ftc^ mit feiner Stlugl^eit fo gut bei= 
fommen tiefee, unmertlic^ abgefteÜt ober rerbeffert, unb enbtid) finb 
biefc SRänget faft in allen gdtlen erträglicher als i^re S8eränbe= 
rung fein mürbe. 6b rerhält fic^ bamit ähnlich mie mit ben 
großen äBegen, bie fiih jmifchen ben SBergen ^inminben unb burth 
ben täglichen ©ebrauch atlmälig fo eben unb bequem merben, ba^ 
man meit beffer tt)ut, ihnen ju folgen, alb ben geraberen SBeg ju 
nehmen, inbem man über getfen ttettert unb in bie a^iefe jäher 
3tbgrünbe hina^ftfigt. 

2!arum merbe id) nie jene rertrorrenen unb unruhigen Sbpfe 
gutheifeeu fbnnen, bie, ohne ron ©eburt ober ©chidfat jur güh» 
rung ber bffenttidjen Slngelegenheiten berufen ^u fein, bo^ fort- 
mäl)renb auf biefem ©ebiete nach 3been reformiren mellen; unb 
menn ich bächte, ba^ in biefer ©chrift irgenb ctmab märe, bab 
mich in ben SBerbadjt einer folchen bringen fönnte, fo 

mürbe eb mir fehr leib fein, ihre SSerbffeutlidtung nachgelaffen ju 
haben. ^Oleine 3lbftcht h^t fich nie meiter erftredt, alb auf ben 
aSerfudh , meine eigenen ©ebanten ju reformiren unb auf einem 
©riinbe aufjubauen, ber ganj in mir liegt. 3Benn id) nun ron 
meinem SBerte, meil ich bamit jufrieben bin, eud) l)ier bab ®?obcll 
jeige, fo gefd)ieht eb nicht beßhnlb, meil ich icgenb mem rathen 
miCf, bafe er eb nachahme. Slnbcre, bie ©ott beffer mit feinen 
©oben aubgeftattet h®i/ mögen rieüeicht ©rb^ereb im ©inn haben, 
hoch fürchte ich, meine Slbficht fchon für Sßiele ju fühn ift. 
©chon ber ©ntfehtufe, ftth aller Meinungen, bie man chebem gläubig 


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16 


aufgenommen l^at, ju begeben, ift fein SSorbüb für 3ebermann. 
Unb bie SOSelt befielet faft nur au6 jmet Sfrten oon (Seiftern, für 
»efd^e mein SSorbitb n i t boßt : bie einen Italien fic^ für gefd^eiter 
als fie (Inb, fbnnen beßl^alb il^reUrt^eile nic^t jutütf l^aften, l^aben 
nid^t ©ebulb genug, um aüe i^re ©ebonfen rid^tig ju orbnen, 
unb mürben fo, menn fte einmal fid^ bie Sreil^eit genommen 
l^ätten, an ben überlommenen ©runbfäfeen ju jmeifeln unb ftd^ 
»on ber ^eerjiraße ju entfernen, niemals ben jieilen Sßeg ein^altcn 
fbnnen, ber geraber jum 3i«l fü^i't, fonbern il^r ganjeS Seben 
l^inburd^ in ber 3ne uml^erfc^meifen ; bie anberen ftnb »ernünftig 
ober bef(|eiben genug, um fid^ für meniger fällig ju Italien, baS 
SEBal^re oom Salfd^en ju unterfd^eiben , al8 mand^e anbere, »on 
benen ßf e8 lernen fbnnen , unb barum müjfen fie fid^ lieber 

begnügen, ben SKeinungen biefer anberen ju folgen, al6 felbft 

beren beffere jU fud^en. 

Unb ma8 mic^ betrifft, fo mürbe id^ ol^ne 3üJeifel ju biefen 
le|teren gelehrt "^aben, menn id^ ftetS nur einen ein ji gen Seigrer 
gehabt unb nid^t bie SBerfd^iebenl^eiten gefannt l^ütte, bie jeberjeit 
jmifc^en ben SKeinungen ber gele^rteflen Seute maren. Slber id^ 
l^atte fd^on auf ber ©d^ule gelernt, baß man fid^ nid^ts fo ©onber» 

bares unb Unglaubliches erftnnen fonnte, baS nid^t irgenb ein 

Sßlhitofop'h behaufstet ^hätte; bann meinen Steifen 

mieberholt eingefe^en, baß bie Seute, bie eine ber unfrigen ganj 
entgegengefe^te ©efinnungsmeife ha6en, barum nid^t alle IBarbaren 
ober SBilbe finb, fonbern baß Stiele ebenfo fel^'f nt)er mel^e 
mir bie SJernunft brauchen; idh h®Ue beadhtet, mie ein unb ber» 
felbe SJfenfdh mit bemfelben ©eift, »on Äinb^hett an unter ffranjofen 
ober Deutfdhen erjogen, ein ganj anberer mirb, als er fein mürbe, 
menn er ßets unter ©hinefen ober Kannibalen gelebt häUe, unb 
mie, bis in bie Äleibermoben hinein, bajfelbe ®ing, baS unS »or 
je^n 3a'h’^en gefallen h®* unb »ieHeidht nadh je^n 3u'hren mieber 
gefallen mirb, uns im Slugenblidt un^jajfenb unb lüdherlidh erfd^eint. 


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17 


fp bafe uns pielmcl^r ®etro^nl^eit unb S3eifpiel leiten d« irgenb 
eine fiebere (äinfic^t, «nb bc(^ ift ^Jfe^r^eit ber Stimmen fein 
9?en5ci?i, ber etwa« gilt, wenn e« fiel) um SBa^r^eiten ^nbelt, 
bie nic^t ganj leicht ju entbeefen finb, benn e« ift weit wa^rfc^ein= 
lib^er, ba| ein ^Äenfc^ allein f'f Pnbet, al« ein ganje« Sßolt. 
Darum »ermoc^te ic^ Seinen ju wählen, beffen SReinungen mir 
beffer al« bie ber anberen erfc^ienen wären. Unb fo fanb ic^ mid^ 
gleic^fam gejwungen, felbft meine gü^rung ju übernehmen. 

Slber wie ein TOenfch, ber allein unb im Dunfein fortfehreitet, 
entf^lofe ich fo langfani üu gehen unt in allen Dingen fo 
Biele ißorficht ju brauchen, bafe, wenn ich auch nur fehr wenig 
Bprwärt« fäme, ich bpch wenigften« nicht @efahr laufen würbe ju 
fallen. Sluch wellte ich nicht bamit anfangen, alle föfeinungen, 
bie fich einmal in meinen ©lauben eingefchli^en hatten, ohne burch 
bie SSernunft eingeführt ju fein, Bollftänbig aufjugeben, ohne bafe 
ich Borher h'titcidhBnbe 3fit barauf Berwenbet hätte, ben Entwurf 
be« Sffierf«, ba« ich unternahm, auäjubilben, unb bie wahre 
ÜRethobe ju fuchen, um ,<u ber (Srfenntnig aller Dinge ju ge= 
langen, bie mein @eift faffen fbnnte. 

3ch jünger war, unter ben 

ffiiffenfchaften mich etwa« mit ber Sogit unb unter ben mathema» 
tifchen mit ber anali^tifchen ©eometrie unb SUgebra be* 
fchäftigt: brei Sünfte ober S3iiffenfchaften, bie mir, wie e« fchien, 
für meinen 3ü>ccf nü^lich fei« fonnten. ®ci näherer Unterfuchung 
aber machte idh in betreff ber llogit bie SPemerfung, baß ihre 
© 9 Hogi«men unb ber größte Dh^'^ anberen Unterweifungen 
Bielmehr ba§u biene , 3lnbern wa« man weiß ju entwicfeln ober 
auch, wie bie lullifdhe Sunft, ohne Urtheil über Dinge, bie man 
nicht weiß, ju reben, al« fie ju lernen, unb obwohl bie 2ogif 
wirtlich Biele fehr Wahre unb gute SBorfchriften enthält, fo ftnb 
hoch fo Biele anbere f^äbliche ober überflüffige bamit oermifcht, 
baß e« faft ebenfo fchwicrig ift, jene baBon abjufonbern, al« eine 

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18 


Diona ober SDlinerba au8 einem Hod^ ganj formtofen SKarmorblodf 
l^erborgel^en ju taffen. SD3ag bann bie Stnat^fiä ber Sitten unb bie 
Sttgebra ber treueren betrifft, fo ift, abgefe'^en baoon, ba^ fi(i^ 
beibe nur auf fe^r abflracte unb unnü^e 5Katerien erftreden, bie 
erfte bergeftatt an bie 33etrad^tung ber Sigutfn gebunben, baß fte 
ben Sterftanb ni(i^t üben tann, ol^ne bie ßinbitbungbfraft fc^r ju 
ermüben; unb in ber jmeiten l^at man fid^ gemiffen gornietn unb 
©Ziffern fo fe^r unterloorfen, baß man barauS eine unitare unb 
bunfte Sunft madßt, bie ben ®eiß betäftigt, ftatt einer SBiffenfcßaft, 
bie il^n bitbet. Unb barum, meinte ic^, müße man eine anbere 
töJet^obe fuc^en, »etdße bie 33ort^eitc jener brei in ficß begriße, 
ol^ne bereu SKönget ju ^ben. Unb mie fi(| mit ber fKenge ber 
®efe|e oft bie ®efe|loibrigteiten entfeßutbigen laßen, fo baß ein 
©taat Weit beßer geregelt ift, wenn er nur fe^r wenige ®efe|e ^at, 
biefe aber fe^r genau befolgt werben, fo glaubte icß, ftatt einer 
großen Slnjal^l bon Siegeln, au8 benen bie Sogif befiehl, mit ben 
folgenben oier genug ju l^aben, natürlid^ unter ber S3ebingung, 
baß i^ ben feßen unb bcl^arrlic^en ©ntfc^luß faßte, fic ftetb ju 
befolgen. 

Die erfte war, niemals eine ©ad^e als wa|r anjune’^men, 
bie id^ nid^t als fotd^e beutlid^ erlennen Würbe, b. 1^. forgfattig 
bie Uebereilung unb baS SSorurt'^eil ju oermeiben unb in meinen 
Urt^eiten nur fobiel ju begreifen, als fieß meinem ®eift fo Har 
unb beuttic^ barftetlen würbe, baß id^ gar feine SJlbglid^feit l^dtte, 
baran ju jweifeln. 

Die gweite: jebe ber ©c^wierigfeiten, bie id^ unterfudßen 
würbe, in fo oiele Dl^eile ju tl^eilen, als mogtieß unb jur beßeren 
Sbfung wünfc^cnSWert'^ Wäre. 

Die b ritte: meine ®ebanfen ridßtig gu orbnen; gu beginnen 
mit ben einfac^ften unb faßlid^ften Dbjecten unb aufgufteigen atl= 
mätig unb gteidßfam ftufenweife bis gu ber ©rfenntniß ber com= 
plicirteßen, unb felbft fold^e Dinge in gewißer SSJeife gu orbnen, 


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19 


bei bcncn il^rer 9?atur na^ nic^t bte einen bcn anbcren »crou?« 
ge^en. 

Unb bie (e^te: überati [p ppüftänbige ?(ufjäl^Iungcn unb fo 
umfaffenbe Ueberfic^ten ju ma(^en, baj? id^ fielet »are, nichts aus* 
julaffen. 

3ene lange Setten gant einfad^er unb leichter ®rünbe, «?ie 
fie bie ®ecmeter ju brauchen pflegen, um ju il^ren fd^irierigften 
SPemeiSfü^rungen ju gelangen, f)atten in mir bie SBcrflettung 
ermeeft, baj? alle mögliche Cbjecte ber menf^lic^en Srtenntnifi auf 
ä^nlic^e SBeife einanber felgen, unb tpcnn man nur feine ©ac^e 
als ma^r gelten laffe, bie es nic^t fei, unb ftetS bie nct^roenbige 
Drbnung beoba^te, um baS ®ine aus bem 5lnbern abjuleiten, fo 
f'pnne ni^ts fe entfernt fein, bafe man es nid^t ju erreid^en, unb 
nid^ts fo Perborgen, bafe man eS nic^t ^u entbeefen oermöc^te. 
Unb i(^ tpar nic^t in SScrlegen^eit, tpomit ansufangen fei. l^enn 
id^ »uRte f(^on, eS muffe mit ben einfadfiften unb fajflic^ften Db* 
jecten gef^el^en, unb ba i^ behackte, bafe unter 5lHen, bie fonft 
nac^ 3Bal)r'^eit in ben 2üiffcnfd)aften geforfc^t, bie 9Kat^ematifer 
allein einige iPemeife b. einige rul)ere unb einleuc^tenbe ®rünbe 
Ratten finben tonnen, fo )oar ic^ gemiß, baf, ic^ mit biefen be* 
mährten 53cgriffen anfangen muffe, obioo^l ic^ mir baoon feinen 
anberen fRu^en oerfprac^, als baff fie meinen ®eift gemeinen 
mürben, ft^ mit SBa^r^eiten ju nähren unb nid^t mit fatf(^en 
®rünbcn ju beftiebigen. 3nbeffen t)atte ic^ nic^t bie Slbfic^t, }u 
biefem jfne befonbere 9lliffenfcf)aften, bie man gembl^n* 

lic^ mat^ematifd^e nennt, ju erlernen. Xa id) niimlic^ fa^, mie fie bet 
aller aSerfc^ieben^eit i^rer Objecte boc^ barin fämmtlic^ überein* 
ftimmten, bafe fie in i^ren Objecten blofi bie oerfi^iebcncn SPe* 
jie^ungen 'unb IBer^ältniffe betrachteten, fo für 

beffer, blofe biefe SBerhäftniffe im Snigcmeinen ju unterfuihen, unb 
als beren Oröger nur folche Objecte ju fe|en, bie mir bie ®r* 
fenntnife berf eiben am meijlen erleichtern mürben, o^ne fie irgenb» 

2 * 


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20 


Wie an biefe Dbjccte ju fcinbcn, um fle nad^l^er um fo »ici bcffer 
auc^ auf aüe anbete paffenbe X'inge anmenben ju tonnen. SBie 
nun Weiter bemertte, ba^ ju ilfirer ©rtcnntnife eb nbt^ig fein 
würbe , einmal jebe für ftd^ im ©injelnen ju betrachten, ein 
anbermal fte nur ju bel)alten ober meistere jugteid^ ju begreifen, 
fo l^ielt id^, um fw 6fffei im föinjelnen ju betrad^ten, für not^ig, 
grabe Sinien al8 2rägcr ju nehmen, Weil id^ nid^tb einfad^ereb 
fanb unb meiner Sinbilbung ober meinen ©innen ni(^t8 beutlid^er 
Borftetlen tonnte; um fte aber ju belftalten ober mel^rere jugteid^ 
JU begreifen, würbe id^ am beften f^un, fie in einigen fo 

turj al8 mbglid^ barjufteHen. ®o würbe id^ bon ber geometrifd^en 
analpfib unb ber Sllgebra ba8 Sßefte enttel^nen unb bie zwänget ber 
einen burd^ bie anbere berbeffern. 

Unb id^ barf in SlBal^rl^eit fagen, ba§ bie genaue ^Befolgung 
biefer wenigen bon mir gewählten SSorfd^riften mir eine fold^e 
Seid^tigleit gab, alle ffragen au8 bem ©ebiete jener beiben 2Biffen= 
fd^aften ju entwirren, baff in jwei ober brei fölonaten, bie ic^ ju 
i^rer Unterfud^ung gebrandet, — ba id^ mit ben einfad^|lf>i «nb 
aügemeinften begonnen l^atte unb jebe SBal^ri^eit, bie id^ fanb, 
eine Siegel War, bie mir nad^l^er l^alf beren onbere ju ftnben, — ic^ 
nid^t bloß mit molareren Problemen, bie id^ fonft für fel^r fc^wierig 
gel^alten, jum Siel tarn, fonbern e8 mir jule^t aud^ fd^ien, baß 
id^ felbfl in ben Problemen, bie id^ nid^t aufjulöfen Wußte, be» 
ftimmen tonnte, wie unb bis wol^in e8 mbglid^ wäre, fte ju Ibfen. 
Unb id^ Werbe eud^ l^ierin nid^t aüju eitel erfd^einen. Wenn il^r 
bebentt, baß c6 bon jeber ©od^e nur eine SBa^rl^eit giebt unb 
baß wer biefe SBal^rl^eit aud^ ßnbet, bon ber ©ad^e fo biel weiß, 
ol8 man überl^aupt wißen tann, wie j. S. ein Äinb, Weld^eS 
Slritl^metif gelernt l^at, wenn e8 regelred^t eine SlbWtion mad^t, 
ßd^er fein tann, in Sßetreß ber gefud^ten ©umme Stiles gefunben 
JU l^aben, wa8 ber menfd^lid^e ®eiß nur ßnben tann, benn bie 
IKet^obe, weld^e un8 bie wal^re Drbnung befolgen unb Sllleg, 


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21 


Wo8 in Srage fommt, genou aufjäl^Ien läfet, begreift julefet Stile« 
in fid^, ma« ben Siegeln ber Sliit^metif ©id^er^eit giebt. 

Süae mic^ aber bei biefer SRet^obe am meiften befriebigte, 
War bie ©ic^erl^eit, bie ic^ burc^ fie erl^iett, meine SJernunft in 
allen ©tücfen, wenn nii^t »oUtommen, fo boc^ nac^ bejtem 3Jer= 
mögen ju brauchen; bann, bafe ic^ in i^rer Uebung füllte, wie 
ftc^ mein @eift immer me^r baran gewohnte, jene Objecte feiner 
unb genauer ju begreifen; unb bafe ic^ bei i^ret Unab^ängigfeit 
oon jeber befonberen SJlaterie bie SluSfid^t ^atte, fte auf bie 
Probleme ber anberen Sliiffenfc^aften mit bemfelben Srfolg al8 auf 
bie ber Sllgebra anjuwenben. Siic^t ba^ i(^ ju biefem aße 
»or^anbenen SBijfenfc^aften fogleid^ §u prüfen unternommen ^tte, 
benn bie« wäre felbft ber met^obifd^en Drbnung juwiber gewefen; 
fonbern i^ !j)atte ja bemerlt, bafe i^re SJrincipien aüe »on ber 
S^^ilofop^ie, in ber ic^ noc^ feine fieberen S^nncipien fanb, 
enttet^nt fein mu|ten. ©o meinte i(^, mü|te id^ oor Slllem 
ben ißerfud^ machen, fold^e ^rinjipien l^ier f eftjujletten , unb ba 
biefe« bie bebeutenbfte ©ad^e ber SBelt wäre, wobei Uebereilung 
unb SJovurt^eil am meiften ju fürd^ten, fo müfete ii^, um bamit 
ju ©tanbe ju fommen, ein oiel reifere« Sllter erreid^t l^aben, al« 
bie brei unb jwanjig 3a^re, bie id^ bamal« alt war, unb müfete 
juoor oiel SBorbereitung oerWenben, au« meinem 

(Seift aße fc^led^te SSorurt^eile bi« auf bie SBurjel oertilgen, eine 
SRenge oon (ärfafirungen f ammein al« ©toff für fpütere« Xienfen, 
unb mi(^ fortwä^renb in ber SRet^obe, bie id^ mir oorgejeid^net 
l^atte, üben, um mic^ nad^ unb nac^ mel^r barin ju befeftigen. 


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ßinige au8 bitfer 'äSet^obe entnommene Siegeln ber 
©ittenle^re. 


5Beoor man baS Jeaul, in bem man too^nt, »on neuem auf» 
jubauen beginnt, mufe man el nid^t biofe nieberrei^en unb fid^ 
SJlaterial unb 'i3auteute beforgeu ober fid^ fetbft in ber ®aufun|l 
üben unb augerbem auc^ ben ®runbri& forgfältig ge 3 eic^net ^ben, 
fonbevn man mufe auc^ ein anberel J^aul ^aben, föo man fo 
lange, all ^ier gearbeitet loirb, bequem too^nen tann. Um aifo in 
meinen ,§anb(ungen nic^t unentfc^lojfen ju bleiben, fo lange bie 
aiernuuft mic^ oerpflic^ten mürbe, el in meinen Urt^eilen ju fein, 
unb um fo glüeflic^ all mbglie^ meiter ju leben, bilbete ic^ mir 
»or ber Jßanb eine SÄoral nur aul brei ober »ier ©runbfäfeen, 
bie i(^ euc^ gern mitt^eilen mill. 

X)er erfte mar, ben ©efegen unb ©itten meinel SJaterlanbel 
ju ge^orc^en, bie Sletigion ftanbl^aft beijubel^alten, in ber eon 
meiner Äinb^eit an belehrt ju merben, ®ott mir bie 333of>lt^at er» 
miefen ^at, in allen übrigen ^Dingen mic^ nuc^ ben mäßigften unb 
Don bem Ueberma^ entfernteften Ülnfid^ten ju richten, bie unter ben 
Leuten meinel Umgangl bie äJerftünbigften in i§re J^anblungl» 
meife gemeiniglich mürben aufgenommen beim ich 

bamit begonnen, meine eigenen Slnfichten für nicl)tl gelten ju lajfen, 
meil ich fm äüe ber '45rüfung anheim geben mollte, unb fo mar ich 


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23 


ftci^er, bafe c8 baS ®cftc fei, ben Sfnfid^ten ber SSerjlänbigften 
ju folgen. Unb wenn e8 aud^ oietleid^t eben fo »erftänbige Seute 
unter ben ifJerfern ober ß^inefen geben mag at^ unter un3, fo 
festen eä mir boc^ am nü^lic^ftcn, mi(^ nac^ benen ju richten, mit 
»Deichen ic^ umgel^en würbe, unb ba|, um i^re wirltic^en Stn^ 
fickten JU erfahren, i(^ mel^r auf i§re J^anblungen al8 auf i^re 
SBorte achten mü^te, ni(^t bloä, weit eS bei bem l^eutigen ©itten» 
oerberben wenig iJeute gibt, bic aüeä fagen wollen, wa8 fie gtouben^ 
fonbern aud^, weit Biete eä felbft gar nic^t wiffen, benn bie 
©eifteSt^tigteit, woburc^ man etwa8 glaubt, ift Bon ber Berfd^icben, 
woburc^ man erfennt, baß man biefen ©tauben ^t, unb fo ift oft 
bie eine o^ne bie anbere. Unb unter mehreren Stnfid^ten Bon 
gleid^em Stnfe^en wühlte ic^ nur bie gemdfeigften: einmal, weit 
fie ftetä für bie ißrajiS bie beguemften unb wal^rfd^eintic^ bie 
beften finb, benn atteä Ueberma^ ift in ber meget fc^tec^t; bann 
aud^, um im Salt beä ge^lgriff« mic^ Bon bem wal^ren 2ßeg weniger 
abjuwenben, al8 wenn id) baS eine ©jtrem ergriffen ^tte, wöl^renb 
ic^ bas anbere ^ätte ergreifen fotten. Unb befonberS rechnete ic^ 
jum Uebermafe alle SSerfprec^ungen, woburi^ man etwas an 
feiner grei^eit aufgibt. Diid^t, bafe id^ bie ©efe|e tabelte, bie ber 
Unbeftanbigteit fdjwad^er ©eifter ju d^ilfe fommen woHen unb 
beß^lb julaffen, wenn man eine gute ober aud^ für bie ©id^erl^eit 
beS SSerte^rS eine nur gleid^gittige Stbfid^t ^at, bafe man ©elübbe 
ober Verträge mad^t, bie jum Sße^rren Berpflic^ten, fonbern, weil 
ic^ nid^tS in ber SlBett in bemfelben 3ufiönbe bleiben fol^, unb 
weit, was mic^ inSbefonbere betrifft, id^ mir baS Serfpred^en ge= 
geben l^atte, meine Urt^eile immer me^r ju BerBoHtommnen, nid^t 
aber fie ju oerfd^lec^tern. ©o ^tte id^ gemeint, einen großen 
gelter gegen bie gefunbe SSernunft ju begel^en, wenn id^ befe^atb, 
weit ic^ einmal irgenb eine ©ac^e gut gei^eifeen, mic^ Ber)}flic^tet 
l)ätte, fie auci) bann nodt) für gut ju achten, nac^bem fie aufgel>brt, 
eS JU fein, ober id^ aufge^brt, fie bafür ju Ratten. 


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24 


Mein jn>eiter Orunbfa^ war, in meinen Jsonbiungen fo fe^ 
unb entfc^loffen al8 möglich ju fein unb ben jweifel^afiejien 
3tnfic^ten, fobatb ic^ mi4 einmal bafür entfe^ieben, nic^t We= 
niger ftanb^aft ju folgen , al? Wenn fie ganj fielet gewefen 
wären, inbem id) hierin wie bie Weifenben oerfu^r, bie, wenn fie 
fic^ im ®albe »erirrt finben, nic^t halb ^ier^in balb bort^in 
fd^weifen, nod^ weniger auf berfelben fetetle flehen bleiben, fon« 
bern immer fo oiel al§ möglich gerabe unb nad^ berfelben 9iid^^ 
tung fortge^en müffen unb biefe nid^t au8 fc^wac^en Diücffic^ten 
oeränbern bürfen, auc^ wenn eg anfänglid^ oielleic^t bIo8 ber 3«= 
fall war, ber fie beftimmt ^at, biefe Dtii^tung ju wägten ; benn 
fo werben fie, wenn auc^ nid^t wo^in fte wollen, bod^ wenigflenS 
an irgenb ein ,3>el lommen , wo fie fid) wa^rfc^einlid^ beffer be= 
finben werben alä mitten im SEläalbe. Unb fo ift e8, weil bie 
Jßanblungen beg üebeng oft feinen Sluffi^ub bulben , ein rid^= 
tiger ©runbfa^, ba^ , wenn wir bie wa’^rften Stnfid^ten nid^t 
beutlicb ju ertennen bermogen , wir ben wa^rfc^e inlid^ften 
folgen unb felbft, wenn wir feine grbfeere SäJa^rfd^einlid^feit bei 
ben einen alg bei ben anbern bemerfen , wir bennod^ für eine 
ung entfe^eiben müffen unb fie bann , foweit i^re praftifd^e 
IBebeutung reicht , nii^t me^r alg }Weifell>aft anfe^en bürfen 
jonbern alg ganj wa^r unb fic^er , weil fo jener ©runbfafe ijt, 
ber ung ju biefer (Sntfe^eibung »ermod^t ^at. Unb baburc^ ^abe 
ic^ bie Sä^igfeit gewonnen , mid^ »on aller 9teue unb allen 
inneren i'orwürfen ju befreien , welche bie ®ewiffen fd^wad^er 
unb fc^wanfenber ®emüt^er ju beunruhigen pflegen, bie fiih gehen 
laffen ohne fefte IRi^tung unb bie Dinge alg gut behanbeln , bie 
fie nachher alg fchlecht beurtheilen. 

3Kein britter ®runbfah war, immer bemüht ju fein, lieber 
mich öl® Schicffal ju befiegen, lieber meine SBünfdhe alg bie 
^Beltorbnung ju oeränbern , unb überhaupt miih an ben ®lauben 
ju gewbhnen, bafe nichtg oollftänbig in unferet SKacht fei, alg unfere 


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25 


Oebanfen; bafe mithin, wenn mir in ^Betreff ber Xinge au&cr 
un8 unfer iöefte« get^an ^aben, Sltieä mag am ®e(ingen fe^lt in 
Slüdfic^t auf unä öoüfoinmcn unmbgiidb ift. Unb biefeg nöein 
freien mir l^inrcid^enb, um mic^ für bie 3ufunft nic^t metjr Un- 
erreic^barcg münfc^en ju taffen, unb aifo mic^ <uf rieben ju machen, 
benn unfer SBiHe gel^t in feinen Sßünfc^en uon 9fatur nur auf 
fot^e Dinge, bie unfer SBerftanb i^m irgenb mie afg m&glic^ bar» 
fteüt , unb menu mir nun alle @üter aufeer ung alg gteic^erroeife 
jenfeitg unferer Wa(^t betrachten , fo merben mir ung über ben 
unnerfchutbeten SSerluft unferer natürlichen ®tüdggüter gemife eben» 
fomenig grämen, alg bafe mir bie Dteiche ©h*”® föfejito nicht 
befi^en ; unb inbem mir, mie man ju fagen pflegt, aug ber 9ioth 
eine Dugenb machen , merben mir im tranfen ^uflanbe bie ®e» 
funbheit unb im gefangenen bie f^reiheit nicht mehr münfehen, alg 
mir etma im Slugenblict einen Stbrper h^ib^n mochten oon einem fo 
menig jerflörbarem ©toff alg Diamanten, ober Slügel, um mie bie 
aibgel <u fliegen. 

Slber ich befenne, bafe eine fehr lange Uebung unb ein oft 
mieberholteg fJlachbenfen baju gehört, um fich baran ju gemöhnen, 
alle Dinge unter biefem ®efichtgpunft ju betrachten, unb ich 
glaube , bafe ®eheimnij? jener 

fophfn beftanb, bie einjl »ermocht h^i&cn» f'^h -Öerrfchaft beg 
©chiclfatg ju entjiehen unb troft Srmuth mit 

ihren ®bttern in ber ®lücffeligfeit ju metteifern, benn fee maren 
unabläfeig bemüht, bie ®renjen ju betrachten, bie ihnen oon 
ber fUatur gefegt maren, unb fo überjeugten fie ftch oollfommen, 
bafe nur ihre ®ebanten oollftänbig in ihrer flacht mären , unb 
biefeg allein mar genug , um fie oon jeber Steigung für anbere 
Dinge abjuhoH«"- maren ihrer Steigungen fo oolltommen Jßevr, 
ba| fte barin einen ®runb fanben, fich für reidher, mächtiger, freier, 
glücflicher ju halten, alg irgenb jemanb unter ben anderen SÄenfehen, 
bie ohne biefe $hHof'’bh*^> begünftigt fte auch oon ber Statur unb 


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26 


oom ©(i^idfal fein mod^ten , bo(^ niemals Jfeerr i^rer ®ege^= 
rungen finb. 

®nblt(^, um biefc TOoroI su befd^iiefeen, lam icb auf ben 
banfen , über bie uerfd^icbenen ®ef(^äftigungen ber SKenfd^en in 
biefem 2eben eine ‘üJJufterung ju Italien unb bie ber beften 
ju x'erfud^en , unb o^ne etmab uon ben ®efdjäftigungen anberer 
Seute fagen ju motlen, meinte i(^, bafe id^ am beften t^un mürbe, 
in ber meinigen fi'rt^ufal^ren, b. mein ganjeS geben barauf ju 
»erroenben, meine aicrnunft auäjubUben unb mic^ fo meit al8 
möglich uormartä ju bringen in ber ßrtenntni^ ber Sßo’^r^eit nad^ 
ber 9Hett)Pbe, bie i(^ mir rmrgefc^rieben ^atte. 3<^ §atte, feit it^ an= 
gefangen, biefe ‘äKet^obe ju braud^eu, fo aufeerorbenttic^ grofie SBe* 
friebigungen erfahren, baft id^ glaubte, e8 fbnne in biefem geben 
feine angeneljmere unb reinere geben , unb ba ie^ tägiic^ burd^ 
biefe ilSet^obe einige äBol^r^eiteu entbedte, bie mir mid^tig genug 
unb oon ben anberen 'Sfenfdjen gemö^nlic^ nic^t gemußt fc^ienen, 
fo erfütite bie barauS gefdjöpfte ©enugt^uung meinen ®eift ber= 
geftalt, ba& aiteä Stnbere mic^ gar nid^t berührte. 

Sluc^ maren bie brei bor^erge^euben @runbfa|e nur auf bie 
Stbficl)t gegrünbet, meiner ©elbftbete^rung ju (eben. Tenn 
ba @ott 3ebem ein gic^t gegeben ^at, um baS äüa^re oom 
fc^en äu unterfiV’iben, fo mürbe id) nid)t geglaubt ^aben, micb mit 
frembeu Slnfidjten nur einen Wugenblicf befriebigen ju bürfen, 
menn ic^ uid^t entfc^(offen gemefen märe , im richtigen Bcilpunft 
mein eigenes Urt^eil ju il^rer ißrüfung ju gebrauten , unb ic^ 
^ätte i^nen ni(^t o^ne 33ebenfen folgen tbnnen , menn id^ nic^t 
gehofft ^ätte , beß^lb feine ©elegen^eit 5 U oerlieren , um beffere 
JU finben, menn eS beren gäbe, (inblic^ mürbe ic^ meine ffiünft^e 
nid^t (>aben einf<^ränfen unb jufrieben fein fönncn , ^ätte ic^ 
ni(^t einen SäJeg oerfolgt, auf bem ic^ fic^er fein fonnte, mir ade 
förfenntniffe, beren i(^ fällig märe, ju ermerben unb befel^alb aud^ 
fidler ber ©rmerbung aller magren ®üter, bie je in meiner SJlad^t 


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27 


fein würben. X>enn ba unfer SBiQe fid^ nur anlägt, etwas ju 
cerfolgen ober }u fliel^en, je nad^bem unfer SBerftanb i^m basfelbe 
als gut ober fd^led^t corfleltt, fo genügt eS, gut ju urt^eilen, um 
gut ju l^anbeln, unb fo gut als möglich p urt^eilen, um fo gut 
als m&glid^ ju l^anbeln, b. um alle Sugcnben unb iugleic^ 
alle übrige erreid^bare ®üter ju eneii^en, unb wenn man fic^er 
ifl, bttg man fie i^at, fo mug man jufrieben fein. 

iRad^bem id^ mid^ biefer Orunbfäge fo oerfid^crt unb fie mit 
ben ©laubenSWo^r^eiten , bie bei mir ftetS bie erften im Slnfe^en 
waren, auf bie «Seite gebrad^t l^atte, meinte ic^, was ben üb- 
rigen gefammten S^eit meiner Stnfid^ten beträfe, bürfte id^ mir 
bie grei^eit uel^men, mid^ baoon loS ju machen. 2)a i(^ nun ^offte, 
bamit beffer jum 3i«l JU lomnien im SSerle^r mit 3Renfc^en, als 
wenn i(^ noc^ länger in bem Stubirjimmer, wo it^ alle biefe 
®ebanten gehabt ^atte, eingefdjlogen bliebe, fo begab id^ mic^ not^ 
cor ®nbe beS SBinterS auf SReifen. Unb wä^reno ber ganjcn 3eit 
ber neun folgenben 3a^re t^at ic^ nichts, als halb ba halb bort in 
ber SBelt um^erjufc^weifen , inbem ic^ in ben .Mombbien , bie bort 
fpielen, lieber 3ufc^auer als Stcteur fein wollte, unb ba idj bei jeber 
©ad&e ganj befonberS barauf achtete, waS biefelbe bebenttic^ mad^en 
unb uns 31nlag jur £äuf^ung geben tonnte, fo fc^ag'te ic^ im taufe 
ber ,3bit ouä meinem ®eift alle Srrt^ümer mit ber SBurjel fort, 
T)ie fid^ e^ebem ^ier eingefc^lid^en ^tten. Diit^t bag i(^ beg^alb bie 
©teptiter nac^gea^mt ^ätte, bie nur jweifeln, um ju jweifeln, unb 
immer unentfc^ieben fein wollen, benn meine Slbfic^t war im @egen= 
%il barauf gerid^tet, mir Sid^er^eit ju »erfc^affen unb ben fc^wan» 
fenben 33oben unb Sanb bei Seite ju werfen, um ©eftein ober 
Sdjiefer ju flnben. 

Unb eS gelang mir, glaube ic^, gut genug. Denn ba id^ beftrebt 
war, ben 3rrt^um ober bie Unfid^er^eit ber Säge, bie ic^ unterfucgte, 
nic^t burc^ fc^wac^e SUermut^ungen, fonbern burc^ flare unb ficgere 
Urt^eile ju entbedten, fo traf ic^ feinen fo jweifel^ften Sag, bag i(^ 


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28 


nic^t immer barauä irgenb einen ^inlänglid^ fid^ern ^tte 

jie^en tonnen , unb märe eä auc^ nur bie[er gemefen, bafe jener ©a^ 
nic^tg ©ie^ereä enthielt. Unb mie man beim 9tieberreifien einer 
alten SBo^nung gemb^nlic^ ben 9tbbruc^ auf^ebt, um i^n beim ^teu^^ 
bau ju cerroenben, fo mad^te i(^ bei bem Umfturj meiner übelbegrün^- 
beten Stnficbten »erfc^iebene ®eobad^tungen unb ermarb mir »iele 
(Erfahrungen, bie ich feitbem jur Hufftellung beffer begrünbeter ge-= 
braucht habe. Unb aufeerbem fuhr ich in meinen methobifchen 
Uebungen fort, benn ich '®ar nicht blofe bemüht, alle meine ©ebanfen 
überhaupt richtig ju orbnen, fcnbern erübrigte auch »on ja Seit 
einige ©tunben, bie ich baju anroenbete, meine 3Kethobe an mathe^ 
matifchen Problemen ju hanbhaben ober auch an anberen, bie ich 
mathematifchen faft ähnlich machen tonnte, inbem ich fie allen 
$rincipien ber anberen Siffenfehaften, bie ich nicht feft genug fanb, 
ablöfte, (mie ihr an mehreren in biefem Suche entmicfelten Säßen 
fehen merbetj.*J ©o lebte ich aun nach aufeen ganj mie bie Seute, 
bie meiter nichtb ju thun haben, als ein angenehmeg unb harmlofeg 
Seben ju führen; bie fich beftreben, ihreSBergnügungen oon ben Sajlern 
}u trennen, unb bie, um ihre 9J?uffe ju genießen, ohne ftch ju lang» 
meilen, aße ehrbare S^rftreuwagen mitnehmen. Xoch unter biefer 
51ußenfeite ließ ich aicht ab, in meinem 5ßtan oormärtg ju fdhreiten 
unb in ber ßrtenntniß ber SBahrheit oießeicht mehr ju geminnen alg 
menn ich aie etmag anbereg gethan hätte, alg ©ücher lefen unb mif 
©eiehrten umgehen. 

3)ennoch oevfloßen biefe neun 3ahre, noch ehe ich 'a ben 
blemen, melche bie gembhnlichen ©treitfragen ber ©eiehrten bilten, 
mich entfehieben ober ben Slnfang gemacht hatte, bie ©runblagen 
einer gemißeren Sh'^afophi^t alg bie gem&halich«» ju fuchen. Unb 
bag Seifpiel oieler »orjüglicher ©eifter, bie »cjr mir biefelbe Slbßcht 

*) ®ie ®ioptrif, bie iWetcore unb bie ®eonietrie erfchtenen mit biefer 9lb- 
hanbliing juetf) in bencfelben Smibe. 2epben 1637 (franjbftfch). 


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29 


C(e^bt unb, »ie mir fb^ien, l^atten, tieü mid^ in biefer 

©ac^e fc nifie ©c^mierigfeiten bcrfteßen, baf; id) picl(eid)f iicd) niii^t 
fpbafb gemagt ’^ätte, fte ui unternc'^mfn, mcnn ic^ nic^t gefc^en, baft 
fd^on ba8 Oerüd^i nerbveitct mcrbcn , id) mdrc bamit ©tanbe 
gefommen. 3d^ fann nid^t fagcn, marauf ftd^ bicfc Meinung grün^ 
bete, unb Wenn id^ burr^ meine Steu^erungen eteaä baju beige= 
tragen '^abe, fo fann eä nur ba^er gefommen fein, ba^ ic| offener, 
afg fonft »ol^f ein wenig ftubirte Seute ju t^un pffegen, meine 
Unroiffenl^eit befannte, unb au(^ loo’^t bie ©rünbe jeigte, me|’^afb 
id^ an oielen Dingen jmeifelte, wetd^e bie Sfnbern für ftc^er l^ietten ; 
nid^t aber ba'^er, bafe id^ mic^ irgenb einer ©ete^rfamfeit gerühmt 
^dtte. Slber ju e^rfid^, um für einen Ülnberen gelten ju wollen alg 
ber id^ war, meinte id^, bafe ic^ mit allen Srdften oerfuc^en müffte, 
mic^ beg fRufg, ben man mir gab, würbig ju machen, unb eg ftnb 
je|t gerabe ad^t 3al^r, bafi biefer Sffiunfeh ben ßntfc^lufe in mir 
erjeugte, mid^ oon allen Drten, wo ie^ 93etannte l^aben fonnte, ju 
entfernen, unb mid^ ^ier^er ;urücfjujie]^en, in ein Sanb, wo lange 
Sriege bie Dinge fo georbnet l^aben, baf? bie .'geere, bie man l^ier 
unter'^dlt, nur baju bienen, l^ier bie grüd^te beg grifbeng mit um 
fo größerer ©ic^er^eit geniefeen ju laffen, unb Wo unter ber Maffe 
eineg grofeen unb fe^r t^dtigen Sßclfeg, bag me^r für feine eigenen 
^ngelegentieiten forgt alg um frembe fümmert, unb o^ne bie 
Slnne^mlic^feiten ber »olfreic^ften ©tdbte ju entbehren, id^ ebenfo 
einfam unb jurüdtgejogen l>abc leben fonnen alg in ben entlegen= 
ften SBüften. 


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SSierted 

3)if 5?emci«grünbc für baä Dafein ®ottc8 unb ber 
menfc^tic^cn Seele alb ®runblage ber 
53Jetap^^f if. 

tpeijf nid^t, ob id^ eud^ oon ben erften 9?etrac^tungen, 
bie i(^ l^ier gemadijt t>abe, unterl^atten fod, benn fie fmb fo meta= 
p^^fifd^ unb fo wenig in ber gewöhnlichen Slrt, baff fte wo^t 
fdhwertidh nach’ Sebermannb ©efdhmadt fein werben. Doch, um 
prüfen ju lajfen, ob bie ©runblogen, bie ich genommen hal>C/ ffft 
genug fmb, bin ich gewifferma^en genbthigt, baoon ju reben. Seit 
lange hatte ich I^emerft, bajf in Setreff ber Sitten man bib= 
weilen Slnfidhten , bie man alb fehr unfidher tennt, folgen muffe, 
(wie fchon oben gefügt worben), alb ob fte ganj jweifeUob wären. 
Slber weil ich bamalb blob ber ©rforfchung ber SQSahrhcit leben 
wollte, fo meinte i^ gerabe bab ©egentheil thun ju muffen unb 
alb ooDfommen falfch ^lleb, worin ftdh auch "“e bab Heinfte Se= 
benlen auffinben lie^e, ju »er werfen, um ju fehen, ob barnadh 
Siidhtb jweifeUob in meiner Einnahme übrig bleiben würbe. So 
wollte idh, weit unfere Sinne unb bibweiten täufchen, annehmen, 
bafe fein Ding fo wäre, alb bie Sinne eb unb »orftellen lajfen ; 
unb weit ftdh ntandhe Seute in ihren Urtheiten, felbft bei ben 
einfa^ften Materien ber ©eometrie täufchen unb Sehtfehlüffe machen, 
fo »erwarf ich, t<h nteinte, bem 3rrthum fo gut alb jeber 


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31 


Hintere unterlrorfcn ju fein, oüe @rünbc al8 falfc^, bic ic^ notier 
ju meinen S?emeifen genommen ^tte; enblirf}, mie ic^ bebac^te, 
ba& atte ©ebnnten , bie mir im 2Bnd)en l)aben , unb nut^ im 
©d)(af tommen tonnen, o^ne ba^ bann einer baoon ma^r fei, 
fo ma(!^te ic^ mir obfic^ttid^ bie erbic^tete SBorfleilung , bafe afle 
Xinge, bie jemals in meinen ®eift getommen, nii^^t »al^rcr feien 
als bie Jrugbilber meiner Xräume. 91lsbalb aber mad)tc id) bie 
SBa^tne^mung, baff, mäljrenb ic^ fo benten mollte, ?(He8 fei falfc^, 
bod) noi^menbig id), ber ic^ badete, irgenb ctmaS fein miiffe, unb ba 
ic^ bemertte, baß biefe SBa()rl;eit ,,id) bente alfo bin ic^", fo 
fcft unb fieser märe, baff aud) bie überfpannteflen Ülnna^men ber 
©tebtiter fte nid^t ju erfd^üttern oermbc^ten, fo tonnte id) fie meinem 
Xafür^alten nad) als baS erfte ^rincip ber $^ilofopt)ie, bie idb 
fud)te, annelfimen. 

Xann prüfte id) aufmertfam , maS ic^ märe, unb fa^, bafe 
ic^ mir borftellen tonnte, ic^ ^ätte teinen .'dorper, eS gäbe teine 
SBelt unb -teinen Ort, mo ic^ mic^ befänbe, aber baft icb mir be6= 
lialb nid)t borftellen tonnte, baß id^ nic^t märe; im ®cgent^eil 
felbft barauS, ba| ic^ an ber SlBal^r[)eit ber anberen Xinge ju 
jrceifeln bockte, folgte ja gnnj einleud)tcnb unb ftc^er, bajj i^ mar; 
fobalb id^ bagegen aufgeprt ju benten , mochte mo^I SllleS an* 
bere , bas ic^ mir jemals oorgeftetlt , ma^r gemefen fein, it^ 
aber t>atte teinen ®runb me^r, an mein Xafein ju glauben. Slifo 
ertannte ic^ barauS, bafe ie^ eine ©ubftanj fei, bereu ganjeS aUc- 
fen unb 9totur bloS im Xenten befleiße, unb bie ^u i^rem Xa= 
fein meber eines OrteS bebürfe, noc^ bon einem materiellen Xinge 
ab^änge, fo baff biefes 3d^, b. 1). bie ©eele, moburc^ id^ bin 
mas ic^ bin , bom Sorper bbllig berfc^ieben unb felbft leidster ju 
ertennen ift olS biefer, unb audb ol^ne Sbrper nid^t auf^bren merbe, 
aitleS JU fein moS fie ift. 

Xarauf ermog id^ im Sltlgemcinen , maS jur ®at)r^eit unb 
@emi|^eit eines ©a^eS gelobet. Xenn rceil id^ fo eben einen ge* 


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32 


funbcn ’^atte, ben at« Wal^r unb gemifi erfannt, fo meinte 
müffe i* aiicf) miffen, merin jene ®en?ift^cit beftel^e. 9tun ^atte 
i(^ bemerft, bnji eb in bem ©a|e; „id^ benfc alfo bin id^" 
fein anbere? .'driterium ber Sßabr^eit gebe, n(8 baji ic^ ganj flar 
einfet)e, ba^, um ju benten, man fein miiffe. X'arum meinte id^, 
a(8 aßgemeine Stieget ben ©afe annel^men ju fbnnen: bnü bie 
Dinge, metd^e mir fe'^r ttar unb fel^r beuttie^ be* 
greifen, alle mal^r finb; baff ober nur barin einige ©d^mie- 
rigteit tiege, ridtjtig su merfen, mel^e« bie Dinge finb, bie mir 
beuttid^ begreifen. 

Da id^ nun meiter beachtete, baft itb jmeifelte unb alfo mein 
Sßefen nid^t ganj poütcmmen märe, benn icb fat) beutlid^, ba^ eg 
noßfommener fei, ju erfennen alg ju jmeifetn, fo oerßet ici^ ouf 
bie llntcrfud^ung, mo^er mir ber ®ebanfe an ein ooßfommnereg 
3ßefen alg id^ felbft gefommen, unb id^ erfannte beuttid^, baß er 
oon einem SBefen ’^errül^ren muffe, bag in ber D'^at ooBfommner 
fei. Sßag jene ©ebanfen betrißt, bie icb oon einer SDlenge außer 
mir beßnbtidber ®efen ^tte, mie oom ^immel, ber 6rbe, bem 
^id^t, ber Sßärme unb taufenb anberen Dingen, fo mar id^ über 
beren Urfbrung nid^t fo fel^r in SBertegenl^cit ; benn ba id^ in i^nen 
nidßtg bemertte, mag mir überlegen mar, fo fonntc id^ glauben, 
menn fte ma'^r mären, baß fte einen Bube^är meiner SKlatur bil= 
beten, fofern biefe eine gemiße SoßfommenVit f>ätte, unb menn ße 
nid^t ma^r mären , baß ßc für ©efd^öpfe beg ßlid^tg ju galten, 
b. 1^. baß fie in mir mären megen ber Wangell^aftigfeit meineg 
SBefeng. Slber eg fonnte ßd^ nid^t ebenfo oer’^alten mit ber 3bee 
eineg ooßfommnern Sßefeng alg bag meinige, benn eg mar oßenbar 
unm&glicß, biefe 3bee für ein ®efd^&bf ßlicbtg ju Italien. Unb 
baß bag ooßfommenße SIBefen eine ffolge unb 3n6e^6r beg meniger 
ooßfommnern fein foße, ift fein geringerer 3Biberfprud^, alg baß aug 
bem SJli^tg Stmag l^eroorge'^e. Darum fonnte id^ jene 3bee aud^ 
nid^t für ein ©efd^bfjf meiner felbß Italien. Unb fo blieb nur 


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33 


üfctig, fie in mic^ gefegt ttorben burcfe ein in SBal^rl^eit noQ= 
tcmmnereä 303cfcn ais id^, rcelc^eS alle SSptltommen^ieiten, bie ic^ mit 
borftellen fcnntc, in fic^ enthielt, b. um e8 mit einem SBcrte ju 
fügen, burd^ ® o 1 1. T'aju tarn bie ©infic^t : meit ic^ einige SßoÖ» 
!ommen§eiten erfannte, bie i(^ nic^t ^atte, fo mar ic^ nid^t ba8 ein- 
jige 3Befen, ba8 ejiftirte, (id^ »erbe l^icr mit eurer förlaubnife fo 
frei fein, bie Sc^ultermini ju brauchen), fonbern eS mu^te not^- 
»enbig ein anbereg »oüfommnereg JBefcn geben, »cn bem ic^ ab- 
l^ing unb öon bem i^ 3(üe8, »ag ic^ befafe, empfangen l^atte; bcnn 
»äre id^ allein unb ton febem anberen iffiefen unabl^angig ge»efen, 
fo bafe ic^ oon mir fctbft bie »enige mir eigene SBollfommen^eit 
gehabt l^ätte, fo ^tte id^ ebenfo gut »on mir ben ganjen Ueberfc^ufe, 
ton bem id^ einfa)^, bafi er mir fehlte, ^aben unb fomit fetbft uncnb» 
lic^, e»ig, unmanbelbar, atlmiffenb, allmdd^tig fein unb enblid^ alle 
35olltommeni^eiten befi^en fbnnen, bie id^ im 3Bcfen ®otteg erfannte. 
Denn na(^ ben 3lugeinanberfe|ungen, bie id^ eben gegeben lf)abe, 
braud^te ic^, um bie Statur ®otte8 nai^ bem SSermbgen ber meinigen 
}u erfennen, nur bei allen Dingen, ton benen ic^ eine 3bee in mir 
fanb, JU erwägen, ob i^r ®efi§ SBollfommen^eit fei ober nid^t; unb 
id^ war fielet, ba& feine ton benen, bie eine Untollfommen^eit bejeid^= 
neten, wo|l aber alle anberen in i^m enthalten waren. Denn i^ fa)^, 
Unbeftänbigfeit, Drauer unb ä^nlic^e Dinge nid^t in il^m 
fein fonnten, ba id^ ja felbft fro^ gewefen Wäre, ton i^nen frei ju 
fein. Dann l^atte i(^ weiter 3been ton einer 9Henge finnlid^cr unb 
fbtperlid^er Dinge. Obwohl id^nämlic^ anna^m, bafe ic^ träumte unb 
bafi alleg, wag id^ fal^ ober mit einbilbete, falfc^ wäre, fo tonnte id^ 
bod^ nid^t leugnen, bafe bie 3been baton witflit^ in meinem Denten 
tor^nben wären. Stber ic^ l>atte fc^on an mir fel^r flar eingefe^en, 
bafe bie benfenbe Statur ton bet fbrperlic^en unterfc^ieben fei; ba 
nun, wie ic^ erwog, jebe ^ufammenfefeung tlbpngigfeit unb jebe 
Slbl^ängigteit offenbar einSJtanget war, fo urt^eilte id^ ton l^ier au8, 
ba§ eg in ®ott feine USolltommen^eit fein founte, aug biefen beiben 

3 


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34 


9Jaturen jufammengcfeöt ju fein, unb bafe er e6 fpfgtic^ nibfjt 
»üre; aber wenn eä in ber SBelt einige Sbrper ober ©eijler ober 
anbere 9?oturcn gäbe, bie nic^t ganj oolifommen wären, fo müfetc 
il^r ffiefen oon ber ÜWac^i Ootteä bergeftott abpngen, bei^ T'f 
ü^c il^n nic^t einen einzigen Slugenblid fein fbnnten. 

moHte nun weiter anbere ®al^rl^eiten fu(|en, unb ba ic^ 
mir bab Object ber ©eometer jum Sorwurf genommen, bab id^ alb 
ftetigen S&r|?er ober atb einen in Sänge, SPreite unb ,gb]^e ober 
Oiefe enblob aubgebel^nten SRauifi begriff, f^eilbar in oerfc^iebene 
Ot)eiIe , bie oerfc^iebene Sigur unb ©rbfee ^aben unb auf jebe 
SEBeife bewegt ober brtlic^ »eränbert Werben fbnnen, - benn bie 
©eometer fefeen biefeb Stüeb in i^rem Objeete eoraub, — fo burc^= 
lief ic^ einige i^rer einfac^ften SPeweife. 3d^ bemerlte , baß jene 
grofie oon aHer SBelt il^nen jugefc^riebene ©ewi^eit lebiglid^ ba= 
rauf berui^t, bafe man fie nac^ ber oon mir eben erwähnten SRegel 
beutlid^ begreift. Sugleid^ aber bemertte ic^, bafe in i'^nen 91idbt8 
enthalten fei, baS mir bie ©{iftenj i§rcä Objects ftc^er barf^un 
tonnte. ®enn id^ fal^ j. '4?. Wo^t, bafe, ein 3)reicdf angenommen, 
feine brei aEBinM jwei iRed^ten gleid^ fein mußten , aber id^ fa]§ 
barum nod^ feinen iPeweiS, bafe eS in ber SSJelt ein Dreiedf gäbe, 
wä^renb id^ bei ber 3bee eines oottfommenen SBefenS, auf beren 
5?rüfung id^ wieber jurüiftam, fanb, bafe in biefer 3bee bie ®ji» 
flenj ganj ebenfo liegt, als in ber 3bee eines DreieefS, ba^ feine 
brei äBinfel gleid^ jwei IRed^ten fmb, ober in ber einer Kreislinie, 
boß aöc il^re Ol^eile gleid^weit oon i^rem ©entrum abftel^en ; ober 
fogar nod^ einleud^tenber. Solglid^ ijl ber ©a|, boß ®ott als 
biefeS fo oollfommene SBefen i|f ober efiftirt, minbe= 
ßenS eben fo fidler, als ein geometrifd^er iPeweiS eS nur irgenb 
fein fann. 

!IDaß aber oiele Seute cS für fd^wierig Italien, ®ott ober aud^ 
nur baS Sßefen il^rer eigenen ®eele ju erfennen, liegt barin, baß 
fie il^ren ®eiß nie über bie fmnlid^en Dinge erl^oben unb fid^ auf 


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35 


bicfc SGBcife geirb^nt ^abcn , 3löf? burct) tic ®inbübung ju 
betrachten, bie eine befeubere Xentineife in tPetreff ber materiellen 
X'inge i[t, fo bafe, mab fie fiel) nicht einbilben f'bnnen, fte auch ”'4* 
für begreiflich halten. I>ie|t erheßt fchon barauS jur ®enüge, bafe 
fogar bie ©chulbhilofohhen ben ®runbfa| h^^l^en, e8 Ibnne nichts 
im 9?erftanbe fein, baä nicht juerft in ben ©innen gemefen, loo 
bech gan^ ficher bie 3been @ottc8 unb ber ©eele nie waren; unb 
bie , Welche ba§ ÜDafein ®otte8 unb ber ©eele burch ihre ßinbit» 
bung begreifen wollen, hanbeln, wie e8 mir fcheint, ebenfo al8 wenn 
fte mit ihren 31ugen h^ren ober rieten woUten, wobei nur ber 
Unterfchicb ftattfinbet, ba^ ber ®eficht8finn un8 bie Sahrhfit feiner 
Objecte ebenfo wenig beweift als ®eruch ober ®ehor, wührenb Weber 
unfere fiinbilbung noch unfere ©inne ohne ®ajwifthen!unft be6 
5ßer|tanbe8 un8 irgenb etwas ficher barthun tbnnen*)- 

ßnblid) wenn e8 noch ßfute giebt, bie con ber Gsijtenj ®ot= 
tes unb ihrer ©eele burch bie oon mir bargelegten ®rünbe nidht 
hinlänglich überjeugt finb , fo mögen fte wiffen , baß aüe anbere 
Dinge, beren fte bieHeicht weit ficherer ju fein meinen, wie baS eigene 
förperliche Dafein, unb bafe c3 ®eftirne unb eine 6rbe unb ähnliche 
Dinge giebt, weniger ficher finb. Denn obgleich bei biefen Dingen 
eine Slrt moralifche ®ewifeh®lt ftattfinbet, an ber man, ohne 

*) Itd) habe bic fchr eharattcvi(lifci)e ©teile genau überfept, mtb empfittbc 
luoht, bah fte beiitlidjev gefd)viebect lein foüte mtb bic Scitflncctiou biinllet ifi 
al« ber ®cbantc. Ser ©cbnicte ifl bieftr; ba« Scroeifeii i|l fo Wenig bie 
f^miction bet Siitbilbimg, wie bn« 5Hied)cn nnb tpören bie gunetion be« SlugeS. 
Jtn biefer 'Analogie »erhält fid) ba« Singe ;nm Ginbilbungsnetmögeu, wie ba« 
.'pören oDcr aticd)en jiim Siegreifen. Siefe Slnalogie trifft aber in einem fchr 
wcientlid)cn tpimltc iiid)t ^n. So» Senten imtcrfd)eibet ftth »om 9iictf)en nnb 
^örcit , »om Smpfinben iibevhanpt unb Siubilben barin, bajj e« bo« Object 
al» fold)e« erfaht, währenb Sticchen, .pören, ©eheit u. f. w. mit bent Ginbilben 
barin übereingimmen, bafj fte für ßd) jur objecti»en Sluffaffung ber Singe 
nicht fähig fmb. 

3 * 


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36 


überfpannt ju fein, nid^t }mcifeln fann , fo täfet ftc^ bo^ auc^, 
wenn eb ftc^ um eine metap^pfifd^e @e»if;l)eit ^nbelt, ol^ne 
unPernünftig ju fein, nid^t leugnen, baff man jum .^meifeln @ninb 
genug ^abe, fobalb man bemcrft, mie man im ©^laf ganj cbenfo 
fic^ cinbilben fonne, man '^abc einen anberen S&rper unb fel^e an= 
bere ®eftirne unb eine anbere (Jrbe, cl>ne baff ctmab babon mirt^ 
lid^ ift. SQ3bl;er meiß man benn, baß bie ®ebanfcn, meldße ini 
Traume tommen , el)er alb bie anberen falfcß finb, ba fie ja oft 
ebenfo lebljaft unb aubgeprägt finb? Unb mögen bie beften ®eifter 
f)ier, fo lange fie loollen, nacöbenlen, icß glaube nii'^t, baß fie, um 
biefen jjwc'fcl Ju ^eben, einen .^ureic^enben ®runb anfü^ren fön» 
nen, menn ftc ni^t bie ßjiftenj ®ottc8 ooraugfe^en. Denn oor SlHem 
ift felbft jener ®a§, ben icß eben jur SKegel genommen ^abe : b a ß 
nämlidß alle Dinge, bie mir ganj tlar unb beutlic^ 
begreifen, »al^r finb, nur beß^alb ßc^cr, loeil ®ott iß ober 
ejißirt, unb toeil er ein oolltommencS Sßefen ift unb Sitte» in un8 
oon i^m l^errül^rt. Daran» aber folgt, baß unfere 3been ober 
SBegriße, ba fie toirflid^e SSfefen ßnb, bie oon @ott fommen, fo= 
toeit fie flar unb bcutlid^ finb, toal^r fein müffen. SEBenn mir alfo 
oft genug unma^re Sßorftettungen ^ben, fo fommt il^rc Unmal^r^eit 
nur bo^er, baß ße untlar unb bunfel ßnb, unb fomcit ße e» ßnb, 
nehmen ße an ber Statur be» Stid^t» D^cil, b. ße ßnb in un» 
nur bcß'^alb fo unflar, mcil mir nid^t ganj »otttommen ßnb. Unb 
c8 ift offenbor ein eben fo großer Sßiberfpruc^ , baß ber Srrt^um 
ober bie Unoottfommenl)eit al» folt^e au» ®ott l^eroorgel)en , al8 
bie SBabrl^eit ober bie SBotttommcnl^eit au» bem Stii^t». Siber 
menn mir nid^t müßten, baß alle» SBirflid^e unb SBal^rftafte in 
un» oon einem oottlommcnen unb unenblic^en ffiefen l^errüi^rte, 
fo l^ötten mir , mie flar unb beutlid^ unfere 3been oud^ mären , 
bod^ bafür feinen ßc^eren ®runb, baß ße bie SBottfommenl^eit ^1= 
ten, mai^r ju fein. 

Stac^bem nun fo bie ®rfenntniß ®otte» unb ber ©eele un» 


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37 


bon icner SRegel überjeugt ^at , ift eä leidet einjufe^en , bafe bie 
SEraumbilber, bie wir im ©d)laf oorfteUcu, unb feinegwegg bürfen 
jweifeln laffeii au ber 3i!at)rbeU ber cyebanten, bie wir im SBacben 
^aben. Xieuu wenn ee fid) im ©c^laf träfe, ba§ man eine febr 
beutlicbe 3bee ^ätte, wie j. 33. bafe ein (Seometer irgenb einen 
neuen söeweib fänbc, fo würbe fein ©c^laf nic^t ^inbern, bafe fein 
33eweiä wal)r fei ; unb waa ben gewbi^nlic^ften 3rrtl;um unferer 
Sliäume betrifft, bajj fie una nämtic^ »erfd)iebene Objecte ganj fo 
wie unfere äußeren ©inne norftetlen, fü ift ber ©d)laf nid)t bie Ur^ 
fad)e, bie una ueranlapt, ber 9Bal^rl;eit fcicber aScrfteßungcn ju 
miptrauen, beim wir tonnen una oft genug ganj ebenfo tdufd^en, 
o^nc JU fditafen, wie wenn j. bie ©elbfüc^tigcn StQcg gelb fe^en, 
ober wenn bie ©terne ober anbere weit entfernte Jtbrper una flciner 
erfd)cinen ata fie finb. Xenn jute^t, ob wir Waiden ober fc^tafen, 
bürfen wir boc^ nur ber einteuebtenben Starbeit unferer SSernunft 
oertrauen. SÜobtgemcrtt, idj fage unferer SJernunft unb nteb* 
unferer ©inbitbung ober unferer ©inne, wie wir benn bie ©onne 
jwar febr ttar feben, aber befeb^lb nidjt urtbeiten bürfen, fie fei fo 
grofe ata wir fie feben, unb wir una einen ttowenfepf febr beut^ 
tieb auf einem ^itgenleibe oorftellen tonnen, ohne bepbatb febtiefeen 
ju bürfen, ea gebe in ber SBett eine 6bi»Wbb. Xenn bie tBernunft 
fagt nicht, bap Slttea waa wir feben ober una cinbilben wahr fei, 
wobt aber fagt fie , bap atle nnfere 3bcen ober SBegriffe etwaa 
SBabrea b^üf» niüffen , beim fonft hätte ®ott, ber abfotut ootl= 
fommen unb wahr ift, fie unmogticb in nn8 gefegt. Unb weit uu’ 
ferc Urtbeite wäbrenb beä ©iblafa nie fo einteuebtenb unb ootl» 
ftänbig finb, ato wäbrenb bea S!i>ad)ena , wenn auch unfere 6in= 
bitbungen biaweiten im ©ebtaf noch tebbafter unb auägeprägter 
finb, fo fagt bie 35ernunft nn8 auib , bap unfere ©ebanten jwar 
nicht atle wahr fein tonnen, weit wir nicht ganj oolttommen pnb, 
aber, fo weit fie wahr finb, biefe äüabrbeit unfebtbar in unferen 
wacben ©ebanten eher ata in unferen Xräumen ftattpnben raüffe. 


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^ünfted 

Drbnung ber »om 3tutov unterfud)ten 
^Probleme, inäbe[onberc (Svflaning ber ®emegung 
bc8 JgerjenS unb einiger anberer jur OTebiein ge^b= 
ri ger f (^w ieriger “ipu nf te; ba nn ber Unter fd)ieb nuferer 
©eele non ber tl^ierifc^en. 


toürbe l)ier fe^r gern fortfa'^ren unb bie ganje Sette ber 
übrigen SOSa'^r^eiten jeigen, bie id) non ben erften abgeleitet Ijabe ; 
ba id^ jebod^ ju biefem iJmed mehrere «fragen berühren müßte, bie 
nod^ unter ben ®elet)rten ftreitig finb, unb ic^ mit ben legteren feine 
$änbel münf(^e, fo ^alte idg e8 für beffer, mid) ber ©adge ju 
enthalten, unb bie fünfte bloß im Sltlgemeinen ,?u bejeid)nen; 
mbgen bann meifere 8eute entfegeiben, ob e8 rat^fam fei, bab 
ißublicum eingc^enber barüber ju beleljren. 3i^ bin ftetb feß bei 
bem oon mir gefaßten Sntfdjluß geblieben, fein anbereb ißrincip 
onjunel^men, al8 baä, meldjeS ii^ fo eben alb ®etoeibgrunb für bab 
X)afein ©otteb unb ber (Seele gebraucht gäbe, unb leine Südge 
alb magr gelten ju lajfen, bie mir nidgt ftarer unb ßegettr erfegiene, 
alb früger bie geometrifigen ißemeife. Unb bennodg barf itg fagen, 
baß idg rüdfidgtliig ber gemognlicgen .(gauptprobleme ber üfJgilo^ 
fopgie nidgt bloß ein Drittel gefunben gäbe, bab mir ®enüge lei^ 
ftet, fonbern baß idg aueg gemiß'e @efege beobad)tet, loeldge ®ott 


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39 


in ber ÜRatur fo fejibcgrünbet unb »on benen er unferen ©edcn 
fotd)c 'Begriffe cingeprcigt l^at, bafe n>ir bei einiger Stufmerffamteii 
nic^t jiueifeln fonnen, ba& fie in SlÜem, loa^ in ber 2üe(t ift ober 
gefi^ieljt, genau befolgt loerben. 3nbem ic^ bann bie 9iei^enfoige 
bicfer ®efe|e betrail^tete, entbcdtc ic^, toie mir fd)icn, me()rcrc SUa^r^ 
feiten, frud)tbarer unb bebeutenber, alb Sttleb was ic^ e^ebem ge^ 
lernt ober aud) nur ju lernen gehofft ^atte. 

Slbcr locil id) bic l}auptfä(i^lic^ften baoon in einer Slb^anblung 
p entwideln oerfuci^t ^abc, bie id) auis mamV>l‘^> ®rünben nid)t 
»eroffentlit^en taim, fo )oei§ icb fie nid)t beffer barpt^un, alb iiu 
bem ic^ ^ier fummavifd) i^rcii 3n^alt angebe. 3d) loollte barin 
allea pfaminenfaffen, toab id) oon ber Dlatuv bev materietleii 3)inge 
p ioiffen meinte, beoor id) jene ©d)tift fi1)rieb. 3lber wie bie 
9Kaler auf einer ebenen Slät^e nic^t alle oeife^iebene ©eiten eineb 
loivllii^eu Stbrperb barftellen tonnen unb befet)alb eine ber ^aupt» 
fäc^lic^ften »oä^len, bie fie allein inb llii^t fe^en, bie übrigen ba= 
gegen fc^attiren unb nur foioeit erfd)einen laffen, alb man fie fe^en 
tann, loenn man jene anblidt, — fo füui)tete id), in meiner sMb^nb- 
lung nid)t alle meine ©ebanfen unterbringen p tonnen. 2>e6= 
^alb lootlte id) barin nur meine 2;i)eorie oom l!id)t red)t uinfaf^ 
fenb aubeinanberfegen, bann bei ©elegen^eit cinigeb oon ber 
©onne unb ben 3ijfternen ^injufügen, meil bab ^ic^t fajt 
nur oon biefen Störpern auage^t, bann oon ben JßimmelbgetoöU 
ben, toeil fie ea burc^laffen, oon ben 'Planeten, ben ito nieten 
unb ber (Jrbe, locil fie eb refleetiren, unb inbbefonbere oon allen 
•ftörpern auf ber förbe, loeil fie entioeber farbig ober burc^fu^tig 
ober leuc^tenb finb, unb enblie^ oom 'Dtenfi^en, »eil er alle biefe 
Obfeete betrai^tet. Um aber alle biefe Dinge et»ab im ©chatten p 
be^anbeln unb meine 3lnfic^ten freier aubfprec^en p tonnen, ol)ne 
bie ^crtijmmlic^en '3Keinungen ber ©ele^rten entioeber nnne^men 
ober »iberlegen p muffen, entfd^lofe id) miii^, biefe ganje 315elt 
t)ienieben i^ren ftat^ebertriegen ju überloffen unb blofe baoon p 


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40 


rcben, l»a8 in einer neuen ßefd^e^en »pürbe, tpenn ®ott je^t irgenb* 
)P 0 in imaginären iRäumen genug Materie, um fie ju bitben, f(^üfe, 
unb bie pevfc^iebenen Sl^eile biefer Materie mannigfach unb 
Drbnung hin unb her betpegte, fp bafe er baraub ein ebenfo Per- 
»porreneb ßh*^®® machte, alb bie ifäoetcn nur erbichten tbnnen, 
unb bann nichtb meiter thäte, alb ber fffatur feine getebh*'^'^^ 
mirfung jufommen unb fie nach ben Pon ihm fcftgefteüten ©efe^en 
ipirfen liefe, ©o befchrieb ich biefe fDlaterie unb fuchte fie 
fo barjuftcUen, bafe eb nach meinem ®ebünfen in ber 3Belt nichtb 
Stlarereb unb SBegreiflichereb gab, aubgenommcn »ab eben Pon ®ott 
unb ber ©ede gcfagt tporben. T)enn ich fffeic aubbrüdlich Poraub, 
bofe eb barin feine jener Sormen ober Qualitäten, worüber man 
in ben ©cbulcn fereitet, uod) überhaupt etmab gäbe, beffen Srfennt- 
nife unferen ©eelen nicht fo natürlid) wäre, bafe man bie Untennt^ 
nife nicht einmal fingiren tonnte. Slufeerbem jdgtc ich, welcheb bie 
Slaturgefege wären, unb ohne meine ®rünbe auf ein anbereb $rin* 
cip alb bie unenblichen SJoUfommenheiten ©otteb ju ftü^en, fuchte 
ich <10^ irgenbwie ä“ beweifen unb alb folche bar= 

juthun, bafe, felbft wenn @ott mehrere SÖSelten gefchaffen hätte, eb 
feine geben tbnnte, wo biefe ©efehe aufhbrten, befolgt ju werben. 
Tann jeigte id), wie ber grofete £h'>l chaotifchen DHaterie 

fleh '» Solge jener ©efe^e orbnen unb nach gewiffen gntm 
einrichten müffe, woburch er unferen Jßimmelbgewölben ähnlich 
würbe, wie unterbeffen einige ihrer unb einige 

wieber iJJlaneten unb Äometen, unb einige anbere eine ©onne unb 
Sijfterne bilben müjfcn. Unb h'fr Perbreitete ich ^«8 

2^hcwa beb £iihtb unb entwidelte felje aubführlich, welcheb Sicht 
fnh in ber ©onne unb ben Sijfternen befinben müffe, unb wie eb 
Pon bort in einem Stugenblid bie unermefelichen .gimmelbräume 
burchlaufe, unb wie eb fich Pon ben Planeten unb Kometen nach 
ber ©rbe ju reflectire. 3ch fügte noch 9Jfand)eb h*”J»i betreffenb 
bie ©ubftanj, bie Sage, bie SBewegungen unb alle Perfchiebenen 


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41 


'■8ef(^affcn^dtcn btcfer .giminet unb ©eftirne, fo baß iii) grabe 
genug bauen fagte, um uerfte^en ju laffcn , in ben ,§immeln 
unb ©eftirnen biefer Sücit mac^e fic!^ nii^ts bemerfbar, ba» nic^t 
in ber »on mir befd)riebenen 3i5elt ganj ci^ntic^ erfdjeinen mitffe 
ober menigfleng fbnne. Dann tarn i(^ im ®c[onberen auf bie 
©rbe ju fprec^cn: mie, cbree^l ic^ aubbrücflid) angenommen, baf; 
©oit gar feine ©c^loere in bie 9)}aterie gelegt ^be, bod) alle il)re 
Steile genau nac^ bem TOitteU'unft unabläfftg ftreben ; mie bei ber 
mit SBaffer unb Iluft bebedten Obevpd^e bie Dfic^tung ber .öiiumel 
unb ©eftirnc, bauptfäpp beb Wonbeb, bort eine 6bbe unb Slutl) 
oevuvfac^en müfete, ber ©bbe unb Slut^ unferer ‘iöteere in aüen Uni' 
ftänben dplid), unb au|erbem eine gemiffe uon Cften nai^ itleften 
gerichtete SBeloegung, fomohl be« Silafferb al» ber ßuft, mie man fie 
auch 'w ben Dropen bemertt; mie bie ©ebirge, bie 'üJlecre, bie 
Quellen unb Strome fich bort auf naturgemäße SUeife bitfen, unb 
bie fOfetalle in bie ©ruben tommen, bie '45 flau je n auf ben 
Seltern machfen, unb überhaupt alle gemifchte ober jufammengc' 
feßte .Itbrper fich orjeugen tonnten, unb meil ich außer ben ©eftir» 
neu nichts l?id)t Jgeroorbringenbeb in ber 3Belt tannte alc( baä S e n e r, 
fo bemühte ich mich, P feiner Statur gehört, beutlidi 

barjiithun: mie e8 entfteht, mie e8 fith erhält, mie ei manchmal 
nur Sßärme ohne Uiiht unb manchmal nur ^iiht ohne UÜärme 
hat, mie eb »erfchiebene Sarben unb oerfchiebene anbere löefchaf» 
fenheiten in oerfchiebene jtorper einführen tann, mie eb einige 
Sörper fihmiljt, anbere oerhärtet, mie e8 fie faß alle oerjt'hren ober 
in 'Hfche unb 9tau(h oermanbeln, enblich mie e8 bloß burch bie 
©emalt feiner ©lab bilben tann. 

Denn biefe Sßermanblung ber Slfihe in ©lab fehlen mir fo bemun' 
berungbmürbig, alb irgenb eine anbere 9Jtetamorphofe in ber '3ta-> 
tur, unb beßhalb machte eb mir ein befonbereb Siergnügen, fie ju 
befchreiben. 


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42 


Dod^ iDoffte ic^ aug alle bem nic^t etwa ben ©d^tug jie^en, 
bafe btefe SBeÜ in ber »on mir bargefteüten Sorm gef^affen mor= 
ben fei, bcnn e8 ift bei lueitem wal^rfd^ciniid^er, ba^ fic @ott gteid^ 
im SÜnfang fo gemod^t l^at, Wie fie fein mufete. 3(6er e8 iji getni^ 
unb eine unter ben Sl^eologcn geläufige ^Jeinung, bafe bie er^al= 
tenbe S^tigfeit @cttc8 ganj biefcibe ift da feine fd^affenbe. 
Sßenn dfo ber SBett im 3tnfange @ott au^ nur bie Sonn beS 
(S ^ a 0 8 gegeben, aber jugteii^ bie ®efe^e ber 9Jatur feftffetitc unb 
i^r feinen SBeijtanb lie^, um in i^rer SBeife ju mirfen, fo fann man 
iiberjeugt fein, o^ne bem SBunber ber ©d^bjjfung Eintrag ju t^n, 
ba^ baburd^ aüein atle btofe materielle Dinge fid^ mit ber 3c't in 
bie äJerfaffung l^ätten bringen tonnen, in ber »ir fie je^t fef>en; 
unb il)rc Statur ift «eit Ieicl)ter jir begreifen, toenn man fie auf 
biefe SBeife aümälig entfte'^en fie^t, al3 locnn man aüe nur 
ala 'üH a m e r t betrautet. 

SSon ber Sefi^reibung ber leblofen Sorper unb ber ißflanien, 
ging id^ über ju ber ber Spiere unb inabefonbere }u ber ber 
Wenfd)en. Stber weit ic^ ^icr nod^ nic^t Senntniffe genug befa^, 
um baoon in berfetben ®eife ata non ben übrigen Dingen ju 
reben, b. bie 3Birfungen au8 ben Ur fachen ju erttä= 
ren unb ju jeigen, moraua unb »oie bie 9?atur fie erjeugen muß, 
fo begnügte id^ mitb mit ber Stnna^me, @ott ^abe ben menfeü- 
tic^en Storper fo gebitbet, loie ber unfrige ift, ebenfomo^t maa bie 
äußere ®cftalt ber ®tieber, ata waa bie innere iöitbung feiner 
Organe betrißt, ol;ne benfetben au8 einer anbern 9Jtaterie jufam= 
menjufügen, ata bie ic^ befdl)rieben, unb oI)ne junädjft barein eine 
oernünftige ©eete ober ein anberea SSJefen ju fefeen, ba8 bafetbft 
ata ernä^renbe ober empßnbenbe ©eete bienen tonnte ; baß er bloß 
in feinem Jgerjen einc8 jener Seuer o^ne Sid^t entjünbet, bie id^ 
fd^on erttärt unb ganj fo begrißen l^atte, mie baa Scuer, loetd^ea 
ben Apeuljaufen er^ifet, ber eingefet)toßen imirbe, e^e er troefen 
mar, ober loelibea bie jungen SBeine fodit, menn man fie im Saß 


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43 


gä^Tcn läfet. 2)cnn rcenn ic^ bie gunctioncn unterfu^te, bie in 
Soige beffen in bicfem Sorper ftatifinben tonnten, fo fanb ic^, eg 
feien genau biefeiben, bie in ung öor fic^ ge^cn, o^ne bafe mir 
ung berfetbcn bemujft finb, atfo o^ne bafe unfere ©eele, b. jener 
Bom Sbrper untcrfi^iebene SE^eit, beffen Statur, mie oben gefugt 
morben, btofe im Deuten beftefyt, etmag buiii beitragt, unb in 
benen, mie man felgen tann, bie oernunftlofen Dljiere ung gleichen. 
Unb id) tjätte unter biefem Oefui^tgpuntte nic^t eine oon ben Fun- 
ctionen finben tonnen, bie tom Deuten abtyängen unb beff^Ib bie 
einzigen fmb, bie ung a(g 'üJJenfc^en jutommen, ioät)renb id) fie 
alle fanb, unter ber 9tnnal)ine, ba^ Ö3ott eine oernünftige ©eele 
gefc^affen unb fte auf eine gemiffe SÜeife biefem fo oon mir be- 
fcbriebenen Äbrper oereinigt t)abe. 

Damit man aber fe^en tonne, toie ic^ biefe ?0?aterie bel^an= 
bett, fo mifi ii^ ^ier bie S^eorie oon ber ®emegung beg Jper» 
?eng unb ber Slrterien geben. Denn ba biefe 53eioegung 
bie erfte unb altgemeinfte ift, bie man in ben Dl)ieren beobad)tet, 
fo loirb man leiert beurt^eiten tonnen, mag man oon ben anbereu 
ju benten i)at. Unb um bag Fotgenbe leichter ju oerftet)en, mögen 
bie in ber Stnatcmie gar nid)t 'i^emauberten , beoor fie biefe tär= 
fiärimg ^ier tefen, fid) bie 'Btü^e nehmen, bag Jgerj irgeub eineg 
grogen, mit Sungeu begabten, Et)iereg oor i^reu Slugeu jerfd)uei= 
ben JU (affen , beim eg ift bem beg ?3ienfc^cn in allen 4>uutten 
ä^nlic^; fic mögen fic^ bie beiben barin befinblid)eu Kammern ober 
t^ö^lungen jeigeu (affen , juerft bie rechte , ber jmei fe^r breite 
9töt)ren entf))red)en , ndmtic^ bie ()o^(e 3Sene, bie bag ()auptfäi^'= 
(id)fle (Btutgefftfe ift unb gteic^fam ben ©tamm beg (Baumeg bi(=^ 
bet, beffen übrigen Stbern (dienen) beg Sörperg finb, 

unb bie arteriöfe diene , mit Unrecht fo genannt , meil fie in ber 
D^at eine dli tevie ift , bie aiig bem i^-rjen entfv'iingt unb nac^ 
i()iem dtugtritt fid) in me()rere 3u?eige t^eitt, bie fid) überaQ in 
ben Zungen oerbreiten j bann bie (inte .(tammer, ber in berfetbeu 


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44 


SBeifc jlüci 5Rb^ren entfprec^en , ebenfo breit ober nodj breiter al3 
bie »origen , nämtii^ bie »enofe Strterie , mit Unrecht fo genannt, 
n>cit fie btofe eine ®ene ift, bie au8 ben Cungen foinmt, i»o fie 
in mehrere ,3n>fisc get^eilt ift , bie fid^ mit benen ber arteribfen 
SSene »erflec^ten unb mit benen ber f »genannten £uftrbl>re, moburdb 
bie Suft, bie mir atl^men, eintritt, unb bie große Strterie, bie »om 
,gerjen aubgel^t unb it>re 3meige burc^ ben ganjen Stbrper fenbet. 
3i^ mbc()te aud), baß man i^nen bie elf f leinen Jgdute forgfdltig 
teige, bie al8 ebenfo »iele Heine Pforten bie »ier Oeffnuugen in 
ben beiben ^b^lungen bßnen unb fcbließen, ndmlic^ brei beim (Sin^ 
tritt ber Jgo^l»ene, mo ße bergeftalt georbuet finb, baß pe teiueS- 
roegs pinbern fbunen, baß ba3 barin entljaltene Ölut in bie rechte 
jQerjtammer ßießt, unb bod) auf3 genauefte ^inbern , baß eg ^ier 
^craugftromen fann, brei beim ©intritt ber arteribfen SSene, bie 
ganj entgegengefcßt georbnet, tmar bag 93lut in biefer ,§b^lung 
in bie liungen gelten, aber nidjt bag Slut in ben tJungen bortl>in 
jurüdfe^ren laßen , unb ebenfo jmei anbere beim ©intritt ber »e= 
nbfen 5lrterie , bie bab üungenblut nacp ber linten ,§erj{ammer 
fließen aber nic^t juriidftrbmen laßen, unb brei beim ©intritt ber 
großen Strterie, bie bag SBlut aug bem .^erjeu peraugftrbmen, aber 
nic^t bal^in juriidftrbmen laßen , unb man braucht für bie 
biefer ^äutd^en feinen meiteren Orunb ju fuc^en, außer baß bie 
Oeßnung ber »enbfen Strterie, bei i^rer megen beS Ortg, mo fie 
pc^ bepnbet, o»aten S»vm bequem mit jmeien gefd^toßen merben 
fann, md^renb eS bei ben anberen megen if>rer runben 5orm am 
beften mit breien gefd^ie^t. Stußerbem münfc^tc i(^ , man macpte 
fie barauf aufmerffam , baß bie große Strterie unb bie arteribfe 
®ene »on einer »iet prteren unb fefteren SSilbung pnb, alg bie 
»enbfe Strterie unb bie J^o!^t»ene, unb baß biefe beiben testen »or 
i^rem ©intritt in ba§ ^erj pd^ crmeitern unb l^ier gteid^fam jmei 
®eutel, bie fogenannten^erjopren, bilben, bie aug einem ä^n* 
licken gleifdb alg bag J&erj felbft gebilbet finb, unb baß im $crjen 


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45 


immer me^r SBätme ift, ols irgentmo anbevs im ftbrv'er ; enblic^ 
mie bie[e SBärmc eb mit fic^ bringt, ba^ fcbatb ein 3?lutbtrcpfen in 
bic ,§erifammer eintritt, berfclbe anfc^miüt unb aubbreitet, fc 
wie eb alle 5lu[figfeiten machen , menn man )ie tropfenweife in 
irgenb ein fe^r '^eifeeb ®efä| fallen lä^t. 

9Jact) biefen Erörterungen braui^e ic^ nidjtg meiter l^injuüu- 
fügen, um bic ©eioegung be« -öerjenä ju erllären, aufeer bafe, toenn 
feine JQ'6()tungen nic^t »oU ®lut finb, biefeb not^toenbig aug ber 
^o^loene in bie rechte unb au8 ber oenbfen Slrterie in bie linle 
Hammer einftromt, ba biefe beiben ©efäße immer ooll ®lut |lnb, 
unb i^re bem ijerjen jugereenbeten SDeffnungen albbaun nic^t ge» 
fc^loffen fein fbnnen. Slber fobalb auf biefe SBeife jmei SEropfen 
®(ut, jeber in eine ber beiben Hämmern eingebrungen fmb, fo 
muffen fic^ biefe Sropfen, bie nur fe^r bief fein Ibnnen, tocil bic 
Oeffnungen, burc^ bic fie einbringen , fe^r breit unb bie @efä|e, 
aug benen fie fommen, fe^r »oU »on ©lut finb, oerbünnen unb 
augbreiten megen ber SBarme, bie fie bort finben. @o laffen fie 
bag $crj anfc^mcllen unb halber fommt eg, bafi fie bie fünf tleinen 
5|5fcrten juftc^en unb fc^liefeen, bie fic^ beim Eintritt jener beiben 
®efä^e befinben, aug benen fie tommen. ®o »cr^inbern fie, bafe 
me^r ©lut in bag JQcrj ^erabftromt, unb fahren fort fic^ immer 
me^r ju oerbünnen. Da^cr tommt cg, ba^ fie bie fec^g anberen tlcU 
nen ©forten aufftoßen unb offnen, bie fid) beim Eintritt ber beiben 
anberen ®cfa^e befinben, burc^ bie jene beiben ©ropfen toieber 
augftromen. ©o laffen fie alle b« arteribfen ©ene unb 

ber großen Slrterie fafl in bemfelben Stugenblicfe anfi^locllen, alg 
bag .^erj felbft. Dicfeg, mir audj bic Slrterien , jic^t fic^ gleich 
nac^^er toieber jufammen , loeil bag eingebrungene ©lut fic^ ab» 
tü^lt; i^rc fec^g tleinen ©forten fi^ließcn unb bic fünf bet Jgol^I» 
oenc unb ber oenbfen Slrterie öffnen fid^ toieber unb laffen Wieber 
jtüci anbere tropfen ©lut l^inburd^, bic bag .^erj unb bic Slfte» 
rien ganj toie bie oorigen oon neuem anfd^toellen. Unb toeil bag 


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46 


^P(uf, bas auf bicfc 3Bci[c in baS .^crj cinbrin<it, bur(^ jene bcu 
ben 5Pcutd, bic man ^em'^ren nennt, ^inbuvi1.)s\e^t, fo ift bef;^alb 
bie iPcmei^uncl ber testeten ber bes JßcrjenS cntcicgcnflcfcfet, unb fie 
iicljen ftd) jufammen , mö^renb biefeS auSbe^nt. Uebrigens 
bamit 3^icjeni9cn , meld^c bie ©tärtc ber mat^ematifc^en SBetccifc 
nicl)t fennen unb nic^t gemeint ftnb, bic ma'^ren Orünbe bcn ben 
n>al)rfd)eintid)cn ju unterfc^eiben, biefet meiner ©rflärung nidjt ouf 
gut ®tücf l^in luiberfbrec^en, o^nc fie gu prüfen, fo mill ic^ ii^ncu 
L'emerfen, bafe biefe fo eben bon mir erflärte ©emegung btoS aus 
ber Orbnung ber Organe , bie man mit feinem Stuge im ,§erjcn 
fel)en, unb ber aBärme, bie man mit feinen Singern bort füllen, 
unb ber atatur beS ©luteS, bie man erfal^ren tann, cbenfo not^= 
menbig folgt , als bie ©emegung eines U'^rmerlS auS ber Sraft, 
ber Sage unb ber ©eftalt feiner ©eloic^tc unb i'^aber. 

SBenn man aber fragt , toie baS ©lut ber ©enen fi^ nic^t 
erf^öpfe, ba es ja beftänbig in baS ,§er; fliefet, unb mie bie 3tr= 
terien nic^t ju ooU loerbcn , meil alles ©lut , »elc^cS burd^ baS 
^erj ^inburc^gel^t, in fie einftrbmt, fo brauche ic^ barauf nur mit 
ber ©c^rift eines englifc^en SlrjteS *) ju antmorten, ber ben Siu^m 
oerbient, an biefer ©teile baS ®iS gebrochen unb juerft gelehrt ju 
^aben, ba^ eS an bcn außerften tenben ber Strterien mehrere Heine 
@änge giebt, tooburc^ baS ©lut, tocl^eS bie 3lrterien oom Jßerjen 
empfangen, in bie tleinen Stfcige ber ©enen einbringt, con too eg 
loieberum bem ,§ergcn juftromt, fo ba& fein Sauf nur eine be = 
ftänbige ©irculation auSmad)t. 6r betoeifl bie ©ad^e fel^r 
rid^tig burd^ bie getoöl)nlid^e ©rfa^rung ber S^irurgen , bic bcn 
Strm über ber ©teile, mo fie bie ©enc offnen, mit mäßiger ©tdrfe 
binben , unb baburd) bemirten , ba^ baS ©lut reic^lid^er ^eroor* 
firbmt als locnn fte bcn Slrm gar nid^t gebunben ptten; gerabe 
baS ©egent^cil mürbe flattfinben, menn fie i^n unterhalb, näm= 

*) Hcrvacus, de motu Cordte ot sang, in animalib. 1628. 


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47 


lic^ 5 iDifc^en ber .§anb unb bcr flccffnctcn 'i^nio i'bi'r ami) U'cnii 
fie i^n i'bcr^alb C^er SScnc) fct)r ftart bänbcn. Tenn c8 ift 
i'jfcnl'Cir, baß ein mäßig geiniibftcä 9?anb iri'Ijt ncrl)inbcrn !ann, 
baß baS ft^cn im 3lrm befinbtii'^c SPIiit burd) bic 3?cnen nad) bem 
^erjen jurüdte^rt, aber bcß'^atb nic^t ncrl^inbort , baß c8 immer 
non neuem burc^ bie 3irterien tommt, weil biefe unter^lb ber 
93enen liegen unb i^re @elnebe fefter unb barnm toeniger leidjt ju 
brüden fmb, unb weit aud^ ba8 SBlnt , baä oom ^erjen tommt, 
mit mc^r ©ematt burd^ bie Strterien nac^ ber ,§anb jueitt, al8 es 
non bort burd^ bie SScnen nadß bem Jgerjen jurücftetjrt. Unb tocit 
biefea Sßtut oom 3lrm burc^ bie Oeßnung einer bcr Sencn auö- 
promt, fo muß c8 not^mcnbig untcrl^atb bcS 3?anbeä, b. an 
ben ©jtremitäten beg Strmeg @ange geben, burdj ioeld)e ba3 5?lut 
aus ben Strterien ^erfommt. ®r bcmeift feine Slßeorie beS S?tut« 
Umlaufs fel^r gut burcß getriße Heine ,§äute, bic in ber Sänge bcr 
SSencn fo angebra^t ftnb, baß fte baS iPtut ni(^t aus ber Witte 
beS SbrpcrS nad) ben 6jtremitätcn burcbftr'bmcn, fonbern nur oon 
ben ßjtremitätcn nac^ bem ^crjen äurüdfe^rcn laßen. Unb außer» 
bem nod^ burd^ bk (Srfa^rung, toeld^e bemcift, baß alles 3?tut, bas 
fid^ im .Ä&rper beßnbet , in fc^r toeniger ^f't burc^ eine einjige 
gebßnete Strterie auSftrömcn tann, am^ locnn fic ganj na^e beim 
^crjen feßgebunben unb an einer ©teile jtoifc^en bem 9?anbe unb 
bem ^erjcn gefc^tagcn mürbe, fo baß man unmbgticß meinen 
f'bnnte , baS auSftibmcnbe tßtut fäme mo anbcrS l^cr als oom 
-Öerjcn. 

Stber eS gicbt bafür nod^ mehrere anbere 33emeifc , baß bie 
ma’ftre Urfad^e biefcr Slutbemcgung bic oon mir erllärtc ift. ©o 
!ann oor Stßem bcr Untcrfd^ieb, meld^cn man jmifc^en bem oenb» 
fen unb arteriellen ®tut bemertt, uns ba'^in führen, baß baS 
58lut, nac^bem eS ßd^ bei feinem Durchgänge burdh baS ^erj oer» 
bünnt unb beßiltirt hctl, unmittelbar nadh feinem SluStritt, b. h- in 
ben Slrtericn , feiner unb lebhafter unb märmcr iß , als furj oor 


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48 


feinem Pintritt, b. in ben S5enen. Unb menn man 'hierauf ad)tet, 
fo mirb man flnben, baff biefer Unterfc^ieb nur in ber ©egcnb be« 
.gerjenä reb^t bemerfbar mac^t nnb nid^t ebenfe fel^t an ben 
bom Jßerjen entfernteften ©teßen. ®ann ift bie ,!gärte ber .güutc, 
meraus bie arteribfe Sßene unb bie gro^e 3trtcric gebilbet finb, ein 
Utreic^cnber 9?emei8, ba^ baä 9?(ut fräftiger gegen fie, at8 gegen 
bie ®cnen , anfd^Iägt. Unb marum mürbe bie linfc ^gerjtammcr 
unb bie große 3trterie umfaffenbcr unb meiter fein, al8 bie redete 
^itammer unb bie arteribfe Sßenc, menn nic^t baS ®tut ber »cnofcn 
Slrterie, melc^eg nai^ feinem Durchgänge burch bo8 <§erj in ben 
Sungen mar, fich mehr oerfeinert unb ftärfer unb leichter »erbünnt 
hätte al8 bag , meldheS unmittelbar au8 ber ^chlbcne lommt? 
Unb ma8 fünnen bie ülerjte, menn fie ben iß ul 8 fühlen, bermuthen, 
menn fm ni<ht t^iffen, baß, je na^bem ba8 53lut feine ißatur än= 
bert, e8 burch bie SBärme be8 ^erjen8 mehr ober menigei ftarf, mehr 
ober meniger fchnell »erbünnt merben tann al8 jubor? Unb menn 
man unterfucht, mie fich biefe Süärme ben anberen ©liebem mit» 
theilt, muß man nicht bctennen , baß e8 bermbge be8 93lut8 ge= 
fchieht, melcheS fnh beim Durdjgange burdh ba8 Jgerj h'ff mieber 
ermärmt unb fich b'on hi^r burdh ben ganjen Sorper berbreitet? 
Daher lommt e8, baß IBlutberluft jugleidh Sßärraeberluft 
ijl, unb märe ba8 $erj fo glühenb mie ein cntjünbete8 ®ifen, fo 
mürbe e8 bodh nicht jureichen, um güße unb ,gänbe, fo mie e8 ber 
Sali ift , ju ermärmen , menn e8 nicht beftänbig neue8 iölut hin» 
fenbete. Jgierau8 erfennt man auch < >®if ber mähre iRuhen be8 
91 1 huren 8 barin befteht, frifche8 93lut genug in bie Sunge ju 
bringen, bamit ba8 93lut, ba8 au8 ber rechten ,gerjlammer, mo e8 
fich berbünnt unb gleichfam in Dunfl bermanbelt h^i- 
lommt, fidh hi*b »on neuem berbidhten unb in ®lut bermanbeln 
lonne, bebor e8 in bie linle Kammer jurüd fließt, fonft Ibnnte eg 
nicht bas h'fb befinblidhe 5euer nähren. Dieß betätigt fidh ba= 
burch, baß man bei Dhi«>^«n ohne Sunge auch nur eine Jgerj= 


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49 


fammer finbet, «nb bafe bic Sinber im ?Wutterieib, too fie bie 
IHinge nid)i brauchen fbnnen, eine Ceffnunfl , mobuic^ ba« iPiut 
aub ber ^o^l»ene in bif linfe ^erjfammtr fließt, unb einen @anß 
^ben , roobuve^ bab 3?lut aub ber arteriöfen SSene in bie grof,e 
3lrterie fommt e^ne burd) bie 2ungc ju ge^en. Unb wie mnre 
bnö D d) e n im Wagen möglich , rcenn nid)t bü8 Jgerj SEBarme 
bnub) bie 3(rterien nnb bamit juglcic^ einige ber flüffigften IBlut' 
t^eile t}infenbete, um bei bev 3luflcfnng ber bort befmblic^en ©pei» 
fen ju [)etfen? Unb ift ber '4jti'ce^ , moburc^ ber ©peifefaft 
in ®lut eermanbelt, nic^t leidjt ju terfte^en, trenn man bebenit, 
bafe fic^ baö 3?(ut , inbem e8 burd) bab J&erj ^inburc^ge^t unb 
trieber l>inburd^gel;t, tdglid) rietleie^t me^ ala lOO» ober 20ümal 
beftißirt? Unb iras braui^t man ireiter, um bie (Srnal^rung 
unb iprobuction ber rerfdjiebenen ©äfte tea Strrpere ju ertlären, 
außer baä 33tut, irelc^ea, inbem ea ficb rerbünnt, rem tgerjen nad) 
ben öußerften @.nben ber Strterien fließt unb babei mac^t, baß einige 
feiner 2.l)eile in ben ©liebem gurüdbleiben unb l)ier geiriffe Steile 
eerbrängen, beren 9iaum fie einneljmen, unb baß nad) ber Sage, Qigur 
unc Steinzeit ber Sporen, bie fie antreßen, bie einen lieber alä bie 
anberen an geiriße ©teilen geßen, fe mie 3ebcr ea bei rerfc^iebe» 
nen ©ieben gefe^en ^aben tann , bie , auf mannigfaltige SBeife 
bur(^lbd)ert, baju bienen, rerfebiebene ©etreibearten rrn einanber 
JU fonbern? 

Unb enblicb baa Werfirürbigfte in biefen Swingen ift bie ©nt= 
ftefiung ber Sebenageifter, bie einem fe^r feinen Silinbe ober 
beßer gefügt einer fe^r reinen unb lebhaften f^-lamme gleid)en, bie 
unaufl)br(ict) in großer güße Oom Jgerjen in§ ©ebirn emporfteigt, 
oon b'ft burch bie iReroen in bie Wuafeln eingebt unb allen 
©liebem bie Semegung mittbeilt. Unb trarum bie Sluttbeile, 
bie ala bie bemegteften unb burdbbringenbften auch am beften jene 
©eifter bilben , eher nach bem ©ebirn ala anbera irobin geben, 
baa ertlärt ficb einfaebften baraua , baß bie 3lrterien , bie fie 

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50 


nad^ bem ®e)^itn fül^ren, »om ^crjen in gcrabefter Sinic auSgel^cn, 
unb n>enn nun mehrere ®inge jugle^ nad^ berfelbcn SRic^tung 
ftreben, ol^ne bafe für aße 9iaum genug ift, wie bei ben ®tutt^ei= 
len, bie au8 ber linfen Jßerjfammer nad^ bem ®el^irn moßen, fo 
folgt nad^ ben Siegeln ber SSed^anit, bie mit ben ®efefecn ber Sla= 
tur ibentif(^ fmb, ba^ bie fd^wöd^eren unb toeniger bemegten ben 
ftärteren tccic^en müffen , unb biefe alfo allein nac^ jenem 
forteilen. 

3d^ l^atte alle biefe Dinge in ber 31b^anblung , bie id^ oor= 
bem »erbffentlic^en moßte, einge^enb genug entroidtelt. Unb bann 
l^atte id^ gejeigt, worin bie (Einrichtung ber Sleroen unb ber ÜDlu8= 
lein beS menfchlidhen Sbrperä befte^en müffe, bamit bie barin bc= 
finblidhen SebenSgeifter bie ®lieber begfelben bewegen tonnen, fo 
wie man fie^t, bafe fibfjfe, halb nad^bem f'f abgefc^lagen worben, 
fidh no(h bewegen unb in bie ®rbe beigen, obwohl fie nicht me^r 
befeelt finb ; bann Weldfie SBeränberungen im ®ehirn ftattfinben müffen, 
um S03adhen unb ©chlaf unb Drüume ju oerurfadhen ; wie Sid^t, 
SEbne, ®erudh, ®efdhmadt, ®Bärme unb atte bie übrigen ®efdhaffen= 
heiten ber äußeren ®egenftdnbe bur^ bie Sßermittlung ber ©inne 
bort oerfdhiebene 3been einprogen, wie .junger. Dürft unb bie üb» 
rigcn inneren ßmpflnbungen audh bie irrigen bortl)in fenben fbn» 
nen; wa8 man unter bem ®emeinfinn oerjiehen muß, ber biefe 
3been empfängt, unter bem ®ebädhtnig, ba8 fie aufbewahrt, unter 
ber bie fie mannigfaltig Oerünbern unb neue barauS 

bilben unb eben baburdh mit J^ülfe ber fiebenägeifter, bie fie in 
ben 9Jlu8!eln oertheilt, bie ®lieber biefeb Äbrperb auf fo oiele »er* 
fdhiebene SBeife ftdh bewegen laffen unb audh bei ®elegenheit 
ber äugeren ©inneSwahrnehmungen wie ber inneren Srnp^nbungen 
machen fann, bag fich unfere ®lieber bewegen, ohne bag ber äBitte 
fie leitet. Die8 wirb benen nidbt feltfam erf^einen, bie Wiffen, wie 
»iele Slutomaten ober ftdh bewegenbe SRafdhinen »erfdhiebener 
2lrt bie 3nt«ftric ber SRcnfdhen machen fann au8 fehr wenigen 


51 


©tüdfen, im SScrgleic^ mit ber großen ®engc Slnod^en, ?0lu9feln, 
9teruen, Slrterien, Seiten nnb aller ber übrigen Sl^eile jebeä -tl^ie» 
rifc^en Sörpere, unb bie be^^alb biefen Sbrper alä eine 
^[Kafd^ine anfe^en »erben, bie alb ein SBerf ®otte8 unt>ergleic^= 
lid) be||er georbnet ift unb bemunterungbrnürbigere Semegungen in 
fic^ ^at, alb irgenb eine, welche 9Benfd}en ^ben erfinben fbnnen. 
Unb id^ ^atte mic^ gerabe bei biefem Sunflf befcnberb aufge^al* 
ten, um ju seigen, bafe, menn eb foldie ?D?afc^inen gäbe, meld^e bie 
Organe unb bie äußere ©eftalt eineb Slffen ober irgenb eineb an= 
beren oernunf tiefen O^iereb ^tten, mir nic^t im ©tanbe fein mür= 
ben , fie in irgenb etmab »on jenen SE^ieren ju unterf^eiben; 
»ä^renb, wenn eb unfern Sbrpern äf>nli(^e iSRafd^inen gäbe, bie 
fogar, foiocit eb moralifc^ mbglicb märe, unfere ,§aublungen nadfi= 
al)mten, fo mürben mir boc^ ftetb jmei ganj fidlere 9Rittel l^aben, 
um JU erfennen , ba| fte befe^alb nid^t mirtlic^e IRenfd^en feien. 
S)a8 ßrfte ift, ba& fie niemalb Slorte ober andere oon i^nen ge= 
ma^te mürben brauchen fbnnen, mie mir t|un, um Snbe= 

ren unfere ®ebanfen mitjut^eilen. ®enn eb läfet ftd^ mo^l be= 
greifen, mie eine iKafd^ine fo eingerichtet ift, bafe fie Sßorte 
oorbringt unb fogar bei ®etegenheit tbrperlicher Jganblungen, bie 
irgenb eine Seränberung in ihren Organen »erurfadhen , einige 
Sßorte auaftbfet, mie j. S8. menn man fie an irgenb einer ©tefle 
berührt, bafe fie frägt, mab man ihr fagen motle; menn man fte 
anberbmo anfafct, bafe fie fdhreit, man thue ihr mch, unb ähntidhe 
Tinge; nicht aber, bafe fie auf oerfdhiebene Slrt bie SQSorte orbnet, 
um bem ©inn 9tHe8 beffen ju entfpredhen , ma8 in ihrer ®egen» 
mart laut mirb, mie eb bodh bie pumpfeflen SRenfehen »ermbgen. 
Unb bab ifmeite ift, bafe , menn fie auch oiele Tinge ebenfo gut 
ober Bietleicht bejfer alb einer oon unb madhten, fte bodh unau8= 
bleibtidh in einigen anberen fehlen unb baburih jeigen mürben, bafe 
fie nicht nach ©infidht, fonbern lebiglidh nach ^rr Tibpofition ihrer 
Organe hanbeln. Tenn mährenb bie Sernunft ein Unioerfal» 

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52 


inftrument ift, baS in aüen möglichen Sä flen bient, muffen biefe 
Drgane für jebe befonbere .^anbfung eine befonbere Dibpcfition 
l^oben, unb be^ljatb ift c8 moratifc^ unmbgtid), bafe in einer '3Ka= 
fb^ine ecrfc^iebenc Crgane genug finb, um fic in atten 8eben8fäüen 
fo ^anbeln ju laffen , als unfere SBernunft unä ju ^nbetn be= 
fäl)igt. 2>aburc^ tä^t fic^ auc^ ber Unterfc^ieb jmif(?^en ben 
5}?enfc^en unb Spieren ertennen. Xenn eg ift fe^r bemer= 
tengmertl), ba^ cg feine fo ftumpffinnige unb bummc ®enfd^cn giebt, 
fogar bie finnlofen nic^t auggenommen , bie nic^t fä^ig mären, 
»erfc^iebene SlJorte jufammen ju orbnen unb baraug eine SRcbe ju 
bilben , moburc^ fie i^re ©ebanten oerftänblic^ mad)cn ; mogegen 
eg fein anbereg ncc^ fo ooKfommeneg unb nodf fo glüdlic^ 
ceranlagteg Xl)ier giebt, bag etmag Sfe^ntic^eg ttjut. X)ag fommt 
nic^t oon ber mangetf»aften ®efd)affen§eit i^rer Organe, benn man 
fic^t, ba^ bie (Spelte unb 'Papageien ebenfo gut SBorte ^eroor- 
bringen fbnncn afg mir, unb bod) fönnen fie nid)t ebenfo gut afg 
mir reben, b. jugfcii^ bezeugen, bafe fte benten, mag fie fagen; 
mä^renb ®enfc^en, bie taubftumm geboren, aifo ol^nc bie Drgane 
finb, bie Sfnberen jum Sprechen bienen, ebenfo ober me'^r afg bie 
O^iere einige felbft ju erftnben pflegen, um fii'^ benen 

»erftänblic^ ju maii^en, bie im täglib^cn ^ufammenfein mit i^nen 
9Ku^e l^aben , i^rc Sprache ju lernen. Xieß bemcift nid)t blo^, 
bafe bie Diniere meniger Sßernunft alg bie TOenfc^en , fonbern bo^ 
fic gar feine l^abcn. Xenn mie man fie^t, gehört nur fc’^r menig 
baju , um fpreeben ju fbnnen. Unb ba man unter ben Spieren 
einer unb bcrfelben Sfrt ebenfo, mie unter ben 5Äenfc^cn, Ungleic^= 
^eit finbct, unb bie einen leichter ju jie^cn finb alg bie anberen, 
fo ift eg unglaublib^, baß ein Sfffe ober ein Papagei, bie ju ben 
»otIfommen|len i^rer 9trt gcf>bren, barin nic^t einem ber bümm= 
ften Sinber ober menigfteng einem geiflegfranfen glcic^fommen 
mürben, menn i^re ©cele nit^t oon einer ganj anberen 9latur märe, 
alg bie unfvige. Unb man muß bie äßorte nic^t mit ben natür» 


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53 


li&en SetDcgungen »evmedjfdn , rudere Snnjrmbungen bcjcic^nen, 
unb ron ‘3j?afd)incn ebenfo gut als mm 2.l}ievcn nac^geat^mt lccr= 
ben tijnneii, nod) barf mau meineu, mie einige ber Sllteii, bafe bie 
3;^iere fpvec^cu, obmo^l mir i^rc ®prad)e uic^t cer|tel)eu. Denn 
märe e? fo, mcit fic mehrere ben unfrigen eiüfpred^enbe Organe 
^aben, fo mürben fie auc^ ebenfe gut fic^ ung al^ il}rcä @leid)cn 
rerftänblic^ madjen tbnnen. 3tuf^ ift cä fel)r bemerfen^mert^, ba&, 
obmo^t manche D^iere in nuindjcn Jganblungcn mel^r Snbuftrie 
jeigen alä mir, man boc^ fielet, ba^ eben biefelbcn Ediere in bieten 
anberen Jganblungen gar feine jeigen; fo ba^ mag fie beffer nl8 
mir machen, nic^t bemeift, bafe fte @eift Ijaben, benn fenft mürben 
fie me£)r (jaben ata einer btm uu3 unb e8 in allen anberen Din= 
gen beffer mad)en, fonbern (eg jeigt fid)) bie(met)r, bafe fie feinen 
traben, unb bie 9fatur cg ift, bie in i^nen nad) ber Digpofitien 
it)rer Organe tjanbett. 0o fic^t man, baji ein U^rmerf, bag blog 
aug SRäbern unb geb«n befielt, richtiger afg mir mit atter unferer 
Stug^eit bie ©tunben jagten unb bie 3cit incffen fann. 

©obann ^atte id^ bie vernünftige ©eele befc^rieben unb ge» 
jeigt, bafe fie unmöglich, mie bie anberen SUefen , von benen ic^ 
gerebet , aug bem SSermbgen ber Sttaterie Ijerrüljren fonne , fon» 
bern bafe fie augbrüd(id) gefdjaffen fein müffc, unb mie eg 
nid)t genug fei , ba& fie im menfdjiidjcn Sorper mo^ne, mie ber 
©teuermann im ©c^iff, etma nur um beffen ©lieber ju bemegen, fon» 
bern bajj fte enger mit i^m verbunben unb vereinigt fein müffe, 
um aud^ ben unfrigen ä^nti^e Smpfmbungen unb Eriebe ju t;a» 
ben unb auf biefe SBeife einen mirflic^en 9J?enfd)en ju bilben. 
Uebrigeng ^abe ii^ mii^ ^ier über bag E^ema ber ©eete ein 
menig verbreitet , meil eg ju ben mic^tigften get)vrt. Denn nad^ 
bem 3trtt)um ber ©vttegleugnung, ben ii^ vben ^intängtic^ miber» 
tegt JU ^aben meine, giebt eg feinen, ber fc^macbe ©emüt^er mel^r 
vom red}ten SÜege ber Eugenb entfernt, afg menn fie fic^ einbit» 
ben , bie ©eele ver Ediere fei mit ber unfrigen mefenggleic^ unb 


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54 


wir l^ätten bal^er nad^ biefem Seben nid^tg ju fürd^ten nod^ ju 
Reffen, nid^t mel^r atb bte fliegen unb bie 9(mcifen. Sßei^ man 
bagegen, »ie fe^t beibe fid^ unterfebeiben, fo begreift man bie ©e= 
»eibgrünbe »eit bejfer, »onac^ unfere Seele i^rer 9fatur na(^ »oö' 
fommen unabl^üngig »om Jtörper unb alfo ber ülfotl^menbigfeit 
nic^t unterworfen ift, mit i^m ju fterben; unb ba man weiter feine 
Urfac^en fielet, weld^e bie Seele jerftbren , fo tommt man ju bem 
Urtlfieile, fie fei unflerblidb. 


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S5ßa8 naci^ be85futor8 Slnfid^t baju gehört, um in ber 
(£rf orf (i^ung ber SQBaf)tV>t »eiter fortjuf(i^reitcn, 
unb mel^e Otünbe i^n felbft jum ©(i^reiben 
bewogen I^aben. 


9?un flnb e8 je|t brei 3a^rc*); bafe id^ mit ber Slb^anb» 
iung, bie aile biefe ®inge ent^ieit, ju 6nbe getommen »ar unb 
bie Xurc^fid^t begann , um fic brudfen ju iajfen. Da erfuhr id^, 
bafe ^erfonen, bie ic^ »ere^rte, unb beten Stnfe^en ebenfo »iei über 
meine Jganblungen oermo^te, at8 meine eigene SSernunft über meine 
©ebanten , eine turj oor^er oen jemanb Stnberem »croffentUd^te 
pl^^fttalifc^e Stnfid^t gemifebitligt Ratten. 3d^ witi nid^t fagen, bafe 
i(^ beten Sln^nger war , fonbern nur, bafe id^ Bor jener ©enfur 
nid^t8 in i^r bemertt ^atte, ba8 id^ ber 9letigion ober bem ©taate 
für nad^tl^eitig galten fonnte unb ba8 mic^ , im Sali id^ baoon 
überjeugt gemefen, gejiinbert ^ätte, e8 ju oeroffcntlic^en **). De|= 
l^alb fürd^tete ii^ , e8 fbnne fid^ ganj ebenfo aud^ unter meinen 
5Inrtd^tcn eine finben, in ber id^ mid^ getäufd^t, trofe ber großen 


*) ®ic ©(brift über btc Seit i|l olfo im Sab* »oüenbet trorben. 

**) 3>oti 3abve »otbet mar ©alilei’ä §auptmerf erfebienen (lö32), 
ba« 'öevbnntnmngSiivtbeil btv 3uqniritioii mtb ber Sibernif im folgcnben 3abvt. 


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56 


©orgfalt, bic immer gehabt, nid)t8 9>Jeue8 ol^ne bie fic^crflen 
5öemci(e gläubig anjune^men uub nic^ta ju fc^reiben, baä nad^ 
irgenb einet ©eite ^in 3cmanb nac^t^cilig merben Ibnnte. Unb 
fü fül)Ite ic^ mic^ genbt^igt, meinen fdji'ii gefaxten (Jntfc^lu^, bie 
©d^rift ju »eröffentlic^en , ju änbevn. 2)cnn übmu^l bie S3emeg= 
grünbe , aub benen id) jenen Sntfc^lufe gefaxt l^atte , fe^r ftarf 
waren , jo lie^ mic^ bod) meine tiefe Slbneigung gegen bie 
mac^erei fogleit^ anbere ®rünbe genug ju meiner ©ntfc^ulbigung 
finben. Unb biefe ©rünbe finb auf beiben ©eiten ber 91rt, bofe 
e8 nid^t blofe mid) an biefer ©teile intereffirt, fie ju fagen, fonbern 
oieüeic^t auc^ bab ifiubliciim, fie ju wiffen. 

3d) ^abe niemalb aub meinen ©ebanten »iel ©taat gemad}t, 
unb mä^renb id) aub ber ®ett)obe , bereu ic^ mic^ bebient, feine 
anbere grüd)te geernbet, alb ba^ ic^ in einigen SProblemen ber 
fpeeulatiten Sßiffenfc^aften mir Ü3efriebigung oerfc^afft, ober tool^l 
auc^ gefud^t I^abe , meine ©Uten nad^ ben Sel^rbegriffen meiner 
9)fet^obe ju riditeu, fo ^abe ic^ mid^ nie für oerbunben geilten, 
etwab baoon nieberjufebreiben. Üenn loab bie ©itten betrifft, 
fo bat 3eber einen fo grojjen Ueberflu^ an eigenen iDteinungen, 
baff ficb ebenfo oiele ^Reformatoren alb Stopfe finben mürben, wenn 
Stnbere, alb meldbe ©ott ju Jgerrn über ihre SSblfer gefegt, ober 
benen er ©nabe unb ©ifet genug oerlieben b<il( um ifiropbftfn ju 
fein, eb unternebmen bürften, b'fr etmab ju oeränbern. Unb ob» 
mobl mir meine ©peeulationen mobl gefielen, fo glaubte icb, baß 
bie Stnberen audb melcbe butten, bie ihnen oietleidbt mebr gefielen, 
©obalb icb aber einige allgemeine SBegriffe in ber ifibVf'f eneiebt 
unb bei it}rer erften Slnmenbung auf oerfebiebene befonbere ^ro» 
bleme gemerft butte, mie weit fie reiebten unb mie febr fie fidb oon 
ben bibber gebräucblicben unterfdbieben , fo meinte icb bamit nicht 
im 35erborgenen bleiben ju bürfen , ohne gegen jeneb ©efeg im 
©roßen ju fünbigen, bab unb oerpflidbtet, für bub allgemeine SSJobl 
aller 3Renfdben, fo oiel an uiib ifi, ju forgen. 3)enn biefe ©egriffe 


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57 


f;aben mir bie TObglic^feit gejcigt, Stnftd^ten ju gcminnen, bic für 
bab Nebelt fe^r frudjtbringcnb fein mürben , nnb ftatt jener tl)eo= 
retifi^en 0d)u(pl»ilpfo).'^ie eine prattifdte jn erreichen, mobnvtb mir 
bie Slraft nnb bie 2,^atigteiten be« SnierS, bes Sijafferb, ber iinft, 
ber (Skflirne, ber Jeinimel nnb aller übrigen une nmgebenben Kör- 
per ebenfo beutlicü ale bie 65efd)äfte unfercr ^anbmcrfer (ennen 
lernen nnb alfo im Stanbe fein mürben , fie ebenfo praftifd) ju 
allem möglichen ©ebraudj ?u oermert^en nnb nnb auf biefe ÜBeife 
5 U Jgerrn unb tnejent^ümern ber 9fatur §u mad)en*'J. Unb bab ift 
nic^t bloß münfebenbrnert^ jur (Jrfinbnng nncnblic^ oielcr met^a- 
nifdjet Jlünfle, traft beren man mü^etob bie Srüc^te ber (irbe unb 
alle beren 3lnne^mli(bfeiten genießen tonnte, fonbern oorjugbmeife 
tur 6rl)altung ber ÖJefunb^cit , bie o^ne biiö erftc ®ut 

ift unb ber (Srunb aller übrigen ®üter biefeb Uebenb. Tenn ber 
®eift ift Don bem Temperament unb ber Tibpofition ber tbrperlid)en 
Crgane fo abhängig, baß, menn eb irgenb ein ®ittel giebt, um 
bic TVcnfdjcn inbgemein meifer unb gefc^idtcr ju mad)en, id) glaube, 
man müffe eb in ber Wcbicin fneben. Tie jc^t gebräud)lid)e ®Je= 
bicin entljält freilich fe^r ffienigeb üon fo bemertbarem '3hi^en ; 
aber of>ne fie Deracbtcn ju moKen, bin id,' gemiß, baß 'illle, felbft 
bie Sterjtc Don '^jrofeffion, cingcfteljen, bafi 9(lleb, (oaS man barin 
miffe, fo gut alb nic^tb fei im sßerglcic^ mit bem, ma« ju miffen 
übrig bleibe, unb baf, man unenbl^ Diele Kranttjeiten fomol)l beb 
Körpere ale beb ®eiftce mürbe lobmerben tonnen, oielleic^t fogar 
and) bie 91lterefd)roäc^e, menn man oon il;ren Urfadjen unb 
Don allen 9^fitteln, momit bie Statur nnb oerfeljcn ^at , bic ^in- 
reic^enbe Kenntniß befäße. 9tun mollte id) an bie ®rforfd)ung einer 
fo uot^menbigen SBiffenfitaft mein ganjeb fieben feßen unb ßatte 
einen Si3eg gefunben, auf bem, menn man ißn oerfolgt, man jene 

') Sticüciriß giebt ce feine «Stelle, in luelrtjer TeSenrtee fo irörtlicb 
mit 9 t 0 CO 11 itbeveinSlimmt al? biefe. 


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58 


Sßiffcnfd^aft unfel^lbar treffen mufe, e8 fei benn, baß man burri^ 
bie Üürje be8 fiebenb ober ben ÜSanflel an (Srfa^rung baran oer» 
^inbert roerbe. ®egen biefe bciben Jgtnberniffe , meinte ic^, gebe 
eä fein beffere® SJtittef, aiä ber SSeft meine wenigen ®ntbedungen 
öffentlich mitjutheifen unb bie guten Sbpfe einjulaben, fie möchten 
roeiterjulommen fuchen, inbem 3eber nach üdeigung unb fei» 
nem SSermögen ju ben ßrfahrungen, bie nöthig mären, beitrüge, 
unb 9tÜe8 mag fie 9Jeueg lernen mürben, bem ifJublicum mittheil» 
ten, bamit bie fiepten immer ba anfingen, mo bie Sßorhergehen» 
ben aufgehört , unb inbem Seben unb 31rbeiten SSieler fich auf 
biefe SEßeife öereinigten , mir aHe jufammen oiel meiter oormärtb 
tarnen, alb jeber (iinjelne für feine $erfon oermöchte. 

Slber ich t'^merfte in ißetreff ber Erfahrungen , baß fie um 
fo nothmenbiger finb, je mehr man in ber Ertenntniß fortfehreitet. 
Denn für ben Slnfang ift eä beffer, nur bie Erfahrungen ju brau» 
chen, bie fich unferen ©innen barbieten unb bie mir bei 

ber fleinften Stufmerffamfeit nid;t außer Sicht laffen fönnen, al8 
foldhe aufjufuchen, bie feltener unb oerborgener finb. Der @runb 
ift folgenbev ; biefe feltenen Erfahrungen täufchen oft, menn man 
noch nicht bie Urfachen ber gemöhnlichften tennt, unb bie Umftänbe, 
oon benen fie abhängen, fmb faft immer fo eigenthümlich unb fo 
tlein, baß e8 fehr fchmer ift, fie ju bemerten. Slber bie Drbnung, 
bie ich h’ff*" eingehalten h<i6e, mar biefe: juerft ho^f i<h »erfucht, 
im Stilgemeinen bie S3rinci)>ien ober erften Urfachen aller Dinge 
JU finben, bie in ber iüBelt finb ober fein fönnen, ohne al8 beren 
Urfache etmaS Sfnberee anjufehen al8 ®ott allein, ber fie gefchaf» 
fen hdf/ »b« Hb 5ßrincipien anbera Woher ju nehmen, al8 au8 
gemiffen un8 angebornen SDSahrheiten. Dann h<i6e ich unterfucht. 
Welches bie erften unb gemöhnlichften Sßirfungen mären , bie ftch 
au8 jenen Urfachen ableiten ließen, unb fo haf>e ich, '’^'e mir fcheint, 
Jeimmel, ®eftiriie, Erbe, unb auf ber Erbe felbfl SQBaffer, Suft, 
Seuer, SKinerale unb einige anbere Dinge biefer Slrt gefunben, 


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59 


njetc^e bie atter9ercb^nli(^ften, einfacbjlen unb folglicb bcgrciflid^jlen 
fmb. Sllä ic^ aber roeiter t)erab)'tcigen rootite unter bie grefeete 
'i?efonberl}eit ber Xingc, bet fic^ mir eine fo große 'Mannigfaltig* 
feit bar, bafe ic^ e« für Menfc^en unmbgtid) ^ielt, bie (formen 
ober Strten ber irbifeijen Äbrper oon unenblic^ oieien anberen 511 
unterfebeiben, bie ebenfo gut auf ber Cfrbe fein fbnnten, loenn e8 
©otte? aSJiüe gcirefen märe, fie ^ierber ju fegen, alfo auch für un* 
mbg(id), fie ton ©eiten be8 9 Jugen 8 5U nehmen, menn man nic^t 
burc^ bieSBirtungen ju ben Urfac^en aufftiege burd^ tiefe 
ine Sinjefne ge^enbe ßrfa^rungen *3. 'Xarauf ging mein ©eift 
aße Objecte bureb, bie fic^ je meinen ©innen bargeboten, unb ic^ 
barf fagen, ic^ Ijabe nid^tä bemertt, bag icb ni(^t nac^ ben ton 
mir gefunbenen ißrincipien o^e Mü^e ^tte erffären tonnen. Sfber 
ic^ muß auc^ befennen, bie ®fac^t ber ffJatnr ift fo umfaffenb unb 
Weit, jene ^fßrincipien fmb fo einfach unb aßgemein, baß idj im 
9 ?efonberen faft feine SBirfung me^r bemerte , ton ber id) nid^t 
einfe^e, baß fie fid) auf mefjrcre terfd^iebene Sfrten ableiten läßt, 
unb baß meine größte ©c^itierigfeit barin beftef;t, bie befiimmte iffiir* 
fnnggart ju ßneen. Oenn ic^ tteiß ^ier fein anbereg .gilfemittef, 
afg itieber einige ßjperimentc tu fndien, bei benen ber (Erfolg niebt 
berfelbe ift, menn man i^n fo ober anbera ertlärt. Uebrigeng bin 
id^ fegt fo toeit, baß icg mof)l fege, itie man e8 nnfangen muß, 
um ben größten Ogcil jener jur SBirfung jmecfbienlieget' (Sjperi* 
mente ju madgen. Slber icg fege aud^ , baß fie fo befebaffen unb 
fo jaglreidg fmb, baß meber meine ^anbe nodg meine (Sintünfte, 
wenn iig aueg taufcnbmal megr gatte afg id) gäbe, für aße anöreiigen 


*) 3e fpecißfd)ev bie (ärfigeiimngcii luevbcii, um fo jufälliger crfigeincn 
fie, um fo meiiigee fmb fie an« erfteii (Dvüiiben unmittelbar ju crtlareu; alfo 
muß gier bic Uiiletfingung iljre iWetgobe umtcf)reu, unb ftatt ooit beii Uvfadjeu 
511 ben SBirtmtgeii berabjufteigen, burd) bie SBictnugeit ju ben Urfadjcit empor- 
fleigeu (®ie bocouifdje 'JHetgobe ber Snbuction.) ®er Ueberf. 


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00 


irüvten. 3c nacktem ic^ alfo metjr ober locniger feiere ßjpcri» 
mente ju madten bie ©etegen^cit traben loerbe, um [o me^r ober 
meniger Werbe aui^ in ber ©rtenntnife ber 9intur »orwärtg 
fommen. Ü;ic8 trollte ic^ in ber ron mir gcf(^riebenen Ülb^nblung 
mitt^eilcn unb ben öffcnttid)en ‘Stilen baoon fo tiar bart^un, ba^ 
i^ 3UIe, benen baä SBol^l ber ®enfd)en am ^erjen liegt, b. 1>. alle 
in 2Bal)r^eit Hugcnb^afte, bie nic^t fälfc^lici^ fo fd^cinen ober blofe 
als folc^e gelten, baju bringen mürbe, mir fomo^^l bie oon b^nen 
bereits gemachten Ssperimente mitsut^eilen , als bei ber Untere 
fuc^ung berer, bie nod) gcmad)t werben miiffen, ju Ijclfen. 

Snbeffen bin id§ fpätcr aus anbereu ©rünben anberer ®?ei* 
nung geworben unb ju ber 21nfid)t getommen, bafe id) wirtlic^ 
nic^t auf^bren bürfte, alle Dinge, bie ic^ für einigermafeen bebeu- 
tenb ^ielt, nieberjuf^rciben , fo wie ic^ il)re SBa^rljeit entbedt, 
unb bicfelbe Sorgfalt barauf ju oerwenben, als wenn id) fie brudeii 
laffen wollte, auS jwei 31bfid)ten : einmal um befto metjr ©elegen» 
^eit JU i^rer 5f5rüfung ju ^aben, benn was meljrcre feljen folleii, 
betrachtet man o^ne 3ü'eifel immer genauer, als was man nur für 
fich macht, unb waS id) bei ber erften Gonception oft für wal)r 
hielt, erfchien mir falfcb, wenn ich eS nieberfchrciben «tollte; bann, 
um feine ©elegenl)eit ju rerlicren , nach meinen Kräften gemein* 
nü|ig JU hanbeln, bamit meine Schriften , wenn fie irgenb einen 
SBerth h^^itn, benen, Weld)e fie nach meinem Höbe befi^en werben, 
fo riel ©ewinn als möglich bringen fbnnen. 3d) felbft aber bürfe 
nicht julaffen, ba^ fie wahrenb meines ßcbenS in bie Oeffentlich» 
feit famen, bamit Weber bie 3Bibcrfi.'rüd)c unb ©inwänbe, bie ihnen 
»ielleid)t wiberfahren würben , nod) ber etwaige lÄuf, ben fw mir 
eintragen fbnnten, mir irgenb einen Slnlafe geben, bie meiner 18e» 
Ichrung gewibmete 3« oerliercn. Denn wiewohl c8 wahr ift, 
bafe jeber 3)?enfch nad) feinen Straften für baS SOSohl ber Slnberen 
forgen foU, unb feinem nü^en fo oiel hoifet «lä nidhtS Werth 
fein, fo ift eS hoch aud) wahr , baff fich unferc Sorgfalt weiter 


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al« Hofi auf bic ©ecienirart crftrccfcn muR , unb ba^ cs gut ift, 
^Janc^cS, bas sieUcidjt bcn ^cl'cnbcn einigen 'Dhi^eu bringen fann, 
außer 31c^t ju laffen, (renn man 9lnbcreS (eiften ii'id, baS unfercn 
(inteln met)r nüfeen mirb. Unb fo mid iil) eS miffen laffen, bafe 
bie menigeu Ginfii^ten, bie id) bis jeßt errcidjt l)abe , faft nid)tS 
fmb im 3?erglcid) mit bem, bas icd iiic^t meiR, unb baS evlecneu 
ju tonnen ic^ bie ,güffnung nid)t aufgebe. 2:enn cS oerlidlt fid) 
mit beucn, locldje bie SBa^r^eit in ben aüiffcufe^aften nacd unb 
nad) entbcden, faft ebeufo als mit benen, bic anfaugen reid) ju 
locrbcn unb nun meit leichter gtofee (Snocrbungen machen, als el)e- 
bem, ba fie armer maren, meit geringere. ®an lann fie and) mit 
ben f5elbl)errn ocrgleiiVm , bereu Äräfte mit ben Siegen ju ftei=’ 
gen pflegen, unb bie me^r Jü^rungStunft bebürfen, um fic^ nad) 
einer oerlorencn @d)lai^t ju behaupten, als nai^ einer gemonnenen 
Stabte unb 5f5roointen ^u uel)men. Xenn es foftet in ber 3:l)at 
S 1 a t e n , menn mau ade Sd)mierigleiten unb 3ntl)ümcr ^u 
befiegen unternimmt, bie unS ben Söeg jur ßrteuntnife ber ällal)rl)cit 
fperren, unb cS l)eij 5 t eine Sc^lae^t oerlieren, menn mau in einer 
ctmas adgemeinen unb bebeutenben Sadie eine falfd)e 'Jtnfid)t an- 
nimmt. '))?an bebarf bann, um ftd) in bie frül)ere ©eiftesoerfaffung 
miebcr jurüdjubringen, eine meit größere @emaubl)eit, als ju großen 
gortfe^ritten nöt^ig ift, menn man fid)ere 4>rincipien bereits l)at. 

3üaS mid) betritt, menn id) oor biefer 3c't einige 3Uü^r()eiten 
in ben SQ3iffenfd)aften gefunben t)abe (unb id) ^offe aus bem 3n= 
^alt biefes 3[Ber!s mirb fic^ ?eigen, baß icö bereu einige gefunben 
ßabe) , fo tann id) fagen , es fmb nur folgen unb 3(bleitungeu 
»on fünf ober feeßs Jßauptfe^mierigteiten, bie id) übermunben ^abe, 
unb bie ict) für ebenfo »iele Sd)lad)ten rtd^ne , mo ic^ baS ®lücf 
auf meiner Seite gehabt; ja ie^ fage o^ne S(^cu, baß ic^, mie 
mir büntt, nur noeß jmei ober brei folc^e Sc^lacßten ju geminnen 
brauche, um mit meinen ifjläucn »ödig ju Staube ju tommen ; unb 
noA ift mein Sllter nid)t fo oorgerüeft, baß ic^ nac^ bem gemö^iw 


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62 


(id^en Sauf bcr SZatut nid^t baju noc^ 9Kufee genug ^ben fBnnte. 
Umfomc^r aber ^Ite ic^ mic^ für Persifliertet, mit fcer iZeit, bie 
icT nodT r^ibe, fparfam umpgeren, o(8 id^ raffen barf, fie gut an* 
menben ju tiinnen, unb ii^t mürbe t'rue ifmeifel Piel Slnla^ 
fie ju Perliereu, menn id^ bie ®runblagen meiner Sßrrf'* perbffent* 
lichte. Denn obgleicT fie faft alle fo einleucTtenb finb, bafe man fte 
nur JU r'peen braucTt, um fie für tparr ju rölten, unb obgleidT 
idT fte in aüen ©tücfen beipeifen ju fonnen meine, fo fe^e icT bo^ 
porrer, tpeil fie unmoglid) mit allen PerfeTiebenen SlnftdTten Slnbe* 
rer überein|timmen fönnen, baß it^ oft burcT bie ®egenfä|e mürbe 
geftert merben, bie fte rerPorrufen mürben. 

9JZan tann fagen , baß biefe ®egenfä|e nü^licfi fein mürben, 
fomori um mir meine Segler jum 53emußtfein ju bringen, alä audT 
bamit bie älnberen, menn id^ etmas ®uteB babttrcT an ®in= 
ftd)t gemonnen ; unb ba itiele immer met)r feren lönnen alb ®iner, 
fo mürben 3ene fogleic^ anfangen , fid) bie ©adTe jtt nuge ju 
macTen unb bann aud^ ntii^ mit i^ren ßrfinbungen unterftü|cn. 
Snbeßen, obfdTon icT meiß, mie fe^r idT bem Sretrum untermorfen 
bin, unb faft nie ben erften ®eban!en, bie mir einfallen, traue, fo 
lenne ic^ bod^ aus ßrfarrttng bie ßinmanbe, bie matt mir matten 
lann, genug, um bapon irgenb einen SZu^en ju rofffn- ^ 

rabe fc^on oft bie Urtreile fomori berer erfahren, bie i(^ für 
meine Sreunbe gehalten, alb au^ anberer Seute, benen id^ glei^* 
giltig ju fein meinte , ja fogar ©iniger , beren ®o§rcit unb 
SZeib, mie idT mußte, ficT jur ®enüge anftrengte bab ju entbedten, 
mab meinen Sreunben il)re Steigung Perbergen modTte. Slber fei* 
ten mar ber galt, baß man mir etmab eingemenbet, bab id^ ganj 
unb gar nicTt poraubgeferen müßte benn Pon meinem 

a-^ema ferr meit abgelegen Unt fo ^abe id^ faft nie einen 

Äritifer meiner SlnficTten gefunben, ber mir nidTt entmeber meniger 
ftreng ober meniger billig erfc^ienen marc, alb id^ felbft. Unb id^ 
^abe aud^ nie bemertt , baß man burc^ ©d^ulftreitigleiten eine 


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63 


ferner unbefannte Slßa^r^eit entberft ^abc, benii irä^renb jeber fic^ 
ju liegen bemüht, übt man fic^ »reit metjr, bab äßa^rfc^eintic^e 
gelten ju taffen, alb bie ©rünbe ron beiben Seiten ju »ragen, 
unb Solche, bie lange 3cit gute 3lbrrcaten »raven , ftnb befel^alb 
nad^'^er nic^t beffere Sinter. 

®Jab ben IRu|en betrifft, ben SKnbere rrn ber IDJitt^eilung 
meiner ©ebanfen empfangen frllen , fo mürbe bcrfelbe ebenfaöb 
nic|t fe^r groß fein fönnen, ba ic^ fie nrd^ nid)t fo mcit geführt 
§abe, bafe üc fic^ rijne SBeitereS f(^on prattifef» rerrrert^en taffen. 
Unb ic^ meine, o^ne (Sitelfeit fagen ju tonnen, bofi, »renn 3cmanb 
baju bie f^ä^igfeit ’^at, i eb c^cr fein mufe, alb ein anbercr, nic^t 
alb ob eb in ber S93elt ni(^t riefe unrergleid^lid) beffere .Itöpfe ge= 
ben tonnte alb ber meinige, fonbern »reif man feine Sac^e fo gut 
begreifen unb fic^ anjueignen im Stanbe ift, »renn man fie ron 
einem 9lnberen lernt, alb »renn man fie felbft erfinbet. Xiaa ift in 
biefem Salle fo richtig, ba|, ob»ro§l it^ oft mand^e meiner 3lnfi<^' 
ten fe^r guten Äopfen aubeinanbergefe^t , die auc^ , fo lange ie^ 
mit il^nen fpracb, fie fe§r beutlid^ ju rerfte^en fc^ienen, id) bod^ 
bemertt ^be : menn jene fte »ieber^olten, roaren fie bergeftalt rer» 
ändert , bafe id^ fie nid^t mc^r für bie mcinigen erflären tonnte. 
®ei biefer ®elegenf»eit »rifl i(^ unfere (Intel §ier gebeten l^aben, 
nie ettoab, bab man i^nen alb cartefianifc^ bejeic^nen »rirb, dafür 
ju galten, »renn i^ eb nic^t felbft rcröffcntlic^t ^abe; ic^ rermun» 
bere mid^ nic^t über bie fKarr^eiten , bie man allen $^ilofoplf)en 
beb Slltert^umb jugefc^ricben, ron denen mir feine ©d^riften ^aben; 
id^ bin bc&l^alb feinebrcegb ber Slnfic^t, ba^ i^re Ölebanten fo un» 
oernünftig geirefen’, da fie ju ben beften Köpfen i^rer 3cit gel^ör» 
ten, fonbern nur, bafe biefe ©ebanfen unb rerfet^rt berietet morden. 
IKan fte^t ja auc^ faft nie ben SaH eintreten , bafe einer i^rer 
©d^üler fie übertroffen ^bc, unb id) bin rerfid^ert, bafe ^eute noc^ 
bie leibenfc^aftlid^ften Sln^nger beb Slriftotcleb fic^ glücfli»^ fc^ä^en 
mürben, menn fie eben fo ricl Dtaturfenntuife befaßen alb er, felbft 


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64 


unter her 9?ebingung , mcmalä inel^r ju bcfifien. Sic finfc mie 
(i^p^eu, tcr nic^t ^bl)cr ^inaufftrcbt al8 bie ®aume, bie i^n 
l)alten , unb i'ft fogav, nac^bem er il^ren ®ipfel erreicht, miebcr 
abrcävtSge^t, benn auc^ bie filjeinen mir miebcr abmärtb ju gc^cn, 
b. Ij. unmiffenber ju merben, a(g menn fie fid) ber Stubien über» 
^aupt enthielten, bie fich nicht bamit begnügen, 91tleb mab ihr 2Äei|'ter 
beutlich aubeinanbergefe|t h«t, ju miffen, fonbern noih außerbem 
in ihm bie fiüfung mehrerer ^Probleme finben, non benen er nichts 
fagt unb an bie er uielteicht nie gebucht h«>t- 2)c'(h ift ihre 9lrt 
JU phiti'fophiren fehr bequem für bie mittelmäßigen .itbpfe, benn 
bei ber Xuu leih eit ihrer Unterf^eibungen unb ©runbbegriffe 
tonnen fie »on allen 2)ingen fo breift reben, als müßten fte bie» 
felben , unb 91tleS maS fie fügen gegen bie Scharffinnigften unb 
©efcheitcfien aufrecht holim, ohne baß eS ein Mittel giebt, fte ju 
mibcrlegen. Jgierin fd)einen fie mir einem sBlinben gleich, ber, 
um ohne ißachtheil mit einem Sehenben ju tämpfen, biefen in ben 
.^intergrunb eines fehr buntein Stellers hinabführt. Unb ich ^nrf 
fagen, biefe Heute hoben ein Ontereffe, baß ich meine '^rincipien 
ber 5philsfsph'r Ju oeroffentlichen mich enthalte, benn bei ihrer fehr 
einfachen unb einleuchtenben 91rt mürbe ich t >nenn i^ fte betannt 
machte, faft baffelbe thun, als menn ich einige Senfter öffnete unb 
nicht in jenen Seiler hinein fcheinen ließ, in ben fie h'nabgeftiegen 
finb, um fid) ju fchlagen. Doch auch bie beften Söpfe brauchen 
nid)t JU münfehen, fie tennen ju lernen; benn menn fte bie Sunft, 
oon allen !I}ingen ju reben , unb ben 5Kuf ber ©elehrfamteit er» 
merben motlen, fo merben fie biefeS ,3irl leichter erreichen, menn 
fie fich mit ber SÜahrfcheinlichteit begnügen, bie in ben Wa» 
terien aller 9trt ohne befonbere ®ühe ju ßnben ift, als menn fie 
bie SBahrhrit fiuhen, bie fich nur nach unb nad) in einigen 
Dingen entbedt, unb menn eS fid) um anbere honbelt, jii bem 
üß'enen Setenntniß oerpfli^tet, man miffe fie nid)t. SiSenn fie bie 
dinficht meniger Süahrheiten ber ®itelteit , attmiffenb ju fcheinen, 


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65 


»orjiel^en , Wie benn jene ®infid^t pl^ne bf« ^otjus »’w* 

bient, unb einen ^lan, bem meinigen ä^nlic^, mfolgen woDen, fo 
brauchen fie fid^ befel^alb Bon mir nic^t me^r fagen ju taffen, at8 
was id^ in biefct Stbl^anblung bereits gefügt ^abe. ©inb fie näm» 
tid^ im ©tanbe, toeiter als ic^ ju gelten, fo werben fie bei il^rer 
ftarferen Dentfraft auc^ im ©tanbe fein, ?tI(eS was id^ gefunben 
JU ^ben meine, Bon fetbfl ju finben. Denn ba id^ ^HeS immer 
nur ber SReil^e na^ unterfuc^t l^abe, fo ift eS gewiß, baß was mir 
nod^ JU entbeden bleibt, natürlich fd^wieriger unb oerborgener ifl^ 
atS was ic^ Borl^er i^abe finben IBnnen ; unb fie würben weniger 
®enuß l^aben , eS Bon mir ats Bon fic^ ju lernen.’ Unb bann 
wirb bie ©eWol^n^eit, bie fie gewinnen werben, wenn fie juerft ba« 
Seid^te auffud^en unb bann atlmälig ftufenweife ju bem ©d^wierige^ 
ren fortge^en , il^nen mel^r nü|en, atS alle meine UnterWeifungen 
Bermöd^ten. Denn für meine ^erfon bin icf) überjeugt, wenn 
man mir feit meiner 3ugenb atte ffia^rl^eiten, beren SBeweife id^ 
feitbem gefuc^t ^abe, gelehrt unb ic|, um fie jii lernen, gar feine 
5Kü^e gel^abt l^ätte , fo würbe id^ oielleic^t feine weitere erfahren 
unb wenigftenS nie bie ©efc^ictlic^feit unb Seic^tigfeit , bie i(^ ju 
befi^en meine, erworben l^aben, um immer neue ju finben, fo Wie 
i^ mir Wü^e gebe, fie ju fud^en. 9Kit einem SBorte: wenn eS 
in ber SEBelt ein SBerf giebt, baS Bon feinem Slnberen fo gut Bol» 
lenbet werben fann als oon bem , ber eS begonnen l^at, fo ift eS 
baS SBerf, an Weidnern id^ arbeite. 

5reili(^ würbe, was bie ^ierju nü|lid^en Erfahrungen anlangt, 
ein ^enfch aöein nid^t genug fein , um fie alle ju machen , aber 
er würbe auch anbere Jgänbe als bie feinigen nicfft gut brauchen 
fonnen, ausgenommen bie ber .^anbwerfer ober foldher Seute, bie 
er bejahten fönnte, unb bie auS jgoffnung auf @ewinn , ber ein 
fehr wirffames Wittel ift, alle Dinge, bie er ihnen Borfchtiebe, ge- 
nau ausführen würben. Denn was bie greiwiltigen betrifft, bie 
fich etwa aus fJJeugierbe ober Sernbegierbe jur Jßülfe anbieten 

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66 


würben^ fo »erf^ircb^en fle gewb^ntid^ me^r ot8 fic teiftcn unb 
machen nur aüerlei fb^cnc SSorfc^logc, non benen feiner je gelingt, 
unb baoon abgefe^en, würben fie entfd^äbigt fein woüen burc^ bie 
®rttärung einiger ©li^toierigfeiten ober wenigftenb’ burc^ (5ompli= 
mente unb unnüfee Unterl^attungen, bie 3cit genug foften würben, 
um babei ju oerlieren. Unb wa8 bie oon Sfnberen bereits ge= 
machten ©jperimente betrifft, fo befleißen fte — ben 5aK gefegt, 
ba| man fie mittigeilen wollte, woju fug bie ®egeimtguer nie 
oerftegen würben — ^um grüßten 5tgeil au8 fo oielen 9lebenum» 
ftänben unb überpffigen 3ngrebienjen , bag e8 fegr fegwet wäre, 
igre Sßagrgeit ju entjiffern, unb augerbem würbe man fie fo fdgledgt 
erfiärt ober felbft fo faifcg pben, weil bie, weldge fie gemalt, fidg 
alle 5Wüge gegeben gaben , igre Sjperimente al8 IBeweife igrer 
Jgeorien erfbgeinen ju loffen, bafe felbp bie wenigen, bie man etwa 
brauegen fbnnte, wieber bie 3eit nibgt lognten, bie igre Sluswagl 
foften würbe. SQSenn e8 alfo auig 3emanb in ber SBelt gäbe, ber 
im ©tanbe wäre, bie grbgten unb gemeinnügigften IDinge ju p= 
ben, unb wenn aueg bie übrigen 3Kenf(gen freg bemügten, igm mit 
allen fUiitteln in ber 3lu8fügrung feiner $läne beijuftegen, fo fege 
idg niegt, bafe fic etwas anbereS für ign tgun fbnnten, ol8 ju ben 
Soften ber nbtgigen ®jperimente beitragen unb im Uebrigen oer= 
ginbern, bog er burd) irgenb weffen ^ubringlicgfeit SKuge eerliere. 
aber nidgt blog, bag i(g mir fo groge ©tüde ni^t einbilbe, um etwas 
augerorbentlicgeS oerfpredgen ju woHen, unb midg niegt mit fo eit= 
len ®ebanten nägre, um ju meinen, bie Sßelt müge fi(g fegr für 
meine ipiäne intereffiren , fo gäbe icg audg ni(gt eine fo nieb* 
rige ©eele, um, Oon Wem eS audg fei, eine ®unft annegmen ju 
wollen, oon ber man glauben fbnnte, bag icg fte npt ber= 
bient gätte. 

alle biefe SrWägungen jufammen bradgten midg oor brei 3ag= 
ren bap , bag idg jene ©dgrift, bie idg unter .^änben gatte , nidgt 
befannt modgen wollte, unb fogar ben ®ntfdglug fagte, wägrenb 


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67 


meine« geben« leine anbete l^cvaugjugebcn, bie fo umfaffenb märe, 
unb au« ber man bie ©runblagen meiner berftel^cn tonnte. 

Slber feitbem l^aben mic^ jmei anbere ®rünbe genbt^igt, einige 
aSerfut^e oon particutarem 3n^alt l^ier^er ju fe^en unb bem iiiu» 
blicum eine Strt SRec^enfe^aft eon meinen Slrbciten unb 3tbfi(!^tcn ju 
geben. ®er erfte ®runb ift, ba|, menn i(^ e« nic^t t^äte, me^= 
rere, bie meine frül^ete ?lbfi(^t, einige ©c^riften brutfen ju taffen, 
gefannt f)aben, bie SReinung faffen tonnten, bie Itrfac^en, au« benen 
id^ e« untertaffe, feien me!^r, at« fie e« mirltic^ fmb, ju meinem 
ülad^t^eite. ®enn obmo^t ic^ ben SRul^m nic^t übermäßig ticbe 
ober fogar , menn ic^ e« fagen barf , l^affc , fofern ic^ i^n für 
einen Scinb bertRu^e l^atte, bie mir über 3ttte« gel^t, 
fo t>abe id^ bod^ nie gefuc^t, meine Jgiinbtungen , at« ob fie 95er= 
bred^en mären, ju »erbergen, unb aud^ teine befonbete SSorfid^t ge= 
braud^t, um unbefannt ju bteiben, fomo^t meit icb gemeint ptte, 
mir Unred^t ju t^un, at« auc^, meit mir bie« eine Strt Unruhe ge= 
mad^t ^aben mürbe, bie mieberumber oottfommenen®eifte«= 
rul^e, bie ic^ fuc^e, jumiber gemefen märe. Unb ba ic^ nun 
bei biefet flet« gteid^gittigen Gattung §mif(^en ber ©orge, betannt 
JU merben, unb ber, unbefannt ju bteiben, nid^t l^abe oer^inbern 
tbnnen, einen gemiffen Stuf ju ermerben, fo meinte ic^, mein ®e|te« 
t^un JU müffen , um menigften« feinen fr^tec^ten ju ^ben. 3)er 
jmeite ®tunb, ber mid^ biefe ©c^rift i^ier ju fd^reiben oermo^t 
l^at, ift, bag id^ tägtic^ mel^r unb me§r ben ^tan meiner ©etbft= 
bete^rung fi^ oerj’ogern fel^c, meit id^ unenbtic^ »iete ®rfal^rungen 
not^ig ^abe, bie ic^ ol^ne frembe ^ütfe unmogtic^ mad^en tann, 
unb obmol^t i^ mit nid^t mit ber Jgoffnung fc^meid^te, ba^ bie 
aOBett an meinen 3ntercffen großen Slnt^eit nimmt, fo miß id^ mir 
bodf) aud^ nid^t fo fel^r Stbbruc^ t^un, um benen, bie mid^ über, 
ieben merben, ®runb ju geben, bafe fie mir eine« Stage« ben 35or= 
murf mad^en, id^ f>ätte il^nen mehrere Dinge meit beffer, at« e« ber 
9aß ift, ^intertaffen tbnnen , menn id^ e« nic^t ju fe|r oernac^= 

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läffigt l^atte, ftc »iffen ju laffen, worin fle meinen Slbfid^ten f&r= 
berlid^ fein fBnnten. 

Unb id^ l^abe gemeint, bafe id^ mit Seid^tigteit einige 9Rote= 
rien würbe wägten Tonnen, bie, ol^ne oielen ©treitfragen unter» 
werfen ju fein unb ol^ne mid^ ju n&f^igen, oon meinen SPrinci» 
nien me^r al8 id^ Will barjutl^un, bod^ ffar genug jeigen würben, 
Wa8 id^ in ben ffiiffenfd^aften oermag ober nid^t oermag. 3d^ 
fann nid^t fagen , ob mir bie ©ad^e gelungen ifl , unb id^ wiH 
9tiemanbe8 Urtl^eilen jueortommen, inbem id^ felbfl oon meinen 
©d^riften rebe; aber i^ werbe mid^ freuen. Wenn man fie (>rüft, 
unb bamit man um fo me^r Oelegenl^eit baju ^abe, fo bitte id^ 
bringenb alte , bie auf biefc ©d^rift einige ßinwanbe werben ju 
mad^en t>aben, fid^ bie SKül^e ju ne!^men, biefelben meinem SBud^= 
^änbter ju fd^idcn. 2)iefer wirb mid^ baoon in Kenntnis fe^en, 
unb id^ werbe bemüht fein , meine ©rwieberung gteid^ bamit ju 
oerbinben, unb fo Werben bie Sefer , inbem fte beibe jugteid^ oor 
fid^ fe^en, um fo leidster über bie äBa^rl^eit urt^eilen, benn id^ Oer» 
fbred^e, nie lange ®rwieberungen ju mad^en, fonbern blo^ meine 
3rrt^mer, Wenn id^ fw ertenne, ganj frei cinjugejlel^en, ober wenn 
id^ beren feine finben fann, einfad^ ju fagen, wa8 id^ jur SBert^ei» 
bigung meiner ©Triften für nbt^ig l^aften werbe , ol^ne bie 6r» 
närung irgenb einer neuen Materie l^injujufügen , um mid^ nid^t 
o^ne ®nbe au8 bem föinen in’8 2(nbere ju eerfieren. 

SQSenn im Sfnfang ber X>ioj)trif unb ber Meteore einige 
3)inge juerft Sfnjto^ erregen. Weil id^ fte al8 ^^pot^efen bejeid^ne, 
unb e8 fd^eint, al8 ob id^ nid^t Sufi l^ätte, fte ju beweifen, fo 
woüe man bie ®ebufb ^ben, ba8 ®anje mit Stufmerffamfeit ju 
lefen, unb id^ ^offe, man wirb fid^ jufrieben geflellt finben. Denn 
bie ®rünbc. Wie mir fd^cint, folgen einanber fo, bag bie legten 
bewiefen Werben burd^ bie erjlen, bie i^re Urfad^en ftnb, unb bie 
erften Wieberum burdg bie legten, bie i^re SBirfungen ftnb. Unb 
man barf nid^t meinen, ba^ id^ l^ierin jenen Sel^Ier bege'ge, ben 


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bie fiogilcr einen 6t riet nennen, benn ba bie 6rfal^rung ben 
größten I^eil biefer SBtrlungen aufeer Zweifel fe^t, fo bienen bie 
Urfoc^en, »orauä i(^ fie ableite, ni(|t fowol^I baju, fte ju bett)ei= 
fen, al8 ju erflären; »ielme^r finb c8 im ©egent^eil gerabe bie 
Urfad^en, bie burd^ bie SJitfungen bewiefen merben. Unb i(^ 

^abe fie nur be|^alb genannt, bamit man miffe, bag 

id^ fie aus jenen elften, oben erfidrten SEBa^rl^eiten abteiten ju fbn= 
nen meine, aber bafe id^ eS auSbrüeftid^ nid^t l^abe t^un »otlen 
um ju oerl^inbern, bafe gewiffe ®eifler, bie ftd^ einbilben, in einem 
Sage StüeS ju wiffen, »aS ein Wnberer in jwanjig Sauren gebadet 
^at, fobalb er il^nen nur jrnei ober brei Sffiorte baoon gefagt ^t, 
unb bie, je fd^arffinniger unb lebhafter fie finb, um fo leidster bem 
Srrtl^um unterliegen unb um fo weniger jur Sßal^rf>eit fä^ig fmb» 
hieraus einen Stntafe ne'^men Ibnnen, irgenb eine überfponnte $|i= 
lofopl^ie auf meine oermeintlid^en ^rincipien p grünben, unb man 
mir bann bie ©c^ulb baoon jufc^riebe. Senn was bie Stnftd^ten 
betrifft, bie burd^auS bie meinigen fmb, fo entfd^ulbige i^ nid^t 
i^re SReul^eit, ba man, i^re Orünbe rid^tig erwogen, fte ol^ne Stoeifel 
fo einfa^ unb mit bem gefunben SSerflanbe fo übereinftimmenb 
flnben wirb, ba| fte weniger ungcWbl^ntid^ unb feltfom erfd^einen 
werben, atS irgenb anbete, bie man über biefetben 3Raterien ^aben 
fann, unb id^ rü^me mid^ gar nid^t, fte juerft gefunben ju ^ben, 
wol^t aber, bafe id^ fie angenommen ^abe, webet weit fte Stnbere 
gefagt, nod^ weil fte finbere nid^t gefagt ^ben, fonbern nur weil 
bie SSernunft mit^ baoon überjeugt l^at. 

Sßenn bie ,§anbwerfer bie in ber Dioptrif auSeinanbergefe^te 
6rfinbung nic^t fogteie^ auSfül^ren fönnen , fo barf man, glaube 
ic^ , be6mb nid^t fagen , fie fei fd^ted^t. S)enn ba ©efd^itf unb 
gertigfeit bap gel^brt , um bie oon mir befd^riebenen Stafd^inen 
p ma^en unb einprid^ten, o^ne bafe ein Umftanb babei fe^lt, fo 
würbe i(^ mid^ ebenfo fe!^r Wunbern, wenn fte beim erften SSerfud^ ' 
gelängen, atS wenn 3emanb in einem Sage lernen fbnnte, bie Saute 


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»ortrefpic^ ju fpielen, fclop babutc^, bap man i^m eine gute SEabu» 
latur gegeben. Unb wenn ic^ franjüfifc^, bie ©pracbc meines 
Sanbes, lieber ats lateinifd^, bie ®}>ra(|e meiner Seigrer, fc^reibe, 
fü gefc^ie^t eS, meü icb ^i'pe, baß biejenigen , bie i^re natürliche, 
ganj reine Siernunft braudjen, beffer »on meinen Stnfichten urthei= 
len merben , als bie, melche nur ben Büchern ber Sllten glauben ; 
unb mas jene betrifft , bie ben gefunben 3?erftanb mit bem ©tu- 
bium pcrbinben, meiere allein ich P Dtichtern münfehe, fo wer= 
ben fie, ich beffen gemip, nicht fo ^>arteii|ch für baS 2atein fein, 
baß fie meine ®rünbe beßhalb ju hbren ablehnen, Weil ich fie in 
ber Soltsfprache entioicfle. 

UebrigenS mitt ich hi^i' im ßinjelnen bon ben 5ort= 
fchritten reben, bie ich •« Sutunft in ben Sffiißenfchaften ju machen 
hoffe, noch <">bh gegen baS 'publicum mich in irgenb ein SBerfpre- 
chen einlaffen, baS ich nicht ficher bin ju erfüllen; fonbern ich '»fbbe 
nur fagen, baß ich entfchloffen bin, bie noch übrige ^c't meines 
Cebens bloß barauf ju »enoenben, mir einige 9latur!enntniß ber 
Slrt JU ermerben, baß fich barauS gemiffere Siegeln für bie 9Äebi= 
ein geminnen laßen, als bie man bis je|t gehabt, unb baß meine 
Steigung mich anberen ßStänen, namentlich bon folchen, 

bie ben ©inen nur nüfeen fönnen, inbem fie ben Stnberen fchaben, 
fo fehr entfernt, baß, menn mich irgenb ein Slnlaß in biefe Stich' 
tung nöthigte , ich »"'r feine gähigleit jutraue , h>rr mit ©rfolg 
thätig JU fein. Darüber gebe i^ h'^r eine ößentliche ©rflärung, 
bon ber ich "^bhl weiß, baß fte nicht angethan ift, um mich ber 
ffielt angefehen ju machen, aber ich habe auch Sar feine 8uft, eS ju 
fein, unb ich merbe mich benen, burch bereu ®unft ich ungeftbrt meine 
SRuße genieße, ftetS für berppichteter halten, als ich r® benen märe, 
bie mir bie ehrenbollften Slemter ber ©rbe anbbten. 


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S5etrtt(^t«ttj^ctt «Bcc bic 

Sas Hoffln ©ottfö unb ber ICnferft^ieb jroifditn 
S«U unb jßötper. 


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I 

I 

I 

1 

i 

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S) e r 3 >» e i f f t- 


@c^on oor geraumer 3c't bemcrft, mie »iel Salfc^eg 

ic^ »on .«infcfjeit an ala ma^r ^abe gelten lajjen, unb mie un= 
freier 31[teg ift, mag |>äter barauf gegrünbet; mie barum 3tUeg 
einmal im geben »on @runb auS erfc^üttert unb bie Sad)e mieber 
einmal ganj »on »orn ongefangen merben müjfe, menn man über= 
^aupt motle, bafe in ben SBiffenfe^aften etmab Sefteb uub Xauern- 
beg ju ©tanbe fomme. 3nbeffen bie 3lufgabe erfd)ien mir überaug 
gro^, unb fo ^be ic^ in meinem geben jeneg »olltommen reife 
Silier abgemartet, bag am beften unb beffer alg jebeg fpätere ftc^ 
ju einer folc^en miffenfc^aftli^en Unternehmung eignet. Darum h^be 
ich fo lange gejbgert, bafe i<h jegt gerabep eine ©dhulb auf midh 
laben mürbe, mollte ich ^ng übrige geben, in bem idh noch thatig 
fein tann, mit bloßen fermügungen h*nbringen. 

Die ©egenmart ift mir günftig. 3<h ^nbe mein ©emüth be= 
freit »on allen Sorgen, h«6» eine ungeftorte SRufee gemonnen, lebe 
einfam in ber ßinfamfeit unb merbe mich nun ganj mit ernftem 
unb freiem ®eift meiner Stufgabe hingeben: biefem umfaffenben 
unb grünblichen Umfturj aßer meiner bigher gehegten Ueber= 
jeugungen. 


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74 


»erbe be^^alb nic^t ju betüeifen brauchen, bafe aüe meine 
Slnfic^tcn falfd^ finb; eb tonnte fein, bafe ic^ eb ni(^t einmal oer- 
möchte; aber »ernünftiger SBeife wirb Sebcrmann fi^ ebenfo forg= 
fällig lauten, bab Unfi^ere unb 3i»eifel|afte beifällig anjune^men, 
alb bab offenbar Salfd^e. Um alfo bie l^erfbmmlic^en Ueberjeu» 
gungen fämmtlic^ »on mir ju tocifen , brauche id^ nid^tb alb in 
jeber berfelben einen ®runb jum Zweifel Ju flnben. 

Unb eb ift JU biefem ^toedte nic^t nbl^ig, bafe id^ fie einjeln, 
SKeinung für SScinung, burd^nel^me ; bieb märe eine enblofe 5lrbeit. 
SBenn bie ©runblagen untergraben ftnb, fo fällt con felbft 3llleb 
mab barauf gebaut mar. ®arum mcrbc id^ fogleic^ bie ®runb^ 
lagen angreifen, worauf fid^ alle meine frül^ere Ueberjeugungen 
ftü^ten. 

Sßab ic^ nämlic^ bib ju biefem Slugenblidt am fic^erften ge> 
glaubt unb für wa^r gel^alten l^abe , bab l^atte id^ oon ben 
©innen ober burd^ beren aSermittlung empfangen. 9lun aber 
l^abe id^ in manchen gätlen bie ©inne auf Säufd^ungen ertappt. 
Unb eb märe fe^r unoorfid^tig , benen oolltommen ju trauen, bie 
unb aud^ nur einmal getäufc^t ^ben. 

3nbeffen, tonnte man einmenben, mag eb aud^ fein, baß bie 
©inne bei tleinen unb entfernteren ®egenftänben bibmeilen täu’ 
fd^en, fo ift bo(^ jebenfallb ber größte SE^eil ber fämmtllc^en SBal^r* 
ne^mungen über allen 3t®ctfcl erl^aben, mie j. ®., baß id^ i^ier 
an biefem Drte bin, am Dfen fiße, meinen SUintermantel an^be, 
biefeb Rapier oor mir mit $änben betafte, unb mab bergleid^en 
me^r ift. SBie tann id^ jmeifeln, baß biefe ^änbe meine Jgänbe, 
bicfer Äbrper inbgefammt mein Äbrper ift ? 3d^ müßte mid^ benn 
mit jenen SSenüdtten oergleic^en, beren ®e^irn melan^olifd^ ber" 
büftert unb gleid^fam oon einer fljen 3bee befeßen ift, unb bie nun 
barauf befleißen, fte feien Sbnige, mä^rcnb fie Settler ftnb, ober fte 
feien im ßSurpur , mäl^renb fie nadtt finb , ober il^r Äopf fei »on 
Slipon, ober fte feien ganj unb gar Sürbiffe, ober feien aub ®lab u. f. m. 


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75 


S(6er bicfe Ceutc fmb finnloä, unb ic^ mürbe mal^nftnnig etfd^einen, 
roenn ic^ mic^ auf bereu ®eifpiel berufen mottte. 

3n ber Slle ob i(^ nic^t ein 3)ienfc^ loirre, ber ba 

9iac^t8 fc^Iaft unb im ©djlafe ganj biefetben Xinge erlebt unb ju- 
»eilen noc^ tceit unglaublichere, alb jene im SEBadhen! Unb loie 
oft erft träumt mir, mab ich tägli(^ erlebe, bafe ich h'^'' biefem 
Orte bin, mein Slleib anhabe, am Ofen fi^e, mährenb ich hoch ohne 
Sleiber im 93ette liege! Unb je^t blicfe ich auf biefeg Rapier, bab 
»ot mir liegt, mit oöllig machen Slugen, bemege biefen meinen topf, 
ber nicht oom ©chlafe betäubt ijl , ftrede bicfe meine ,ganb aub, 
oorfid^tig, mit ®emufetfein, unb fühle, baf? ich f'« aubftrecfe. Unb 
ganj baffelbe tbnnte mir nicht ebenfo bcutlich im Schlafe begeg» 
ncn? 3dh erinnere mich ja ganj genau, ba^ ich oon ähnlichen 
SSorftellungen im Sraurac getäufcht morben bin. Unb menn idh mir 
bie Sache forgfältig überlege, fo finbe ich nicht ein 5Jierlmal, 
um bab Aachen oom Schlafe fuher ju untcrfdjeiben. So fehv 
gleichen fich bcibe , bafe idh ganj unb gar ftu|ig metbe unb ni^t 
meife, ob ich nicht in biefem 3lugenbtirf fchlafe. 

Se^en mir alfo ben Saü , bafe mir träumen , unb bafe alle 
jene angeführte föinjelnheiten nicht mahr finb; eb fei nicht mahr, 
bafe mir bie ?lugcn offen haben , ben topf bcmegen , bie ^änbc 
augflveden , ja eg* fei nicht einmal mahr , bafe mir folch« .§änbc, 
unb überhaupt einen folchcn törper haben : fo muffen mir hoch be=^ 
(ennen, bafe äße biefe Objecte im Schlafe mie Silber erfcheincn, 
bie nur nach Slafegabe mirflicher 3Mnge gemalt mcrben 
fonnten , unb ba^ jum menigften biefe aßgemeinen Dinge , mie 
Säugen , topf , Jgänbe , ber gcfammte tbrper , nicht blo^ in 
ber (sinbilbung, fonbcrn mirflich cjiftiren. tbnncn hoch felbft 
bie ^ialer , auch f>® ©irenen unb Satpre in ben aßerfclt- 
famften Sormen barfteßcn moßen, biefe Sigurcn nicht Icbiglich aug 
ber Suft greifen, fonbern fte mifchcn nur oon pcrfchiebcnen lebcn= 
ben SBefcn bie ©lieber burdbcinanber, ja fogar menn fie ctmag nie 


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76 


I)ageroefcne8, in feiner Strt ©injigeg erflnben, bo8 üofffommen ein» 
gebilbet unb untoirtlic^ ift, fo müffen boc^ wenigjienä bie garben, 
au8 benen bie ©ompofition befielt, wal^r fein. Unb äl^nlid^ ber» 

e8 fic^ mit Gingen, Sopf, .§anben unb bergteic^en Dingen. Sluc^ 
wenn e8 möglid^ »»äre, bafe fie bIo& in ber ©inbilbung eiiftirten, 
fo müßten bo^ not^toenbig bie einfachen unb allgemeinen ßtemente 
loal^r fein, au8 benen, loie au8 ben mirflid^en garben, olle bie 
oorgefteHten Silber ber Dinge, fie feien nun tool^r ober falfd^, ju» 
fammengefe|t morben. Stib fol^e ©lemente erfc^einen bie fbrper» 
lic^e 9latur im Sltlgcmeinen, beten 9tu8bel^nung, ebenfo bie ©eftatt 
beb Stubgebe^nten, ebenfo bie Ouantitüt ober beren ®rb^e unb 
ebenfo ber Ort, loo pe fiub, unb bie iljtcr Dauer, unb mab 
berglcirf)en mc'^r ift. Unb fo lic^e fic^ oon l^ier aub fc^Iie^en, bafe 
mo^l S^bfit, 3lftronomie, Slebicin unb bie übrigen SBiffenfe^aften 
aüe, bie oon ber Setrac^tung ber jufammengefeßten äßefen ab» 
^ngen, jioeifet^aft feien, bagegen Slrit^metif, ©eometrie unb ä§n» 
lii^e SBiffenfi^often, bie nur oon ben einfad^ften unb aÜgemeinjlen 
Objecten ^anbeln unb fid^ gar nic^t barum fümmern, ob i^re Ob» 
jecte in bet fflirflit^fcit ejiftiren ober nid^t, etmab ©ic^ereb unb 
ijrceifeüofeb enthalten. Denn ob id^ madje ober fdjtafe, unter aüen 
Umftänben ift 2 + 3 = 5, unter aßen Umftänben ^t bab Oua» 
brat nie me^r alb oicr ©eiten, unb eb ift gerobeju unmbglid^, baß 
biefc burc^fid^tigen 3Ba^r!^eiten jematb in ben SBerbad^t, falfe^ ju 
fein, gerot^en fonnen. 

3tber ba ift oon Sltterb ^er meinem @eijl ber ®laube einge^ 
prögt, eb fei ein ®ott, ber Stlleb oermoge, unb beffen ®efd^bpf id^ 
bin, fo ioie id^ ba ejiftire. SBo^er nun toeiß id^, baß biefer ®ott 
nic^t etma fo eb gefügt ^abe, baß in Sßa^r^eit feine ßrbe, fein 
Jgimmel, fein Körper, feine ®eftalt, feine ®tbße, fein Ort ejiftirt, 
unb bo^ aße biefe Dinge mir, fo loie eb jeßt ber gaß ift, baju» 
fein fi^einen'd Daß aifo, loie na<^ meinem Urtl^eil 9lnbere in 
Dingen, bie fie ganj oortrefflicü ju mißen meinen, irren, aud^ i^ 


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77 


mid^ täufd^e, fo oft fd^ 2 unb 3 fummire ober bie ©eiten eine» 
Quabrat» jä’^te ober noc^ irgenb eine leid^tere ©ac^e, (»oenn Sei(^« 
tere» mbgtid^ toäre) oorftelte? 

3(ber oietteic^t l^at @ctt gar nic^t geiooKt, ba| ic^ in fotd^er 
®eife getaufc^t »erbe; er Reifet ja ber Sttigütigc ! Dod) »enn @ott 
bei feiner ®üte unmöglich mic^ fo ^at fc^affen tonnen , baj; tc^ 
jlet» irre, fo ^ätte eben biefe @üte au(^ nic^t juiaffen bürfen, 
bafe ic^ bibhjeiten irre, unb ba» Sc^tere ift boc^ entfd^ieben 
ber Saß. 

3nbejfen giebt eö oieüeic^t 3Rond^e, bie an einen fo aümac^» 
tigen ®ott lieber nid^t glauben at» an bie Unfic^ert>eit aöer übrU 
gen Dinge glauben »oüen. 6» fei! 3Bir »oüen nic^t »iberfpre^ 
c^en, »ir »ollen bie ganje £l)ecrie oon ®ott als eine fälfc^lic^e 
preiegeben; man möge im ©egcnt^cil anne^men , baf; »ir burd^ 
©c^icffal ober 3'ifall fbfr burc^ bie 9?aturnotl)»enbigteit ber Dinge 
ober auf irgenb einem anberen SBege ge»orben fmb »as »ir ftnb. 
Ddufc^ung unb 3rrtl)um ftnb immer 93?angel unb UnooUfommen» 
t>eit. 3e »eniger nun ein allmächtiger Urheber meines DafeinS 
gelten foll , um fo »ahrfcheinlicher »irb meine eigene Unoolt» 
fommenhcit fo groß fein, bafe i^ fortmähvenb im 3rrthum bC’ 
fangen bin. 

SlBaS fann ich gegen biefe ®rünbe aufbringen? 3ch 
fte ju entfräften. 3dh bin am ßnbe ju bem offenen ®etenntnife 
genbthigt, bafe an Slllem, bas idh früher glaubte, ge« 
j»eifelt »erben bürfe, nicht aus Unbebachtfamteit ober Reicht« 
flnn, nein! aus ge»ichtigen unb »ohlüberlegten ©rünben; baft mit- 
hin, »enn eS mir überhaupt in et»aS um Sßahrheit ?u thun ift, 
ich ebenfo forgföltig hüten »erbe, bas Unftchere als baS offen« 
bar Salfdhe beifällig anjunehmen. 

3nbeffen, es ift bei »eitern nidht genug, biefe 9?cth»enbigteit 
bemerft ju w*“! biefelbe fich immer oon ffleuem 


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78 


irieber i'ergegcntvärtigcn. 1)enn immer mieber fc'^ren bie einge^ 
lebten Weinungen priicf, immer »ieber neunten fie ben leic^tgläu’ 
bigen ©inn gefangen , ber mie burc^ Serjä^rung unb .gauSrec^t 
i^nen untert^an ift ; unmitlTürIi(^ fe’^ren fic miir ioieber, unb ib^ 
tann eb mir nidjt obgem&l^nen, biefen Slorftellungen beijuftimmen 
unb ju i'evtrnuen. Obf^i'ii ic^ me^l mei^ , »ie jmeifet^aft fie 
finb, fo fc^einen fie bod^ fo ma^r, bafe mon nernünftigermeife lieber 
baran glaubt, alb fie in Öbrebe ftellt. 

T'arum ^alte ib^ eb für mib^tig , fp ju »erfahren. 3<^ gebe 
meinem üßillen bie gerobe entgegengefe|te Mib^tung auf bie ©efa'^r 
|in, auc^ bamit ju irren. 3d) mill uorläufig alle meine gemeinten 
Weinungen für i'oUtommen falfd) unb blt'fie ©efc^bpfe ber Sinbil» 
bung Italien , bib am @nbe auf beiben ©eiten ber Sffiagfb^ale bie 
©emib^te ber 9?prurt§eile gleie^ fmb, unb nun leine fb^iefe ®e» 
mo^n^eit me^r mein Urt^eil non ber richtigen SBal^rnel^mung ber 
Dinge ablenft. 3c^ weife, bafe baraub Weber @efa^r no(^ 3vrt^um 
erwäb^ft , ib^ braub^c mib^ nib^t ju fb^euen nor einem Uebermafe 
beb Wifetrauenb, ba ib^ eb "^ier nib^t mit prattifb^en, fonbern blofe 
mit t^eoretife^en 3luf gaben ju t^un "^abe. 

©0 loitl ib^ benn annel^men, bafe nib^t ber allgütige ®ott bie 
Quelle ber SBa^rl^cit fei, fonbern irgenb ein bbfer unb jugleic^ fel^r 
mächtiger unb liftiger Dämon , ber alle feine Stunft baran gefegt 
^abe , mib^ in 3rrt^um ju ftürjen. 3b^ will meinen , Jgimmel, 
Suft, ®rbe, fjarben, gönnen, Dbne unb ?tlleb, Wab ib^ aufeer mir 
mal)rne^me, feien Drugbilber ber Dräume, mit benen jener böfe 
®eift meiner Seib^tgläubigteit na^ftetlt. 3b^ Will mie^ felbft fo 
betrachten , alb ob ich Weber Stugen noch glf'f<h 
irgenb einen ©inn in SBahrheit, fonbern alle biefe Dinge nur in 
ber Sinbilbung 3bh will in biefer iPetrabhtungbWeife bc= 

harrlibh bleiben unb mibh befefligen. 3ft eb bann nicht in meiner 
Wabht, bie Wahrheit ju erlennen , fo Werbe i^ bobh im ©tonbe 
fein, mich sor bem 3nthum ju hüten ; ich 9^9^" K'wn 9ügen= 


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79 


geift bie ©tirn ergeben, unb, er fei noeb fo mächtig unb nod) fo 
ft^lau, erfüll mi(^ nid^t überroäitigen ! 

ift e« ein mü^eüoiieg SBerf, ba« ic^ üor^abe. T’ie 
Sräg^eit fü^rt mic^ jur alten @en?o^n'^eit be® geben® immer 
mieber jurücf, unb mie ein Öiefangener, ber fic^ im SIraume einer 
cingebilbeten greifieit erfreute, ftc^ fc^eut ju ermac^en, Wenn er ju 
merfen anfängt, bafi er fd^läft, unb bie n?ol^lt§ätigen Jlraumbilber 
fo lange al® möglich gemäl^ren lä^t, — fo bliefe id^ unmitltürlid^ 
ijurüd in bie alten SBorftellungen unb fürd^te aufjuload^en; id^ 
fünfte ba® arbeitboolle SBac^en, ba® auf ben fanften ©d^laf fol» 
gen »irb unb nic^t in gellem gic^t, fonbern in ben unburc^bring» 
li(^cn Sinfterniffen fc^on erregter ^meifel nun in ^ufunft l^inge» 
lebt fein will. 


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3 weite ^etrac^tiin^ 


Der menf(i^tic^e ®eift. 

©eine 9Jatur ijt leidster crfennbar a(8 bie forpetlic^e. 


9)teine geflrigcn SBetrac^tiingen l^aben mid^ in fc gewaltige 
Zweifel gc|'tür)it, bafe id^ mic^ berfelben nii^^t me^>r entfd^Iagen 
fann unb bcc^ auc^ nid)t fe^e, wie fie ju l&fen ftnb. 3c^ bin wie 
pU'lücb in einen tiefen ©trubel ^inabgefc^leubert unb fo in 3Bir= 
belbewegung gerätsen, boj? ic| Weber auf bem ®runbe feften Sufi 
faffen no^ auf bie Oberfläche emborfchwimmen Tann. Doch ich 
will midh arbeiten unb wieber benfclben 2ßeg berfuchen, 

auf bem ich gcftern 

aub bem SBege ft^affen, wab audh nur ben minbejlen Zweifel Ju» 
läfet; ich b5ill genau fo honbeln, alb ob ich wüfetc, bafe eb gänj= 
lieh JoUth ffi- borwärtb bringen , bib ich etwab 

©ewiffeb ertenne, unb wäre eb auch nur bie ©ewifihf*^ ^“6 
nichtb ©ewiffeb giebt. üßur einen ißunft, ber feft unb unbe=^ 
Weglich wäre, forberte Slrdhimebeb, um bie grbe aub ihren Singeln 
JU hcl>bn. Sluch wir bürfen ®rofeeb hoffen , n>enn auch nur bab 

Sleinfle gefunben ift, bab r>(heo nnb unerf(i)ütterlidh feftfteht. « 

SSun nehme idh an , bah nUeS, Wab ich fehe , falfch ift *, ich 

glaube, baff ton all ben Dingen, bie eine lügenhafte grinnerung 

mir oergegenwärtigt, teineb jemalb ejijlirt hnl>e; ich ^''n ohne jeg» 
liehen ©inn; Sbrper, ®eftalt, Slubbehnung, Bewegung unb Ort 


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81 


jinb blofee ©l^imoren, — »aS dfo foH nc(^ tva^r fein? 3Jiel= 
leidet btefeg 6tne, bafe 9?id^t8 h5a|r ift. 

3(ber giebt e8 benn nid^t etroaS uon ben angeführten 2?ingen 
SSerfchiebene?, baS ju bezweifeln fich nicht bie minbefte ®bglicbfeit 
bietet? 3(1 etwa ein ®c^tt, ober wie ich 5S?efen fenft 
nennen foll, ber mir biefe ©ebanfen h'er eingiebt? Sßarum aber 
fpö ich glauben, ba i^ hoch Mf*(l tueh^ Urheber fein 

fann? 31tfo bin ich toch Wenigfteng etwas? Stber ich h^^c ja er= 
Hört, ba^ ich Sinne nech einen Si'r)jer h'ibe. Tech h^ilt! 
Sßie benn? S?in ich Sbrper unb Sinne bergeflalt gefeffelt, 
bafe ich ‘^h*'f biefelben nicht fein fann? 3ch h^^^ angenc^mmen, 
bafe gar 9JichtS in ber SBelt ift, fein ^iminef, feine Grbe, feine 
©eijfer, feine Serper, aifo bodh Wol;! auch nicht! 3m ®egen=> 
theil, nein, idh war ganz gewife, wenn ich 91nnahme machte! 

Slber ba ift ja ich weife ni^t welker h^ft mächtige, hi-'ihfl 
liftige fiügengeift, ber mich abft^Uich fortwährenb täufd)t. aBenn 
er mich täufcht, fo ift e8 ja flar, bafe ich ba bin. ®r tdufche 
mich, nermag, hoch Wirb er niemals ma^en femnen, bafe, 

fo lange ich ^f^fe, bafe etwas ijl, ich felbft nicht fei. Unb fo 
fomme ich, nachbem ich Wieber unb Wieber erwogen h^ibe zu 
biefer ©rflärung, bie feftfteht: ber Sa|: „i^ bin, ich ejiftire", 
in bem 31ugenblicf, wo ich *h>t auSfpre^e ober benfe, ifl 
nothwenbig wahr. 

9Joch aber fehe ich Wfr ich unb ich mufe mich 

Wohl in Sicht nehmen, ooreilig etwas SlnbereS an meine Stelle zu 
fefeen unb bamit wieber eine falfche Diiehtung zu nehmen in bem 
®ebanfen, ber nach meinem Sage ber gewiffefte unb einleucbtenbfle 
ifl. ®arum will ich 9leuem bebenfen , wofür idh mein SBefen 
früher gehalten hu6f, 6eöor ich ^meifel gerathen war, 

unb baoon will i^ SlHeS, auch baS Sleinfte, baS aus ben äuge» 
führten ®rünben bezweifelt werben fann, abziehen, fo bafe am ®nbe 


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82 


atä genouer 5Rcft bag aöein übrig bldbt, icab* getpife unb uner» 

aBp(ür alfo ^abe ic^ mid^ c^ebcm gehalten? gür einen ®?en= 
f(^en natürlich. 3lber »aä iji benn 9)ienfci)? ©o(I id) etwa 
fügen, er ift ein PernünftigeS Stl^ier? 3c^ »erbe mic^ »cl)i 
’^üten, benn mü^te fogleid^ »eiter fragen: »aä iftS^^ier? »ü3 
ift Pernünftig? Unb fp »ürbc ic^ auS einer grage in me^r unb 
fc^limmere gerütten, unb id^ l^abe nic^t öfnug, um mit ber^ 

gleichen ©riibeleien meine ÜJiu^e ju perfd^menben. 

93ieimel^r »iit id^ nur barauf achten, »os für iBorfteltungen 
unmitttürti^ unb naturgemäß fic^ mir aufbrängten, fo pft ic^ ba= 
rüber nad^bad^tc , »aä ii'^ eigentlid^ fei. ®a tarn mir benn un» 
»iüfürlid^ juerft bie Sßorfteüung , ba| id^ ©efic^t, -gänbe, Strme, 
mit einem Sßorte biefe ganje ©liebermafc^ine ^abe , »ie man fic 
üue^ am Seid^nam fte^t, unb bie id^ mit bem ÜiBortc itorper be* 
jeic^nete. 2)ann fam mir bie j»eite SBorjleüung, ba| id^ mid^ er= 
nä^rc, geV/ enipünbe unb benle. Sitte biefe Sl^ätigfeiten führte 
id^ auf bie ©eete jurüdt, aber »ab benn biefe ©eete nun eigenU 
tid^ fei, baä blieb mir entmeber Perborgen ober id^ bitbetc mir ein, 
fie fei irgenb ein feiner ©toff, id^ »ei& nid^t »a§ für einer, »ie 
Suft^aud^ ober fjeuer ober Stet^er, unb fei in bie bid^teren ©toffe 
gleid^fam "^ineingegoffen. SBab bagegen ben Sbrßer betrifft , fo 
l^atte id^ nid^t bie minbejteii SBebenten, fonbern meinte, beffen 3Be= 
fen ganj genau ju tennen, unb »enn id^ baffelbe meiner 3Sorftcl= 
tung gemä^ ju befd^reiben Perfudbt ptte, fo »ürbe id^ mid^ et»a 
fo auggebrüdtt i^aben: „unter jtbrß er berftel^e ic^ SttteS »ag fä^ig 
ift, ftgürlid^ begrenjt, brtlid^ umfd^ricben ju »erben, feinen üiaum 
bergcjlalt ju erfütten|, bafe c8 Pon bemfetben jeben anberen Sorßer 
ouäfd^Iiefet, burd^ ®cfül^t, ©efid^t, ®el^&r, ©efd^madf, ®erud^ »a'^r« 
genommen unb auf me'^rfad^e SBeife be»egt ju »erben, nid^t auä 
eigenem aSermbgen, fonbern Pon Stufen burc^ bie iöerü^rung mit 
einem anberen Körper," 3?enn baä ajermbgen, fid^ fetbft ju be= 


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83 


tregen, ju empfinbcn unb gar ju beuten, tonnte meiner SJteinung 
nad) in teiner ffleife jur 9tatur beS Sbrperä gel^bren. 3a , id^ 
war ganj erjtaunt , foli^e Sermbgen mirtlic^ bei einigen JStbrpern 
ju finben. 

3e|t aber, too ic^ anne^me, irgenb ein I)bd^ft mad^tiger unb, 
menn ic^ fo fagen barf, bobl^after Sügengeift l^abe gefliffcntlid^ 
fid^ bie ^ü^e gegeben, mic^ in 3tt(ein, fo meit er tonnte, ju täu= 
fc^en, — toie barf td^ je|t noc^ bel^aubten, ba& irgenb eines unb 
märe eS baS geringfte »on atten eben aufgefü^rten 9J?ertma(cn ber 
tbrbertid^en 9tatur mir jutbmmt? 3<^ fc^e äu, bente, erlcäge, finbe 
nichts unb ermübe bei ber oergeblid)en Süieberl)otung. 

Unb mie beritt c8 fid^ mit jenen SE^ätigteiten , bie id^ ber 
©eelc äufc^rieb, mie 3. ®. fidj ernähren ober ge^en? SBenn fd^on mein 
fbrpertid^eä ©ein ©inbitbung ift, fo ftnb audi) biefe S^ätigteiten 
btofec ßinbitbungen. Unb baS (Smpftnbcn? 9tuc^ biefeS ift ja o^^ne 
Stl'rt>et nid^t mbgtid^. Unb im Traume meine id^, SBieteS ju enu 
Ijfinben, maS id^, mie bie fpätere (Sinftc^t jeigt, nie em)>funben 
Ijiabe. 6nbtic|, mie ftet)t e8 mit bem Renten? 

^ier finbe id^: baS Renten ift; ba§ Denfen allein 
fann bon meinem SKefen nic^t abgetrennt merben; i^ 
bin, id^ ejiftire: biefer ©a| ift gemiß. 

Slber mie meit rei^t biefe ®emifil)eit? ©ie reii^t fo meit als 
mein Renten. 6S tbnnte fein , bafe mit bem Deuten aud^ mein 
©ein bollftänbig auf^ort. 68 tbnnte fein! 3efet laffc i<^ nid^t8 
gelten, al8 ma8 not^menbig ma^r ift. Stlfo id^ bin ftreng genom= 
men ein bentenbeS SBefen, b. l). ®eift ober ©eele ober SBer» 
ftanb ober SSernunft; lauter Sßorte, bie cl^ebem für mid^ nur fflorte 
bon unbefannter ©ebeutung maren. 3<!^ bin ein mirtlid^e 8 
Sffiefen, mal^rl^aft eiiflircnb. ?lber mas für ein SBefen? 3d^ 
l^abe e8 gefagt: ein bentenbe 8. 

3BaS foll ic^ mir anbere 6inbilbungen mailen? 3c^ bin nid^t 
jener ©lieberbau, ber mcnfc^lic^er Sbr)5er ^ei^t, aui^ nid)t jener 

6 * 


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84 


feine ben ©liebem einge^au^te £uft(loff, n^t äSinb, nib^t geuer, 
nid^t Dunft, ni^t ^au^, nic^t® bon aßc bem, »a® ic^ mir ein.” 
gebilbeter SBeife »orfietle. 3d^ ^bc ja angenommen, bafe aBe biefe 
Dinge ni^t in 3Ba^rl)eit ftnb. Diefe Slnna^me bleibt. Drog 
berfclben bin ic^ boc^ etwa®. 

Slber Tonnte eä nic^t etma bei gaB fein, bafe aBe biefe Dinge, 
oon benen ici^ annel^me, fte fmb nic^t, toeil fte mit nic^t befannt 
finb, ba^ fie in SBa^r^eit »on meinem mir belannten Süefen 
nic^t unterfc^eiben? 3d^ toei^ e® ni^t , ic^ beftreite e® nic^t, ic^ 
urt^eile nur oon bem, »a® ic^ meife ; id^ weiß, ba& i^ eiiftire, 
ic^ frage weiter, al® wa® ic^ ejiftire, wa® i^ bin, ber id^ Weig, 
bafe ic^ bin? Unmbglid^ offenbar tann bie Senntnife einer ©liftenj, 
bie gewife ift, oon fbld^en Dingen ab^ngen, beren 6ii|lenj nid^t 
gewi& ift, alfo aud^ nic^t oon fold^en Dingen, bie id^ burd^ bie 
©inbilbung geftalte. 

Diefe® IDSort: „ic^ geftalte" ma^nt mid^ an meinen 3rr=> 
tf)um, benu in ber D^at, id^ würbe gefl alten. Wenn id^ mir ein» 
bilbete, biefe® ober jene® ju fein, ßinbilben l^ei^t ja nid^t® anbe» 
re®, al® gorm ober ®ilb eine® törperlic^en Sßefen® oorfteBen. 9?un 
weife id^ ja gewife, bafe id^ bin, weife, bafe moglic^crweife aBe jene 
Silber unb übeil^aupt SlBe®, wa® törperlid^er 9?atur ift, blofee Draum» 
geftalten finb. Unb wenn id^ bie® weife unb nun fage; „id^ wiB 
burc^ bie ©inbilbung oetfud^en, mein äBefen beutlit^er ju erlennen", 
— ift ba® nic^t ebenfo ungereimt, al® Wenn id^ fagen woBte: „id^ 
bin }war fd^on erwad^t unb fe|e f(^on etwa®, ba® wa^rl^aft ift, 
aber weil ic^ c® noc| nid^t l^eB genug fel^e, fo WiB id^ fud^en wie» 
bet einjuf(^lafen, bamit e® mir im Draume wal^rer unb einteuc^» 
tenber erfc^eine? 

Unb fo erfenne id^, bafe mir bie (Jinbilbung®fraft gar nichts 
Reifen lann jur Senntnife meiner felbft, bafe idfe oon aBem einge» 
bilbeten Bßcfen meinen ®eift mit ber grbfeten Sorgfalt abjie^en 
mufe, bamit et feine Statur felbft fo beutlic^ al® mbgli^ wa^rnimmt. 


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85 


SQßaS dfo Bin id^? 6 tn benfenbeS SOßefen. ?Ba 8 ifl baS? 
gin SEBefen, »eld^eS jweifett, einfiel^t, beja'^t, bcrneint, ni($t 
»itl, aud^ einbitbet unb empflnbet. 

3n ber Sl^at, bag ifl »iet auf einmal, wenn Stiteg biefeg 51 t 
meinem SBefen jagten foll. SBarum fotite eg nid^t ba^u jagten? 
93in id^ eg benn nid^t felbfl , ber ic^ ja faft Sllleg bejmeifle, ber 
i(^ bod^ etmag einfel^e, ber id^ bejal^e, bafe biefeg Sine mal^r^aft 
ijl , unb bemeine alleg Stnbere , ber id^ mb^r ertennen »iti , bie 
3;äufc^ung nid^t witt, ber id^ unfreiwillig mir biefeg ober jeneg ein« 
bitbe, biefeg unb jeneg atg oon ben ©innen l^erfommenb wa!^r« 
nel^me ? 

©etbjl jugegeben, ba& i^ immer fc^Iafe ; |ugegeben, bafe mein 
©d^öpfer, fo biet er bermag, mid^ fortwä^renb tauftet; bod^ ftnb 
alle jene S^ätigfeiten ebenfo wa^r, atg mein eigeneg ©ein , bod^ 
Ibnnen fie bon meinem Denfen nic^t unterf(^ieben, bon mir felbjt 
ni(^t abgetrennt werben. 

Denn baß id^ bin, ber id^ J weifte, einfel^e, Witt u. f. f., bag 
ijl fo offenbar unb l^anbgreiflid^, baß eg burd^ nid^tg in ber SEBett 
einteuc^tenber barget^n werben tann. Sbenfo bin ic^, ber id^ mir 
bieg ober jeneg einbitbe, unb wenn aucfi, wie angenommen, bon 
bem, wag id^ mir einbitbe, in SEBa'^rl^eit nic^tg ejißirt, fo ejißirt 
bod^ in SBal^rl^eit mein Sinbitben unb mad^t einen D^eit meU 
neg Dentcng. Sbenfo bin i^ bod^, ber id^ empßnbe ober oermöge 
ber ©inne förpertic^e Dinge wo^rnel^me. 3(^ f«^e Sid^t, ^bre 
®eräufd^ , fü^te SOßärme ; bag Sttteg ift fatfd^ , benn id^ fd^tafe. 
9tber baß id^ ju fe^en, ju Igoren, warm ju werben mit einbitbe, 
bag fann nic^t fatfc^ fein, unb eben biefeg ©e^en, biefe iBorftet« 
tung ijl eigenttid^, wag man innre Smpftnbung nennt. Unb bieg 
iß genau genommen nid^tg Stnbereg, atg benten. 

Stug alten biefen Setrad^tungen beginne id^ mein fflefen um 
oieteg beffer 511 ertennen. Stber immer noe^ ^inbert mid^ Sineg. 
Sg fd^eint nämtid^ , unb i(^ fetbß tann biefen ©d^ein taum tog 


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86 


werben, baß bie f&r}jerli(ä^en SBefen, beren SBitber wir bentenb 
geflalten, unb welche bie ©inne fetbft ou8)>äl^en, boc^ um öieleä 
beuttid^er erfannt Werben, alö jene? »erborgene Sßefen in mir, bo8 
unter leine SSorfteltung {äÜt. gürWal^r eine feitfame ©ad^e, bofe 
bie Dinge, »on benen id^ fe^e, bafe fie unfreier, unbetannt, meinem 
SBefen fremb pnb, bennoc^ beutti(^er erfaßt Werben, alS ba8 äBa^re, 
ißefannte, furj atä id^ felbft im ©tanbe bin, mic^ felbft ju 
begreifen ! 

Dod^ ic^ fel^e, wie fu^ bie ©ac^e ber’^ätt. iKein Oeijt über» 
la&t ftc^ gern bem Srrt^um, unb eS faüt i§m fc^wer, ftd^ in ben 
Orenjen ber SSJa^rl^eit ju galten. Sßol^Ian, eS fei! Saffen Wir 
i^m noc^ einmal bie ^ügel fd^iefeen, um fie batb im ridjtigen SRo» 
ment wieber furj ju faffen unb it>n bann um fo leichter ju (enfen. 

SSetra^ten Wir atfo jene Dinge, bie, wie bie Seute meinen, 
»on alten bie beutlit^ften finb, nämlic^ bie tbrner, bie wir betaflen, 
felgen u. f. f. ; jwar nic^t bie Sbri>er im 3tt(gemeinen , benn bie 
allgemeinen SSorftettungen finb gewb^nlic^ fe^r unftar, fonbern 
einen beftimmten Äbrper im einzelnen Sali, j. ®. l^ier biefeg 
SBad^g; gan§ »or Surjem ift eS aug ber Jßonigfe^eibe gewannen 
Worben, nod^ ^at eg ben !eoniggefd^modf nid^t ganj berloren, nod^ 
enthält eg etwag »on bem Dufte ber ®tumen, aug benen eg ge» 
fammelt worben, feine fjarbc, gorm, ©rbfec liegen om Dage, eg 
ift l^art, lalt, tä^t ftc^ leidet anfojfen, unb mit bem Snbd^el ge» 
fd^tagen , giebt eg einen Don »on fid^; lurg eg l^at alte Eigen» 
fd^aften, bie ein tbrpcr braud^t, um fo beuttic^ atg mbglidb erlannt 
jU Werben. Stber fielf)e ba ! SBä^renb id^ rebe, lommt eg bem 
geuer na^e, eg »crlicrt ben 9left beg ©efc^madfg, ber Oerud^ »er» 
buftet , bie garbe änbert fi^ , bie gorm »erfd^winbet , bie ©rbfee 
Wädt>ft, eg wirb flüffig , Wirb l^eiß, läßt fid^ taum onfaffen, giebt 
gefd^lagen feinen Don mei^r »on fid^. Sleibt eg nod^ eben baffelbe 
303ad^g? Offenbar bleibt eg baffelbe, lein SRenfd^ zweifelt baron; 
feiner nimmt bie ©ad^e anberg. SBag alfo war eg benn in bem 


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R7 


SQJad^fe, baS fo beuttic^ crfaniü »urbc? Offenbar 9Jid^t8 Bcn bcm, 
mag ic^ mit bcn ©innen mal^rna'^m, benn 9tHeg, mag unter @e= 
fd^madt, ®erud^, ®efidi)t, ®cfü]^(, ®e'^or fiel, ^t »crdnbert; 
bag SBad^g ijt geblieben. Siedeicijt mar eg bag , mag ic^ je^t 
bente; i^ benfe nämlid^ , bafe bag 3ßad^g felbft feinegmcgg cinS 
mar mit jener ©iifee beg .^onigg, jenem ®eruc^ ber SBlumen, jener 
ffieifee, ncd^ aud^ mit jener fform unb jenem Jon , fonbern baß 
eg ein Sörper i|l , ber mir furj oorl^er auf bicfe , je^t auf eine 
anberc Slrt erf^eint. 3öag ijt nun ftreng genommen bag, mag 
i(^ fo oorfteUe? Sichten mir genau auf bic ©ac^e, entfernen mir 
3l(Icg , bag jum Sßad^g nic^t gc'^brt ; felgen mir ju , mag übrig 
bleibt? Offenbar nit^tg ?(nbercg, a(g ctmag 3tuggebel^ntcg, ®ieg» 
famcg, SSeränberlid^eg! SUag aber ifl bicfcg SSiegfame, SSer* 
änbcrlic^e? 3»^ fteCIe mir oor, baß bicfcg Sßad^g aug ber runbcn 
Sorm in bie »iercdige, aug biefer in bie breiedfige umgemanbelt 
merben fann. 3ß ob bieß ? Offenbar nid^t. 3)enn id^ fel^e mo^t, 
baß fot(^c Sormocronberungen ber Sorper unjä^Iige anncf>men 
fann , id^ fann biefe enblofe 9leif)e mit feiner SBorjledung bur^» 
laufen, affo fann ic^ biefen ^Begriff mit meiner SBorßetlung nic^t 
»ottjic'^en. 

Sffiag ift biefeg Sfuggcbel^nte? 3ß ctma aud^ feine 3fug- 
bcf>nung fetbft mir unbefannt? ©ie mirb größer, menn bag SBad^g 
flüfftg mirb, noc^ größer, menn eg gUi’^t, unb micber nod^ größer, 
menn bie .gi|e oerme^rt mirb. Sllfo mürbe id^ bon ber 9fatur beg 
SEBad^feg unrichtig urt^eilen , menn ic^ nid^t bafür ’^ielt , baß eg 
aud^ bcrmögc feiner Sfugbel^nung eine fo große üöfannigfaltigfett 
julößt, baß ic^ mit ber gaßunggfraft meiner aSorßetlung nid^t na^- 
fann. ©o bfeibt nic^tg übrig, otg baß ic^ jugebe: mag biefeg 
®ac^g l^ier ift , bag fann i(^ nid^t bor|Men , fonbern bloß 
benfen. 3c^ fage: biefeg SOßad^g ^ier, benn baß eg ßc^ mit 
bem SOiiac^g im SiHgemeinen fo ber'^ält, ift fiarer atg im einjet= 
neu Sad. 


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88 


2Üa6 afcer tji biefeä 2Bo(^6 l^ier, a.U Dbjiect Mofe beS Den» 
lenä? DJjenbar baffelbe, ba8 id^ fe^e, füllte, »otjietle, furj ba^ 
felbe, baä id) gteidj juerfl alä Bor^anben anna^m, ober, jbo8 n>ol^l 
ju bemerten ift, bie SBo^rne^mung beffelben ift ni^t bo8 ©e^en, 
Süllen, SBorftetten unb war eä nie , obWol^I e8 früher fo festen, 
fonbetn bfo^ bie geiftige (sinfic^t, bie entweber, wie Borger, unBoti» 
tommen unb unftar, ober, wie je^t, ttor unb beuttic^ fein tonn, 
je noc^bem i^ weniger ober me^r ouf feine wo^ren ®e[lanb» 
t^eiie oc^te. 

Dabei oerWunbere ic^ mid^ Wa^r^aft, wie leidet bod^ mein 
®eift fid) bem Svrt^um juneigt. Denn obwohl id^ bieS im ©titien 
unb ü^ne ju reben bebente, fo bleibe id^ bo^ glcid^ in ben äßor» 
ten fteden unb werbe oom ©prac^gebrauc^e beirrt. SBir })flegen 
nömlid^ ju fagen: Wir fe^en baä Iffiad^g, Wenn e8 Bor^nben ift, 
unb fagen nid^t: wir urt^ eilen au8 ber garte ober ber gigur, 
bafe e8 Bor^anben fei. . Unb fo ^ätte id^ gleid^ gefd^loffen , bafe 
wir bo8 Slüad^ä burd^ bo8 ©e|en be8 31uge8 unb nid^t lebigli^ 
burd^ bie föinfidjt bc8 ®eifte8 ertennen. Da fel^e id^ wie Bon un» 
gefü^r nu8 bem genfter 9)ienfd^en auf ber ©tra^e Borübergel^en, 
unb wie e8 nun bie ®ewol^n^eit mit fid^ bringt, fo fage id^ aud^ 
Bon ben ÜJienfd^en, wie oom SÖ3ad^8: id^ fel^e fte. 3ßa6 ober fe^e 
ic^ benn aufeer bie .güte unb Sleiber, unter benen aud^ $upt)en 
fteden tonnten? Da^ e8 5Dienfd^en ftnb, urt^eile id^. Unb fo 
faffe ic^, wa8 ic^ mit meinen Slugen ju fe^en wä^ne, lebiglid^ 
burc^ bie Urt^eil8fraft meines ®eifte8. 

Onbejfen ic^ fc^ame mid^ faft, ber i^ boc^ Weifer fein Will 
ais ber .Raufen, bafe mic^ bie IRebeweifen, weld^e oom Jgaufen l^er» 
rühren , bebentlid^ gemad^t l^aben. ga^ren wir olfo in unferem 
SBege fort unb fe^en wir ju, ob id^ bie Dtotur be8 SQJad^fe8 Boll» 
tommener unb beutlid^er begriff, wie ic^ e8 juerft betrad^tet unb 
gemeint ^be, baffclbe burc^ ben äußeren ©inn ober ben fogenann» 
ten gemeinen ^Äenfr^enoerftonb, b. i. bo8 Borfteltenbe Sermbgen, ju 


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89 


erlennen ober beffct je^t, nad^bem mit aller Sorgfalt unter« 
[ud^t ^abe, fotool^l »aa e« ift, al8 wie eg erfannt mirb. Die 
Sntfc^eibung ber Stage ^at nid^t ben minbeften SBa8 

mar benn in ber erften SSJa^rnel^mung ba8 Deutliche? 3Ba8 §ätte 
nic^t ebenfo gut, foüte man meinen, oon icbem D^ier »al^rgenom« 
men »erben fbnnen? Slber »enn id^ ba8 Sfßad^g »on feinen äu^e« 
ren gormen unterfc^cibe unb, nac^bem alle jQÜtten abgejogen, gleid^« 
fam in feinem nadtten SBefen betrad^te, fo ift j»ar in meinem 
Urt^eil- immer nod^ ber 3rrt^um m&glid^, aber id^ fann bc(^ ba8 
Ding in feiner SBa^r^eit o^ne ben menfd^lic^en @eijl nic^t begreifen. 

Sßa8 foB id^ oon biefem ®eijle ober oon mir felbfl urtl^eilen, 
benn ic^ laffe in mir nichts anbereS gelten al8 ®eift. 3d^, ber 
id^ biefeg ffiad^S ^ier fo beutlid^ ju erlennen meine, id^ follte 
nid^t mid^ felbft nid^t blo8 bei »eitern »a^rer unb ge»iffer, 
fonbern aud^ bei »eitern beutlic^er unb einleud^tenber erfen« 
nen? Denn »enn id^ urt^eile, ba8 SBad^8 ejijtirt, »eit id^ e8 
fel^e, fo erf)etlt bod^ nod^ »eit einleud^tenber , bafe ic^ ebenfall8 
ejiftire, »eil i(^ e8 fel^e. 68 ijl möglich, bafe »a8 ic^ fe^e gar 
nic^t 9I!ac^8 ift. 68 ift mbgtid^ , bag ic^ nid^t einmal ^ugen 
^abe, mit benen ftc^ fe^en täfet. Stber fd^te^terbingS not^»enbig 
ift, »enn ic^ fe^e, ober (»a8 mir baffelbe bebeutet) }u fe^en bente, 
ba& id^, ber i(^ e8 bente, bin. 6benfo »enn id^ urf^cile, 
ba8 Sßad^8 ejiflirt, »eil ic^ e8 berühre, folgt baffelbe al8 »origer, 
nämlit^ bafe id^ ejiftire. Unb genau baffelbe folgt, »enn ic^ au8 
meinem SBorftellen ober au8 fonft einer anbeien Urfac^e fc^tiege. 
Unb »a8 i(^ ^ier »om 3Bad^8 bemerfe, eben baffelbe gilt »on allen 
übrigen aufeer mir befinbtic^en Dingen. 5Hun erfd^ien bie Sor« 
fletlung be8 SBad^feS beuttic^er, »enn fie fic^ ni(^t blo8 »on ©eiten 
eine8 ©inne8 , »ie be8 ®efi^t8 ober be8 ®cfü^l8 , fonbern »on 
»ielen ©eiten funbgab. Um »ie »icl beutlic^er .olfo mufe i^ mid^ 
felbft erlennen, ba ja jur ffla^rne^mung be8 SBac^feg ober irgenb 
eineg anberen S&rgerg leine SBorftellungSarten Reifen lönnen, of>ne 


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90 


ba& p« jugteic^ bie 9Jatuv meines ®eipeS noc^ fdjfagenbcr 
bcmeifen? Unb auperbem ip im (Seifte fetbp fo SBieleS, Woraus bie 
itenntnip bcffetben beutiic^er gemailt werben fann , bap oüe jene 
aus bem S&rper gefc^bpften SBeweiSgrünbe taum nod^ ber SRebe 
wertig finb. 

©0 bin ic^ benn enbüc^ im Saufe meiner iBetrad^tung ba^in 
gefommen, wo ic^ fein Wottte. (iS ift mir je^t tlar, bap aud^ bie 
Körper fcibft nid^t eigentlid^ oon bcn ©innen, auc^ nic^t oon ber 
föinbilbungSfraft, fonbern biop bom ÜJenfcn wal^rgenommen wer« 
ben ; bap ic^ fie wa^rne^me , nic^t weit ic^ fie bctape ober fe'^e, 
fonbern Weit ic^ fie benfe. Sttfo ertenne ic^ , bap nichts teid^tcr, 
nid^ts einteud^tenber bon mir wal^rgenommen Werben fann , atS 
mein ®eift. 3tber bie ©eWoijntjeit einer cingewurjetten SSorpettungS^ 
Weife täpt fid^ fo tcic^t nic^t abtegen. Darum Witt ii^ an biefem 
fünfte .gott machen unb meine Betrachtung eine SBeite wirten 
lapen, um biefe neue Srtenntnip meinem ©ebä^tnip tiefer ein= 
juprägen. 


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dritte ^etra^tung 


3)aä Dafein Oottel. 


^nn njo^l! 3c^ tnitt mir bic 3(ugcn fd)(ieficn , bie D’^rcn 
Bcrjbopfcn, otte ©inne fern^iten, fogar bie iBilber bev Ibrperlic^en 
Dinge au8 meinem Denfen bertiigen ober, ba bieS faum mogtid^ 
ift, fie wenigjlenS ü(ä leer unb trügerifc^ für nii^tS ac()ten ; ic^ miß 
nur mit mir fetbfl oerte^ren, tiefer in mic^ feibft ^ineinbiiefen unb 
auf biefem SBege berfuc^en, mir feibft aümälig betannter unb ber= 
trauter ju «erben. 

3d^ bin ein Sßefen, «eld^eä benit, b. jmeifelt, bejaht, ber« 
neint, SBenigeä einfie^t, SBieteb nic^t weiß, «Ui, nic^t «itl, auc^ 
borfleßt unb empfmbet. Denn, «ie id) fd^on oben bemertt tjobe, 
ei tonnte fein, ba& m a 8 i(^ empfinbe ober borfteße bießeic^t au^er 
mir gar nid^t ift. SBie bem aud^ fei, fo bin id^ bod^ boßtommen 
geibi^, bafe biefe Dentmeifen, bie id^ ©inne ober Sßorfteßungen 
nenne, fofern fteeben nur Dentmeifen finb, mirflic^ in mir ftattfinben. 

9)tit biefen paar SBorten l^abe ic^ 3tße8 aufgejät;It , ba8 id^ 
meife, 3lße8 menigftenä, bon bem ic^ big jefet meife, bafi ic^ 
c8 mei^: 

9tun miß ic^ mid^ nod^ forgfdltiger umfe^en, ob ic^ bießeic^t 
nod^ 5tnbere8 in mir finbe, morauf id^ bi8 je^t teine SRüdfid^t ge» 
nommen. 


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92 


fein gcnjife, bafe ein benfenbcg SBefen bin. Stlfo tccife 
i4 Wol^t auc^, föaä baju eiforberlic^ ift, um irgenb einer ©ad^e 
gewiß ju fein? 3n biefer erflen ®r!enntniß i(l nid^tb Weitet ent* 
mten, al8 eine Höre unb beutlid^e ffiorjtetlung bejfen, wa8 id^ be* 
jal^e. SSJenn nun eine fold^e SSorjleflung in irgenb einem Soße 
fatfd^ fein fbnnte, fo Würbe fte offenbar ni(^t l^inreidßen, um mir 
in biefem Säße bie SBal^r^eit gewiß ju mad^en. Sllfo iß e? fiar, 
baß ic^ Sotgenbeb als aßgcmcine SReget feftfeßen barf: wab id^ 
ganj tlor unb beuttid^ cinfe^e, baS iß wal^r. 

3^ l^abe ja aber früher Sßieleä a(8 ganj ßd^ere unb oßen* 
bare SBal^r^eit gelten laßen, baä ic^ fpöter als unfid^er befunben 
^abe. S33aS waren beim baS für 3)inge? ßlun 6rbe, Jßimmel, 
®eßirne, unb was id^ nod^ weiter mit bcn ©innen crgriß. SffiaS 
aber ertannte id^ »on bicfen Gingen beutlii^? !I)aß bie aSorßel* 
lungen ober ©ebonfen bevfelbcn meinem ©eifte »orfc^webten. 5Run! 
id^ leugne au^ je|t nid^t , baß biefe SBorßellungen in mir 
ftattfinben. Slber eS war nod^ etwas SlnbcreS, baS id^ bejal^te 
unb aus ©laubenSgewo^nl^eit beutlic^ wa^rjune'^men meinte, in 
ber Sl^at aber ni^t wal^tna^m, namlid^, baß eS 2)inge außer 
mir gäbe, »on benen jene SBorßeflungen Ifierrü^rten, unb benen bie 
leiteten ganj ä^nlid^ wären. Unb bieß war ber ßJunft, in bcm 
id^ entweber irrte ober, wenn id^ red^t ^atte, bo^ nic^t Wifffti 
fonntr, baf icß Siecht ßattr. 

SBie aber »ertjält eS ßd^ mit ben arit^metifd^en ober geome* 
trifd^cn Objecten? äöenn id^ einen ganj einfad^en unb leidsten 
©a§ betrad^te , wie j. 33. ber ©a^ 2 + 3 = 5 unb anbere ber 
3trt, fo fe^e id^ biefelben bod^ flar genug ein, um fagen ju bürfen: 
ße ßnb wa|r. 3d^ ^abe aber aud^ fpäter biefe ©äge mit beßljalb 
in Srage geßeßt, weit mit ber ©ebanfe fam, ein ©ott l^abe oiel» 
leidet mic^ »on 9latur fo gefd^aßen, baß id^ aud^ in ben l^anb* 
gteißid^ßen Dingen mid^ täufd^en foßte. 


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93 


©0 oft biefe »orgefafete Meinung ben ber gbtrtic^en Slttmac^l 
mir aufftbfet, muß i(^ aüerbingS befennen , bafe eg biefem @btte 
(eic^t ift, ben 3rrt^um über mtc^ ju ber^ängen, au^ in folgen 
Tingen , bie ic^ mit ben 3lugcn beb ©eifteg auf bag beutlic^fte 
anjuf(J^auen meine, ©o oft ic^ mic^ bagegen ju ben Xtingen felbft 
^inmenbe, bie ic^ beutlii^ toal^rjune^men meine, fo werbe id^ bon 
biefer SSorftctlung ganj Eingenommen, unb unWittfürtidE mu& idE 
augrufen: „taufcEe micE, wer tann! ©ineg fann er bodE nie ju 
©tanbe bringen, bafe idE nicEtg bin, fo lange icE benle, 
bafe icE etwag bin, ober bafe eg irgenbwann waEr ift, idE H 
nie bagewefen, ba eg bocE in biefem Stugenblidf waEr i)l, baß i^ 
ba bin; ober aucE , baß 2 unb 3 jufammen meEr ober Weniger 
alg 5 ftnb, unb bem dEnlicEeg, worin icE ja gleicE ben Eanbgrcif- 
lidEen ffiiberfprucE ertenne. 

9?un E<if*c i<E tcaErlidE gar feinen ®runb, ber midE ju ber 
^Meinung berantaffen tonnte, irgenb Welker @ott fpiele ben £ügen= 
geifl; ja nocE weiß idE «^1 einmal, ob eg überEaupt einen ®ott 
giebt. Darum ift ber fo begrünbete Zweifel wirtlidE feEr fein unb 
fo JU jagen metapEErif<E- 

Um aber audE biefen Sweifd aufjuEcben, fo muß i(E bodE 

gleicE bei ber crflen ©etegenEcit unterfucEen, ob ein ©ott ift, unb 

wenn er ift, ob er ein Sügengeift fein tann? Denn fo lange icE 

in biefer ©acEe im Ungewiffen bin , tann idE, fiEeint, in 

feiner onberen ©acEe jur ©eWißEeit fommen. 

DocE jundcEfl forbert ber georbnete ©ang ber Unterfu^ung, 
baß idE nifinc ©ebanfen in gewiffc ©laffen eintEeile unb unter» 
fucEe, in wag für einer Strt bon ©ebanten SBaErE^'t SrrtEum 
eigentlidE befteEt. 

©ine ©taffe berfetben finb gteidEfam S3itber bon Dingen, unb 
biefen fommt eigentlidE allein ber SRame SSorftellung (3bee) 
ju, wie j. 58. wenn i^ ®enfcE, ©Eimdre, .gimmel, ©ngel, ©ott 


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94 


terfteffe. 3(u{;crbcm giebt eb m.'d^ anbere ©ebnnfen , bie anbcre 
gpvmen l^abeii, trie SP. bie S8cr|Mungen : „ic^ tritt, ic^ fürb^te 
micb , i(^ bejahe ober rerneine u. f. f.“ ,§icr ergreife ii^ jirar 
immer aud) ein ®ing alb bab ©itbject jener inneren Sl^ätigteiten, 
aber ii^ benfe nrd) ehraä mel^r alb bloß bie 3bee beb I)ingcb. 
SJon biefen SSerftettungen irerben bie einen SBillenbäuße» 
rnngen ober ©emüt^berregungen , bie anberen Urt^eile gc= 
nannt. 

3Bab nun bie 3becn betrifft, trenn id) fie bloß für be- 
trachte nnb auf gar nichtb anbereb bejiehe, fo tonnen fie eigentlich 
nid)t falfch fein. !I?enn ob id) nun 3'c'9c i'ber Ghintäre rorfteüe, 
eb ift ebenfo trahr, baß id) bie eine alb bie anbere borfteUe. 

gbenfo !ann auch im SBillen ober in ben ®emüthbbe= 
tregungen fein 3rrthum oortommen. 3)'enn fo rerfefirt, ja fo un» 
mbglid) immerhin fein mag, trab ich trünfehe, fo i|l bod) beßhalb 
teinebmegb nnmahr, baß ich trünfehe. 9J?ithin bleiben nur 
bie Urtheile übrig alb ber einjige (Schaublag, auf bem man fich 
Bor bem 3nthum in 3lcht nehmen muß. §icr nun ift ber h9upt= 
fächlidje unb hdufigfte 3rrthum , baß man urtheilt , bie SSor» 
ftellungen in unb feien außer unb befinblichen Singen 
ähnlich ober eonform. Sllenn ich 3been bloß alb Senf»= 
treifen betra^tetc unb fie auf nid)tb 3lnbereb bejbge, fo tonnten 
fie mir nie irgenb einen ©toß‘ jum 3rrthum geben. 

Unter biefen 3been finb, irie eb fcheint, bie einen angeboren, 
bie anberen ron Slußen getontmen, noch anbere Bon mir felbjl ge» 
macht. iPegriffe j. 33. trie Sing, SÜJahrheit, Senlen, fann ich nur 
aub meinem urfprünglichen SBefen gefchbpft haben. Sagegen trenn 
ich ®eräuf(h ©onnc [ehe, Seuer fühle, fo habe idh big je|t 
gemeint, baß biefe SSorftettungen Bon gemiffen außer mir befinb» 
lidhen Singen herrühren. ©üblich 3Sorßeflungen, trie ©irenen, ,§ip= 
üogrhbh^n unb trab bergleichen mehr ifl, habe ich felbft jufammen» 
gefegt unb gebilbet. 


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95 


fann aud) nieinjn, bafe bie 3 been fdmmtlid) scn Slufeen 
tcmmen ober fommt(id) anc\eboren ober fnmmtüc^ gemadjt finb, 
benn ncc^ tenne icb nid)t genau if)ren loa^ren Urfprung. 

^ier imifi id) nun rci 3U(eni fragen, loeli'^e Sorflellungen icb 
alö oon ben Xingen au^er mir entlet^nt anfet)e? SBelc^er ®runb 
mid) bemegt, fie für 9lbbitber jener Xinge ju Italien 9 Xie 9?otur 
felbft, wie ee fd)cint, l)at mid) baju angeioiefcn. 9tuperbem erfahre 
ic^ , bajj biefe ®orfteüungen nii^t oon meinem SSüitlen unb aifo 
nic^t oon mir felbft ab^iingen , benn oft fommen fie mir fogar 
loiber SBillen, loie id) j. S., ob id) nun loiü ober nic^t loill, bie 
SBärme einpfmbe, unb eben bep^alb glaube id), bafe biefe CSmpfiiu 
bung ober 3 bee ber SÖJärme mir oon Slupen fommt , oon einem 
SKefen, ba^ oon mir ganj oerfc^itben ift, nämlid) oon ber 3i3ärme 
beb f^euer«, an bem id) fi^e, unb nichts ijt leichter, als 511 meinen, 
baü jeneä Sllefen aujjer mir bod) e^er ©einesgleidjen alg irgcnb 
etiDüS 91nbercS in mic^ übergeben laffc. 9htn toill icb fe^en , ob 
biefe @rünbe probebaltig finb. 

äÜenn icb »ifb ®bii 2101110 baju angeioiefen", fo 

meine icb nur, baft ein geroiffcr unloillfürliiber 21 atur trieb mich 
ju jenem ©lauben bringt; icb meine nid)t, bafe mir im IMcbtc ber 
natürlid)en Vernunft bie ©acbe als toabr erfd)eint. XaS finb jtDci 
febr oerfd)iebene Xinge. SBaS mir bureb taS Siebt ber natürlicben 
iBernunft flar gemacht toirb (mie j. 93., bafe aus bem Sabe „icb 
Stoeifle", ber ©a| „icb ^JSS tann gar nicht jioeifelbaft 

fein, benn es giebt fein anbereS 93ermbgen, bem icb fb als jenem 
natürlichen Siebte ®Iauben fd)en!e, fein 95ermbgen, baS im ©tanbe 
njöre, maS biefeS bejeugt ju miberlegen. 

9üaS aber bie 21 aturt riebe betrifft, fo loei& icb I^nge, 
baft fie mich, alS eS ficb barum bsnbclte, baS 93efte ju mäblen, 
jum ©djlecbten angefeuert bähen , unb id) febe nicht ein , toarum 
ich biefen Xrieben in irgenb einer anberen Sache beffereS SSet= 
trauen febenfen foU. 


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96 


3Benn aifo auc^ jene 3teen »on njeinem SSBillen gar nid^t 
ab^ängen , fo ift be^l^atb nod^ lange ni(^t auggemac^t, bafe [le 
not^ttcnbig bcn 3Mngen aufeer mir ^errü^rcn. 2ßie nämlid^ jene 
SEriebe, non benen id^ eben fprad^, cbgleidi) fle in mir finb, bod^ 
non meinem Sßiffen »erfd^ieben ju fein fd^einen , fo bann e8 ja 
toietieid^t ein ncd^ unbebannteS SBermbgen in mir geben, bag jene 
3been ^eroorbringt , wie eä fid^ aud^ big je^t immer gezeigt l^at, 
ba^ fif, mä’^renb ic^ fd^tafe, o^ne aÜe SBei^iilfe äußerer Xiinge fid^ 
in mir geftalten. 

6nblid^, fetbfl menn (ie non duneren I'ingen l^errü^rten , fo 
folgt ja baraug nod^ nid^t, bafe fte jenen I;ingen d§nti^ fein 
muffen , im ©egent^eil in oielen fallen meine id^, einen großen 
Unterfc^ieb angetroffen ju l^üben. ©o j. 18. finbe id^ in mir jmei 
Berfc^iebenc SSorftellungen ber ©onne , bie eine ift finnlid^er 
9Jatur unb geleert ganj befonberg ju ben bermeintlid^ bon Slufeen 
gebommenen 3been , — burd^ biefe IBorftellung erfd^eint mir bie 
©onne fel^t blein, — bie anbere ift aug ber 31ftronomie ent= 
le^nt, b. entmeber aug gemiffen angebornen gegriffen erfd^Ioffen 
ober auf irgenb eine anbere SÖ3eife bon mir gebilbet, ~ burd^ biefe 
SBorflellung jeigt fid^ bie ©onne alg um ein gut S^il großer alg 
bie ®rbc. ®eibe SSorftellungen bonnen ber aufier mir befinb^^ 
ftd^cn ©onne nid^t dl^nlid^ fein, am undl^nlid^pten aber offenbar 
bie erfte, bie, mic eg fd^ien , unmittelbar bon ber ©onne felbjl 
l^erbam. 

3)ieg Sllleg beweijl jur ®enüge, ba^ id^ bigl^er nid^t aug einem 
mo^lbegrünbeten Urtl^eil, fonbern bebiglid^ aug blinbem SEriebe an 
geroiffe bon mir berfd^iebenc 3)inge geglaubt ^abe, bie il^re SSor» 
fteüungen ober IBilber burd^ bie ©innegorgane ober fonft mie in 
mid^ eingel^en ließen. 3nbeffen giebt eg nod^ einen anberen SÖBeg, 
um }u prüfen, ob bon ben Gingen, beren SSorftellungen in mir finb, 
»eld^e außer mir ejiftiren. ©ofern nämlid^ jene 3been bloß ge- 
tbiße 35en!roeifen ftnb, finbe id^ unter i^nen feine Ungleic^'^eit unb 


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97 


fic fd^eincn fämmtlid^ auf biefctfcc Slrt au8 mir l^erBarjugeljen. 
©ofern aber bie eine biefeS Xing, bic anbere jenes porfteHt, ftnb 
ftc offenbar unter einanber fel;r berfe^ieben. Offenbar finb jene 
3been, welche mir felbftänbige ®efen (©ubftanjen) bor= 
fteCien , »on größerem SSBerf^ unb entl^atten fojufagen me’^r Bor» 
geftetitc SReatitiit in fid^, als folc^e, bie nur Xaf ein Streifen 
ober jufällige 93efc^af fen’^eiten Borflellen. Unb »ieberum 
entplt bie 3bee, burc^ treidle ic^ ein l^bd^fteS gbtttid^eS SBefen 
als emig, unenblic^, alltriffenb, aDmäd^tig unb als ben ©d^bpfer 
aller Xingc aufeer mir benle, offenbar mel^r rorgefteUte SRealität 
in fn^, als bie 3bee, burd^ welche enblid^e ©ubftanjen Borgeftelft 
»erben. 9?un jeigt bic natürlid^e Sernunft ganj cinleudl)tenb, ba^ 
in ber l^eroorbringenben ©efammturfad^c minbejlenS ebenfoBiel 
SRealitat enthalten fein muffe, als in beren fflirhing. Xenn »o» 
l^er anbetS lann benn bie SQSirtung il)ren realen 3n'^alt ne’^men 
als Bon ber Urfad^e? Unb »ie foll bie Urfai^e i^r biefe SRealität 
geben, »enn fie nie^t felbfl biefe IRealität ^t? 

.gierauS aber folgt, ba^ nie (JtmaS auS IRic^tS »erben 
fann, unb ebenfomenig baS SoUfommene (b. »aS me'^r SRealU 
tat in fic^ entplt) auS bem »eniger SSoütommenen. Unb biefe 
augenfd^einlid^e SBal^rl^eit gilt nid^t bloS oon folc^en 3Birtungen, 
beren SRealitdt t^tfdd^lid^ ober fbrmlid^ fjiftirt, fonbern aud^ oon 
ben 3been, in benen bie objectiBe SRealität nur Borgejleüt »irb. 
©0 fann j. 33. ein ©tein, ber Borl^er ni(^t Borl^anben »ar, nur 
bann entjlel^en, »enn er Bon et»aS l^erBorgebrad^t »irb, baS ent» 
»eher ebenfoBiel ober mel^r in fid^ entl^dlt, als im ©tein gefegt 
»irb. ©0 fann et»aS , baS Borl^cr nid^t »arm »ar , er»drmt 
»erben nur Bon einem 3Befen, baS in SRüeffit^t auf feine SRealität 
minbeftenS ebenfo Botllommen ift als bie SBärrne, unb fo in allen 
übrigen Sällen. Slber aud^ bie 3bee ber SQSärme ober beS ©teinS 
fann in mir nur be»irtt fein burd^ eine Urfad^e, bie jum »enig» 
flen genau ebenfoBiel SRealität enthält, als »eld^e id^ in ber SBärme 

T 


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98 


ober im «Stein begreife. Denn obgleid^ jene Urfad^e bon i^rer 
tl^atfäd^lid^en ober formli^en SfJealität nic^ta in meine SBorfleÜung 
gleic^fam ergießt, fo barf fie boc^ bc^l^atb nidjt für weniger real 
gelten, fonbern bie 9?otur ber Sorfteßung ift fo befc^affen, bafe ftc 
leinen anberen ®el^alt ou8 fid^ l^croorbringen lann , al8 welchen 
fie bon meinem Denfen entlel^nt , fie ift ja nur eine Sßeife beä 
Denlenb. 

Diefc 3fcee enthält eine fold^e borgefleßte SRealität , fie ent= 
l^ält leine anbere: alfo mufe pe offenbar biefelbe bon einer Ur* 
fad^e l^aben, bie jum toenigften ebenfobiel wirtlid^c SRealität ent= 
:^ült, ala jene felbp borgefteflte. Se^en Wir nämlid^ ben gaß, bap 
in ber 3bce etwaa pnbet, baa in ber Urfad^e nid^t war, fo 
■^at pe ja biefeb etwaa bon SJid^ta. 9Kag nun aber aud^ jene 
Dafeinaweife, woburd^ ein Ding im SSerpanbe burd^ beffen 3bee 
borgepeüt Wirb, nodfi fo unboBtommen fein, fo ip biefelbe boc^ 
fürwal^r nid^t gleid^ 9Md^ta, unb lann halber au^ nid^t bon SfMd^ta 
lyerrü^ren. 

3lud^ barf ic^ nid^t meinen: Wenn bie Slealitot, bie id^ in 
meinen 3been betrad^te, nur borgefteßt ift, fo braud^e eben biefe 
SRealität aud^ in ben Urfac^en jener 3been nid^t wirlli«^ ju fein, 
fonbern ea reid^c l^in, wenn pe f)ier aud^ nur auf borgefteßte SBeife 
bor'^anben fei. Den 3been entfbrit^t i^rer 9?atur nad^ bie obje= 
ctibe (borgefteßte) Dafeinaweife; ebenfo entfprid^t ben Urfad^en ber 
3been i§rer 5Ratur nac^ bie wirllid^c Dafeinaweife, wenigpena ben 
erften unb ^uptfdd^lid^en Urfad^en. Unb Wenn aud^ etwo eine 
3bee aua einer anberen entfielen lann, fo giebt eä bod^ l^ier leine 
Bleibe in8 ®nblofe, fonbern am ®nbe mup man ju einer erften 
3bee gelangen, beren Urfad^e gleidpfam baa Original ip, baä 
aße SRealität wirHid^ entl^dlt , bie in ber 3bee nur in' SBeife ber 
Slorfteflung fid^ pnbet. So fe^e idp im Sid^te ber natürlid^en 
Vernunft, bap in mir bie 3been Wie pine Slrt bon Silber 
finb, bie bon ber Soßlommcn^eit i^rer Urbilber jwat abweid^en. 


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99 


aber niemals ctmaS ©r&jievcS unb SBoüfi'mmnercS entladen 
lonnen *). 


*) ®ic auSblüdc, welche ®c8caitc« bremd)! jiiv fcjicit Scjcic^mmg 
feinet ©runbbegrifft, finb mi8 bet ie^olojlifc^ • ariftotelifc^eu '£d)ulfproe^c ent- 
lebitt. 3(^ tt)i£t btefo gonnetn cttlnvcn, baiiiit He Ucbevfebimg nid)t8 Uiibeut* 
li(^c8 begatt. ®o8 SBitflidje ift entmeber Sing ober ®cf(^affcn^cit be8 ®utgc8. 
®a8 Eilig a(8 Evögev bet ®e|t^affcn^citeu fjcißt substautia. ®ic Scfc^nffcn* 
f|eit ifi ein fo ober mibcts bcfi^affenes ®afein , aifo eine SBeife be8 ®a(eiii8. 
?tl8 fold^e ^eifjt fte modiis, am^ modus esseiidi. Eie ®cfc^affen^eit ift 
ctmaS, ba8 bein ®ingc äutömmt. 2(18 foldjcs ^eißt pf accidens. SDütßin 
beßeßt bas SBitttieße ober bic fRcalitöt in ©nbPanjen nub Sceibenäen (modii_ 
Offenbar entsaften bie ©ubftanjen mept Sfealität a(8 bie fDfobi. 92nn iß bic 
ffiealität eutmeber bfoß »orgepefft ober suflb'ep elmas ®patiäel|licpe8 onßet bet 
2iotpeIfung. ®a8 tßntfäcßli^e ®afetn iß nai^ 2(tipote(e8 bas fiep betmitf« 
(iepenbe, b. p. tpötige (enctgifdje) ©ein. SBirten ip abet bei 2ttipotefe8 fo oie( 
a(8 gepalten, formen, bie gorm perbotbringen. 2öo8 botgepeHt loitb, ip Ob= 
ject. 2Ba8 tpatfädpiep eyipirt, ip tpätig , in feiner gotm anSgeprögt, aIfo 
förmliep. ®apcr nennt ®e8carte8 bie »orgepelfte Sfealität realitas ob- 
jectiva, bie tpotfäcpliepc realitas actualis sive fornialis (anep bfoß 
formalis). ®ic Sorte „objectib" nnb „formal" loerben aifo in einem anbeten 
©tnne gebtauept, als geiböpnfiep peiitjutage. Uns bebeutet gewöpniiep obfcctin 
Was außer bet Sorftetlung ip. ®oep ip es Mar , baß erp bie ^orfteUung 
ctioaS objcctib maept. Snfofern ip ®e8cattes’ 2IuSbtudSn)cife rieptiger unb 
genanet. Eie SorpeUnng einer ©ubftnn} entpaft baper mept objectibe fPealität 
als bie eines 2(ccibenS. Eie SSefdjnpenpeit ober Eofeinsroeife als oorgepellte 
= modus essendi objcctivus, als tpatfäepliepe = modus esseudi formalis. 
EaS mirtüd; (tpatfäeplid)e) Eafcin ip baS förmliepe. Eie Urfaepe begelben 
offenbar bie erjeiigenbe gormtpötigleit = eauisa formalis. Eiefe gormtpätig- 
feit tann nur biefe gorm berwivfliepcn, b. p. biefeS Eofein erjeugen. iUtepr 
als in ber Sirfung, ift in biefer Urfaepe niept cntpalten. Eaper causa for- 
malis biejenige Urfaepe, iocId)e benfclben Snpalt bem SSermögen nnep entpält, 
bet in btt Sirfung förmliep gefept wirb, ßntpält bagegen bie Urfaepe mept 
fRealität als bie Sirtnng , fo überragt pc bie leptere nnb peißt baper causa 
eminens. Seniget Siealitöt lann pt *» tfii'fni gatt paben. 2(lfo ip jebc 

7* 


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100 


Unb je länget unb forgföltiget 3(tle8 prüfe, um fo Höret 
unb beuHid^et erlenne , bofe e« »o'^r ift. Slbcr teo8 lofet fld^ 
nun borouS fd^lie^en? 

3Benn in einet »on meinen 3been eine SReüIitdt tiorgeftellt ijl' 
fo gro ^ , bog id^ gemi& bin , in mir tonne biefe Realität roeber 
„formaliter" nod§ „eminenter" entgolten fein, olfo tonne oud^ id^ 
nic^t felbfl Urheber biefer 3bee fein, fo folgt l^ierou? not!^toenbig, 
bo6 id^ nid^t ollein in ber SEßelt bin, fonbern bog nod^ 
ein onbereS SBefen, bo8 jene 3becn »erurfod^t, ejijlire. SBenn ober 
eine fold^e 3bee in mir fid^ ni^t finbet, fo giebt e8 feinen (Srunb, 
bet mir bie Sjiftenj eines »on mir »erfd^iebenen äBefenS bemeifen 
tonnte. 3d^ ^obe bie <Sod^e no^ ollen «Seiten unb mit oller 
Sorgfalt ermogen, unb id^ l^obe bis ju biefem ^ugenblidt nid^ts 
3lnbete8 finben tonnen. 

9?un ijl unter meinen 3been oufecr ber, bie mir mein eigenes 
Sein bortl^ut, unb bie on biefer Stelle nid^t in Sroge fömmt, 
eine onbere, bie @ott, — eine jmeite ©loffe, bie tbrperlid^e unb feelen> 
lofe SDßefen, eine brüte, bie ßngel, eine »ierte bie Siliere, unb ju= 
le^t folc^e, bie onbere ÜRenfe^en meines (Sleid^en »orjlellen. 

Sßos bie 3bccn »on onberen 3Renfd^en, Silieren unb ßngeln 
betrifft, fo fe^e id^ leidet, bo^ fte ouS ben 3been fid^ bilben loffen, 
bie id^ »on mir felbfl, »on ben Stbrpern unb »on ®ott l^obe, ou(^ 
wenn oufier mir mebet fWenfd^en nod^ Spiere nod^ 6ngel in ber 
SOßelt mären. 

SEBoS ober bie 3been bet Äörper betrifft, fo l^ätten fie red^t 
mo^l megen i^rer SReolität ouS mir felbft l^erootgel^en tonnen. 
:Cenn menn id^ biefen 3been ouf ben ®runb fel^e unb fie einjeln 
unterfud^e, fo mie id^ eS geflern mit bet 3bee beS SBod^feS gel^olten 


Urfatbe entmeber formalis ober eminens. 3n jebet Uriaebe tü bie SCßirtung 
bem Vermögen nadb entbolten. 3n ber causa formalis ifl fie „formaliter“, 
in bet c. eminena „eminenter“ eiUbatten. 


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101 


i^obe , fo bemetfe td^ , bafe fid^ nur fel^r tnenig pnbet , l»a8 id^ 
in i^nen Har unb beutlid^ toa^tne'^me , nämtid^ bie Orö^e ober 
bie 3(u8bc]^nung in Sänge, ®reüe unb a;iefe, bie Sigur, bie au8 
ber Segrenjung ber Sfuäbel^nung l^ertoorge^t, bie Sage, tpelc^e bie 
uerfd^iebenen Oejlalten gegen einanber einnel^men, unb bie Se= 
n>egung ober bie Drtäoeränberung ; baju füge id^ nod^ ©ubflanj, 
Dauer unb aöfä Uebrige aber, »ie Sic^t unb Sarbe, Dbne, 
®eruc^, ®ef(^macf, Sßärme unb Sälte unb bie anberen fül^ibaren 
SBefc^affen^eiten benfe i(^ nur fe^r untfar unb bunfet, fo ba| id^ 
ni(^t einmal n>ei^ , ob fie mal^r ober falf^ fmb , b. 1^. ob bie 
3been, bie id^ baoon !^abe, 3been oon Dingen ober 9li(^tbingen 
finb. Denn obgleid^, wie id^ furj »origer bemerft l^abe, bie eigent- 
lich fo genannte unb fbrmlidhe Däufchung nur in Urt heilen 
flattflnben lann , fo giebt e8 bodh audh in ben 3been eine 3lrt 
materieller Däufd^ung, wenn fie nämlich ein fKidhtbing al8 Ding 
üorftellen. ®o fmb j. 93. bie 3been, bie idh bon SQBdrme unb 
Saite ha'6f( fo toenig llar unb beutlich , ba& idh oon ihnen nicht 
erfahren fann, ob bie Saite nur bie Stbwefenheit ber 933ärme ober 
bie 3Bärme Stbwefenheit ber Saite ijt , ob beibe reale 5Befchaffen= 
heiten fmb, ober feine »on beiben. Sille 3been muffen ®twa8 oor= 
ftellen. 3jl e8 alfo wahr, baß bie Saite bloß bie SlbWefenheit 
ber SBärme ift, fo ho'ßt bie 3bee, bie mir bie Saite al8 etwa8 
5Reale8 unb $oßtioe8 borflellt, mit SRedht falfdh, unb fo in ben 
übrigen gäüen. . 

Mithin ijl e8 gar nicht nbthig, baß ich biefen 3been einen 
oon mir oerfchiebenen Urheber jufdhreibe. <Sinb fte nämlich f o 1 f dh, 
b. h- fteÜen fte leine Dinge oor, fo ijl e8 llar, baß auch ihif Ut’ 
fache ni^tig ijl, b. h- baß fie nur au8 bem 2Jlangel unb ber 
Unoolllommenheit meiner Statur h«toorgehen. ©inb ße aber wahr, 
fo bieten ße bodh fo wenig fSealität bar, baß ich biefe SRealität 
laum oon bem Slidhtbinge unterfdheiben lann. Sllfo fehe idh 
warum ich 0'<hl hätte ihre Urfadhe jein Ibnnen. 9Ba8 aber in 


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102 


ben 3been ber Ä6t)>er Kar itnb beutUd^ i|l, baöon fid^ 
ßiniges a«8 ber 3bee meines eigenen SßefenS entlel^nen, mie j. SB. 
©ubftanj, ®auer, «nb anbereS ber Sirt. Der @iein i^ eine 
©ubflanj ober ein Ding, baä im ©tanbe ijt, feibftänbig }u ejiftiren. 
3(^ bin ebenfatiS eine ©ubftanj. SKun bin ic^ freilich ein ben^ 
feiibeS unb nic§t auSgebe^nfeS, ber ©tein bagegen ein auSgebel^nteS 
iinb nii^t benfenbeS ffl5efen; mithin ijt jloifd^en beiben SBegrijfen 
bie größte Sßerfc^ieben^eit, aber in bem SBegriff ©ubjtanj jtim* 
men fie boc^ überein. Sffienn id) mir benfe, ba^ i^ je^t bin itnb 
auc^ »origer fc^on eine 3eiHang mar, unb menn ic^ »erfc^iebene 
©ebanten fjabe, beven fenne, jo geminne ^ ja bie 3been 

Dauer unb bie ftc^ nun auf anbere Dinge übertragen 

tajfen. SlüeS Uebrige aber, baS als SBebingung ju ben 3been ber 
flbi'tjer ge’^brt, mie 5fuSbe^nung, ?tigur, Ort, SBemegung, baS alles 
ift jmar in mir als einem bloS benfenben Söefen nic^t fbrmlic^ 
enthalten, aber alle biefe Dinge finb ja nur gemiffe DafeinSmeifen 
einer ©ubftanj, ic^ aber bin ©ubftanj fclbft : marum aifo foKte in 
mir nic^t fogar mel)r SReatität enthalten fein, alS in jenen? 

Dcmnad^ bleibt allein bie 3bee ©otteS übrig als bie ein« 
jige, bie in Srmügung tommt: ob fie etmaS enthält, baS auS meinem 
Slöefen nic^t Ijat l^eroorgel^en tbnnen? 

Unter bem SRamen ®otteS begreife i^ ein felbjtanbigeS SBefen, 
unenblic^, unabpngig, allmiffenb, allmächtig, »on bem ic^ unb 
über^auj't 9111eS, baS ejiftirt, gefc^affen ijt. Diefer SBegriff ijt ein 
foli^er, baß , je genauer ic^ i^n inS Sluge faffe, ic^ um fo beut' 
lieber fe^e, er "^abe oon mir allein nid^t fbnnen l^eroorgebrgci^t 
merben. 

Unb fo erljetlt auS bem oben ®efagten : ®ott eiiftirt 
not!) men big. Obgleid^ nämlic^ bie 3bee ber ©ubftanj in mir 
ift, meil id) ja felbft ©ubftanj bin, fo mürbe bo(^, ba ic^ ein enb» 
liebes SfiJefcn bin , bie 3bee einer uneublid)en ©ubflan? nur auS 
einer in ?i!iif(id)feit unenblicben ©ubftant beroorge^en tbnnen. 


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103 


3(uc^ barf ic^ nic^t meinen, bag ic^ baS Unenblid^e nid^t burd^ 
eine pojUiöe 3bee, fonbern biofe burd^ Verneinung be8 ßnbtic^en 
roa^rne^me, wie eirca SRu^e unb I)unfet butc^ bie Verneinung ber 
Vemegung unb be8 Cic^tä. 3m ©egentl^eii, ic^ begreife ja ganj 
beutiie^, bafe in ber unenbtid^en ©ubftanj me§r Dtealitüt enteilen 
ift al8 in ber enbüc^en, unb bafe mithin ber Vegriff beä Unenb» 
li(^en in mir eigentlich bein Vegriff be8 gnblichen oorhergeht unb 
}u öirunbe liegt, b. h- bafe ber Vegriff ®otte8 urfprüng* 
lieber i(lal8berl8egriff meine8 eigenen ©elb ft 8. Denn 
wie follte ich ertlären, ba& ich äbjeiflt» begehre, b. h* b«6 mir 
etwa8 fehlt , ba& i<h nicht ganj »plllommen bin , wenn nicht in 
mir bie 3bee einer h^'h^f^” Vollfommenheit Ware, im Vergleich 
mit Welcher ich meine VJängel erlenne? 

Sluch Wenbe man nicht ein , baß biefe 3bee ®otte8 bielleidht 
materiell falfch fei unb bejihalb ubllig grunblo8 fein Ibnne , wie 
ich fb turj uorher uon ben 3been ber SBiirme unb Kälte unb öhn^ 
li^en bemertt h^be. Cgier »erhält e8 ftch gerabe entgegengefeht. 
Die 3bee ®otte8 ift »oUfommen flar unb beutlidh unb enthält 
mehr »orgeftellte Realität, al8 irgenb eine anbere. Keine mithin ift 
an unb für fuh wahrer; bei feiner ijt man weniger ber ®efahr 
aubgefegt, fuh ju täufdhen. 

Vlfo e8 ift, fage ich, biefe 3bee be8 »oinommen* 
ften unb unenbli^en V5efen8 ganj wahr. 

©elbft wenn man fuh etwa einbilben Ibnnte, ein foldhe8 Säefen 
ejiftire nicht, fo fann man fich hoch nicht einbilben, bafe bie 3bee 
beffelben ohne realen 3nhalt fei, wie etwa na^ unferer obigen 
förtlärung bie 3bee ber Kälte. Die 3bee ®otte8 iü ganj dar 
unb beutlidh. Denn in ihr ift 3(tle8 enthalten , beffen Ütealität, 
VJahrheit, Vollfommenheit ich unb beutlich Wahrnehme. 

Unb ber Vegriff be8 Unenblid)en wirb baburch nicht gehin- 
bert, bafe etwa in ®ott noch jahüofe anbere Vlefen fmb , bie ich 
nicht JU begreifen, ja nicht einmal ju ahnen im ©taube bin, benn 


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104 


e8 liegt in ber Statur beS UncnbÜc^en, bafe e8 oon mir, ber id^ 
enbiid^ bin, nit^t in einen Segriff jufammengefap »erben fann. 
68 ijt genug, bafe ic^ eben bicfe 6infid^t l^abe, unb fo urt^eite: 
Stfle8, »a8 ic^ i(ar eriennc, ^tte8, bon bem ic^ »ei^, ba^ e8 eine 
gewiffe SSoüfommen^eit in fic^ tragt, unb bieüeic^t noc^ japofe 
anbere Sffiefen , bon benen ic^ nic^t8 »eiß, finb in ©ott entweber 
„formatiter" ober „eminenter" entölten. 2>iefe 6infi(^t genügt, 
bamit bie 3bee, bie ic^ bon ©ott ^abe, unter aUen 3been 
bie in mir finb, bie »al^rfte, üarfte, beutlid^jle fei. 

Stber bieüeid^t bin ic^ »eit SSel^r, al8 i^ fefbfl »ei^; bielieid^t 
fmb atte jene aSoüfommen’^eiten , bie id^ ©ott jufd^reibe, ge»iffer= 
ma^en bem SSermbgen na^ in mir entölten, aud^ »enn f» 
no(^ nic^t jeigen unb nod^ nid)t jur £l^atig!eit gelangt finb; id^ 
erfül^re ja, ba^ fid^ meine 6rfenntni6 aHmälig bcrmel^rt, id^ fel^e 
nid^t, »arum fie fi^ nidjt in8 Unenblid^e bermel^ren foKte, unb 
»enn fie nun fo »äd^ft, »arum ic^ traft berfelben nid^t alle übrige 
aSoIIlommenl^eiten ®otte8 eneid^en fonnte; enblid^ »arum ba8 
aSermbgen ju biefen 95oHlominen’^eiten, »enn e8 in mir ift, nid^t 
l^inreid^en follte, um bie 3bee berfelben l^erborjubringen? 

asielmc^r ber'^alt fic^ in allen ^unlten bie ©ad^e ganj anber8. 
©efe^t junäc^ft, e8 fei »a^ ba^ meine 6rtenntni6 immer me^r 
junimmt, baß bieleS in mir bem aSerrabgcn nad^ i|l, bo8 noc^ 
nid^t tl)ütig geworben, fo Kifet jic^ bod^ baoon nid^t8 auf bie 3bee 
©otteS bejiel^en. 3n biefer 3bee ijl namlid^ gar nic^t8 blo8 
fjotentieü. 3jt jn bod^ bie »ad^fenbe SSolllommen'^eit felbft ba8 
fid^erfle 3eid^en ber borl^anbenen UnooHtommenl^eit ! 

S3Seiter aber, felbft »enn meine 6rlenntni6 immer mel^r unb 
me^r junimmt, fo ift bod^ ganj unbegreiflid^, »ie fie be^lb je« 
mal8 »a^r^aft unenblic^ »erben foll ; fie lann ja niemal8 ju 
einem aßunlte gelangen, »o fie nic^t me^r fa^ig »äre, ju »ad^fen. 
aSon ©ott aber urtl^eile id^, er fei »al^rl^aft unenblii^, fo bafe feiner 
18ollfonimenl;eit fid^ nid^tb l^injufügen läfet. 6nblii^ fel^e ic^ ein. 


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105 


ba& bet objectibe 3n^alt ber 3bee n^t bon etwas potentiellem 
erzeugt fein fann, — benn biefeS ift genau ju reben nid^tS — , 
fonbern nur bon etwas Sftdtigem unb iffiitflic^em. 

9Ke biefe ^Begriffe , wenn i^ genau auf fie ad^te , ftnb im 
Sidi)te bet natürlid^en SBernunft mit Jednben ju greifen. SBenn 
id^ weniger genau ac^tgebe unb bie Silber ber finnli(^en Dinge 
ben ©d^arfblidf beS ®eijiteS berbunfetn, bann bergeffe ic^ leidet, 
warum bie 3bee eines boÖfommneren ffiefenS, atS ic^, not^Wenbig 
bon einem SBefen ^errül^ren mu^, baS in äBal^r^eit boütommner 
ifl. De^l^atb will ic^ nod^ bie grage aufwerfen, ob id^ wo 1^1 im 
Sefige jener 3bee fein f&nnte, wenn lein fot^eS 
SBefen eji flirte? 

SBo^er bann wäre id^? Stwa bon mit felbft ober meinen 
Sttern ober bon irgenb welchen anberen SDefen , bie unbotttomm- 
ner finb als ®ott. Denn ein boDlommnereS ober eben fo boK= 
lommneS äBefen, als er, tann webet gebadet nod^ gebid^tet 
werben. 

SSJäre id^ auS mir felbft, fo Würbe id^ leinen 3t»ciM; leinen 
Sßunfd^, leinen Slangei ^ben, benn id^ würbe alle Solllommen* 
l^eiten, bie id^ itgenbwie borfteUe, mir gegeben ^ben, unb id^ würbe 
alfo felbft ®ott fein. Denn id^ lann bod^ nid^t glauben, ba& 
etwa fd^wietiger ju erwerben fei, waS mir fel^lt, als waS id^ be* 
reitS l>abe. 3m ®egent^cil! 68 war offenbar weit fd^wieriger, 
bag ii^, ein benlenbeS SBefen , auS bem ^id^tS ^^erborging , als 
bafe id§ bie 6rlenntniB einet Slenge unbelannter Dinge erwerbe, 
ba ja biefe 6rlenntni6 nur Stccibenjen beS benlenben ffiefenS ftnb. 
@ewi^, wenn id^ jene größere <Sat^e, ndmlid^ bie benlenbe 6jiftenj, 
»on mir felbfl emftfangen l^ätte, fo würbe id^ bod^ baS, was leidster 
ju ^ben ifl, mit nit^t borentl^alten l^aben unb ebenfowenig bie 
anberen Selllommen^eiten , bie id^ in ber 3bee ®otteS erblicte, 
benn leine babon erfd^eint mir on fic^ unm'öglid^; wären aber 
einige unm&glid^, fo würben fe mir aud^ fo fcbeinen. Denn iijj 


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106 


roütbe, ba ic^ aHe8 Uebrigc »on mir fetbfl empfangen, an biefem 
fünfte bie ©c^ranfe' meines SerniBgenS erfahren. 

©egen bie SBad^t biefer ©rünbe fann jene Slnnal^me n^t 
auffommen, ba& i^, mie ic^ je^t bin, »on feiger bagemefen fei, 
ols ob nun felbjloerftänblid^ nad^ feinem Urheber meiner ©jiftenj 
meiter ju fragen fei. 3füe SebenSjeit läfet fid^ in jal^Hofe Si^eife 
t^eifen, »on benen bie einjefnen »on ben übrigen in feiner SGßeife 
ab^ngen. Sfifo barauS, bafe ic^ fnrj oor^er War, folgt nid^t, bafe 
id^ je^t fein mufe, eS müfete mi^ benn irgenb eine Urfac^e biS ju 
biefem Stugenblid gfeic^fam wieber fc^affen , b. 1^. erhalten. 
Slßenn man fic^ überlegt, was Xauer ift, fo leuchtet ein: um 
irgenb ein Sßefen in ben einzelnen iDfomenten feiner 3)auer ju 
eri^atten , boju geehrt »oüfommen biefelbe Äraft unb Sl^ätigfeit 
als nbt^ig Ware, um eS, wenn eS nod^ nic^t ejiftirte, ganj oon 
neuem ju fc^affen. Sfit^in unterfc^eibet fic^ bie ©rl^altung nur 
burd^ bie 3lrt unb SOSeife »on ber ©d^Bpfung: baS ifl einer bet 
©ä|e, bie auS ©rünben ber natürlichen Vernunft »oüfommen ein» 
leuchten. 

Unb nun mufe ich fragen, ob ich wohl im ©tanbe 

bin JU machen, ba^ ich, ü>aS idh jeht bin, audh noch in bet nd(h» 
ften 3ufunft fein werbe. 3dh bin nichts als ein benfenbeS SEßefen j 
wenigftenS reben Wir je^t bloS »on biefer ©eite meines ©elbftS, 
wonach idh benfenbeS SSJefen bin. 5Kithin müfete idh / Wenn 
eine foldhe Sßadht in mir Wäre, mir berfelben bewußt fein, aber 
idh weife »iefmehr, bafe ich feine folche 9Radht habe. Unb fo er^ 
fenne idh ®nf baS beutlichfte, bafe idh bon einem anbeten »on mir 
»etf(hiebenen äßefen abhänge 

3nbeffen ift jenes Sßefen »ieüeicht nidht ©ott , unb ich bin 
entweber »on meinen ©Itern ober »on anberen geringeren Urfachen 
als ©ott herborgebradht. Slber, wie ich fihon »ben gefagt habe, 
eS mufe in ber Urfache minbeftenS ebenfooiel enthalten fein, als in 
ber SBiifung. 5lun bin icl) ein benfenbeS 3]ßefen unb habe in mir 


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107 


eine 3bee ®otte8 al8 meines Url^eberS. X>c6^al6 muß offenbar 
meine Urfa^e ebenfalls ein bentenbeS SOJefen fein unb ebenfalls 
eine 3bee oon allen SoHfommenl^eiten ^abcn , bie id^ ®ott ju» 
febreibe. 9?un fann in ^Betreff biefer Utfaebe weiter gefragt wer* 
ben, ob fte aus fic^ ober auS einer anberen Urfad^e ijt. 3w 
erften Sali ift fie, wie auS ben frü’^eren ßrtlärungen erhellt, felbft 
®ott. Denn f)at pc bie ‘Kad^t burc^ fic^ ju ejilliren , fo ^at fie 
o^ne aud^ bie 3Äac^t, alle SSoCtfommen^citcn t^atfäd^lid^ 

ju befi^en, beren 3bee fie in fid^ trägt, b. alle, bie id^ in ®ott 
begreife. 3m jweiten Sali, Wenn fie eine anbere Urfad^e über fid^ 
^at, fo fä^rt bie Sragc fort, ob biefe aus fid^ felbft ober ouS einer 
anberen ejiftirt, bis fte bann enblid^ bei einer lebten Urfad^e an* 
langt, bie gleidl) ®ott fein wirb. Denn eS ift wol^l llar, ba^ l^ier 
fein ^rocefe inS (Snblofe flattfinben fbnne, ba i(^ ja l^ier nid^t blofe 
oon ber Urfad^e , bie mic^ einft l^eroorgebracbt rebe, fonbern 
oorne^mlid^ oon ber, bie mich in biefem 3lugenblidfe erpit. 

9lu^ barf man nid^t meinen , ba^ ju meiner Entfte'^ung 
mehrere llrfac^en jufammen gewirtt unb jebe i^ren D^eil baju 
beigetragen l^abe, bafe id^ oon ber einen bie 3bee biefer, oon einer 
jWeiten bie 3bee jener SoUfommen^eit ®otteS emiifangen, unb nun 
auf biefe SBeife jwar alle jene iBoIlfommen^eiten ftd^ irgenbwo im 
Unioerfum finben, aber nii^t alle juglei^ in einem SBefen, eben 
in ®ott, oerfnü)jft finb. 3lber ginl^eit, ©infad^^eit, Untrenn* 
barfeit aHeS beffen , WaS in ®ott ift , gel^brt ja gerabe ju ben 
^auptooflfommenViten , bie id^ in i^m begreife. Unb bie 3bee 
jener ©in^eit aller feiner aSoÜfommen'^eiten fann in mir bod^ Wal^r« 
lic^ nii^t oon einer Urfad^e l^errül^ren, bie mir bie 3bee ber einen, 
nic^t aber bie ber anberen SSoIlfommen^eiten gegeben l^ätte. SBenn 
id^ nid[)t weife, Weld^eS bie gbttlid^en ajollfommen^eiten fmb, fo 
fann id) aud^ nit^t il^re SBerbinbung unb Untrennbarfeit einfel^en. 
©ine Urfatbe, bie mir baS erfte nidbt fagt, fagt mir audl) nidbt 
baS 


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108 


aSJaS bie ßJtern betrifft, fo mag Me8 mal^r fein, 

»a8 ^ fe non i^nen geglaubt l^abe. 2)o(i^ ffftb fie eg fürtoal^r 
nid^t, bie mid^ er^lten, nod^ ftnb ffe e8, bie mid^, fofern id^ ein 
benlenbeg SBefen bin, l^eroorgebrac^t f>aben, fie l^aben nur geloiffe 
Anlagen in bie 9Haterie gefegt, ber nac^ meinem Dafürhalten 
ich b. h- n'fiw ®f'ff (cttoab anberg »erftehe idh ie|t nicht unter 
meinem ®efen) inmohnt. SKithin Ibnnen bie ßltern an biefer 
©teBe gar nicht in Srage lommen. ©onbern blog bor= 
oug, baff ich ejiffire unb boff i^ bie 3bee eineg boll» 
fommenffen Sßefeng b. h- ®otteg habe, folgt ganjein» 
leudhtenb ber IBemeig, baff ®ott auch esiflirt. 

3ch h®^* "“w "0^ ä“ unterfuchen, auf tu eiche SGßeife ich 
jene 3bee bon @ott empfangen habe. 3dh h®^>* f** 

©innen gefdh&pft, fte iff mir nicht plbfflidh getommen, mie bie 3been 
ber fmnlidhen Dinge, wenn biefe ben äufferen ©innegorganen be» 
gegnen ober ju begegnen fdheinen, ich h^^*^ erbidhtet, 

benn ich fö"” abjiehen unb nidhtg h>njufügen. ©o 

bleibt nur übrig, baff ffe mir a n g e b o r e n iff, mie auch bie 3bee 
meiner felbff mir angeboren iff. 

Unb eg iff fürwahr nicht ju oerwunbern, baff @ott, alg er 
mi^ fdhuf, mir biefe 3bee eingegeben hat, bamit fte wie bag 3«' 
dhen beg Sünfflerg feinem äßerfe eingepragt fei. Diefeg Reiche» 
braucht nidhtg »on bem äßerf felbff SBerfdhiebeneg ju fein, fonbern 
baraug aBein, baff ®ott mich Bcfch^ff^n h<>h iff mir fehr glaub^^ 
(idh, baff ich nach feinem (Silbe unb feiner $(ehnlidhfeit gemadht bin. 
3n biefer ©benbilblidhfeit beffeht bie 3bee ©otteg. Diefe 6ben» 
bilblichleit bin ich. ^if® mirb ffe oon mir burdh ganj baffelbe 
aSermbgen begriffen, Woburch idh mi^ felbff begreife. S3ie idh ben 
ajlidt beg ©eiffeg in mein 3nnereg lehre, fo fehe ich "i'^i 
boff ich ein unooBflönbigeg, »on Slnberem abhängigeg SSSefen bin, 
ein Sßefen, bag nach grbfferer SReolität, unb jwor ing ©nblofe nach 
©rbfferem ober ©efferent traebtet , fonbern icb fehe jugleith , baff 


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109 


ifne» SJefen, fon bem obl^ängc, alle grcgerc 9)?ad&t in8gefammt, 
nic^t blo6 bem SSetm&gen nac^ in fflJeifc be6 enblofen ©trebenS, 
fcnbern in fflJirnic^fcit auf uncnblid^e Sßeife in ftc^ entl^ält, 
atfo ®ott i)t. SDic ganjc jmingenbc ®cmalt beä ®emci8grunbe8 
liegt barin , bag id^ anerfennen mug , i(^ [elbft , [o mie id^ bin, 
mit ber 3bee ®ctte8 in mit , fönnte unmbgli^ ejijliren , trenn 
nid^t in SKa^rfteit ®ott ejiftirte, i(^ meine eben ber ®ott, beffen 
3bee in mir ifl, bet afle bie iBoflfommen^eiten l^at, bie id^ nid^t 
begreifen, fonbetn nur gleic^fam mit ben ®ebanlen trie »on fern 
berühren fann, ber gar feinem 3üangel unterliegt. 

Jgierau8 erhellt, bag biefer ®ott nic^t täufc^en 
fann. 2)enn e8 »erfleht fic^ »rn felbft, baß Srug unb Sdufd^ung 
aflemal ron einem Mangel ^errü^ren. 

aber el^e id^ bie8 forgfältiger prüfe unb jugteid^ auf bie on= 
beren fflal^r'^eiten , bie fic^ l^ierau8 ergeben, unterfud^enb eingel^e, 
trill i(^ erfl eine 3eit lang in ber ißetrad^tung ®otte8 »ertreilen, feine 
ftigenfd^aften bei mir ermagen, unb bie ©d^bn^eit biefe8 unermeg» 
lid^en Sid^t8, fomeit e8 ber SPlidf meines rrn ^etfigfeit gebtenbeten 
®eifte8 »etmag, anfd^auen, bemunbetn, anbeten. 3n ber ®etra(^’ 
tung ber gbttlid^en ülfajefiät befielt nad^ bem ®lauben unferer 
aieligion lebiglid^ bie ®lüdffeligfeit beS jenfeitigen SebenS. ©o 
gewährt nad^ unferer ßrfal^rung eben biefelbe SBetrad^tung, trenn 
fie aud^ riel unrotifommener ijt, bod^ ben grbfeten ®enufe, beffen 
trir in bem bieffeitigen Seben fällig finb. 


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stierte üBetrac^ttin«)* 

Sßal^rl^eit unb 3rrt^um. 


■o4 *•' biefcn Sagen fo fel^r baran gembl^nt, meinen 

®eift Bon ben ©innen abjutenfen, unb ^be fo forgfoIHg bead^tet, 
mie wenig wir Bon ben törperlid^en Singen watjrl^aft einfe^en, wie 
wir bei weitem me^r oom menfc^tid^en ®eifte, noc^ weit mel^r Bon 
®ott erfennen , bafe id^ fd^on o^ne aüe8 ^inberni^ mein Senten 
Bon bet 3BeIt bet SorfteÜung abtel^re unb auf bie blo8 intelligible 
unb BbHig immaterielle SBelt l^inrid^te. Unb ic^ l^abe ffirwal^r eine 
weit beutlid^ere 3bee Bom menff^lic^en ®eijle , fofern berfelbe ein 
benfenbeä Sßefen ijl, nid^t auggebel^nt in Sänge, ®reite unb Siefe 
o^ne etwas oom Sorbet ju l^aben, al8 bie 3 b e e eines tbtberlid^en 
aBefenS. Unb wenn id^ barauf werte, bofe id^ jWeifle ober ein 
mangelhaftes unb abhängiges SBefen bin , fo geht mit bie 3bee 
eines Bolltommenen unb unabhängigen üBefenS, b. h- ®otteS, fo 
tlar unb beutli^ auf , unb auS ber einen 
foldhe 3bee in mir ift, ober bafe idh im Seftl biefer 3bee ejiftire, 
f^liefee idh ejiflirt , unb bafe in 

jebem Slugenblicf meine ganje Sjiflenj Bon ihm abhängt, — bafe i(h 
fuher bin , nidhtS tbnne einleudhtenber , nidhts gewiffer Bon bem 
menfdhlichen ®eift erfannt Werben. Unb hier meine idh, einen SBeg 
ju entbecfen, ber mich Bon ber Betrachtung beS wahrhaften ©otteS, in 


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111 


bcm afle ©c^(i|c ber ffiiffenfdjaft unb SBdä^cit »erborgeit finb, 
jut Grfenntni^ ber übrigen SEüefen l^erabfül^ren tbnne. 

SScr 5lBem anerfenne icb, ba§ ®ott mich nie täufd^i. Denn 
in Drug unb Daufc^ung i|t attcmd ettcaä UnboBtommeneb. 68 
mag fein, baß täufc^en tonnen al8 ein getoiffeS tonjeic^en 
bon ©c^tau^eit ober SJtac^t ongefe^en toirb; aber taufd^en 
motten ifl o^ne 3meifet ein 3eugnife bon 3?o8^eit ober ©d^toäc^e, 
unb pofet atfo nid^t auf ©ott. 9lun erfahre idb, bafe id^ ein Ur= 
t^eitSbermogen befi|e, metd^eg ic^ offenbar mie aBe8 3tnberc in mir 
bon ©ott em};fangen ^be, unb menn ©ott mid^ nid^t täufd^en 
JbiB, fo l^at er mir biefe Urt^eitSfraft nid^t fo gegeben , baß id^ 
bei beren rid^tigem ©ebraud^e jematS irren tbnne. 

Die» märe nun ganj unbebenttid^, menn nid^t barauS ju fot» 
gen ft^iene, bafe id^ nun niematg irren tbnne. J&abe id^ 
nämtid^ StBe8 in mir bon ©ott unb ^at ©ott mir bie Säl^igteit 
ju irren nid^t gegeben, fo fe!§c id^ nid^t, mie id^ jematb in 3rr^ 
tl^um gerat^e. Unb in ber D^at, fo tange i(^ ganj unb gar nur 
an ©ott bente, unb mid^ bbBig ju i^m ^inmenbe, finbe id^ feinen 
©runb JU Däufc^ung ober 3rrt^um. 3tber menn td^ bann mieber 
JU mir jurücffe'^re, finbe ic^ mic^ bod^ japofen 3rrtpmern unter» 
motfen. Unb fpä^e p nat^ beren Urfac^e, fo merte ic^, bafe ni^t 
bto^ bon ©ott ober bem abfotut boBtommenen SfBefen bie reale 
unb pofitibe 3bee, fonbern aud^ bon bem 9lpt8 ober bon bem äu^er» 
ften ©egent^eit beS abfotut boBtommenen 3Befen8 eine Strt nega» 
tiber 3bee mir oorfc^mebt; i^ merte, bafe ic^ gteid^fam at8 etma8 
SWitttereg jmipen ©ott unb bem itli^tg ober jmifc^en bem abfo= 
lut boBtommenen ©ein unb beffen äufeerftem ©egent^eit fo befd^affen 
bin, bafe ic^ at8 ©efc^öpf be8 pd^flen 3Befen8 npt8 in mir pbe, 
moburd^ p getäufd^t ober jum 3rrtpm berteitet merbe, aber fo» 
fern ic^ gemiffermafjen auc^ an bem 9lpt8 ober an bem 9lpt» 
feienben D^eit pbe, b. fofetn ic^ npt ba8 abfolute SGBefen 


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112 


feltfl bin unb eine Unjal^l bon Wängeln ^abe, pnbe i^, es fei 
fein ffiunber, wenn ic^ irre. 

Unb fo erfenne ic^ (ic^er, ba^ ber Orrtl^um dS fd^er nichts 
SRedeS fei, baS »cn ®Dtt obl^onge, fcnbern btoS ein ^Kangel; ba& 
jum Srrt^um feineSWegS ein SSerm&gen ge’^bre, baS mir ®ott in 
biefer 5lbfid^t ert^eilt l^abe, fonbern ber Srrt^um, wo er ftattfinbe, 
l^abe barin feinen @runb, bafe jenes wal^re ßrfenntnifeoermbgen, 
we^eS id^ »on ®ott ^be, in mir nid^t unenblic^ ift. 

3nbejfen befriedigt bicfc grflärung nid^t ganj. S)er Srrl^um 
nömtid^ ift nid^t btofe Verneinung, fonbern ÜWangel (ißribation) 
ober ßntbel^rung: er l^at eine gewiffe ©infid^t nid^t, bie eigentlid^ in 
mir fein müfete. Sebenfc id^ nun baS V3efen ®otteS , fo f^eint 
eS unmbglid^, bü^ er ein Vermögen in mid^ gelegt l^abe, baS nid^t 
in feiner 9trt ootlfommcn ift, ober bem eine Voüfommen'^eit fel^lt, 
bie eS '^aben müfete. 3e tunbigcr ber Sünftler ijl, um fo oolf» 
fommener jinb bie SBerfe, bie er fd^afft. V3aS atfo fann oon bem 
l^bd^ften Urheber aller ®inge gefc^affen fein, baS nic^t in jeder 
Wüdftd^t »oUenbet Wäre? ®S ift ni^t zweifelhaft, bafe ®ott midh 
fo fdhaffen fonnte, bafe ich täufd^e. 68 i^ ebenfoWenig 

zweifelhaft, ba^ er flets baS Vefte will. 3 ft eS nun beffer, 
ba| idh irre, als bag idh nidht irre? 

3nbem ich ©adhe etwas aufmerffamer erwäge, finde 

idh bag idh darüber Wundern darf, wenn ?Dlan=’ 

«heS »on ®ott gefdhieht, bejfen ®rünbe idh nicht einfehe; dag 
idh ®n ber 6j;ijlenz ®otteS ni^t zweifeln barf, wenn idh 
cheS erlebe, »on bem idh nicht begreife, warum unb w i e ®ott eS 
gemadht hd. 3dh weig ja , bag mein VBefen fdhwadh unb be- 
fchränft, ®otteS SBefen dagegen unermefelidh, unbegreiflidh, unenb» 
lidh ift. Sllfo Weiß idh oudh, baß ®ott znPofe ®inöc »ermag, 
beren Urfadhen idh nidht Wiffen fann. ©dhon auS biefem ein» 
Zigen ®runbe darf jenes ganze ®efdhledht »on Ur» 
fachen, baS »om 3tt>ectbegrif f entlehnt wirb, in ber 


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113 


Grflärung tcr 9Jalur meinem Tafür^aüen nac^ feine 
©teile l^aben. Iienn ic^ '^alte eä für tctlfül^n, nail) ben 3lb= 
fluten ®ctte8 ju forfc^en*). 

SBeiter ftnbe id^ , bafe bei ber Srage , ob bic Sßerfe ®otte8 
boflfommen jinb, nie ein einjelneä ®efc^öpf abgefonbert für fid^, 
fonbern fiel« baSSlIl berllinge betrachtet merben müffe. X»enn 
»a8 »ielleidht, menn eg allein bamäre, mit iRed^t 
fe^r unoollfommen erfc^iene, ift al8 beg ®an* 

jen betradhtet bielleicht fehr bollfommen**). 

©eitbem idh mich cntfchloffen, an SlUern }u jmeifeln, h«be ich 
big je|t nur fo biel ftcher erfannt, bafe ich unb ®ott ejiftiren. X'odh 
feitbem ich unermeßliche SKacht ®otteg erblicft, fann ich 
mehr in Slbrebe ftellen , baß er no^ biele anbere SJefen gef^affen 
hat ober »enigfleng fdßaffen fann , fo baß ich im 3111 ber 2)inge 
nur ben Sßerth eineg Sh^'^® 

Sßenn ich nun näher ouf mich felbft eingehe unb bie 93e» 
fdhaffenheit meiner 3rrthümer (bie allein irgenb einen SRangel in 
mir berrathen) unterfudhe , fo fehe ich , baß biefe 3'crth^'^f'^ 


*) $iec begegnen fuh Xiescartee unb ©pinoja. Selbe oenieinen bie 
@ettmig be« 3>®«Ibegriff8 in ber Statur. ®e«carte« bcmeint biefe Rettung, 
meit bie Slatur^metle göttliche Abrichten mib ol8 folche für ein« unerfemibar 
finb. ©pinoja Uerneiiit fte, weil folche 3>oetfe au fich mimöglich fiitb unb bem 
Sefcii @otte8 ober ber Statur mibecipvedjeu. ®er ©eßritt uocc ber Uiicvfenit> 
barfeit jin^ Unmöglichfeit i|l icicht groß icnb umächft folgerichtig. @o itaf)e 
unb fo nothmenbig folgt ouf ®e«carte8 ©pinoja. SBcmt mir ben obigeu ©a(} 
ohne bie Sinfehrönfung nehmen, unter melcher ®e8carte8 il)n erflört, fo haben 
mir ben Aem be8 gefammten ©pino}i8mu8. 

**} $iet begegnen fid) ®e8corte8 unb Üeibnih. Snthölt ber aothccä 
geheube ©ah beu @ruubgebanten ber fpinojiftifdjen ffithif , fo eicthält biefer 
ben @vuubgebacifcn ber leibnihifcheit ®heobicee. ©piicoja icnb üeibuih ftnb 
au8 ®e8carte8 heeborgegaugen. ®ie Seime ju Seibeii liegen in beu obigeu 
©öhen ber bierteu Sltebitation bicht neben einanber. 

8 


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114 


jTOei jufammcnwitlcnben Urfac^en abpngcn: nämlib^ wn tcm 
Sßcrmögen ju crtennen , baS in mir ift, unb bon bem SSerm&gcn 
ju mähten ober ber iffiittfiir: b. »om Serftanbc unb ju« 
gieic^ oom 3BüIen. 

3)enn bnrc^ bcn ißerftonb allein evTenne id^ nur bie 3been, 
bie ben ©toff jum Urtl^eil barbieten, unb toenn ic^ ben SSerftanb 
genau in biefem engen ©inne ne^me, fo giebt eb in i^m feinen 
eigentlich fogenannten 3rrthum. 68 mögen oielleicht jahßofe Singe 
ejifiiren, »on bcnen ich ich 

eigentlich fagen, baß biefe 3been mir fehlen, fc^nbern nur, baß ich 
fte nicht habe Cbaß idh ohne ße bin), benn id) fann ja gar feinen 
S?etociägrunb anführen, baß @ott mir ein umfaffenbereS 6rfennt= 
nißoerm'ögen l;ütte geben müßen, al8 er mir in ber Shat gegeben 
hat; unb für fo gefchidt ich Stünftler auch halte, hoch meine 
ich ^aß er jebem einjelncn feiner SDBerfe alle bie Sßolltommen= 
heiten geben mußte, bie er einigen ju geben oermag. 

3ch fann mid) aber auch nicht beflagen, baß berSBille ober 
bie SBillenbfreiheit, bie ich ®ott erhalten habe, nid)t 
hjeit unb ooUfommen genug fei; benn in ber Ehat, ich mache bie 
6rfahrung, boß biefeb SScrmögen frei ift oon aßen ©chranfen. 

Jgierbei fcheint mir f^olgenbeb fehr bemerfenSloerth. Sein 
anbereS SSermbgen ift in mir fo ooßfommen ober fo groß, baß 
nach meiner Slnßcht e8 nicht ein noch ooUfommnereS ober großereb 
geben fonnte. äßenn ich i- *^a8 6rfenntnißoermbgen betrachte, 
fo fehe ich fogtrtch» ^aß e8 in mir fehr gering unb fehr befdhränft 
iß, jugleich bilbe ich wi’r bie 3bee »on einem anberen meit 
größeren , ja bem größten unb unenblichen ; unb meil ich >«1 
©tanbe bin, mir biefe 3bee ju bilben, fo erfenne ich eben barau8, 
baß biefe8 SSermögen jum Sßefen ®otte8 gehört. 6benfo, wenn 
idh bas aSermögen ber Sßieberetinnerung ober ber 6inbilbung ober 
irgenb toelche anbere unterfuche , fo ßnbe ich 9ar feines , bo8 i^ 


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115 


n^t in mir für fd^mad^ unb befc^ränft, in ®ott bngegen für «n» 
trmefelid^ l^alte. 

9?ur ber SBilfe ober bie SBiüenbfrci^eit ift unter allen ba8 
einzige Sßerm&gen, welche« nad^ meiner inneren ßrfa^rung fo groß 
i|l, ba| id^ mir ein größeres nic^t uorftelfen fann. 2)iefe? 2Jer» 
mögen ifl es »orjugSweife, gemäß beßen id^ gtcid^fam ®ctteS ®fcen» 
bilb barjuftellen glaube. Mag nömlii^ nud^ ber SQSitte in ®ott 
unöergleid^Iid^ größer fein als in mir, nadf) bem Maße tl^eilS ber 
©rfenntniß unb Mad^t, bie i^m f»ier jur ©eite fielen unb i^ 
felbß ftärfer unb »irffamer machen, t^eilS beS ObfectS, benn er 
erftredtt l^ier auf einen größeren ©pielraum, — fo fd^cint er 
bo(^, an fid^ unb genau als baS, loaS er ift, betrad^tet, nid^t größer. 
I'cnn ber SBiße bepte'^t lebiglidfi batin, boß man baffelbe tl^un 
ober nid^t t^un (b. 1^. befallen ober oerneinen, ergreifen ober 
flie’^en) fann; ober er befte!^t tielmeljr barin: toaS unS ber 
aSerftanb »orlcgt jur Seja^ung ober 9Jerneinung, jum Wnnc^men 
ober Slblel^nen , bem neigen mir unS fo ju , baß mit in biefer 
Steigung unS burd^ feine äußere Mad^t beftimmt füllten. .3“^ 
^reil^eit nämlid^ ge'^ört feineSmegS, baß man fic^ ebenfo gut nad^ 
ber einen als nac^ bet anbeten ©eite neigen fönne. 3m ©egen» 
t^il, je mel^t i(^ na(^ ber einen ©eite mi(^ Ijinneige, fei eS nun baß 
i(^ ’^ier bie fflernunft beS S3a^ren unb ®uten einleud^tenb erfenne, 
fei cS baß ®ott bem 3nner)len meines 3>enlenS biefe SHic^tung 
gifbt, um fo freier ermäl^lc id^ biefe ©eite. 3n SOSa^rl^eit, meber 
bie göttli^e ©nabe ned^ bie natürliche Sinficht bebrehfn bie greU 
heit, fonbern fie »ergrößern fie oielmehr unb ftärfen ße. 3ene 
Snbifferenj aber, bie i^ erfahre, fobalb feine Vernunft mich 
mehr nach ber einen als nach anbeten ©eite hintreibt, ift bie 
unterpe ©tufe ber greiheit unb bemeiß nidht bie SSollfommtn» 
heit ber greiheit, fonbern nur ben Mangel unb bie fßiehtigfeit in 
ber Sinßcht. SEBenn «h immer flar müßte, maS »ahr unb gut ift, 
fo mürbe ich niemals im 3>neifel fein, maS ju urtheilen unb ju 

8 * 


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116 


tränten; fo mürbe i*, t>oflfommen frei, boc^ nie inbiffcrcnt 

fein f&nnen. 

9tu8 biefen ©rllärungen nun erteilt: bafe Weber bie Sraft ju 
wollen, bic oon ®ott ^be, an fic^ betrachtet, bie Urfa(he meiner 
Orrthümer ift, benn fie ifl oom größten Umfang unb in ihrer 31rt 
oollenbet, noch auch bie Sraft su erfennen, benn wa8 idh ertenne, 
ba ich biefeä Vermögen oon ®ott höbe, ertenne ich 
richtig , unb h>«r ^önn ber @runb jur Säufchung nicht liegen. 
SBoher atfo entftehen meine Srrthümer? 

©ie entftehen au8 biefer einen Urfache; ber Sßiüe hat einen 
weiteren Spielraum alä ber SSerftanb, barum höUc ith 
in benfelben S^ranten eingefchloffen , fonbern erjtrecte ihn auch 
auf ba8 9tichtertannte; gegen biefeä »erhält er fich nun inbifferent, 
fo lentt er ab »on bem Sffiahren unb @uten, unb baher tommt 
e8, ba& ich *>^te unb fehle. 

S03enn ich i* in biefen Sagen unterfuchte, ob etwa8 in 
ber 3BeIt ejiftire , unb fah , ba^ au8 biefer meiner Unterfuchung 
einleuchtenb folge, bo| idh ciifü«, fo mufete ich urtheilen, Wa8 ich 
fo beutli^ erfannte, fei Wahr; ich wufete fo urtheilen, nicht etwa 
burch eine ©ewalt oon 3tu&en baju gejwungen, fonbern weil au8 
ber großen ©rleuchtung im SBerftanbe bie große Sfleigung im SQSitlen 
folgte, unb fe weniger ich gegen biefe SQSahrheit inbifferent War» 
um fo fpontaner unb freier war meine Ueberjeugung. 9lun 
aber Weiß ich «'<^1 ^lofef baß ich al8 bentenbe8 äBefen ejijlire, 
fonbern e8 f^Webt mir außerbem noch bic 3bee einer fbrperlichen 
9?atur »or; nun tritt ber gall ein, baß ich itofifl«» ob bie bentenbe 
iJtatur, bie in mir ifl ober bic ich oielmehr fclbjl bin , »on jener 
tbrperlichen Siatur »erfchieben ift, ober ob beibe ibentifch finb. @e= 
feßt nun , baß mein Oeifl noch teinen @runb gefunben h®t , ber 
ihn »on bem einen mehr al8 »on bem anbern überjeugt, fo bin 
ich beßhalb gleich geneigt, jebe8 »on beiben ju bejahen ober ju 
»erncinen ober auch gar nidhtS barüber ju urtheilen. 3« biefe 


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117 


3nbifferenj erflredtt ftd^ ni(^t bloß auf ba8, waä mir poHfommen 
bunfet ift, fonbern überhaupt auf Sltleb, baS mir im Slucienblicf, 
mo ber S5JitIe mit fib^ ju IRat^e ge^t, nib^t ganj flar ift. 9)?bgen 
aub^ ma^rfb^finlic^e SSermut^ungm mib^ nac^ bcr einen Seite ^in= 
jie^en, fo genügt, meil eg bob^ nur aScrmut^ungen , nic^t fidiere 
unb smeifeßofe ©rünbc finb, bie blofec (£infi(^t, um meine 93ei’ 
ftimmung nab^ bcr entgegengefe|tcn Seite }u treiben. ®ag ^abe 
i(^ in biefen Sagen rec^t erfahren , mo bie ßntbecfung , baß äße 
meine frühere Ueberjeugungen, fo feft ib^ pe ^ieit, boc^ auf irgenb 
eine 2Bcife jmeifel^ft gemabf)t merben tonnten, mib^ ju ber 9tn= 
na|me bemog, fte feien über^upt falf;^. 

Sobalb ic^ nun bie SBa^r^eit nic^t flar unb beutlib^ genug 
begreife, fo t^ue ib^ offenbar rec^t unb irre nibbt, »oenn ib^ mib^ 
beg Urt^eilg entölte. SQJenn ibb aber entroeber bejabe ober Per* 
neinc, fo mabbe icb oon ber Sreibeit beg äBißeng einen oerfebrten 
®ebrau(b. Söenbe icb jw ber Seite, bie falfcb ift, fo bin icb 
Pbßig im 3rrtbum; erfaffe iib bie entgegengefebte, fo tapise icb Jtoar 
burbb in bie SBabrbeit, aber icb t’^erbe beßbafb bobb febten, 

meil bie natürliche iBernunft mir fagt, baß bie (ärtenntniß ftete 
bcr Sßißengbeftimmung Porangeben müffe. 3» biefem unribbtigen 
®cbraucb ber SSMßcngfreibeit beftcbt jener ?0tangcl , ber bie gorm 
beg 3rttbumg auemacbt ; ber SKangel, fage icb, ift in ber Sbütig» 
teit felbft, fofern fie pon mir auggebt, nidit in bem iBermbgcn, 
bag icb empfangen habe , auch nibbt in ber Sbätigfeit, 

fofern fie oon @ott abbängt. 3bb b^be feinen ®runb ju flagen, 
baß @ott mir fein großereg ßrtenntnißpermbgen ober feine beßere 
Scucbte ber 9?atur gegeben bat, alg i^ in ber Sbut b®bc. Senn 
eg liegt in bcr 9?atur beg befcbränftcn 'JSerftanbeg, baß er SSicleg 
nibbt einfiebt, unb eg liegt in bcr Statur beg gcfcbaffenen SJerftan» 
beg, baß er befcbränft ift. 3cb ffabe ®ott, ber mir nicbtg fcbulbig 
mar, JU bauten für bag, mag er mir gefbbenft bat, nicht aber habe 
icb JU meinen, mag ®ott mir nibbt Perlieben, bag fei mir Pon ihm 


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118 


»orent^tten ober njeggcnommen. ]&a6e feinen ®runb ju 
Hagen, ba& mir @ott einen Sßißen gegeben ^at, ber umfaffenber 
ift als ber SSerjlanb. 35enn ba ber SBille nur in einem 
unb gleid^fam untl^eilbaren SBefen bejlel^t, fo lüfet fld^, 
wie eä fc^eint, »on feiner 9iatur nid^tS abjiel^en, unb je umfaffen* 
ber er ijl, um fc mel^r ®anf fürwahr bin id^ feinem ®eber fd^ulbig. 
@nblid^ barf ic^ mic^ auc^ nic^t beflagen, bag ®ott mitwirft bei 
ber jener SffiißenSacte ober Urt^eile, in benen id^ irre, benn 
biefe Stete, foweit fie oon ®ott ab^ngen, finb ganj wa!^r unb 
gut, unb meine IBoßfommen^eit fetbjt ip eigenttid^ grbfeer, weit id^ 
wälzten fann , atä Wenn id^ eS nid^t tbnnte. 3)er SRangel aber, 
worin aßein ber ®runb beS wirtlichen 3nthumS unb bet ©dhulb 
befiehl, bebarf feiner ÜKithütfe @otteS, benn er ift fein ©ein, auch 
ift er nicht auf ®ott atS auf feine Urfadhe jurudtbejogen , fonbern 
er barf nur ein ßiidhtfein genannt werben. Unb in ®ott iji 
bodh be^h“^^ Unooßfommenheit, weil er mir bie Sreiheit ge= 
geben hali bfm, wobon er in meinen ®eift bie flare unb beutltdhe 
©infi^t nicht gelegt, entweber beijuftimmen ober nicht beijujtimmen, 
fonbern in mir ift ohne Zweifel bie Unooßfommenheit, weil idh 
oon jener fjreiheit nidht ben richtigen ®ebrauch mache unb ohne 
richtige ©inficht urtheile. 

3)odh meine ich, ®ott hätte e8 leidht fo madhen fonnen, bafe 
idh Freiheit unb befchränften ©rfenntnig bodh niemals in 

3rrthum geriethe. iS3eun er nämlich oon Slße bem, worüber idh 
jemals mit mir ju ßlathe gehen würbe, bie Hare unb beutlidhe 
©rfenntni^ meinem ®ei(t eingehßanjt ; ober Wenn er nur bie 
SBorfcbrift, nie ju urtheilen oor ber Haren unb beutlidhen ©infidht, 
meinem ©ebädhtnife fo fefl eingeprägt hätte, ba^ idh ”i^l ©tanbe 
wäre, fte je ju oergeffen. ,§ätte mich ®ott fo gefdhaffen, fo begreife 
ich *®ohI/ »“h loürbe, fofetn ich ©anjeS für midh bin, ooß= 
fommener geworben fein, als idh je|t bin. 


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119 


3nbe(fen tarnt i(^ be^^alb hoi) nic^t in Slbrebe jleßen, bafe 
in bem 9tß ber Dinge bie iSoßtommen^eit gioger ifi, nteitn einige 
Steile »om Srrt^um nic^t frei , anbere frei finb , at§ Wenn aße 
D^eile einanber Bbßig ä^ntid^ wären. Unb ic^ ^be fein SRed^t, 
barüber )u fiagen, bag nad^ bem Sißen @otteS meine $erfon in 
ber SBett nic^t bie »crjüglid^fte unb boßtommenfte fein foflte. Unb 
fann ic^ auc^ ni(^t auf bie erfte SBeife »om 3trtl^um frei fein, 
nämlic^ burd^ bie ttare ©infid^t in SlßeS, worüber id^ mit mir ju 
SRat^e gelten mug, fo tann ic^ eä bod^ auf bie j weite: ndmli^ btog 
baburc^, bag ic^ gebente, man müge gd^ beb Urt^eilg enthalten, 
fo wie bie SBal^rl^cit ber ©at^e nic^t »oßig tiar ig. SBo^t fcnne 
i^ in mir jene ©c^wäc^e, bie mic^ ^inbert, feft bei einer unb ber« 
feiben ©rfenntnig }u bel^arren. Dod^ tann id^ bur^ bie aufmert« 
fame unb oft wieber^olte ^Betrachtung bewirten, bag idh ihrer, fo 
oft eb nbthig ig, gebente unb auf biefe SBeife eine Sfrt ®eWohn« 
heit nidht ju irren erwerbe. Unb hierin begeht bie grbgte unb 
hauptfochtiche SBoßtommenheit beb SKenfehen. Darum meine idh 
oiel burdh bie heutige ^Betrachtung gewonnen ju haben , weit idh 
bie Urfache beä 3rrthum8 unb ber Däufchung erforfdht habe. ®8 
tann teine anbere fein , al8 bie ich entwicfelt. ©obatb ich ben 
3Bißen beim Säßen ber Urtheite fo im 3ügel h®^^e , bag er ftdh 
bto8 auf ba8 ergreeft, wa8 bom SBerganbe ttar unb beuttidh bar« 
gethan worben, ig ber 3rrthum nicht mbgtidh. Denn jebe ttare 
unb beuttidhe gingdht ig ohne 3>ueifet Stwaä, ge tann atfo niegt 
oon StichtS herrühren, fonbern mug ®ott jum Urheber haben, 


♦) ®iefe CärHärimg be« 3ttthum6 behalte ber fefet woht im ffluge! 
Sßieht in ben Qbcen liegt ber Srrthum, (oiibeni in ben Urtheilen; nicht in 
ben falf^en Urtheilen ale folchen, fonbern in bereu 33(jahung, alfo in 
einem 2BiIIen8act, ben jiiriicfjuhaltcn, mir bie greiljeit haben. Slifo ig e« 
im leljtcn ©tnnbe ber SDJiUe, ber unfern Serganb nerbuntett unb un8 in 
3rrthnm gürät. (Der Ueberf.) 


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120 


meine jenen abfolut öoütommenen ®ott, bem e8 miberfpri^t 
ju täuf^en: fic mu& befe^atb »a^r fein. 

34 gelernt, maS i4 unteilaffen mug, 

um ben 3nt^m ju uermeiben , fonbern au4 mag i4 4un mufe, 
um bie SBal^rl^eit ju errei4en. 34 merbe fte gemife ertei4en, menn 
i4 nur auf ^Qeg, bag i4 cottfommen einfe^e, mol^I aufmerfe unb 
eg abfonbere uoii Wdem, mag i4 nur unftar unb bunM mal^rne^me. 
Unb barauf miU i4 in ,3ufunft mit attem gteifee beba4t fein. 


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S’iinfte ^etra^ttiitd 


DaB äBefen htx Materie unb no6) einmal bab 
2)ofein ®otteb. 


^abc ncd^ »iel ju erforfcben in Setreff ber föigenfc^aften 
®otte8, t>iel in Setreff meiner eigenen ober meine® ®eifte® Statur. 
3nbeffen »iö i(i^ biefe Unterfuc^ungen oieUeid^t anbergmo toieber 
aufne^men ; jefet (nac^bem ic^ gefe^en , toa® ic^ unterlaffen unb 
t^un mug , um bie äBa^r^eit ju erreid^en,) brängt e® mid^ t>or 
Sllem , au® ben 3>vcifefn ber Ie|ten SEage mic^ ^erau®juarbeiten 
unb JU fe^en, ob in Setreff ber materiellen 3)inge fi^ etwa® 
Sid^ere® geminnen Idgt. 

Unb beoor id^ unterfud^e, ob irgenb »eld^e X)inge ber 9trt 
aufeer mir ejijtiren, mufe i^ i^re 3been, fo meit fte in meinem 
Renten fmbr betra(|ten unb jufel^en, welche baoon beutli^, welche 
unflar fmb. Deutlid^ namlid^ ^be ic^ bie Sorftetlung ber ®röge, 
welche bie S^ilofopl^en geWb^nlid^ continuirlid^ nennen , ober 
i^rer Slu®be^ung in £änge, Sreite unb Siefe, jä^le barin eine 
Stenge »on £^eiten, gebe biefen Steilen jebem eine gewiffe ®r&6f, 
Sigur, Sage unb Drt®ben?egung , unb biefer Semegung eine ge= 
»iffe ®auer. 

Slber nid^l blofe fo im Slllgemeinen betrad^tet , finb mir bie 
angeführten Sorftellungen cbllig befannt unb burchfichtig , fonbetn, 


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122 


wenn ic^ oufmerfe, crtenne id^ au^erbem in SBetreff ber Siguren, 
Bewegung unb »ob bergleid^en mcl^r iji, nod^ jopofe ®in» 
jelnl^eiten, beren SBo^rl^eit fo am 2 ^oge liegt unb mit meinem S3Je= 
fen fo übereinjtimmt, bofe id^ bei ber erjten ßntbedtung biefer 3 been 
nic^t fo»o’^I et»ob iRcueb ju lernen, olb nur on bob fd^on früher 
©cmufete mid^ ju erinnern ober erjl oufmerlfom ju »erben meine 
auf gt»ob, bab fd^on tängft in mir »ar; nur ba& p npt e^er 
ben SBtidt beb ©eifteb barauf gerietet ptte. 

Unb »ab id^ l^ier für befonbcrb bead^tenb»ertl^ ptte: id^ 
finbe in mir jaPofe 3been ge»iffer Singe, bie, felbft »enn fie 
au^et mit bictieid^t nirgenbb ejiftiren, bod^ nic^t ein leereb Dlid^tb 
p 6 en bürfen, unb »enn fte oud^ gcmiffermafeen »ißfiirlic^ bon 
mit gebadet »erben, fo finb fie bo(^ nid^t btofee Oefd^bbff ©in" 
bilbung, benn fie pben i^re eigene »aljre unb un»anbel 6 are Statur. 
3 c^ jtette mir j. S. ein Sreierf bor; eb tann fein, bag eben 
biefe Öigur bieflept nirgenbb in ber äßelt aufeer in meinem Sen» 
fen ejiftirt, bafe pe niemalb eji|1irt pt. Sennod^ i|l openbar ipe 
fo bepimmte Statur ober äßefenbeigentpmlpfeit ober gorm »an» 
beQob unb e»ig, p pp f» nid^t aub Stptb crfunben, fie pngt 
npt bon meinem Senfen ab, »ie baraub erpüt, bap pd^ in Se» 
trep biefeb Steiedb berpiebene gigentpmlid^teiten be»eifen lapen, 
»ie 3 . 33., bap feine brei Sßinfel gleid^ 3 »ei SRed^ten pnb, bop fei= 
nem grbpten Sßinfcl bie grbpte ©eite gegenüber liegt; — lauter 
©üpe, bie p jept openbar anertenne, id^ mag »ollen ober npt, 
oud^ »enn p borpr, fo oft id^ mir ein Sreiedt borftellte, Pe nie 
gebadet pbe, unb fie alfo bon mir nid^t erfunben »otben. 

Unb eb ip für bie ©ad^e bebeutungblob, »enn i(^ fagen »oUte, 
bieUept fei mir jene 3bee beb Steiecfb bon ben Singen auper 
mir burd| bie ©inneborgane 3 ugefommen , »eit id^ et»a Ebr^er 
bon breiedtiger ©eftalt gefepn pbe. 3 d^ fann mir ja japofe 
giguren aubbenlen, bie nic^t in ben SSerbad^t fommen fönnen, pe 
feien je burd^ bie ©inne in meinen <^eift l^ineingeptüpft, unb p 


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123 


fann bo<i^ »on i^nen ebenfo »ie »otn ®reied öerfd^iebene gigen» 
fi^ften beweifen, bic oHe »al^r fjnb, b« fie ja »on mir beut» 
Ii4 erfonnt »erben, begl^alb alfo gtttaS (inb, (ein biofeeg 9lid^t8. 
Denn ber ©ag gilt: »a8 »a^r i|t, baS ijt gtmaS, unb ic^ 
^obe fd^on »eittoufig be»iefen: »a8 id^ beutlid^ erfenne, 
ba8 ijt »ol^r. Unb felbjl wenn i(^ e8 nid^t bettiejen ^tte, fo 
mügte id^ jenen ©ägen bod^ nac^ ber %atur meines ®eijle8 ju» 
ftimmen, »enigflenS fo longe ic^ p« War erfenne. Sluc^ frül^er, in 
ber 3eit, »o ic^ ben ©inneSobjecten nod^ bor 9ttlem anl^ing, l^abe 
ic^ bo(^, wie id^ mi<^ »ol^t erinnere, eben biefe Sßa^r^eiten bon 
ben Siguren ober Sailen ober bon anberen jai Slrit^metit ober 
®eometrie ober im Stilgemeinen jur reinen unb abjtracten SJtat^e« 
m«tif gei^Brigcn Dbjecten unter allen für bie geWiffeften gehalten. 

SBenn nun barau8 allein, bap id^ bie 3bee irgenb eines 
Dinges aus meinem Denfen ^erborl^oten fann, f^on folgt, bap 
was id^ (tar unb beuttic^ atS bem Dinge jugel^Brig erfenne, il^m 
aud^ »irflid^ jugel^brt: lägt Pd^ nic^t ^ierauS jugteid^ no^ ein 
SäeweiSgrunb für baS Dafein ®otteS gewinnen? Die 3bee 
®otteS als beS abfotut botlfommenen SBefenS Pnbe id^ in mir fo 
gut als bie 3bee einer Sigur ober 3a!^(, id^ erfenne ebenfo dar 
unb beuttid^, bap jum Süefen ®otteS bie ewige g{iftenj notl^wenbig 
geleert. Slit^in, wenn aud^ nic^t SlßeS, baS ic^ in biefen lebten 
Dagen bebac^t ^abe, wa^r ip, fo müpte mir bod^ bie gsipenj 
©otteS »enigpenS bcnfelben ®rab ber ®e»ipl^eit 
^aben, ben bis jegt bie matl^ematifd^en SQSa^r^eiten 
gel^abt l^aben, 

®tei(^wo]^t ip bieS auf ben erpen S3tid nid^t boßfommen 
burc^pd^tig, fonbern Pe^t etwas fob^ipifd^ aus. Denn ba id^ in 
aßen anbern Dingen bie g|ipenj oom SSegrip }u unterfd^eiben 
bPege, fo bin id^ wol^l ber Slnpd^t, bap pc auc^ bom Segrip 
©OtteS abgefonbert unb alfo ®ott als nic^t esiftirenb gebadet 
werben (bnne. 3nbePen bei näherer Slufmerffamfeit jeigt pd^, bap 


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124 


»on bem SBegriff ®otte8 bic ©jipettj eknfoteenig fi(i^ abtrennen 
läfet, als tcn bem Segriff beä 2)reiedt«, bofe bie ®rb^e feiner brei 
aOStnfel jmei Stedten gleid^ ifl, ober »on ber 3bce beä ®erge8 bie 
3bee beb ST^Iä, fo bafe e8 ebenfo ungereimt ift, ®ott (b. 
bab »oßfommenjle SBcfcn) o^ne Sjiftenj (b. mit bem SWangel 
einer SSoüfommcnl^eit) ju benfen, at8 ben S3erg ol^ne £^i. 

6b fei! 3<^ foß ®ott nur otb cjiftircnb, fo loie ben 
®erg nur in SSerbinbung mit bem S^ie benfen fbnnen, fo folgt 
boc^ baraub, bafe id^ ben S3erg in SSerbinbung mit bem S^^ale 
bente, nid^t, ba| irgenb ein ißerg in ber SQßftt ift. Unb baraub, 
bafe id^ ®ott alb ejijlirenb bente, folgt, mie eb fc^eint, ebenfo 
wenig, ba^ er »irftid^ ejiftirt. 3)enn mein Denfcn übt auf bie 
3)inge feinen 3»ang aub , unb fo gut ii^ mir ein geflügelteb 
Sj5ferb »orfteßen fann , obfd^on fein $fcrb Slügel l^at , fo fann 
ic^ aud^ lüol^l ®ott eine Sjiflens anbid^ten , obwohl fein ®ott 
ejiftirt. 

^ler ftedt ber Srugfc^lufe. Daraub, bafe id^ ben 93erg nur 
mit bem D^le benfen fann, folgt nid^t, ba^ ®erg unb Stl^al ir= 
genbmo ejiftiren, fonbern eb folgt nur, bafe ®crg unb D^al, ob 
fie nun ejiftiren ober nid^t ejiftiren, fid^ nie »on einanber trennen 
laffen. Unb baraub, bafe id^ ®ott nur alb ejiftirenb benfen fann, 
folgt ebenfo, bafe »on ®ott bie ©jiflenä fid^ nid^t abtrennen läfet, 
alfo bafe ®ott in SBa^rl^eit ejiftirt, nid^t weif mein ®ebante eb 
bewirft ober etwa bab SEBefen jur ©jiftenj jwingt, fonbern im ®e= 
gent^eil , weil bie. Üiot^wenbigfeit beb Sßefenb felbjl, nämlid^ ber 
Sjiftenj ®otteb, mic^ jwingt, fo ju beuten; benn fonft ftelfü eb mir 
frei, ®ott o^ne föjiflenj (b. bab »oßtommenfte SGBefen ol^ne 
l^bd^fte aSoflfommenl^eit} ju benfen, wie eb mir frei fielet, mir ein 
$fetb mit ober o^ne glügel »orjufleßen. 

Slud^ barf man nid^t fagen: freilid^ muffe id^ ®ott alb eji' 
ftirenb fefeen, nad^bem id^ gefegt ^abe, er fei im '3efi| aßer 35oß= 
fommenl^eiten , benn baju jäl^lc bie lSji|teuj; aber jene erfte 3lu= 


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125 


nal^me fei nid^t not^wenbifl flctcefcn. So jrcinge mid^ niAt?, <u 
meinen, fcafe aüe »ierfeitige giguren fic^ nom Äreife umfc^reiben 
laffen, aber gefegt, baff id^ eb meine, fo muR i(^ ben ©ag audg 
»om Sügombuä gelten laffen, mag bodg offenbar fatfdg ijl. 9?otg= 
»enbig nämlicg fei eg feinebmegg, überhaupt je auf ben ©ebanfen 
®otteg ju tommen. 2)enn wenn eä mir einmal beliebt, über ba8 
erfte unb gödgfte SBefen nadgjubenten unb biefe 3bee gteid^fam au8 
cer ©cgagfammer meine» ©eifleS gerborjulangen, bann freilidg mug 
i(^ biefem Sßefen alle Sollfommengeiten jufcgreiben, cbf^on idg 
fie nicgt einjeln gerjägle ober jebe für pdg in’8 Singe faffe. Unb 
eben biefe Stotgmenbigfeit genügt, um mit ber ßinftdgt, bafe bie 
gjiftenj jur SSoHfommengeit gegore, richtig jufcgliegen; jene» erfte 
unb gbcgjle SBefen ejiftirt. ©o ift e8 nicgt notgwenbig , bag idg 
mir je ein T)reiecf »orftelle , aber fotoie icg eine grablinigte gigur 
mit nur brei SBinteln betrachten toill, muß idg i^r bie ©igenfdhaf» 
teil geben , au8 benen richtig folgt , baß ihre brei ffiinfel nicht 
größer ßnö, al8 Ituei SRedhte; ich muß baS Iireiecf in biefer teigen» 
fchaft »orßellen, auch wenn idh im Stugenblicf mir biefer ßigen» 
fchaft gar nicht behmßt bin. 

SEBenn idh aber unterfudhe, wag für giguren bom Sreig um» 
fdhrieben »erben tonnen, fo braudhe i^ nidgl ju meinen, baß baju 
alle oierfeitige gehören ; im ®egentheil , ich fann eg mir nicht 
einmal einbilben, fo lange idh nur unb beutlidh terlannle 

gelten taffen »ill. ©o ift ein großer Unterfdgieb jwifdhen foldhen 
falfdgen Slnnagmen unb ben wahren mir eingeborenen 3been, »on 
benen bie erße unb »orjügli^ße bie 3bee ®otte8 ift. Unb fürwahr, 
ich begreife auf mehr al8 einem SBege, baß biefe 3bee nidhtg tein» 
gebilbeteg unb bon meinem Denfen Stbhängigeg ift, fonbern bag 
Stbbilb eineg Wahren unb unwanbetbaren SBefeng. 
terfteng fann ich tr'U anbereg Sßefen mir augbenten, ju beffen S5e» 
griff bie tejiftenj gehört, außer ®ott allein. Dann tann ich n'<ht 
jwei ober mehr bergteichen ®ötter begreifen unb gefegt, baß einer 


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126 


eji|lirt, fo fcl^c »oHfontmen ein, ba^ er notl^wenbig ift, n>ie er 
beim Bon Slrigfeit ejiflirt unb in 6tt>igleit bauern Wirb. Unb 
enbtid^ erfenne id^ in @ott nod^ Bieleg Stnbere, Bon bem ic^ nid^t« 
abjiel^en, nid^tS Beränbern fann. 

äBeld^en @ang ber IBeweigfül^rung id^ aud^ nc'^me, immer 
tomme id^ loieber bal^in jurüdf, bafe id| nur Bon bem überjeugt 
bin, mag id^ flar unb beutlic^ erfenne. SSon bem fo Srfannfen 
ift SIBand^eg jebermann fofort leidet fa^lid^, Slnbereg bagegen ent= 
bedft fid^ erjl, menn man eg nä^er einftel^t unb forgfältig erforfd^t. 
3ft eg aber entbecft, fo gilt eg für ebenfo gemi^ alg bag ®r|le, 
bag ftd^ Bon fclbfl Berfte^t. ©o ift j. IB. ber ©a§, ba& im red^t* 
minfligen Dreied bag Quabrat ber %}>otenufe gleid^ ift ber 
©umme ber Quabrate ber beiben Safteten, nid^t fo l^anbgreiflid^, 
alg bafe bie ■gbb'^tenufe bem größten SBinfel beg 3)reiedtg gegen» 
überlicgt, unb bod^ mirb ber erjle ©a|, ift et einmal erlannt, nid^t 
meniget geglaubt alg ber jmcite. 

äBag nun @ott betrifft, fo mürbe id^ gemife fein SBefen el^er 
unb feineg leidster erfennen , märe id^ nid^t Bon SSorurt^eilen 
überfd^üttet unb Bon ben 93ilbetn ber finnigen ®inge mein®en« 
fen Bon allen ©eiten l^er eingenommen. 3)enn mag liegt on fid^ 
mei^r am Jage, alg baji ein l^öd^fleg SBefen ijl ober bafe ®ott 
eiiftirt, ju beffen bloßem ®egtiff bie 6ji[len} gel^&rt? Unb ob» 
gleid^ ju biefer ginfid^t eine aufmetffame ©rmägung nbt^ig mor, 
fo bin ic^ bod^ je|t in biefem fünfte nid^t blog ebenfo gemiß alg 
in allem Uebrigen, moBon id^ mid^ ganj überjeugt l^alte, fonbern 
id^ fel^e aud^, baß Bon biefer ©cmißl^eit alle anbere ab^üngt, unb 
baß ic^ fomit ol^ne fie überl^aubt 9li(^tg mal^rl^aft mißen fann. 

©0 lange ic^ etmag ganj flat unb beutlic^ erfenne, muß id^ 
glauben, baß eg mal^r ift. ©o liegt eg in meiner iltatur. ^ber 
eg liegt tro^ bem aud^ in meiner 9fatur, baß id^ auf baßelbe 
Object ben SBlidt beg ®eißeg nid^t immer feft gerid^tet Italien fann, 
unb nun bie fd^on fettigen Urt^eile Bon b^ebem mir mieber ing 


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127 


©ebäc^tnlfe iiuvücftommen. SBenn ic^ nid^t gan? gcfpannt 2(d^tung 
gebe auf bie ®iünbe, tvarum tc^ (o unb nic^t anberb geurt^eilt 
l^abe, fo fönnen mir anbere ®rünbe gebrad^t »erben, bie mid^, 
»enn ic^ ben ^Begriff ©otteb nic^t ^tte, bon meiner SWeinung 
leicht nbbringen ȟrben. Unb fo f&nnte id^ bon nid^tb in ber 
Sffielt je eine »a^re unb fidlere ©inftd^i, fonbern nur fd^wanlenbe 
unb »anbeibare SSeinungen l^aben. ©ü j. S?., »enn id^ bie 9?a= 
tur eineb 3?reiecfb betrad^te, leudbtet mir, ba ic^ mit ben 6Ie* 
menten ber ®ecmctrie betannt bin , ganj tlar ein , bafe bie brei 
ffiinfcl ber Sigur s»ei iRcd^ten gleid^ finb, id^ mufe bpn biefer 
Sßa^rl^eit überjeugt fein, fo lange alb id^ auf bie S3c»eibfü]^rung 
ad^te. @p»ic i(^ aber ben geiftigen Slidt baoon abmenbe, fo 
begegnet eb mir leidet, — felbft »enn ic| mid^ erinnere, bie ©od^e 
gonä flar eingefe^en ju l^aben, — bajjidb an ber SGßal^r^eit j»eifle. 
ftb begegnet mir, »enn ic^ ben »a^ren löegriff ®otteb nid^t 
^be. I^enn eb fann mi(^ bebünfen , id^ fei oon Sflatur fo be» 
fc^affen, bag ic^ mic^ juroeilen aud^ in fold^en Dingen tdufd^e, 
bie id^ fo einleud^tenb alb nur mbglid^ ju erlennen meine, ba id^ 
mi(^ JU »ol^t erinnere, »ie oft id^ SSieleb für »al^r unb ge»ig ge« 
^Iten, »ab ic^ fpdter, burd^ anbere ®rünbe baoon abgelenft, für 
falfc^ ertannt l^abe. 

fRad^bem id^ aber erlannt ^be, bajj ®ott ift, unb jugteid^ 
cingefe^en, ba^ allebSlnbere oon i^m ab^dngt, er aber nid^t täu« 
fd^en fbnne, unb ba^ atfo, »ab id^ flar unb beutlic^ erlenne, not^« 
»enbig »al^r fein müffe, fo bin id^ f<^er. 3Iud^ »enn id^ auf bie 
®rüube, »arum ic^ einjl fo unb nid^t anberb geur%ilt l^abe, nid^t 
»eiter aufmerfe; — erinnere id^ mid^ nur, ba^ id^ bie ©ad^e Har unb 
beutlid^ cingefel^en Ijatte, fo giebt eb leinen ®egengrunb, ber 
mid^ jum 3»cifel bringen fbnnte, fonbern id^ l^abe bann bie »al^re 
unb fidlere ®inftd^t. 9iic^t blob baoon, aud^ oon oüem Slnbern, 
bab id^ einmal be»iefen ju l^aben mid^ erinnere , »ie bie geomc« 
trifd^en unb ä^nli(^e ©ä|e. SBab lann man mir nod^ entgegen« 


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128 


"haften? 6t»a ic^ boc^ meiner tRatur nad^ oft irre? Stber 
it^ »ei^, bafe ii^ in bem, too8 i<^ tootifommen flar erlenne, mic^ 
nid^t irren fann. Dod^ |abe id^ ni^t fonft Siele« für tua^r unb 
fleioife geilten, wo« id^ fpäter ol« folfd^ befunben ? 3l6er 9?id^t« 
bobon l^otte id^ flor unb beutlid^ eingefe^en, fonbern ol^ne begriff 
oon bem ^rincip ber S3a'^rl^eit '^otte id^ e« öietleid^t ou8 onbern 
®rünben geglaubt, beren Sd^Wöd^e id^ fpüter entbedft '^obe. SEBo« 
ober will man fogen? Stwa, wie id^ nculid^ felbji mir cinwarf, 
baf, i(^ »ieUcid^t träume, ober bafe SlCIe«, wo« id^ benle, nid^t 
wal^rer ift, al« wo« id^ träume? 3lber ba« änbert bie ©ad^e 
nid^t. ©elbft wenn id^ träumte, fo ift bennod^ ba« ganj wa^r, 
wo« meinem Renten einleud^tet. 

Unb fo fe^e id^ »ollfommen, bafe bie ©ewife^eit unb 9Bal^r= 
'^eit alle« Sßiffen« »on ber einen ßrlenntni^ be« Wal^rl^aften ®ot= 
te« abl)ängt, bergeftalt, boß, beoor id^ i^n erlannt l^otte, id^ bon 
feiner ©ad^e etwa« wirtlid^ Wiffen lonnte. 3e^t aber fann mir 
unenblid^ biel böUig befannt unb gewiß fein, fowol^l in SBetreff 
©otte« unb ber anbern inteHigibeln SJefen al« in 35ctreff jener 
gefammten förfjcrlid^en fUatur, bie ba« Object ber reinen 3Batl^e= 
matif bitbet. 


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<2ec^9te ä^etrac^tiin^. 


SBon bet ©iiftenj ber materiellen Singe unb 
bem ißefenSunterfc^ieb .^mifi^en @eele 
unb flörper. 


3i(^ ^afce noc^ ju untetfu(i^en , cb materielle Singe ejiftiren. 
3»or «eil it^ fc^on, bag fie «18 ®egenftänbe ber reinen 9Rat^e= 
matif eiiftiren Ibnnen , ba iti^ pe atS fclti^e flat unb beutlic^ er« 
fenne. Senn offenbar ip @ott im ©tanbe, ba8 Sltleä ju bcwitfen, 
toa» ic^ im ©tanbe bin, fo ju erfennen, unb nur baS ip meinem 
Safürl^alten nad^ bei @ott unmögtid^, maö bei mir eine beutlid^e 
(Srienntnip nid^t juldpt. Sluperbem fc^eint au8 ber ßinbitbungS« 
fraft, bie bei bet 3?efd^öftigung mit ben moterietlen Singen immer 
im ©piel ip, bie ©jipenj bet (enteren ju folgen. Senn bie 6in« 
bitbung fd^eint mir bei näherer Uebertegung in nid^t8 ?(nberem ju 
befielen, ol8 bap mir unfer Srfenntnipbermögen ouf einen Sbrt>er 
anwenben, bet i^m innertid^ gegenwärtig ip unb bemnad^ ejipirt. 

Um bie8 oerpänblid^ ju machen , unterfud^e ic^ juerp ben 
Unterfd^ieb jmifd^en ber Sinbilbung unb ber reinen gt« 
lenntnip. SBenn id^ mir nämtid^ j. 33. ein Sreiecf oorpelle, 
fo fel^e i^ nid^t blop, bap biefe gigur oon brei ©eiten umfd^Ioffen 
ip, fonbern fd^aue aud^ biefe brei Sinien al8 gegenwärtig mit 
bem geipigen 3luge, unb eben bie8 ift e8, was man ginbüben 

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130 


nennt. SQBiCf id^ mir aber ton einem Siaufenbecf einen 53egriff 
machen, fo fel^e id^ jtnar, bafe biefc gigur au8 taufenb ©eiten 
befreite, ebenfo gut ein, d8 bafe ein ®reiedt brci ©eiten ^obe, 
aber id^ tann mir bie taufenb ©eiten ni^t ebenfo gut burd^ bie 
einbilbung oorftettcn ober aI8 gegenmärtig anfd^aucn. ©o oft ic^ 
mit bem Segriff eineä tbrperlid^en 9ßefen8 ju t^un ^be, bin ic^ 
gcmbl^nt, mir bobei immer ctmaS ®ilblid^c8 oorjuftellen. SEBenn 
id) mir nun oud^ je|t irgenb eine gigur unllar oorflene, fo iji 
biefe gigur bod^ offenbar lein ßl^iliogon, benn fic ift in SRid^tä 
oon einer anberen oerfd^ieben, bei bcr id^ mir ein ÜK^riogon ober 
fonft eine gigur oon fe^r oielen ©eiten oorftetien mürbe. Unb fo 
trögt bie &inbilbung nic^t8 baju bei, um bie Sigenfd^aften genau 
}u erfennen , morin ftd^ ba8 Slaufenbecf oon anberen SSielecten 
nnterfc^eibet. .^anbelt e8 fid^ aber um ein günfedf, fo tann i^ 
biefe gigur ebenfo mie ba8 S^aufenbedt oljne ^ülfe ber ßinbilbung 
benfen, aber id^ tann fie mir jugleid^ au^ einbilben, inbem id^ im 
ö)eift bie fünf ©eiten unb bie barin ent^ltenen glücken anfd^aue. 
3)abei fpüre id^ beuttid^ , baß jum ©inbilben eine eigentpmti^e 
Stnffrengung be8 ®eifte8 nbt^ig iß , bie id^ jum ©rfennen ni(^t 
braud^e, unb l^ierau8 erl^eüt ber Unterfd^ieb jmifd^en ßinbilben 
unb reinem Srfennen. 

Ü)aju fommt, mie id^ fel^e, baß jene Sinbilbung8!raft in mir, 
fomeit fte fi^ oom ßrtenntnißöermbgen unterfd^eibct, ju meinem 
b. i^. meine8 ®eifte8 Sßefen nid^t erforbcrlid^ iß, benn menn id^ 
fie aud^ nid^t i^ötte, fo mürbe id^ boc^ offenbar, bleiben ber ic^ bin. 
,&ierau8, mie e8 fc^eint, ergiebt ßd^, baß fte bon einem anberen 
aSJefen al8 ic^ abpngt. Unb je^t fe^e id^ leidet, mie ftd^ bie ©ad^e 
»erl)ält. Siebt e8 nömlid^ einen Sortier , mit bem ber ®etß fo 
genau jufammenpngt, baß er fid^ in jebem SlugenblidE, menn e8 
i^m beliebt, }ur Slnfd^auung beffelben ^inmenben tann, fo fd^eint 
e8 baburc^ mbglid^, baß id^ mir tor)>erltd^c SBefen einbilbe. Dem* 
nad^ unterfd^cibet fic^ biefe Dentmeife (Sinbilbung) »on ber reinen 


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]31 


Srfenntnig cfeen barin, baß bcr ®cift, trenn er erTennt, ftc^ 
gcn>ifferma6en auf ftci^ felbft rid^tct unb eine feiner i^nt angebor= 
nen 3been ins Sfuge fa^t; Wenn er aber Sinbilbungen ;^at, ba| 
er fid^ bann auf ben Sbr)5cr richtet unb ettraS im Sortier anfd^aut, 
baS entmeber einer reinen ober einen fmnlid^ »al^rgenommenen 
3bee conferm ifl. 

®8 ijl, fage i(i^, leidet ju begreifen, bafe auf biefe S(rt bie ®in= 
bitbung §u ©tanbe fbmmt, trenn nämlic^ ein Sbr>)er ejijiirt. Unb 
treil id^ jur ®rfldrung ber ®inbilbung leinen befferen SBeg flnbe, 
fo rermut^e id^ be&^alb, bafe ber Sbr^jer tral^rfd^einlid^ ejiftirt, aber 
aud^ nur mal^rfd^einlit^; unb trie genau id^ SttleS unterfuc^e, 
fo fe’^e id^ bod^ nid^t, ba& aus ber beutlid^en 3bee ber fbrper» 
lid^en 3?atur, bie id^ in meiner ®inbilbung finbe, fic^ irgenb ein 
SBetreiSgrunb fd^o>)fen taffe, trorauS bie ®£i[lenj eines 
ÄötfterS mit 9lot^»enbigfeit folgt. 

Slber aufeer jener tbrpertid^en 9latur, bie baS Object ber reinen 
TOat^ematif ift, pflege id§ mir nod^ manc^ertei anbere ®inge ein* 
jubitben, als ba finb Farben, £bne, ©efd^madt, ©d^merj unb Ste’^n* 
tiefes, aber nid^tS fo beuttic^. 3^iefeS 3töeS nun ne^me id^ eigent* 
tic^ burd^ bie ©inne tra^r, unb. Wie eS fc^eint, finb biefe SBor* 
ftettungen Pom ©inne mit .gülfe beS @ebäc|tniffeS jur ®inbitbung 
gelangt. Um nun beffer ron ben fmntic^en Objecten ^anbetn ju 
tonnen, mu^ id^ ebenfo genau ron ber ftnnlid^en ©mpfinbung fetbfl 
l^anbeln unb jufel^en, ob barauS, was id^ burd^ biefe ron mir 
©mpfinbung genannte 2)en!wcife wa^rnel^me, irgenb ein IBeweiS* 
grunb für bie ©lijtenj ber törperlid^en üDinge gewonnen werben 
fann. 3uer|l Witt id^ mir an biefer ©tette wieber rergegenwär* 
tigen, waS benn baS für Objecte waren, bie id^ el^ebem atS rom 
©inne wal^rgenommen für wirOid^ l^iett, unb auS wetd^en Orünben ; 
bann Witt id^ aud^ bie anberen ©rünbe erwogen , auS benen id^ 
fte fpäter bejWeifett, unb jute^t Witt i^ jufe^en, waS id^ je^t bon 
atten biefen Objecten ju l^atten '^abe. 


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132 


?üfo juerft machte ic^ bie303a^rnc’^mung, Cafe icfe Sojjf, Jgänbe, 
güfec unC Cie übrigen ©lieber l^abe, au8 benen biefer Sörper be= 
fte^t, ben ic^ entweber als einen 3:^eil meiner felbft ober etwa gar 
als mein ganje« äBefen anfa^ ; id) machte bie SBa^rne^mung 
bafe biefer Sörper einer unter bieten anberen fei, bie i^n auf 
mannigfaltige angenehme ober unangenehme SGBeife afficiren ton- 
nen. Die angenehme beurtheilte ich nadh bem ©efühle ber £ u fl, 
unb bie unangenehme nach bem beS Unt) aufeer 

£uft unb ©chmerj cmpfanb ich in mir Jßunger, Dürfe unb anbere 
bergtei<hen Driebe unb ebenfo mancherlei Ibrpertiche Stimmungen 
jur .geiterteit, jur Drauer, jur Sorge unb ju anberen ähnli^en 
©emüthSbewegungen. S8on Slufeen aber bemerfte idh in ben Äbr« 
pern aufeer ihrer StuSbehnung, ©eftalt unb SSemegung auCh gürte, 
SBürme unb anbere bergleichen fühlbare SBefChaffenheiten, unb aufeer^ 
bem Sicht, Sarben, ©eruch, ©efChmad, Dbne, burCh beren Serfchieben^ 
heit ich gimmet, 6rbe, 5Keer unb bie übrigen tbrper con einan= 
ber JU unterfdheiben »ermodhte. Unb wegen ber 3been alter biefer 
SSefchaffenheiten , bie meinem Denlen fiCh barboten, unb bie ich 
allein eigentlich unb unmittelbar wahrnahm, meinte ich nicht ohne 
©runb gewiffe, con meinem Denfen Cbtlig CerfChtebene SBefen ju 
empfinben, nümtich bie fibrper, con benen jene 3been auSgingen. 
Denn ich «'^fuh^f bnfe wir biefe 3bccn ohne meine .Snfeiwmung 
tarnen , fo bafe ich f‘>n Object , ich wochte noCh fo fehr Wollen, 
empfinben tonnte, wenn e8 bem Sinnesorgan nicht gegenwärtig 
war, unb empfinben mufete, wenn e8 gegenwärtig war. Unb 
ba in ber finntichen SBahrnehmung bie 3been bei weitem 
lebenbiger unb ausgeprägter unb in ihrer Sßeife auch beutliCher 
waren, als Wenn ich fee felbfe, oorfechtig unb mit Sewufetfein, burch 
iHachbenfen auSbilbete ober als oorräthige ©ebächtnifebitber wahr= 
nahm, fo fehlen eS mir unmöglich, bafe fee con mir felbft herrühren 
tonnten. Unb fo blieb nur übrig , bafe fee con geioiffen anberen 
^efen aufeer mir heUämen. iRun aber hatte ich con jenen Sffiefen 


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133 


bie einjige Senntnife nur au8 biefcn 3been. Da^er mußte 
auf ben (Sinfaß lommen, bie 3been feien bcn Xiingen ähnlich. 
Unb »eii ic^ gebadete, boß in mir ber ©ebrauc^ ber ©inne frül^ev 
gemefen fei, al8 ber ©ebraud^ ber Vernunft, unb meil i^ fa)^, baß 
bie 3been, bie idj fetbfl gebildet, teineämegS fo außgejjrägt Waren 
al8 bie ic^ finnlid^ wa^rgenommen, baß bie erften gemeiniglid^ au8 
bcn Sficilen ber anderen 3 ufammengcfe|t werben, fo überrebetc ic^ 
mic^ leidet: baß ic^ leine SSorftellung in meinem 35er* 
ftanbe l^aben tonnte, bie id^ nid^t oorijer in ben ©in* 
nen gel^abt '^ätte. 6benfo meinte id^ nid^t ol^ne ©rund, baß 
jener Äbrper, bcn id^ mit ganj befonberem iUed^te ben meinigen 
nannte, nä^er al8 jeber andere ju mir felbft gei^&re, denn id^ 
tonnte mid^ »on biefem Jtbrpcr nic^t Wie Bon bcn anderen 
trennen ; aüe S^riebe unb ©emüt^bbewegungen füllte ic^ in i^m 
unb flott feiner ; bcn ©c^merj unb ben Äi^el der ?uft na!^m id^ in 
ben 3;i^eUcn biefeS Sorperg wol)r> ni^t anderen außer mir 
beßnblid^en. Sätarum aber au8 jenem ni(^t weiter ju beßnirenbem 
©(^merjgefü^l eine 9trt trauriger ©emüt^gßimmung unb au8bem©e= 
fü^l beb Si^tlä eine Slrt 8uft folgt, ober warum jeneb 35ridteln im 
IDJagen, bab ic^ J&unger nenne, mit^ ju eßen ma^t, ober bie 
Sroden^eit ber Äel^le ju trinten u. f. f., dafür in bet Sl^at wußte 
ic^ teinen onberen ©rund, alb bcn 3nftinct ber 9latur. £»cnn eb iß 
gor teilte 35erwgnbtfd^oft, wenigßenb teine, bie id^ einfe^e, jwifc^en 
jenem ^ricteln unb bem 3ßißen ju eßen, ober jwifc^en bem ©efül^l 
einer fcßmerjfiaften ©ad^e unb ber boraub entßonbenen traurigen 
©timmung. 31ud^ aÜeb Uebrige, bob id^ Bon ben ©innebobjecten 
urt^eilte, meinte ic^ Bon ber fßatur gelernt ju ^aben. Denn baß 
biefe Objecte in ber Dl^at fo befd^aßen Waten, bOBon war ic^ über* 
jeugt, noc^ eße id^ einen SBeweibgrunb bafür erwogen ^otte. 

©pater aber ^ben Biele (Stfal^rungcn aßmölig mein ganjeb 
35ertiauen auf bie Sinne erfc^üttert. D^ütme, bie mir aub ber 
gerne rund erft^ienen waren, jeigten fic^ in ber ßlaße alb Bier* 


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edig, fel^t gro^e ©tanbbilber oben auf ben Stürmen fb^ienen 
»on unten ou8 gefeiten Hein; unb fo in unjä^ligen anberen 
güßcn ertaubte i(^ bie Urtl^eile ber äußeren ©inne auf Söufc^ungen. 
Unb nib^t blo8 ber äußeren, aub^ ber inneren. SäJaS lann inner» 
lieber fein, al8 ber ©b^merj? 9iun aber lehrte ib^ bon SRenfb^en, 
benen ein S3ein ober Strm abgefb^nitten ioorben, ba| fie jutoeilen 
nob§ in bem fei>tenben ©liebe ©c^nterj ju empPnben meinten, unb 
fo f^ien e8 aub^ bei mir nib^t obttig gemi& ju fein, ba^ mir ir» 
genb ein ©lieb ©b^merj oerurfab^te, aub^ icenn ib^ in biefem 
©liebe ben ©(|merj em))fanb. 

2)iefen ©rünben jum 3»eiffl ^“be ib^ neulib^ bie beiben all» 
gemeinften l^injugefügt. Der erfte war, ba& e8 9?ib^t8 giebt, wa8 
ib^ im aOSac^en ju em^flnben meine unb nib^t ebenfo gut im ©b^laf 
JU embfinben meinen fbnnte. SB3a8 ib^ im ©(^laf ju em^finben 
meine, l^alte ic^ nib^t für eine SBirfung aufeer mir befinblib^er 
Dinge. SOSarum alfo foHte ib^ bieö el^er »on bem glauben, wa8 
i^ im SBab^en ju empfinben meine? Der jweite ©runb war, 
ba& ol^ne ben Urheber meine8 Dafein8 ju fennnen, ober Wcnigjten8 
bei ber Slnnal^me, bafe i^ i§n nib^t fenne, ib^ nib^t fa^, warum 
ib^ nib^t oon Statur fo befb^affen fein fbnnte, baß ib^ irrte, felbjl 
in ben Dingen, bie mir al8 bie wal^rflen erfb^ienen. 

Unb was bie ©rünbe betraf, au8 benen ib^ borl^er mib^ bon 
ber SBa’^rl^eit ber finnlib^en Dinge überjeugt ^ielt, fo war e8 
nic^t fc^wer, bagegen ju reben. Denn ba, wie eS fb^ien, bie Sla» 
tur mib^ ju oielem antrieb, wa8 bie Siernunft wiberriet^, fo l^ielt 
ib^ bafür, bafe überlf>aubt auf bie naturlib^en 3n|tincte nib^t oicl 
JU geben fei. Unb Wenn aub^ bie fmnlib^en SBa'^rnel^mungen nib^t 
»on meinem SBiüen abl^ingen, fo War meiner SReinung nab^ be^» 
l^alb nob^ nib^t ber ©b^lug erlaubt: ber ©runb ber fmnlib^en 
Sßa’^rne’^mungen feien anbere »on mir »erfb^iebene Dinge, benn 
e8 lann ja in mir felbft, wenn e8 mir aub^ unbefannt ip, ein 
SJermbgen fein, baS jene l^erborbringt. 


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Sefet aber, fca ic^ anfange, mic^ fe(b|'t unb ben Url^eber meines 
I)afeinS bejfer ju fennen, erfc^eint mir jlnar nic^t SlHeS, bas ic^ 
i'on ben ©innen ju ^aben meine, als gültig, aber au«^ nidjt Silles 
als bebcntli^. 

gürS förfte tt>ei| i^, bafe Sllles, was ic^ llar nnb beutlid^ er* 
tenne, fo, mie id^ es ertenne, »on ®ott gefc^affen Werben tann; 
mithin brau(^e ic^ blo^ im ©tanbe jU fein, ein SJefen o^e ein 
anbereS flar unb beutlic^ ju etfennen, um freier ju fein, baß beibe 
öerfc^ieben finb, weil ©ott jebeS für fic^ (»om anbern abgefonbert) 
fc^affen fann , unb es ift babei ganj gleit^gültig , aus welchem 
SSetmbgen bie 6inftd)t in biefe SJerfc^ieben^eit l^errü^rt. Sllfo ba* 
raus allein, bafe ic^ weiß, id^ cjiftire, unb bafe ic^ bemerfe, ju 
meiner Slatur ober ju meinem I)afein gc'^cre blofe, baß ic^ ein 
bentenbeS SOSefen bin, — batauS allein fd^lie^e id^ mit IRcc^t : m e i n 
©ein befielt lebiglid) barin, ba& ic^ ein benfenbeS 
SBefen bin. Unb obgleich ic^ »ielleic^t (ober oielme^v gewife. 
Wie id) f}>ater fagen werbe) einen Sbrjjer ^abe, ber mit fe^t eng 
berbunben ift, fo ^be i.c^ bod) einmal eine tlare unb beutlic^e 
3bee meiner felbft, fofern ic^ bloS ein benlenbes SSJefen bin, 
ni(^t aber ein auSgebe^nteS , unb bann t>abe ic^ eine beutlic^e 
3bee beS Sbr^ers, fofern berfelbe nur ein auSgebe^nteS SBefen 
ift, ni^t aber ein bentenbeS, unb barum ift cS gewife, ba& ii^ »on 
meinem Äbrpet wirtli^ »etfe^ieben unb alfo im ©tanbe bin, 
ol^ne i§n ju ejiftiren. 

Slu|erbem finbe ic^ in mir SSermogen, bie }u gewiffen befon= 
beren Denfweifen angelegt finb, wie baS (Sinbilben nnb Kmpfinben, 
o^e bie id^ jwar mi^ ganj ttar unb beutlic^ begreifen fann, aber 
ni^t umgetel^rt jene oi^ne mic^, b. nic^t o^ne bie bentenbe ©ub= 
ftanj, ber fic inwo^nen, benn i^r begriff fe^lie^t eine Slrt 2)cntcn 
in fic^, — unb bafjet fe^e ic^, ba& fid^ jene »on mir wie bie 
äiSeife (S3efc^affen^eit) »om SUefen (Dinge) unterfc^eiben. 3eü 
ertenne auc^ gewiffe anbere gdljigfeiten , wie bie , ben Ort ju 


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änbern, raanigfaltige gormcn anjunc^nien, unb ä^nlid^c, bie ebenfo 
roie jene »origer genannten ohne eine ©ubfianj nid^t begriffen »et» 
ben tonnen, atfo auc^ ol^ne biefelbe nic^t esiftiren. 5lber eb teud^ 
tet ein, baß fold^e SBermögen , »enn fte nämlid^ ejiftiren, einer 
torpertid^en ober aubgebe^nten Subftanj in»o^nen müffen , nid^; 
aber einer benlenben, benn in i^rem Haren unb beuttid^en Segrifj 
ift Stubbe^nung, aber in feinet SBeife Denfen enti^atten. 

9tun ift in mir ein gewiffeb paffioeb SSerm&gen ju empfinben 
ober bie 3been ber finntid^en 2)inge ju empfangen unb ju etlennen; 
inbeffen »ürbe id^ biefeb SSetmbgen nid^t braud^en tonnen , »enn 
nid^t aud), fei eb in mir ober in einem onberen SBefen, ein acti» 
»eb Vermögen ejijlirte, um jene 3been ^eroorjubringen ober ju 
bewirten. Stber biefeb SSermbgen fann offenbar nid^t in mir fein, 
ba eb gar fein Srfennen ooraubfegt, unb ba jene 3been ol^ne mein 
3ut^un, ja oft fogar gegen meinen äBiüen erjeugt »erben. SHfo 
bleibt nur übrig, baß eb in einem oon mir oerfd^iebenen SSSefen 
ift, in bem alle Slealität entweber „formaliter" ober „eminenter" 
enthalten fein muß , bie auf oorgeßellte SEBeife in ben 3been ift, 
»eld^e jeneb Vermögen erjeugt l^t. 3d^ l^abe bicb fd^on oben 
bcmerft. ®iefeb SSBefen ift mithin entweber bet Sbrper ober bie 
tbrperlid^e 9latur, benn in biefer ift Stileb, Wab in ben 3been oor» 
gefteUt wirb, „formaliter" enthalten, ober eb muß @ott ober irgenb 
ein eblereb ©efd^bpf alb ber itbrper fein, welc^eb 5ltleb „eminenter" 
in fid^ enthält. 

9tun aber ift ®ott fein SBefen, weld^eb mic^ täufd^t. SKitl^in 
ift eb ganj flar, baß mir ®ott jene 3been webet unmittelbar bur(^ 
fi(^ jufenbet, noc^ auch bur<^ bie löermittlung irgenb eineb ge» 
f(^affenen Sßefenb, in bem bie objectioe Realität ber 3been nid^t 
formaliter, fonbern nur eminenter enthalten fein tbnnte. 3)enn 
®ott ^at mir ja gar fein SJermbgen gegeben, um einen folc^en 
Urfprung ber 3becn ju erfennen. 3m ©egent^eil , er l^at miW 
fel)r geneigt gemacht ju glauben, baß fie oon ben tÖrperli(kn 


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Iiingen aulge^en. Ratten fie nun einen anberen Urf|>Tung ats bte 
för})etlic^en Dinge, fo müfete id^ ja üt»er}eugt fein, bafe @ott mic^ 
getäufc^t ^abe. golglii^ ejiftireu lotperlid^c SEUefen. 
sBietteic^t eiijliten nm aÜe ebenfc, wie id^ fie mit ben ©innen 
roa^vne^me, benn bie ftnnli^e SSa^rne^mung ift bei »ielen fe^r 
bunlet unb untlar, aber fo »iel i(^ ttar unb beutli^ begreife, fo 
»iel »enigftenb ijl mirftidj in i^nen, b. 1^. afle jene allgemeine ®e= 
fc^offen^eiten, bie im Dbject ber reinen 3)kt^ematif begriffen »erben. 

SBab aber bab Uebrige betrifft, bab ent»eber ju ben befon= 
beten IBefc^affenl^eiten jä^lt, »ie j. S8. ba| bie ©onne bicfe‘®rbge 
unb biefe ©eftalt ^t, ober ju ben weniger flaren SBegriffen, »ie 
ti(^t, Don, ©d^merj u. f. f., fo fmb biefe SorfteHungen j»ar fe^r 
jweifel^aft unb unfic^er , boi^ bietet mir bie Ueberjeugung , ba& 
©ott mid^ nii^t taufest unb befe^tb ber 3rrtl^um in meinen än, 
fugten, »0 er ftattfinbet, juglei^ mit ber göttlid^en Äraft, i^n 8U 
berid^tigen, »erbunben fein muffe, bie fidlere .Hoffnung, bafe id^ nud^ 
^ier bie SDäa^rl^eit erreichen »erbe. ®b ift gewife : in SlKem, »ab 
mir bie iRatur leiert, mufe SBal^r^eit entgolten fein. Denn unter 
berSiatur im 3(IIgemeinen oerfte^e id^ nic^tb Slnbereb 
alb entweber ©ott fclbft ober bie oon ©ott einge« 
rid^tete SBeltorbnung, unb unter meiner eigenen 9la= 
tuv im IBefonberen oerjle^e ic^ nic^tb Slnbereb alb ben 
3nbegriff ber mir oon ©ott oerlie^enen Ärofte*). 


*) ©iefe ©teile jeigt, wie weit ®t8corte8 beni @lJinoäi8nui8 entgegen- 
gebt- 3uglei<b evleuditet fie beutlidi bo8 SPtotio, ba8 unfern ^b'IofoOben treibt, 
biefe Sticbtimg ju nehmen. Die menf(i)li(be ISrtenntnig ift nur niöglid), wenn 
@ott will, bag Wir bie äbabrbeit ertennen, wenn aifo ®ott un8 nicht täiifchen 
will. 3e weniger aber @ott bie menfcgliche Däufchung will, um fo weniger 
borf er felbft nach gefeftlofer SiBiUliir, um jo megr wirb er olfo naeg gefel}- 
mögiger 9iothwenbigteit gaubetn. Unter biefem @cficht8buntte nun erfcheineu 
@ott unb Wotiir einaiiber fo äf)iilid), bog Sc8cartc8 imwilltürlid) baue tommt, 
in ber obigen ©teile ba8 „uatura sive Deus" nubjufprccheu (^Dcr lieber).) 


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5Ri(i^t8 aber Icl^rt mir biefc SJatur aubbrücfltc^er, dg fca^ td^ 
eintn Ä&ttjer i^abe, mit bcm eS übel menn id^ ©c^mctj em' 
})finbe, ber ©pcife ober a^ranf bebarf, menn id^ junger über S)urft 
leibe u, f, f. 3c^ barf nid^t jmeifeln, ba& in biefen Dingen etmaä 
aUa^reg ift. 

äBeiter leiert mir bie Statur burd^ bie SBai^rnel^mungen beg 
©(^merjeg, ^ungerg, Durfteg u. f. f., bafe id^ meinem Sbrper nic^t 
blog inlDol^ne, mie ber ©d^iffer bem ga^rjeug, fonbern il^m auf 
bag ßngfte »erbunben unb gteid^fam mit il^m uermifd^t bin, fo 
bafe ic^ mit i|m äufammen gemiffcrmafeen ein SBefen augmad^c. 
Denn fonft mürbe idi), ber id^ nur ein benlenbeg SBefen bin, menn 
ber fibrper »erlebt mirb, be^l^atb nic^t ©d^merü empftnben, fonbern 
ii^ mürbe jene Sßcriegung blog einfel^en, mie etma ber ©d^iffer 
fie^t, menn im ©d^iff etmag jerbri^t. Unb menn ber Äbrper ©peife 
ober Drant beborf, fo mürbe id^ bieg nur genau cinfe^en, o^e 
babei bie unflaren ®mpfinbungen oon junger unb Dürft ju l^aben. 
Denn fürmal^r, biefe fönipünbungen, mie Dürft, junger, ©d^merj 
u. f. f. finb blo^ gemiffe unttare Denfmeifen, bie oon ber Bereinigung 
ober gleid^fam Bermifc^ung beg ®eifteg mit bem Sorper ^errü^ren. 

atufeerbem le^rt mir bie Statur nod^ , ba& in ber Umgebung 
meineg Äbrperg oerfc^iebenc anbere Sbrper ejiftiren, bie 
tl^eilg JU fud^en, t^eitg ju fließen finb. Unb meit id^ fe^r oer= 
fd^iebene Farben, Dbne, ®erud^, ®efd^madf, BSarme, d&ärte u. f. f. 
mal^rnel^me, fo fd^Iie^e id^ baraug offenbar mit Stecht, cg müffe alg 
®runb biefer oerfc^iebenen ©innegma^rne^mungen in beu Körpern 
Oerft^iebene S8efc^affenl)eiten geben, jenen BJa^rnel^mungen entfpre» 
d^enb, menn aud^ nid^t gerabe äl^nli(^. Unb loeil oon biefen B3a|r» 
nel^mungen mir bie einen angenehm, bie anberen unangenehm finb, 
fo ift eg ganj ficher, bafe mein Sörper ober oieImet;r idh felbft im 
©anjen genommen, fofein ith aug Jlbrper unb ®eift jufammen^ 
gefegt bin, oon ben umgebenben Körpern auf mannigfache äßeife 
angenehm unb unangenehm afficirt merben fann. 


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9?un gicbt e8 freilich nod^ mancherlei anbere Xtiiige, bie mir 
jmar auch, roie e8 f^eini, bie 9?atur lehrt, bie ich aber in SBahr» 
heit nicht »on ber 9latur, fonbern »cn ber ©emohnhcit beb un^ 
bebachtfamen Urtheitenb empfange, unb wobei e8 ftch teicbt. trifft, 
ba^ fie fatfch fmb, wie j. S. ba& jeber SRauin, in bem ich ^(iichtb 
wahrnehme, leer fei, ober bafe in einem warmen Sbrper ßtwaä 
fei ganj ähnlich ber 3bee ber SBärme in mir; bafe in einem wei= 
feen ober grünen Körper eben biefe SKeifee ober ®rüne enthalten 
fei, bie ich empfinbe, in einem bittern ober füfeen eben berfelbe ®e= 
fdhmacf u. f. f., bafe ®eftirne, Shürme unb anbere entfernte Körper 
fo grofe unb fo gejlaltet feien, wie fie meinen «Sinnen erfcheinen, 
unb waä bergleichen mehr ife. 

Slber um h<« Stüc® ««ht beutlich ju burchfchauen , mufe ich 
genauer erflaren, wab ich eigentlich meine, wenn ich fage: „bie 

fRatur lehrt mir bieä ober jeneb." 3ch f«iffe h'^r nämlich baä 
SSJort fRatur in einer engeren ®ebeutung unb begreife weniger 
barunter al8 ben 3nbegriff aller mir »on ®ott oerliehenen Kräfte. 
Denn in biefem ßornplej ifl SSieleg enthalten, bab fich blob 
auf ben ®eift bejieht, wie j. SB. bafe ich einfehe, ®efcheheneb 
fönne nicht ungefchehen gemadht werben, unb alle bie anberen 
aSJahrheiten ber natürlichen SSernunft, »on benen h'cr nicht bie 
SRebc ift; unb wieber SSieleb, bab fich blob auf ben Körper bejieht, 
wie j. 53. bafe er oon oben nach unten [trebt, unb Slnbereb ber 
Slrt, woPon ich cbenfaflb nicht hanble; fonbern ich'hanble je^t nur 
oon ben SSermögen, bie mir alb einem oub @eifl unb Körper 
jufammengefe^ten SBefen oon ®ott oerliehen finb, unb in 
biefer SRürfpcht lehrt mir bie iRatur, ben Schmerj ju fliehen, bie 
€u|t JU fuchen, unb wab bergleidhen mehr ift. Stber aufeerbem 
lehrt mir bie fRatur, fo oiel ich f^hc; nichtb, um aub biefen finn» 
liehen SBahrnehmungen irgenb etwab in ^Betreff ber Dinge aufecr 
unb ju fchliefeen, benn bab wahre barauf bejügliche 533iffen gehört 
blob bem ®eift unb nicht bem jufammengefehten 5tiefen. Obgleich 


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ein ©tern meinem Singe nic^t gr&'^er al8 ba? Seuer einer Heinen 
5adet erfc^eint, fo liegt boc^ barin feine »irllid^e ober ^jofUioe 
üSeigung ju ber Slnnal^me, bafe ber ©fern al8 folc^er nid^t größer 
[ei , fonbern o'^ne ®runb feabe i(^ fo »on Sinb^eit an geurtl^eilt, 
unb obgleid^ i(^ in ber Slä^e beS Seuerb Sßdrme unb in nod^ 
gr’6|erer S?ä^e ©d^merj em^finbe, fo i^abe it^ bod^ barin fürWa^r 
feinen ®runb, ber mic^ überjcugen fbnnte, eä fei im Seuer etwas 
jener Söärme ober gar jenem ©c^merje Ste^nlid^eS, fonbern nur 
ba6 etwas barin fei, was eS au(| nur fein mbge, baS jene 6m= 
jjfinbungen ber Sßärme ober beS ©d^merjeS in unS bewirft, 
gbenfo wenn audj in einem 9laum Sfid^tS ba ift, baS ben ©inn 
erregt, fo folgt befe^alb nid^t, ba& in jenem SSaum fein S'brj>er 
fei, fonbern id^ fe^e, ba^ id^ in biefen unb in fel^r oielen anbern 
Dingen mic^ gewohnt l^abc, bie natürliche Orbnung umjufehren. 
'Jfamlich bie ©inneSwahrnehmungen finb eigentlich »on ber Statur 
nur gegeben, um bem ®eijl ju bejeichnen, was bem jufammenge» 
festen SBefen (»on Welchem ber ®eift einen $h^^^ auSmachO »»9«= 
nehm ober unangenehm ijl, unb in biefer ®ejiehung finb pe flar 
unb bfutlich genug, ich gebrauche fie aber wie eine fichere Sticht» 
fchnur, um unmittelbar ju erfennen, worin baS SUefen ber auper 
uns bePnblidhen Körper befteht , unb h'^rbon geben fie bodh nur 
ein fehr bunfleS unb unttares ijeugnip. 

Unb ich h«be fdhon »orher ganj wohl begriffen, auf welche 
SBeifc trofe ber ®üte ®otteS ber Srrthum in meine Urtheile fonunt. 
.gier aber treffe ich biwe neue ©chwierigfeit in SBejiehung auf 
jene ©inneSobjecte, bie mir bie Statur als fotdhe barbietet, bie ich 
ju fuchen ober ju meiben hab»/ unb auch in ißejiehung auf bie 
inneren ©inneSwahrnehmungen, in benen ich Srrthum entbeeft ju 
haben meine, wie j. ©. wenn jemanb, »om angenehmen ®efdhmdcf 
einet ©peife »erlodtt, baS barin »erborgene ®ift nimmt. Snbeffen 
wirb er ja bann »on ber Statur nur angetrieben, ju begehren, was 
angenehm fchmetft, nicht aber baS ®ift, »as er gar nicht fennt; 


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mon fanit alfc farau« nur [erließen, ba^ feine 9?atur nib^t flU- 
»iffenb fei, unb ba« ift nib^t befremblic^, benn ber iD?enf(^ ift ein 
befb^ronfteb fflefen , barum pafet für i^ nur bic 9Jatur einer 
befc^rüntten aSoflfommen^eit. 

aber »ir irren freiiie^ auc^ in feieren Xingen, »oju bie 
9ktur unb -ontreibt, »ie »ir j. 93. in ber Srnnf^eit SEranf ober 
©peife begeiyren, bie un8 fc^r botb ©b^oben bringen. 9iun lonnie 
mon oieüeic^t fogen, ^ier fomme ber Srrt^uin ou8 einer oerborbe» 
nen üRotur ; inbeffen mirb baburd) bie ©c^micrigteit nic^t gel^oben, 
benn ber tronfe ®?enfbb ift boc^ ebenfo gut ein ©efb^öpf @otte8 
ol8 ber gefunbe, unb eb märe bo^er ebenfoßs ungereimt ju mei= 
nen, ber Sronfe l^obe bon @ott eine üRotur crl^otten, bie i^ 
toufb^t. Sie ein U^rmerf, bo8 ou8 Stabern unb ©emib^ten be» 
fte^t, oüe Stoturgefe^e ebenfo genau befolgt, menn e8 fc^teb^t ge= 
mac^t ift unb bic ©tunben unrib^tig anjeigt, al8 menn e8 in je= 
ber StueffK^t bic Sorberung bc8 ftünft(er8 befriebigt, fo au(^ ber 
menfc^Iic^e Äbrper , menn mir benfelben al8 eine 9trt Safc^inc 
betrachten, bic au8 Knochen, Steroen, SRubteln, Slbern, 95Iut, J&aut 
fo georbnet unb äufammengefe^t ijt, bafe ber Körper auch ohne 
ben inmohnenben ©cifl hoch aHe bic ®emegungen mürbe, 

bie jegt in ihm unabhängig bom Sitten, alfo nicht bom @eift 
ou8 erfolgen. Stun begreift ftch leicht, bafe ber Körper j. 93. bei 
ber Safferfucht mit bcrfelben Stoturgefchlichleit an jener SErodenheit 
in ber Kehle leibet, bie bem @eift bic ©mpflnbung be8 3)urfte8 
JU bringen pflegt, unb ba& bon hmr un® bic Sterben unb bie an= 
bern Organe fo geftimmt merben, ba^ er trinlt unb baburch bie 
Kranfheit oermehrt, — al8 er ohne jene Kranlheit bon ber gleichen 
jEroefenheit in ber Kehle angeregt mirb, ju trinfen unb baburdh 
feiner ©clbflerhaltung ju nü|en. tbnntc ich ™ Stücfblid 

auf ben oorher ermähnten ©ebrauch ber Uhr fagen, bafe biefe, 
menn fic bie ©tunben unrichtig onjeigt, bon ihrer eigenen Statur 
abmeiche. Unb ebenfo, menn id) ben Sltechoni8mu8 bes menfeh» 


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licken Storperä Betrachte, ot8 eingerid^tet für bcn SSerfauf feiner ge» 
mol^nten SBettjegungen , tonnte meinen, ber S&rper l^abe feine 
eigene 9?atur bertaffen, Wenn ba§ 3;rinten Beim trodenen ^uftanb 
ber Äe^te ju feiner SelBfter'^altung nid^t nü|t. Xod^ Bemerle 
i(^ tool^t, bafe biefer te^te ©inn, in bem ic^ ba8 SBort 9latur 
ne^me, fel^r berf(^ieben ift »on bem erften. 3c^ l^aBe ndmtid^ in 
meinem 3^enten ben tränten 9Henfc^en unb baä fc^tec^t gemad^te 
U^rirerf mit ber 3bee beS gefunden iWenfcBen unb beS gut ge» 
mad^ten ll^rmertd berglic^en. Unb wie ic^ bie 9tatur julegt ge» 
nommen ^Be, ift ftc nichts ol8 ein SBort, bü8 »on jener ®er» 
gtei(^ung gilt, eine Btof,e ©ebantenBejeic^nung, ganj fremb 
ben Dingen, oon benen id^ rebe. 3lBer unter ber 9iatur im erften 
©inn berflel^c idj ©tmas, ba§ t^tfäd^tic^ in ben Dingen jlattfinbet 
unb be^alB etmaS SBa^reg in fic^ entplt. 

Std^te ic^ auf ben mafferfüc^tigen itBrper , fo ift e8 freilid^ 
Btü8 eine au8mdrtige, ber ©ad^e fremde SBejeic^nung , menn ic^ 
fage, bie Statur biefe8 S&rperS fei berborBen, Weil er Bei trodtener 
Ä'e^le bc8 Dran!« nid^t Beborf; bod^ in Slüdftd^t auf ba8 jufam» 
mengefe^te SBefen ober auf ben mit einem fotogen Sorper berBun» 
benen ©eift, ift e8 tein BtofeeS 3Bort, fonbern in äßal^rl^eit ein 
Orrt^um ber Statur, Wenn fw dürftet unb i^r ba8 Drinten ©(^a» 
ben Bringt, .gier atfo Bleibt nod^ ju unterfud^cn übrig. Wie bie 
Statur, in biefem ©inne genommen, tdufc^en tann tro| ber ©üte 
©otte8. 

jgier nun Bemerte ic^ bor Sittern, bafe jwifc^en ©eift unb 
Storper ein großer Unterfcl^ieb darin befte'^t, bafe ber Sörper feiner 
Statur nad^ immer t^cilbar, ber ©eift dagegen botlig unf^eitBar 
ift. SBenn ic^ ndmlid^ ben ©eift ober mic^ fclBft, fofern id^ Bto8 
ein benfenbe8 SBefen Bin, Betrachte, fo fann i^ in mir feine Dl^eile 
unterfe^eiben , fonbern erfenne, ba| id^ ein boöfommen einiges 
unb ganjeS SSJefen Bin, unb oBwol^l mit bem ganjen Sbrper 
ber ganje ©eift berBunben ju fein fd^eint, fo erfenne id^ bod^, ba^ 


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Wenn mir bet Sufi, ber S(rm ober irgenb ein anberer SEl^eil bc8 
Äötberg abgef(^nitten wirb, baburd^ ber ©eift feinen SSerluft er= 
fä^rt. 3tuc^ tonnen bie SSermögen i(u motten, ju em))finben, ju 
erfennen u. f. f. nid^t feine Sl^ciie genannt metben, benn e6 ift ja 
ein unb berfelbe ©eift, ber witt, ber emfjfinbet, ber erfennt. 
Dagegen tann id^ mir fein forperli^cä ober auggebel^nteS äßefen 
»orftetten, baä it^ nid^t lei^t in ©ebanfen t^eifen tonnte, unb eben 
baburd^ erfenne ic^ e8 af8 t^eifbar. Unb bieä attein mürbe l^in= 
reichen, mir ju jeigen, bafe ber ©eift »om f&rper bbttig oerfii^ie» 
ben fei, menn i(^ e8 nid^t fd^on anberb mol^er müfete. 

Dann bemerfe i^, bafe ber ©eift nid^t oon atten D^eilen be8 
Sörper8 unmittelbar erregt mirb, fonbern blo8 bom ©e'^ irn ober 
oieUei(^t fogar blo8 »on einem fe^r flcinen Steile beffelben, näm* 
lii^ oon bem, motin ber ©emeinfinn mo^nen fott. ©o oft 
biefer D^eil auf biefetbe SQSeife geftimmt ift, bietet er bem ©eijl 
immer baffelbe Dbject, bie übrigen D^eile be8 ÄbrberS mögen un^ 
terbeffen ftc^ nod^ fo oetfe^ieben oer^alten. Die8 mirb bur^ ja'^ttofe 
(Erfahrungen bemiefen, bie hier aufjujählen überflüffig ijl. 

äufierbem bemerfe i(h, bie Dfatur be8 .ftörpera fei ber 9lrt, 
bafe fein beffelben oon einem anbetn etmaS entferntem be= 
megt merben fönne, ohne ba| berfelbe oon jebem 
ganj ebenfo bemegt merben fann, mohrenb jener entferntere nicht 
mitmirft. Dfehmen mir j. SB. ein ©eil A, B, C, D, menn ber 
fehle Dh^'^ beffelben 1) gejogen mirb, fo mirb auch «rfle A be= 
megt merben, aber genau fo, al8 er bemegt merben mürbe, menn 
D in SRuhe bliebe unb einer ber ^wifdhentheile B ober C gejogen 
mürbe. Unb fo habe ich e8 mir phhf'f^^ifdh ctflärt, menn ich j. SB. 
einen ©chmerj im Sug empfinbe, bafe biefe ©mbfinbuug burdh 
bie SBermittelung ber SReroen ftattfinbet, bie ftdh burdh ben Sug 
au8breiten unb oon ba mie göben bis jum ©ehirn erftredfen; 
mohrenb fie im gufee gejogen merben, jiehen fm audh bie inneren 
Dh«ile bfb ©ehirn8, bi8 ju benen fie reifen, unb erregen hmr 


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144 


eine SPetregung, bie non 9?atur fo tefd^oRen ift, ba^ fie bem @eiR 
bie ßnnjrtnttinfl fincS gteid^fam im oor^anoenen ©c^merjeS 
mitt^eKt. SOoeil nun jene 9{eroen, um oom 5ujj jum Oe^irn ju gelan« 
gen, burd^ ©d^icnbein, ©(^cnfel, jjcnben, iRücfcn, ^al8 l^inburd^^ 
ge^en muffen, fo fann ber gafl eintreten, au(^ roenn nid^t ber 
im guff bcfinblid^e 9teroentt)eiI, fonbern nur einer »on ben 3n>i» 
fc^ent^eiten berüi^rt wirb, baff bennod^ ooüfommen biefetbc Seme» 
gung ffattfinbct, bie bei bem fc^merj^ft afficirten Suff entfiei^i, 
unb baff mithin ber ®eift ben ©cffmerj im guff fü^lt. Daffelbe 
gilt oon jeber anberen ßmpfinbung. 

3db bemerfe enblid^: jebc einjelne ^Bewegung in bem Steile 
be« ©el^irn«, ber unmittelbar ben @ei|t berül^rt, »ermittelt bem 
®eift nur eine ßmtjflnbung. Unb wenn e« fid^ fo »crl^ält, läfft 
ftd^ bie ©adje nid^t beffer auslcgen, al8 baff biefe Setoegung unter 
allen mbglid^en 6mt)finbungen, bie fie »ermitteln fann, bem ®eifie 
biejenige jufül^rt, welche jur ®rl^altung be8 gefunben SRenfd^en 
am ftarfften unb am meijten beiträgt. Die Srfa^rung bejeugt, 
baff auf biefe SIrt ffc^ alle unä angeborene ©inne »erl^alten, unb baff 
in iljnen gar jJJic^tä fei, ba8 nic^t bie 9Äa(^t unb @üte @otte« 
bemeife. ©o J. ©. toenn bie Weroen im S«ff '^eftig unb ouffer^ 
gemoffnlid^ in ®et»egung gefegt »erben, fo gel^t biefe S5e»egung 
burd^ bob müefenmarf bis in baS Snnerfte beS ©el^irnS unb be= 
jeic^net l^ier bem @eiff, baff er 6t»aS ju empflnben ’^abc, nämli^ 
einen ©dffmerj, ber gleid^fam im Suffe fifet, unb fo »irb ber@eift 
erregt , bie Urfad^e jenes ©d^merjeS als et»aS bem Suffe Seinb= 
liebes nad^ jträften ju entfernen. ®ott ^tte ja bie menfi^licbc 
9latur fo einric^ten tonnen, baff eben jene Semegung im ®el^irn 
bem ®eifl etmas SlnbereS erfc^einen lieffe, et»a felbfl, fofern 
fte im ®e^irn ober im Suff ober in einem ber ^tuif^entl^eile ift, 
ober enblid^ etwas beliebig 31nbereS; bod^ nid^ts StnbereS würbe 
jur ®r^altung beS JtbrperS auf gleite SEBeife beigetragen '^aben. 
© 0 , »wenn wir beS DranfS bebürfen, entfielt in ber Äel^le eine 


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145 


gewiffe STroden'^eit, bie l)ter bie Werben erregt unb burd^ biefe bie 
inneren S^eUe be8 ®e^irn8, unb biefe SBewegung giebt bem ®eift 
bie ©mpfinbung be8 2)ur|le8, benn in biefem ganjen Vorgänge ift 
un8 nichts nü^Iid^er al8 ju toijfen , bafe »bir jur ©r^attung ber 
©efunbl^eit nötl^ig ^ben ju trinfen. Unb fo in onbercn Süllen. 

;&ierau8 nun ift ganj t(ar, bafe tro| ber unermeßlichen ®üte 
@otte8 bie Watur be8 Wenfchen al8 einc8 ou8 ®cift unb Körper 
jufammengefe^ten SBefenb bibmeilen taufd)en Icnne. SBenn näm= 
lieh irgenb eine Urfad^e nid^t im Suß, fonbern in einem jener 
3tbifdhentheile, burdh melc^e h>nbur^ fidh bie Werben bom Suß jum 
©e^irn erßrerfen, ober gar im 6)ehirn fetbß genau biefetbe SSeme* 
gung erregt, bie gemchnlic^ bei fchmerj^öft afficirtem Suß ßattßn^ 
bet, fo roirb ber ©dhrncrj al8 im Sufe« beßnblidh empfunben unb bie 
^mpßnbung auf naturgemäße SBeife getaufdßt merben. Da nun 
aber jene SBemegung im ©e^irn bem ©eift immer nur biefelbe 
ßmpftnbung berantaffen fann unb fie bei meitcm ^außger au8 einer 
ben Suß berlegenben Urfad^e al8 au8 einer anberen, bie anber8Wo 
ejiftirt, }u eniße^en bßegt, fo iß e8 ja bernunftgemaß, baß ßebem 
©eiße ßet8 be'n ©d^merj lieber im Suß, al8 in einem anberen 
barßellt. Unb wenn bie Drodfenheit ber Stehle nicht, wie 
gelböhnt'<hi barau8 entßeht, baß jur ©efunbheit be8 Sörperb baS 
£tinfen noth»enbig iß, fonbern, mie beim SBaßerfüchtigen, au8 ir« 
genb einer entgegengefeßten Urfadhe, fo iß e8 meit beßer, baß jene 
Irodtenheit in bem einen gatle tüufdhe, al8 menn fte immer, mäh= 
renb ber Sorper in gutem ^ußanbe ift, irre führte. Unb fo in 
ben anberen Süllen. 

Diefe SBetradhtung h'^fl f^h’'' Srrthümer, 

benen meine Watur untertoorfen iß, nicht blo8 ju bemerlen, fon= 
bern auch entmeber ju berichtigen ober leidht ju bcrmeiben. Da ich 
nun ibeiß, baß alle Smpßnbungen, bie auf ben ®ortheil be8 Stör* 
t>er8 au8gehen, bei meitem hüußger SßahveS al8 Salfch^ä anjeigen, 
unb ba ich bie iWehrjahl biefer ©mpßnbungen felbß faß immer 

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146 


jur Unterfuc^ung ber ©ad^c traueren lann unb au&crbem ba8 ®e« 
bäd^tnig, terid^eS bo8 ©egenwärtige mit bem Vergangenen »er= 
Inüpft, unb ben Verjianb, ber bie Urfad^en be8 3rrtl^um8 fd^on 
fdmmttid^ begriffen I)at; fo barf i^ ni^t mel^r fürdi)ten, ba^ meine 
täglid^en ©innc8erfd^einungen falfc^ finb, fonbern bie übertriebenen 
3»eifel ber »origen 5Eage ftnb al8 läc^erlid^ ju eerioerfen, ganj 
befonber8 jener geioaltige i»egen bc8 £raum8, ben ic^ »om 

SBac^en nid^t unterfc^ieb. Sefet nämlid^ bemerk icb, bafe jtoifd^en 
Veiben ber fel^r grofee Unterfd^ieb barin befleiße, bafe bie jErdume 
nie mit allen übrigen .^anblungen be8 8eben8 »om ®ebd(|tni6 
»erfnüpft werben, Wie bo8, Was mir im VJac^en begegnet. SBenn 
mir im SBad^en jemanb erfd^iene unb gteid^ barauf »er» 

fd^wdnbe, fo wie e8 im a^raum gefc^iel^t, unb id^ Weber fd^e, wo» 
]^er er gelommen, nod^ Wölfin er gegangen, fo würbe i^ biefe 
®rfd^einung mit SÄed^t e'^er für ein ©d^einbilb ober ein im ®cl)irn 
erjeugteS V^ntasma, als für einen wirtlichen Vtenfehen h'ittcn. 
®5enn mir aber fotd^e 35inge begegnen, bei benen idh beutlidh be» 
merte, woher, wo unb Wo»on fie mir jufommen, unb ich beren 
SBahrnehmung ohne Unterbredhung mit meinem ganjen übrigen 
Ceben »ertnüpfe, fo bin idh »oßfommen gewiß, baß i<h fie nicht 
im SEraum, fonbern im VJadhen »or mir h<t6c- Unb ich barf an 
ihrer SBahrheit nicht im minbeften jweifetn , wenn ich ©»»Hf 
©ebddhtniß unb Verßanb ju ihrer Vtüfung »erfammelt hö^e «nb 
mir »on feiner biefer Snftanjen 6twa8 angejeigt wirb, baS mit ben 
anberen ßreitet; benn barauS, baß ®ott mich nidht tdufcht, folgt, 
baß idh i” Gingen überhaupt nidht getdufdht werbe. 

Slber weit ber Drang beS befdhdftigten Seben8 nicht immer 
eine fo genaue ißröfung jutdßt, fo muß man geßehen, baß baS 
menfdhtidhe Dafein im 6injelnen bem 3rrthum h“wfis unterliegt, 
unb Wir müffen bie ©dhwd^e unferer Statur anerfennen. 


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II ^ a ti 0* 

X?ic 'Betrachtungen im geometrtfdhen '-Jlbrife. 

C\. 

-Och taffe hifr anhangsmeife ben Betrachtungen T'ebearteg’ eine 
cätette folgen, bic fich uuiuittdbar auf jenes gruubtegenbe .^aubt- 
loert feiner iphilofophie jurücfbejic'ht uiib jugleich fehr geeignet ift, 
ben Uebergang bon ben „50jebitationen" ju ben „5principien" ju 
bilben. iJum erftcninat menbet hier DeScartes felbft bie georne» 
trifche TOtethobe auf bie 5D?ctaphVf>t o*' unb giebt baS SSorbilb, bem 
©pinoja gefolgt ift, 

SL'ie 2)eäcarteä baju tarn , läfet fich mit SBenigem ertteiren. 
3tuf feinen Sltunfch maren bie Betrachtungen in ber ,ganbfd)rift 
oerfchiebenen ©etehrteu , uamenttich 

in '$aris, mitgetheilt rcorben, uub eö loaren ihm mamherlei ßin» 
loäube jugefommen, auf bie er ßrmieberungen fct)rieb, melche er 
bann mit jenen ßinmänben jugleich feinem SÜert bei ber SBerbjfeut^ 
lichung mitgab. 2)er miffeufchaftliche Vermittler in biefem ftillen 
Verfehr mac 2)eScarteS’ 3ugenbfrcunb, ber B^lc'r 93?erfenne, ben 
'Jjapin fehr gut ben SRefibenten DeScarteä’ in Bitris nannte. 33iefcr 
fchidte ihm auS bem iöJunbe oerfchiebener Theologen uub iphilo= 
fophen eine Dieihe »on föinloürfen , bie in ber Solge ber «Ob- 
jectiones* bie jweite ©teile einuehmen. 31n fieben loaren 

bie Betrachtungen in ^nfpruch genommen, unb eS mürben in Be« 

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148 


treff biefct fünfte cinleuc^leiibeve ®emeifc gemünf^t. 3)ie Ui^cl'tv 
bcr 6in»ütfe gehörten ni^t ju ben fc^avffinnigftcn SDenfein. 

»ar i^nen nid^t flar, njarum baä ©ubject beg 2)enfenä nic^t ouc^ 
ber .Körper fein tbnnc; Warum ni^t bic 3bee eine« unbo[(fom= 
menen SäJefenä genüge, um bie 3bec beg botltemmenften ju bilben ; 
warum bie Urfac^e nii^t unnoüfmnmener fein fbnne, atg bie SBir= 
!ung ; wie nad^ Iiegcartcg @ott bag SPrincip aller wahren 6rfennt= 
nife fein füQe, ba bo^ nod^ 2!egcarteg ung bag eigene bcnlenbe 
SBefen früher gewife fei, atg bag ®afein (ilotleg; warum eg @ctt 
unmbglid^ fei ju täufc^en; warum ber SBiCle notl^Wenbig irre, fo 
oft er burd^ unllare SBorftetlungen motioirt werbe (bann wäre au(^ 
bie SBetel^rung ber Slürlen ju bem ned^ nid^t beutlic^ ertannten 
6t)riftentl)um ein SBitlengirrt^um] ; wie bag ®afein ®ctteg not^= 
Wenbig fein foHe, fo lange fein begriff felbft bebenttid^ fei; enb» 
lid^, ob ber S33cfengunterfd^ieb jwifd^en ©eele unb Sortier wirflid^ 
auggemad^t fei, unb ob biefer Unterfd^ieb, felbft wenn er feftfte^e, 
in ber 2^(}at l^inreic^e, bie Unfterblid^leit ju beweifen? 

„Dicfeg", fo enben bie Kinwürfe, „finb bie ipunfte, oon 
benen wir wünfdljcn, ba^ ©ic biefciben llarer ing fiid^t fe^en, bo= 
niit bic Secture 31 ^rcr fel^r fc^arffinnigen unb na^ unferem X>afür= 
l^alten fel^r wahren ißctradljtungen aller ffiJclt frud^tbringenb Werbe. 
!T'arum würbe eg fel^r swedfbicnlid^ fein , wenn ©ie biefc gragen 
aufloften unb jute|t, nad^bem ©ic einige Srftärungen, fftorberungen 
unb ®runbfä|e oorauggefd^idft , bag ©anje in eine ©d^lu^ = 
folgcrung nad^ geometrifd^er SJctl^obc, bie 3^nen fo 
gut JU ©cbote ftcl)t, bringen wollten, bamit ©ie ben 
©cift 3'^rer Sefer mit einem Wale unb glei(^fam mit einem SBlidf 
erfüllen unb mit ber ©rtenntni^ bcr ©ott^eit burc^bringen." 

Xiicfcm aHunfd^ entfprid^t Xegearteg. Slad^bem er bie ©in= 
würfe Spuntt für ^unft crlebigt i^at, gel^t er auf bic i^m cnn)fo^= 
lene geometrifd^e ®arftellunggWeife ein. 


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149 


„3Ba3 ben SRat^ betrifft, ben ®ie mir gegeben, meine ®e= 
meiggrünbe nad^ gecmetrifc^er Tötet^cbe ju orbnen, bamit bie Cefer 
fie mie mit einem ©c^tage begreifen tonnen , fo miü id^ 3t>nen 
§ier fagen, in mel(^er SBeife id^ fd^on früher oerfud^t ^obe, biefe 
9Äet^obe JU befolgen, unb wie i(^ eS ^ier gleich nac^^er »erfud^en 
werbe. 

3n ber geometrifc^en Schreibart unterfcheibe idh jweiertei: 
bie Drbnung unb bie Sßcweilführung. 

Die Drbnung befteht tebigtich borin, ba^ oüeg S8orher= 
gehenbe of)ne bab Soigenbe unb ottea Sotgenbe btofe burdh bab 
aiorhergehenbe einieuebtet. Unb gewife war ea biefe Drbnung, bie 
i(h in meinen ißetrachtuugen ju befotgen gefud^t i^ben ba= 

rum h^ibe ich erften, fonberu nur in ber fechaten 58e* 

trachtung oon bem Uuterfchieb jwifd)en ®eift unb Sbrper gehan= 
beit; eben barum ganjen ißerfudh eine SKenge 

Dinge bei Seite gelaffen , weil fie anberweitige törflörungen 
oorauäfehten. 

Die IBeweigführung ift boppelter 3lrt: bie eine gefchie^t 
burch Slnalvfe ober Sluflöfung, bie anbere burdh Spntl)ef e ober 
3ufammenfehung. 

Die 3tnalpfe jeigt ben wahren SBeg, auf bem bie Sache in 
methobifcher Söeife gefunben worben Cf'e Idfet unb fehen. Wie bie 
SfiJirfungen oon ben Urfachen abhüngen); wer auf biefem SBege 
ber Seweibführung folgen unb forgfältig auf Sllleb achten wiU, 
wob fie enthalt, wirb nicht blob bie fo bewiefene Sache »olltommen 
begreifen, fonbern fie bergeflalt fich aneignen, alb ob er fie felbft 
gefunben hätte. Doch ift biefe 33eweibart nid^t geeignet, wiber= 
ftrebenbe ober wenig aufmertfame Sefer ju überjeugen. Denn fo- 
halb man fiih ben fleinften ihrer Sähe, ohne darauf ju achten, 
entgehen läfet, oerfdhwinbet bie SItothwenbigteit ihrer Sdhlufefotge== 
rungen , unb man )>flegt h'^f fi’h’^ weitläufig oon foldhen 


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150 


Gingen ju Raubein, bie [c^on bon felbfl llav pbt»o!^t gerabe 
bicfe am genaucftcn beachtet fein mcüen. 

3)ic f^nt^etifd^e ÜKettjcbe bagegen nimmt bcn entgegenge- 
festen SQ3cg; fie prüft gteic^fam bie Uifac[)cn bnrc^ bie StBirtuii’ 
gen, (obmo^t fie auc^ oft bie Urfad)cn bnrc^ bie Sffiirlungen bar* 
t^ut), unb fo bemeift fte in SBatjr^cit benttic^, mag i^re Sc^infe* 
fotgerungcn entl^aiten, unb bebicnt fid) einer langen SReil^e oon 
ßrtiärungen, gorberungen, ©runbfa^en, Ce'^rfä^en unb Slufgaben, 
um gteid) ju jeigen, fobatb man eine U;rcr goigerungcn bcftreitet, 
mie bicfe in ben früheren ©a^cn enthalten ift, unb ben Scfcr 
jur SBciflimmnng ju jloingen, er fei auc^ noc^ fo toiberftrebenb 
unb eigenfinnig. Stber fie gemährt nid)t, mic bie Slnatpfig, benen 
eine ooitftänbige ÜJefriebigung, bie lernen toollen. 2)enn fte le^rt 
bie SM^obe nidjt, burd) meld}e man finbet. 

2)ie ©eometcr ber Sllten pflegten in i^ren ©c^riften blofe 
biefe fpnt^etifc^e iDiet^obe ju braud^cn, nic^t alb ob fie ber ana* 
Iptifd^en USetl^obe unlunbig geiocfen, fonbern mcil fie meiner 5Rei* 
nung nac^ fii^ fo oiel bamit mußten, baff fie biefelbe mie ein 
mic^tigeä Oel^eimni^ für ft^ allein bef>iclten. 

3c^ für meine iPerfon l^abe in meinen 93etrad)tungen blo& 
bie analptifc^e SWet^obe befolgt, weil id^ fte für bie maljrjle unb 
jum Sehren für bie paffcnbfte ^Ite. SOSaä bie fpntl)etifc^e angelt, 
bie offenbar §ier bon mir »erlangt loirb, fo fann biefelbe in ber 
©eometrie mit SRugen angemenbet locrbcn, nac^bem bie analpti-- 
fc^e »orangegangen ; bod^ pafet fte nii^t ebettfo gut auf inctapl^pft* 
fc^e Oegenftänbe. 

Jgier befielet nemlic^ folgcnbe 3)ifferenj. 3ene erjlen SBegriffe, 
bie man jum Seloeife geometrifd^er ©a^e »orauSfi^idt, ftnb 
unfern ©innen attgemeffen unb »erben barum leicht »on 3eber* 
mann jugelaffen. Jßier giebt e8 mithin leine »eitere ©d^Wierig* 
feit, als bie golgerungen richtig ju jie^en, unb ba8 »ermogen 


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151 


fe(6jl bet ber geringftcii 3tufmertfamfeit Seute jeber Slrt, tocnn fie 
fi(^ nur bab aSor^etge^enbe einmal mieber bergegentnärtigen. Unb 
baju bringt man fte leicht, wenn man ebenfo biele »erfd^iebene 
®äfee unterfc^eibet, alb eb in bem »orgelegten ^Problem bemer= 
tenbwerttje fünfte giebt, bamit fie auf jeben ©afe i^re Slufmer!» 
famfeit befonberb richten unb man il^nen f»äter biefe ©ä^e an^ 
führen tann, um i^nen ju fagen, Woran fie ju benfen l^aben. *) 

dagegen befielt bei metapl^^fifc^en fragen bie .gaupt« 
fd^wierigtcit grabe barin, fiar unb beutlid^ bie erfien ^Begriffe ju 
faffcn, beim obwohl pe »on 9iatur Har unb oft fogar Itarer fmb, 
a(b bie geomctrifc^en, fo fc^einen fie bennoc^ mit maiu^eii Sor= 
urt^eiien ju ftreitcu, bie wir »on ben ©innen ^er empfangen unb ^ 
feit unfercr it'inb^cit gepPegt ^aben. SDarum Ibnnen fie nur bei 
ber ftärfften Stufmertfamteit unb ber grbptmbglidjcn Stbftraction »on 
ben ©innen »otttommen begriffen Werben. Unb wenn man pe 
für pdj allein ^inftettte, fo würbe ber bereite Sßibcrfpruc^bgeip e8 
leidet l^aben, pe ju »erneinen. 

XieS war ber ®runb, warum id^ lieber SBetrad^tungen 
gefd^rieben ^be, al8 na^ 3(rt ber a^^ilofopl^en SäJortpreite ober 
nadb Slrt ber ©eometer Se^rfä^e unb Stufgaben. 3d^ WoHte ba= 
burc^ bejeugen, bap id^ nur für ©old^e gefd^rieben, bie fn^ bie 
®iü^e ncl^men wollen, mit mir ernft^ft nad^jubenfcn unb auf» 
merffam bie Dinge ju erwägen. Denn ft^on baburd^, bap je» 
manb pd) aiifc^idt, bie SBal^rl^eit ju betämpfen, mad^t er pd^ un» 
fähiger, pe ju begreifen, ba er feinen ®eip »on ber SSetrod^tung 
ber überjeugenben ®rünbe abwenbet, um i^ auf bie Unterfud^ung 
ber wiberlegenben ju richten. 

Do^, um JU jeigen, wie gern i^ 3^rem SRat^fc^tage ®cl^br 
gebe. Will id^ l^ier ben SJerfud^ mad^en, bie fpntljetifd^e SOSet^obe 


*) ®iefni @a» gebe id) naib ber [roujöpfcbeti Ueberfepiiiifl »on 
ISteiielier. 


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162 


ber ®eometer nad^jual^men, unb einen ^tbrig ber ^ubtfä^Iid^flen 
©rünbe geben, au8 benen id^ baä 3)afcin ®otte8 unb ben Unter- 
fc^ieb jtcifc^en ®eiji unb Söttet beS Slenf^en bewiefen ^abe. 
SSielleid^t wirb biefer Serfuc^ baju beitragen, bie Stufmertfamleit 
ber Sefer ju erlei^tern *)." 


^tc äSemetSgcünbc für bag ^afetn ©ottei itnb ben 
^ Untcrf4»ieb bee 0eclc »om Korber mi^ gcometrifcber 
2){eibobe georbnct.' 


®r!Iärungen. 

I. Unter bem SBorte ®enfen begreife id^ aße biejenigen 
iBorgänge in un8, beren wir unb unmittelbar bewußt finb. 
©0 finb aße S^^ätigleiten be? SBißen8, SSerftanbeb, ber (Sinbilbung 
unb ber ©inne 3)enlen. 3d^ l^abe aubbrüdtlid^ l^injugefügt ; „un = 
mittelbar" um Slße8, wa8 aub jenen a^ätigfeiten folgt, ou8= 
jufd^liefeen. Wie j. SB. bie wißlürlid^e SßeWegung jwar bab Denten 
jum Sßrincip l^at, boc^ ni^t felbft Renten ift. (©o ijl ©pajieren» 
ge^en nid^t Denten, wol^l aber bab ®efül^l ober SBewufetfein, wel= 
d^eb man baoon l^at, ba| man fbajierengel^t **). 


•) 3 cb gebe btefen Scbtugfab nod) (Slerfelier, bet b*er bo8 lotehiif(be 
Original in feiner Ueberfebung swecfmägig abtttrjt. 

•*) ®et f)orentbetif(be ©0(5 iß in bem Xejt ber ftonjöfifdien lleberfebung 
binsugefügt. 


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153 


ir. Unter bcm SBorte 3bee »erjtel^e ic^ bie gotm eines be= 
liebigen ©ebanlenS, burd^ beren unmittelbare äüo^rnel^jmung id^ 
mir eben jenes ©ebanfenS felbft bemufet bin. ©obatb i^ ba^r 
etwas mit Sßorten auSbrücfe unb juglei(^ mit 33ewu&tfein beS 
©inneS jprec^e, fo bemeife ic^ babuti^, bafe in mir bie 3bee beffen 
ijl, was meine SBorte bejeid^nen. Unb fo nenne ic^ 3been nid^t 
btoS bie in ber ^^antajie abgematten Silber; im ©egent^eil, fo* 
fern biefelben in ber forderlichen ginbilbung, b. h- in einem 
beS ©ehirnS abgcbilbet finb, nenne idh fi« h*«' 9“'^ 3been, 
fonbern nur, fofern fie ben @eifl felbft einnehmen, ber fid) jenem 
ShfH beS ©ehirneS juwenbet. 

III. Unter objectioer IRealität ber 3bee oerftehe idh 
baS Xafein beS burdh bie 3bee »orgeftellten ®ingeS, fofern eS in 
ber 3bee ifl. 3dh tonnte ebenfo gut objectioe SJoHtommenheit ober 
objcctioeS Sunftwerf fagen u. f. f., benn WOS wir als in ben Ob* 
jeden ber 3becn gegeben »orfiellen , baS ifl ouf objectioe (ober 
oorgeftellte SBeife*) in ben 3been felbjl. 

IV. Sßenn etwas in ben Objecten ber 3been ebenfo ent* 
halten ift, wie wir c8 wahrnehmen, fo fagen wir, eS fei in biefen 
Objecten formaliter (fbrmlidh) enthalten. Unb Wir fagen, es fei 
eminenter barin enthalten, wenn eS jwar nidjt in foldher ©e* 
fdhaffenheit, aber in folihem ©rabe barin liegt, bafe bie Sef^affen* 
heit barauS folgt. 

V. 3ebeS SBefen, bem als feinem ©ubjcctc etwas, baS wir 

wahrnehmen, inwohnt, ober burih Welches jenes etwoS, b. h- irgenb 
eine ©igenfi^aft ober ©efchaffenheit ober Stttribut, beffen wirflidhe 
3bee in unS ift, ejiftirt, nennen wir ©ubftanj. 25enn oon ber 
©ubftanj felbft, genau genommen, anbere 3bee, 

als ba& pf ein SBefen ifl , in welchem jenes etwas , bas wir 


*) objectivement “ i»ar repr^sentation. . 


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164 


«jaljrnel^men ober baS in einer unferer 3been auf objectioe SBeife 
enthalten i|l, formaliter ober eminenter ejiftirt. 2)enn e8 ift eine 
feIbftoerftanblid)e 3Ba§rl)eit, ba^ leine mirflic^e ßigenfc^aft gleid^ 
9li(^t8 fein fönnc. 

VI. ®ie ©ul'ftanj , ber unmittelbar baS Xcnfen inmo'^nt, 
Reifet ®eift. fage Ijier auSbriicflid) „®eift", nie^t ©eele, 
ba bab SBort ©eele jmeibeutig ift unb oft jur Sßcieictjnung eines 
tbrperlic^en SBefenS gebraud)t loirb. 

VII. 2!ic ©nbftanj, bie baä unmittelbare ©ubfeet raumlicber 
9tu8be^nnug unb folel)er 93efd>iffcu^eiten ift, melil)e bie SluSbe^« 
nung oorauSfe^en, mie S'ignr, Hage, DrtSoeränbernng n. f. f. ftei^t 
Stbrt^er. Db eä aber ein unb biefelbe ©iibflaivi ift, bie ®eift unb 
.tl'örpcr liei^t, ober ob eS ätoei Berf^iebene finb, baS foH fpäter 
unterfud)t loerben. 

VIII. X>ie ©ubftanj , bie loir als bie abfolut Bollfommene 
ertennen, unb in ber ftd) Icinerlei Mangel ober befdjränlte 55otl- 
fommenljeit begreifen lä^t, l)eigt ®ott. 

IX. SBenn id) fagc: SttoaS fei in ber 9?atur ober in bem 
begriff eineS SBefenS enthalten, fo ift es baffelbe, als ob idj fagte: 
eS fei in SRüdfidjt biefeS SäJefenS loa^r ober tonne oon bemfelben 
bejaljt loerben. 

X. 3c^ foge’, jb-'ei ©ubftanjen feien in Sßa^r^eit unterfc^ie= 
ben, loenn jebe oon beiben o^ne bie anbere ejiftiren tann. 


füorberungen. 


3d) Berlange: 

1. $a^ bie fiefer beachten, loie fc^mad) bie ®rünbe feien, 
aus benen fie biSl^er i^ren ©innen geglaubt ^aben, unb loie un-. 
fid)cr aüe barauf gcgrünbete Urt^eile. 3)ieS iiibgen fie fo lange 


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155 


fcfi fic^ ertüägcn, bap fic jiilc^t au§ @c»i'p(;ii()eit beit ©innen nii^t 
me^r ju öict ajevtrauen fi^cnfen. ®cnn bic8 |aUe ic^ für lu'tt)- 
»Dcnbig jur ®en?i^^eit metap^^fifc^cr ßinficbt. 

2. ®a6 r>f eigenen ®eift unb bcffen fämmtHcije 5Befen8- 
eigcnt^iimtid)teiten betrachten, bie fich at« «njH'eifell)aft enneifcn, 
and) roenn alte ©innegivahrnehniungcn für falfd) gelten; bap fie 
mit biefer a^etrachtung nicht eher ablaffen, al^ bis fie fich bie 
©emoh"^*^'^ ermorbcn, ben ®eift ttar jii burihfd)auen unb ju 
gtaubcn , baß er leid)ter ju ertennen fei , afS bie fbrperlichen 
Xinge. 

3. Xaß fie fcld)e an fah ttare ©ähe, bie fie in ihrem 3uuern 
finben , mie j. 5?. : „Xaffelbe fann nidit jugfeich fein ober nicht 
fein"; „eg ift unmogtiih, baß afichts bie Urfacbe bon ®tmaS ift"; 
unb ähnliche, forgfältig prüfen unb auf biefe aiteife bie natürliche, 
aber burch bie ©innegerfd)cinungen fo ft'hr geftbrte unb i'erbunfelte 
©eifteStlarheit rein unb frei mm ben Sinnen anSüben. So mirb 
ihnen bie Hßahrhcit ber nachfolgcnbcn ©runbfähe ohne f)}Jühc ein» 
leuchten. 

4. Xaß fie bie 3been fclcher aCefen unterfuchen, in benen 

juglei^ ein 3atbgriff bieler Slttribute enthalten iß, wie j. baS 
fflJefen beS Xreiecfg, beg QuabratS obereiner anberen Siguv; fl'cn 
fo bag SÜJefen beg ©eifteg, beg Äbrperg, unb oor Sillen bag SBefen 
©otteg ober beg »otltommenßcn Xafeing. Sie mögen moht beach- 
ten, baß Stlleg, mag mir in jenem SBefen erfennen, auch SBahr» 
heit »on bemfelben behauptet merben tonne. 3* 3?. meil eg in ber 
atatur beg Xreiedg liegt, baß feine brei SBinfel jmei 'Sechten gleich 
finb, unb meil in ber DJatur beg Störperg ober beg auggebehnten 
aSefeng bie ^'^gt (benn mir tonnen tein auggebi’hnteg 

aSJefen fo Hein benten, baß eS fich nicht menigfteng in ©ebanten 
theilen ließe) , fo ift bie söehauptung mahr : in jebem Xreied 


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15C 


flnb fcic brci SBinM gteiil) jmei Siedeten, unb jeber S6r)jer ift 
t^eilbar. 

5. Dag fie lange unb siet in ber 33etrad^tung beg »otltom» 
menften SBefeng »emdlen unb unter Slnberem bieg bead^ten, ba^ 
in ben 3been alter übrigen Süefen bie töjiltf"ä- nibgtic^, ba- 
gegen in ber 3bec ©otteg bie (Sjiftenj nii^t blog atg ntbglic^, fon= 
bern alg burc^aug nct^tnenbig' enthalten fei. Daraug allein unb 
o^ne jebe weitere ©c^lufefütgerung werben fie ertennen, ba& ®ott 
ejiftire, unb bag wirb il;nen ebenfe an fic^ Har fein, alg baß 
bie 3n>dja^l gleich ober bie Dreija^I ungleich fei, unb ä^nlic^e 
©ü|e. Denn 9)lan(i^eg leuchtet Sinigen »on felbft ein, bag »on 
31nbcren nur burd) ©c^lüffe begriffen wirb. 

(!. Daß fie alle in meinen Betrachtungen angeführte Bei- 
fpiele einer Haren unb beutlichen grlenntniß unb ebenfo bie einer 
unHaren unb buntein erwägen unb fich babur^ gewöh^f « , bie 
üare teinftcht bon ber buntein ju unterfcheiben. Denn bieg wirb 
leidster burch Beifpiele alg burch Siegeln gelernt, unb ich glaube, 
baß ich in jener ©i^rift alle hie>’^eeüet)brige Beifpiele entweber 
entwidelt ober wenigfteng irgenbwie berührt hnbe. 

7. ©nblidh mögen fie beachten, baß fie in ber Haren (Jinfi^t 
nie einen 3rrthum entbeett unb bagegen in bem nur buntel Be* 
griffenen nie eine BJahrheit außer burch äufnü gefunben hnben; 
unb barum mögen fie bebenten, baß eg oernunftwibrig fei, bie 
Haren unb beutlichen ©infnhten beg reinen Sßerßanbeg ju bejWei» 
fein wegen ber finnlid)en SSorurtheile ober wegen fpieleuber , auf 
unbetannte ober buntle Dinge gegrünbeter merben 

fie leicht bie nachfolgenben ©runbfähe alg wahr unb unbebentlich 
gelten laffen. ©leichwohl hälH i'h mehrere barunter beffer ent* 
wideln tönnen, unb mehr alg Sehrfähe, benn alg ©runbfähe auf* 
fteUen müffen, wenn ich genauer hätte berfahren wollen. 


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157 


©runbfä^e ober ©emeinbcgrifff. 

I. 9Jicl)tä exiflirt, cljnc bcif, iiefragt tmbcn tann, aiisS melc^cv 

Urfab^f (ü fjiflirt? Sdbit bi'n 0'ott tann bicfe Sravje erl^oben 
rcerbfn, nid^t »dt er ju fdncr dner Uvfad^c bcbarf, fon= 

bern »cit bie Uncrmffilib^tdt fcincb SBofcnä fdbfl bic Uvfac^c ober 
ber @ninb ift, »nrnm fr jn fdncr ©dft‘’i>} tdner Urfacbe bebarf. 

II. Xie ©egenmart '^iingt bon ber näc^ften 5?crgangen^cit 
niebt ab, barnm ift jur (Srtjaltung eines S33efcn8 feine geringere 
Ui-fad^c nbt^ig al8 jur ©c^bpfung beffelben. 

• III. Jitein 3Bcfcn ober feine »irtüd) cjiltirenbe 2Iotltommcn= 
l^eit eines 3BefcnS tann üur Urfac^e ber Gjiftenj 9HdjtS ober 
ein nic^t ejiftirenbes Säicfcn ^aben. 

IV. SDiJaS cen SÜirftic^fcit ober ®pÜtommcnt;eit in einem 
Siefen ift, baS ift in beffen erfter unb entf).'rcd)enber Urfaebe for- 
moliter ober eminenter cntl^altcn. 

V. l;arauS fotgt, bafe bie ob|cdioc iHcatitnt unfercr 3becn 

eine Urfac^e nbt^ig ^abc, »crin eben biefe SRcatität nic^t bloS auf 
objectioc Sßeife, fonbern formaliter ober eminenter ent^attcu fei. 
Unb cS ift JU be^erjigen , bafe biefer ®runbfa| fo notl^tocnbig 
gelten mufe, bafe oon i^m allein bie ßrtenntnife alles ©innlii^en 
unb 9iid)trinnli(j^en ab^ängt. ®cnn tool)er »iffen mir j, ®., bafe 
ber ejiftirt? ßtioa, »eil »ir i^n feljen? Slber bicfe 

fc^einung geprt ja lebiglic^ jum ®eift, fofern fie eine 3bee ift, 
ic^ fage eine 3bee, »eil fte bem ®cift felbft in»o^nt, nic^t ein 
iöilb, baS in ber if3l)antafte abgemalt ift. Unb »tr fotlten »egen 
biefer 3bce nib^t urtl^eilcn fbnnen, ber .§immel ejiftirc? 3a, aber 
nur »eil jebe 3bec eine »irtlic^ ejiflirenbe Urfab^e il^rer objectioen 
SRealität ^aben mu^, unb bicfe Urfac^e ift in bem gegebenen 


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158 


SaH nad^ uiiferm Urf^cit ter Jgimmel felbft. Unb (o in an- 
beren gatten. 

VI. 68 giebt ucrfd^iebcnc 63rabc bcr tticalitdt ober bc8 X>a’ 
fein8, beim bie ©ubffanj t;at me^r tticalität nt8 ba8 3(cciben8 
ober bcr Wobu8, unb bie unenblid)e ©ubflanj mel^r al8 bie cnblic^e. 
Xel^tjatb ift and) mel)r Db|cctiuc Ülealitdt in ber 3bee bcr ©ub= 
ftanj alä in bcr bc8 SIcciben?, unb me!^r in ber 3bee ber unenb= 
lid)cn ©ubflanj ol8 in ber ber enblic^en. 

VII. 2^cr Sfiiitte cinc8 benfenben SäefenS gcl)t jinar h^itttürlic^ 
unb frei (beim ba8 gdjört jum SBefen bc8 SBittenS), aber unfrei, 
bar auf ba8 ®ute, fobalb er c8 bcutlic^ ertannt I;at, barum Irirb 
ber SBittc, menn er gcluiffe 25oÜfi'mmcn(;eiten, bie er nic^t 
l^at, tennen lernt, ftc^ biefe gleich geben, fobalb ftc in feiner 
1Diad)t finb. 

VIII. SiJas im ©taube i]!, ba8 ©rögere unb ©d^toierigere 
ju beioirten, ba8 ijl aud) im ©taube, baS ©eringere unb Seichtere 
ju bemirfen. 

IX. 68 ift großer, eine ©ubftanj ju fdjaffen ober ju er= 
Ijalten, al8 Slttributc ober 6igenfd>iften einer ©ubftanj; aber, 
loie fi'^on oorI;cr criod(;nt, c6 ift nii'^t größer, ctioa8 ju fc^affen, 
al8 baffelbe ju erljalten. 

X. 3n bcr 3bee ober bem ^Begriff jebeS SBefenS liegt bie 
6xiftenj, beim mir muffen 21ttc8 unter bem ©ebanten bcr 6jU 
ftenj begreifen. 3u bem 53cgriff eines begrenjten SBefenS liegt 
bie 6jiftcnj al8 möglid) ober jufdllig , fie liegt al8 notl^= 
loenbig unb oottfommen in bem S3cgriff bc8 oottfommenften 
503efcn8. 


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15 !) 


©rfler ßel^rfol^. 

Dafciu ®cttc» ii'irb aus bcr blofecu ü?etrac^= 
tung feines SfüefenS er tan nt. 

S c n? e i 8. 

ßS ift gleich, ab ic^ fage: ettcaS liege in bem ai<efen ober 
im begriff einer Sac^e, ober i'b ic^ fage: eS fei in 9tüctrict)t jener 
®ad)e ma^r^aft mirf(icb. ßrfl. IX. 

9hin liegt bie nnt^li'enbige ßjiftenj im 'iPegtiff ©i'tteS. ©rbf.X. 
3IIfi' gilt son @ott als maijr: ba& in i(jm iu'tl)menbige ßjiftciij 
ift ober bafe er ejiftirt. 

.gier ift bie Sc^Iufifoigerung, bie ic^ in meiner ßrmiebernng 
auf ben fernsten ipuntt biefer ßinunirfe gebraucht l^abe. 'Ter 
©d)Injjfa| ift an fii) tl'ir für Solche, bie oon 23orurt^eilen frei 
finb (f. 5orb. V.}. 3(ber loeil eS fi^toierig ift, jn foldier Slar^eit 
ju gelangen, fo will ic^ oerfuc^en, baffelbe auf anberem SBege ju 
bemcifen. 


^neiter 

£> a S a f e i n ® o 1 1 e 8 m i r b b l o b a b u r d) e m p i r i f e^ 
(a posteriori) bemiefen, baf, bie 3bcc bcffelben in 
u n S i ft. 

3? e m e i 8. 

SDie objectioe Realität jeber unferer 3been braui^t eine Ur= 
fad^e, in ber biefe Realität felbft nid^t bloS auf objectioc Sfficife, 
fonbern formaliter ober eminenter enthalten ift. ®rbf. V. 


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160 


9?iin ^al'en irir bie 3bee (SptteS. (®rf(. V. u. VIII.) Die 
pbiectirc SUcalität biefer 3bee ift in un« meber fomotitcr ncc^ 
eminenter (®rbf. VI.), in feinem anberen Sffiefen, aufiev in 
®ott fetbft (grft. VIII.), dfo mufe bie 3bee ®ctte« in unä ®ott 
fetbft jur Urffldje ^nben; aifo ejiftirt ®ott. (®rbf. III.) 


Dritter Sel^rfo^. 

Da8 Tafein ®otteä mirb and^ baburc^ beffiiefen, 
bafe mir fetbft, bie mir bie 3 bee ®ctte 8 l^aben, 
ej iftiren. 

® e m e i 8. 

SOßenn ic^ bie ?Wa^t ^tte, mid^ ju erl^olten, fo mürbe id^ 
um fo me^r bie SJfad^t l^aben, mir bie SSotlfommen^eiten ju 
geben, bie id^ nic^t l^abe (®rbf. VIII. u. IX.), benn jene S80II» 
fommen^eiten finb nur föigenfd^aften ber ©ubflanj, ic^ fetbft aber 
bin ©ubflanj, aber id^ ^be nid^t bie 3)?adbt, mir biefe Sott'’ 
fommenl^eiten ju geben, benn fonft mürbe id^ fie fd)on l^aben. 
C®rbf. VII.) 

Sttfo ^be id^ nid^t bie 5Kad^t, mid^ ju erl^atten. 

9tun fann id^ nidf't ejifiiren, olf)ne bafe id^ in jebem 9Homent 
meiner Gjiftenj er^tten merbe, eS fei nun »on mir fetbft, menn 
ic^ bie SRad^t baju ^abe, ober »on einem Stnbcrcn, ber fle l^at. 
®rbf. I. u. II. 

9tun ejiftire id^ o^ne bie 9)?ad^t, mid^ fetbft ju erl^atten, mie 
fd^on bcmiefen. Sttfo merbe id^ oon einem Stnberen erl^atten. 

3cner mein ©r^tter l^at Sltleb, ba8 in mir ift, formatiter 
ober eminenter in fid^. ®rbf. IV. 


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161 


3n mir aber ift bic aSorftettung »icicr Sßoöfi'mmenl^citen, 
bie mir feilten, unb jugleic^ bie 3bee ©otieb. 6rfl. II. u. VIII. 

SIlfD ift auc^ in meinem ©r^aller bie Sorftellung eben biefcr 
SBcHfommen^eiten. 

(änblid^ jener mein ©r^alter fann feine SBotlfommcn^cit i'er= 
fteilcn, bie i§m fel^Ite, b. 1^. bie er ntc^l formaliter ober eminenter 
in 'feilte. @rbf. VII. 

Denn ba er, mie gefagt, bie 5Rac^t ^t, mic^ ju ereilen, 
fo mürbe er um fo mc^r bie ^a(^t ^ben, fid) jene Sctlfommeii» 
feiten, menn fie i^m fe'^ltcn, ju geben. ®rbf. VIII. u. IX. 

9?un ^at er bie aSorftetlimg aller jener a?of(tommenl^eiten, oon 
beneu i(^ begreife, bajj fel)(en unb nur in @ott fein fbii'- 

nen, mie eben bemiefen morben. 

3(Ifo ^at er jene 95oHfommcnl^eiten formaliter ober eminenter 
in ftc^, unb ift alfo ®ott. 


3 U f B 

®ott ()at Jgimmel unb (£rbe gefd)affen unb 'ttlleb 
mae barin ift, unb er oerniag aufeerbem SlUeö, mad mir 
tlar ertennen, ju bemirfen fo, mie mir baffclbe erfennen. 

© e m e i 8. 

Sllle8 biefeb folgt tlar au8 bem »origen fiel^rfa^, ber bao Da» 
fein ®ottes barauS bemiefen Ijat, ba& 3emanb e;ifliren müffe, in 
bem formaliter ober eminenter alle SSollfommen^eitcn entljalten finb, 
»on benen mir irgenb eine 3bee in un8 ^ben. 9tun ^aben mir 
bie 3bee eines fo mächtigen SßefenS, melc^eS allein ^immcl un^ 

11 


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162 


6rbc u. f. f. l^abe fc^affen unb 2(Üe8, bag at8 moglid^ ertciine, 
l^obe mad^en Immen. 

golgli^ finb mit bcin Dafein ©etteä jngleic^ alle biefe ÜKad^t- 
boüfommen'^eiten »on i^m bemiefen. 

IBierter Sel^rfa^. 

®eift unb E&t)}et finb »efentli^ »crfd^ieben. 

® e n> e i g. 

2Ba8 mir tiar ertennen, ba8 ottes lann @ott fo, mic mir eä 
ertennen, bemirfen. Voriger 3«fafe. 

SRun ertennen mir ben @eifl b. bie bentenbe ©nbftanj tlar 
o^nc Sorper b. 1^. o^ne eine auggebe'^nte ©ubftanj (gorb. II.), 
unb umgetel^rt ben SbriJer ol^ne ®eift (mie Sille o^ne Sßeüereg ju= 
gefle'^en). Slifo fann menigftenS burd^ bie ?0?ad^t ©otteS ber ®eifl 
nl^ne Sorper unb ber Sbr|>er o’^ne @eift bafein. 

©ubftanjen aber, metc^e bie eine o^ne bie anberc fein tonnen, 
finb tl^atfä^tidl) unterfd^ieben. ßrtl. X. 

9lun fmb @eift unb Sörper ©ubftanjen, (6rfl. V. VI. u. VII.) 
m'eld^e bie eine o^ne bie onbere fein tonnen, mie eben bemiefen 
morben: aifo fmb ®eift unb Körper mefenttid^ oerfd^ieben. 

3<^ mufe bemerten, baß id^ l^ier bie gbttlii^e SRad^t al8 9Kittet= 
glieb gebraud^t '^abe, nic^t meil irgenb eine aufeerorbentlii^e 5ÖJad^t 
baju nbt^ig ift, ben ®eift oom Körper ju trennen, fonbern meil 
id^ in ben obigen ©ä|en nur Bon ®ott gel^anbelt l^abe unb mir 
alfo teitt anbereS SBemeibmittel ju ®ebote ftanb. Slud^ lommt nid^t« 
barauf an, Bon meld^er Sltad^t jmei äBefen getrennt merben, um 
i^ren SBefenSunterfd^icb ju ertennen. 


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^ttnct:|iten ber 

(ßrPtrSljfil. 


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$on ben ^rincipien ber menfcpli^en ©rfenntni^. 


§ 1 . 

2)a h>ir alä Sinber geboren »erben unb »on ben finntidjen 
3)ingen mani^ertei geurt^eilt ^aben, noc^ e^e mir ben »otfen &t- 
braud^ unferer SSernunft Ratten, fo merben mir burc^ oiete S8orur= 
t^eile »on ber ISrtenntniß beS Sßa^ren abgemenbet. 3)iefe Sßor- 
urt^eiie fonnen mir, fo f^eint eb, nur lob merben, menn mir 
einmal im Seben geflijfentlic^ on Slßem jm eifein, morin 
ou(^ nur ber lleinfte SSerbod^t ber Unfid^er^eit finbet. 

§ 2 . 

3o, eb mirb fogor gut fein bob 3'otifcl^<ifte gerobeju für 
folfd^ ju !^olten, bomit mir um fo beutlid^er entbedfen, mob gonj 
fic^er unb ju ertennen gonj leitet ifl. 

S 3, 

3nbeffen ifl biefer 3»ciffl Mob auf bie t ^ e o r e t i f d^ e 93e= 
fd^äftigung mit ber a0i5alf)rl^eit einjufd^ränlen. SSlob nämlid) bob 
proftifd^e Seben betrifft, jfo mürbe fel^r oft bie ®elegent)cit jur 
5E^t oorübergel)en , be»or mir unb »on oüen unferen Sebenfen 
befreien lönnten, unb fo ftnb mir nid^t feiten not^gebrungen in 
ber Soge, bob blob SBo'^rfd^einlid^e ju ergreifen ober oud^, menn 
»on jmei Dingen bob eine nid^t mol^rfd^einlic^er erfd^eiut alb bab 
onbere, bod^ eineb »on beiben p mahlen. 


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166 


§ 4. 

3efet nun, wo wir mit bcr (Srforfi^ung ber SBal^r^it ®rnft 
machen, werben wir »or 3t(tem jwcifeln, ob c8 übcr’^aupt finnlic^e 
ober bitbtic^e ®incie giebt. (Sr|1en8, weit wir bisweilen bie ©inne 
ouf S^äufc^ungen ertappen unb eS bie SJoiftc^t gebietet, benen 
nic^t ju »iet ju bertraiien, bie unä aud^ nur cinnuit getäufc^t ^oben; 
bann, weit wir im Eraum ja^ofe ®ingc ju empfinben ober 
»orjujletten meinen, bie nirgenbS finb, unb nnS bei fotzen 3weU 
fetn fein üJterfmat gegeben i[t, um ben 2;raum oom SBac^en fieser 
3 U unterfd^eiben. 

§ 5. 

S3ir Werben no(^ an anberen Dingen jWeifetn, bie wir Bor» 
l^er für ganj fu^er gel^atten, fogar an ben mati^ematifd^en 
iBeweiäfii^rungen, fetbft an ben ®r unb fügen, bie un8 bis jegt 
unmittetbar gewife fitienen. ginmat befegatb, weit wir gefelgen, 
bafe Wandge aud^ in biefen Dingen irren unb für ganj fidler unb 
unmittetbar gewiß getten tießen, was unS fatfdg fdgien; bann be- 
fonberS beß^atb, Weit wir gehört, eS fei ein ®ott, ber ?ltteS per» 
möge unb uns gefd^affen ^be. 

SBir wißen ja nic^t, ob biefer ®ott uns nidgt etwa fo '^abe 
fdgaßen wotten, baß wir in fortwa^renber Deiufegung befangen 
bteiben, fetbß in fotd^en Dingen, bie uns atS bie betannteilen er» 
fegeinen. Denn bieS wäre ebenfo gut mbgtidg, atS baß wir mandij» 
mat irren, unb baS ift ber galt, wie wir gefe’gen. 

Slelgmen wir nun an, baß wir nid^t Bon bem attmadgtigen 
®ott, fonbern Bon unS fetbß ober irgenb einem anberen SBefen 
unfer Dafein l^aben, fo wirb, je olgnmädgtiger baS ttßefen iß, baS 
wir atS Url^eber unferer ßntftel^ung bejeidgnen, um fo wa^r» 
fc^eintieger unfere Unootltommenfieit fo groß fein, baß wir fort» 
Wäl^renb irren. 


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167 


S 6. 

Snbejfcn »er c8 auci^ fei, »on bem teit unfer Dafein ^ben, 
unb fo mäd)tiv) unb trügciifc^ er auc^ fei, fo füllen mir bob^ in 
unä eine Srci^eü, »ermbge beren mir un3 be8 @iauben8 on 
bo8 Unfic^ere unb meni^ ©e^rünbete enthalten unb alfo »or bem 
3nt§um i)üten (bnnen. 

S 7. 

ajermerfcn mir aber auf biefe SBeife aHe8 irgenb ,3weif«I^afte 
unb bentbarer äUeife 5alf(^e, fo läfet fic^ jmar leidjt annel^men, bo^ 
(ein ®ott fei, (ein Jßimmel, (eine Ä'6i)>er, bofe mir fetbft meber 
Jßänbe noch Sü^e no4 überhaupt einen Äorper ^ben, aber e« lö^t 
fic^ bürum nic^t anne^men, bafe mir, bie mir ©olc^eb benlen, 9ii^t8 
finb. Denn e8 miberfprid)t fid), baß ein bentenbeS Süefen im Slugen« 
blicl, mo e8 bentt, ni<j^t ejiftiren foUc. Demnac!^ ift biefe SrfeniUnife: 
„ic^ benfe atfo bin ic^" bon aßen bie erfte unb fid^erfte, bie 
3ebem begegnet, ber mett>obifc^ t>^ilofopl)irt, 

§ 8 . 

Unb bo8 ijl ber befte S03eg, um bie 9latur beS ®eifte8 unb 
beffen Unterfd)ieb »om Ä'orper ju etfennen. Denn f obalb mir 
unterfuc^en, maS für ein SOBefen eigentlich mir felbft finb, bie mir 
attea bon un8 ätevfcbiebene für fatfeh gelten taffen, fo fe^en mir 
beuttich, bafe (eine 5(u8behnung, meber Sigur noch Ortboerönberung, 
noch fonft 6tma8, baa bem Sörper jutömmt, unferem SOBefen ange» 
hört, fonbern bto8 ba8 Den(en, Sltfo mirb bo8 Deuten audh 
eher unb gemiffer ertannt, al8 irgenb ein torperlicheS SBefen. Denn 
jenes h^ben mir fchon burchf^aut, aße8 ^nbere bagegen ift unB 
noch jmeifelhaft. 

§ 9. 

Unter bem SäBorte Denten berftehe ich 5tHe8, maB in unB 
borgeht, fofetu mir unmittelbar unB biefer Vorgänge bemüht finb. 


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168 


3n biefem ©inne ijl nic^t blo8 ßrfennen, SBoÖcn, ©inbitben, fon* 
bcrn auc^ 6m)jflnben baffelbe al8 3)cn!cn. SQßenn ^ fage: 
fe^e ober ic^ gel^e fpajicren, alfo bin i(^", unb baruntcr ben fbrber* 
ticken Stet beä ©e^enS ober ®el^en8 berjlb^c, fo ift ber ©c^Iu^ 
ni(^t ganj fielet. Denn id^ !ann ja, wie l^äufig im Sraum, ju 
fetjen ober ju gelten meinen, obgleich ic^ bie Singen nid^t offne unb 
oon meinem Ort mid^ nic^t fortbemege unb biefleid^t nid^t einmal 
einen .itbrper l^abe. SBenn irf) el aber oon ber Smbfinbung felbjt 
oerftc^e ober oom be mufften ©e|en ober Oelsen, fo bejiel^t fic^ 
biefeä auf ben @eift, ber allein empfmbet, b. 1^. ju feigen ober ju 
gelten benft, unb bann ijl ber ©^luff ganj ftd^er. 


§ 10 . 

erläutere l^ier ni^t erfl bie oielen anberen StuSbrüdfc, bie 
ii^ bereite gebrandet l^abe ober im Sotgenben braud^en »erbe, »eil 
id) meine, baff fie burd^ fid§ ^inlänglid^ befannt finb. Stud^ l^abe 
ic^ häufig bie ißemertung gemacht, baff gS^ilofopl^en gcrabe baburd^ 
ben 3ert^um ^erbeifü^rten, baff fie baS ©infad^fle unb unmittel* 
bar SJefannte burc^ logifc^c ßrtlarungen ju erläutern oerfud^ten. 
iJenn auf biefe Steife machten fie eä nur bunfler, Sßenn idj nun 
ertlärt ^abe, ber©a^: „ii| bente alfo bin ic^" fei oor aßen 
ber erfte unb gemiffefte, ben 3eber finbet, ber met^obifc^ pl^itofo* 
p^irt, fo l^abe id) bamit nid)t in Stbrebe gefleÜt, baff man oor^er 
»iffen müffe, »aS Denfen, ©jijtenj, @e»iff^eit fei, ebenfo baff un* 
möglich ein benfenbeg Sßefen nic^t ejiftire, unb »a8 bergleid^en mel^r 
ifl; fonbern »eil biefe SSegriffe bie einfad^ften fmb unb für fid^ ge= 
nommen oon feinem ejiftirenben Sßefen eine Stenntniff geben, beff’ 
l^alb ^abe ii^ geglaubt, fie nid^t aufjä^len p bürfen. 


§ 11 . 

Um flc^ aber ju überjeugen, baff unfer ®eift nic^t bloä el^er 
unb ge»iffer, fonbern aud) einlcud^tenber alä ber Äbrper erfannt 


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Ifi9 


»erbe, rnu^ man SolgenbeS bemctlen. 68 i[l eine natürlid^e unb 
aüev S33eU Mannte SBal^rl^eit, bafe feine 3fffecHonen cber SBefc^affen^ 
feiten gfeici^ 9Md^t8 ijt, unb bafe alfo, »o »ir 6t»a8 ber Strt an’= 
treffen, ba neti^menbig ein 3?ing ober eine ©ubftanj, ber jene an^ 
gelberen, fein muffe, unb ba^ »ir jenes Ding ober jene ©ubftanj 
um fo tlarer erfennen, je mel^r »ir barin entbecfen. 9fun aber 
entbeden »ir in unferem (Seifte me^r al8 in irgenb einem anberen 
SBefen. SSJarum? äBcit jcbeS anbete Dbjcct unfeter ßrtenntnife 
uns jugfeit^ noc^ »eit gc»iffer unferen eigenen (Seift erfennbar 
maci^t. Sßenn id^ j. 3^. urt^eite, bie 6rbe ejiftirt, »eil id^ fie be» 
tafte ober fc^e, fo mu6 ic^ ja noc^ »eit freierer urtl^eifen, bafe mein 
®eijl ejiftire. 68 fbnnte ja fein, baß ic^ bie 6vbe ju betaften 
meine, ol^ne baß bie 6rbe ejiftirt. 5(ber eS tann nic^t fein, baß 
id^ biefe 9Reinung ^be, ol)iie baß mein @eift, ber fo urt^eiit, 
ejiftirt. Unb fo in anberen gällen, 

§ 12 . 

Unb benen, bie unmet^obifd^ p^itofopl^irten, ift bie ©ad^e nur 
baruin anberS erfdjienen, »eit fie ben ®eift niemats forgfüttig 
genug oom Sörjiet unterfd^icben l^aben. ©ie ^aben »o|t aud^ 
gemeint, i§re eigene 6jiften} fei ge»ißet als irgenb et»aS Slnbetes, 
aber fie ^aben nid^t gefe^en, baß unter intern eigenen SSJefen 
^ier bloß i^r ®eift ju »erfte^en »at. 3» ®egen%it ^aben fie 
»ielme^r btoS i^re Sörper barunter oerftanben, bie fie mit 3tugen 
fa|en, mit J&änben faßten, unb benen fie falfi^tic^et SBeife baS 6m^ 
pfinbungsoermbgen jufi^rieben. Unb bieS |at ße oon ber 6vfennt= 
niß ber geiftigen Statur abgetenft. 

§ 13. . 

SBenn nun ber ®eiß, ber erft feiner fetbft ge»iß unb ber 
anberen Dinge inSgefammt nod^ nid^t ge»iß iß, überall um’^et' 
btidtt, um feine 6rfenntniß »eiter auSjube^nen, fo ßnbet er juerß 


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170 


bei bte 3been »leier ®inge, ©o lange er blo8 biefe 3been 
betra(^tet unb e8 auf ftd^ berufen läfet, ob außer t^m eHoa8 ben 
3been Ste^lid^eS ejiflirt, fann er ni(^t irren. SBeiter pnbet er 
gcioiffe ©emeinbegrijfe unb bilbet barau8 mannigfaltige IBetoeife, 
oon bereu SUa^rl^eit er ganj überjeugt ifl, fo lange er blo8 auf 
fie achtet, ©o ^at er j. S. bie 3been ber ä^l^len unb Siguren 
in fic^ unb unter ben (Semeinbegriffen j. ©. ben ©aß: „®leidße8 
ju (Sleicßem abbirt giebt ©leicßeS" unb aßnli(iße ©äße, too= 
rau8 betoeifen läßt, baß bie SBinlel eines 2>reied8 gleicß 

jloei Stedten finb u. f. f, 33on ber SBaßrl^eit biefev unb äßnlii^er 
©äße ift er überjeugt, fo lange er auf bie SSorberfäße, »oorauS er 
fie abgeleitet ßat, ai^tet. Slber er tann nid^t in biefer Dtid^tung 
beßarren. S)er ®ebanfe tritt bajtoifcßen, baß er ja nodß nießt 
rniße, ob er niißt oon ber Statur fo gefdjaßen fei, baß er pdß aucß 
in ben Dingen täufiße, bie ißm bie Harpen erfißeinen. Unb fo peßt 
er, baß er aud) an biefen Dingen mit SReeßt jmeiße unb nießt eßer 
ein p(ßere8 SäMffeu erreUßen tonne, als er ben Urßeber feiner (Ent’ 
peßung erfannt ßabe, 

§ 14 . 

Stun peßt er, baß unter ben oerfeßiebenen 3been in feinem 
3nnern eine fei, bie 3bee eines afftoipenben, aUmäeßtigen, »oÜ* 
fommenften SBefenS, oon allen 3been bie oorneßmfte, er auerfennt 
in ißr bie ßjipenj, niißt bloS als mbglicß unb jufällig, toie in 
ben 3been aller anberen äßefen, bie er beutli^ einpeßt, fonbern 
als bureßauS notßioenbig unb ewig. Er peßt ein, in ber 3bee 
beS DreieefS liege notßwenbig, baß feine brei äüintel gleicß jwei 
iRecßten feien ; er ift beßßalb ooütommen überjeugt , baS Dreierf 
ßabe brei Sßintel, bie jwei SRedßten gleidß pnb. Unb ebenfo peßt 
er ein, in ber 3bee beS ooßfommenpen SßefenS liege bie notß=^ 
Wenbige unb ewige Ejiftenj. Er muß beßßalb ben ©eßluß madßen : 
bas oolltommenpe SSBefen ejipirt. 


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171 


S 15. 

Die[e Utbevjeugung fteigt, wenn er fle^l, ba& e3 in i^m (eine 
3bee einei anberen S^efenä gebe, in meicbev.fic^ ebenfo bie not^- 
»enbige föjijien? entbeden Iciffc. Denn l^ierau^ erhellt, baß jene 
3bcc beb »oUfommeniten aüefenb nic^t non i^m anbgcbitbei fei, 
baß fie (einerlei IS^imärc, fonbevn eine witdidje unb unwanbel^ 
bare 9latur barfteüe, bie ejiftiren muß, ba bie notl)U)enbige ®ji= 
[ten.^ in il^r liegt. 

§ if). 

Dabon wirb unfer @eiß leicht iiberjeugt fein, wenn er 
bor^er aller 35orurt§ei(e ganjlicl) entfd}(agcn ^at. 9(ber wir fiub 
gewb^nt, in allen übrigen Dingen bcn ißegriff bon ber fe'siftcnj 
ju unterfc^eiben unb bon Dingen, bie nirgeubb finb ober waren, 
biefe unb jene 3been nac^ ilelieben ju bilben. Dalmer toinmt eb 
leidjt, baß wir in ber Söetrac^tung beb boütommenflen äüefeub uic^t 
be^artlid) berweilen unb nun jweifetn, ob bie 3bee beffelben etwa 
ju benen ja^lt, bie wir nad^ belieben gebilbet ^ben, ober we^ 
nigftenb eine oon benen ift, ju beren ®egriff bie (ijiftenj nic^t 
gehört. 

8 17. 

33ei näherer ^Betrachtung unferer 3been fel)en wir, baß fte 
fich oon einanber wenig unterfcheiben, fofern ßc «lüe gewiffeDenf» 
weifen fmb, baß fte aber fe^r oerfc^ieben finb, fofern bie eine bie« 
feb, bie anbere jeneb äBefen oorfteüt, unb baß, je mehr objectioe 
33oUtommenheit fie in fi^ enthalten, um fo oolltommener ihre Urfache 
fein muffe, ©o (ann j. 33. wenn jemanb bie 3i>cc einer fehr 
(ünfilicheu ÜÄafchine in fich 3^echt gefragt werben: wo^er 

er beim biefe 3bec h^be? Cb er etwa irgenbwo eine folche oon 
einem Slnberen oerfertigte iDiafchine gefe^en? Ob er bie mechani« 
fchen äUiffenfehaften fo genau erlernt, ober feine eigene ®eifteb(raft 
fo groß fei, baß er im ©tanbe gewefen, biefe nie unb nirgenbb 


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172 


gefcl^ene Wafd^ine fetbft p erbenlen? Denn ba8 ganje Sunfhoerl, 
baä in ber 3bee blo8 auf ebjectiöe ®eife ober n>ie im ®ilbe ent= 
^Iten ift, mu^ in beren Urfac^e, >oa8 nun biefc Urfad^e aud^ fei, 
• menigftenS in ber erften unb ^u)5tfäd^Iid^en, nid^t blo8 auf obje^ 
ctioe ober oorgejleflte S33eife, fonbern in SBal^r^eit „formaliter" ober 
„eminenter" entölten fein. 

§ 18. 

9?un ^ben mir in unä bie 3bee ©otteä ober be8 boKfom= 
menften SBefenS, alfo bürfen mir mit Siedet unterfud^en, mol^er mir 
jene 3bce t)aben? 3n i^r ftnben mir eine fotd^c unerme&tid^e güüe, 
bafe mir oolltommen gemif; flnb: biefe 3bee tonnen mir nur »on 
einem SSSefen empfangen ^aben, bo8 oHe SSoUtommenl^eiten mir!= 
lid^ in fu^ begreift, b. nur »on bem ma^rl^aft eiiftirenben ®ott. 
Denn c8 ift eine ganj betannte natürlid^e Sßal^rl^eit, ba^ nid^t 
bto8 aus 9tid^tä 5Jid^t8 mirb, unb baä Sßollfommenc nie oon bem 
UnooHtommenen alä feiner bemirtenben ©efanimturfad^e l^eroor= 
gebrad)t merbcn tonne, fonbern aud^, bafe in un8 tcine 3bee unb 
tein ®itb oon irgenb (£tma8 fein tonne, o^ne ba^ irgenbmo, e8 
fei in ober aufecr un8, ber Strc^ctppuä ejiftirt, ber aKe jene ®oH= 
tommenl^citen in ber D^at in fid^ enthält. 3ene '^bd^flen SBotl» 
fommenl^eiten nun , beren 3t’ce mir l^nben , finben mir auf teine 
SBeife in un8. Stlfo fd^tiefeen mir mit SRed^t, baß fm in einem 
anbcrn oon un8 oerfd^iebenen äßefen , nämlid^ in ®olt, finb ober 
mcnigjienb einmal gemcfen fmb, morauS ganj einteud^tenb folgt, 
baß fte e8 nod^ fmb. 

§ 19. 

Das ift für aÖe, bie fic^ gembl^nt ^aben, bie 3bee ®otte8 ju 
betrad^ten unb auf bie barin enthaltenen Solltommenhei= 

ten ju inerten, eine fidhere unb offenbare Sßahrheit. 3Bir tftnnen 
jmar jene SSotltommenheilfn nicht begreifen, benn baä unenbliche 
Sßefen läßt fich oon uno, bie mir enbliih finb, nicht faffen; bennoch 


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173 


fbnnen »oir fte flarer unb beiitlic^er a(b affe forpcrtic^e Sßefen 
einfe^en, weit fle me^r alb biefe unfet Tenten ctfüffen, ein« 
fad^er finb unb burc^ feine ©d^ranfen terbunfelt Werben. 

S 20. 

Sßeil aber nid^t Slffe ftd^ beffen bewußt finb unb weil fie, wie 
bei ber 3bee einer fünftlid^en 9Wafd^ine, gewb^nlid^ nid^t wiffen, 
weiter fte jene 3bee l^aben, unb Wir inne geworben fmb, baß bie 
3bee ®otteg, wie wir biefelbe ßetb gehabt, un8 einmal »on ®ott 
itugefommen fei, fo müffen wir je|t fragen, Wolter wir felbft finb, 
bie wir jene 3bce ber ^bdjften 35offtDmmen!^citcn ®ottc8 in unb 
laben? Xenn c8 ift au8 natürlii|en ®tünben ganj flar, baß ein 
Sffefen, welcßeb etwab SBofffommencreb alb ßd| felbft erfennt, nid|t 
»on fi(| felbft fein fbnne. 6b würbe fid| fonfl alle bie SSoütom« 
men|eiten gegeben |oben, beren 3bee eb in fi(| |at. 6b fann 
mit|in fein Xafein nur »on einem SBefen |aben, bab alle jene 
SoÜtommen|eiten wirflid| in fid| |at, b. |. nur »on ®ott. 

§ 21 . 

9lid|tb fann bie einleud|tenbc Älar|eit biefeb SBeweifeb »er« 
bunfeln, ad|ten wir nur auf bab SQSefen ber »ber ber Dauer 
ber Dinge. Denn eb »er|ält ßd| mit ber f»» baß i|reD|eile 
nid|t »on einanber ab|ängen unb nid)t jugleid| ejiftiren. 3tlfo 
baraub, boß wir finb, folgt nid|t, baß wir aud| in ber näd|fl fol« 
genbcn 3fit fein werben, eb müßte benn jeneb Sßefen, bob unb ju« 
erft |er»orgebrad|t |at, unb immer Wieber »on bleuem |er»orbrin= 
gen, b. |. unb er| alten. Denn wir fe|en wo|l, baß in unb 
feine ^ad|t iß, burd| bie wir unb er|altcn, unb baß jeneb S55e« 
fen, bab mäd|tig genug iß, um unb, bie wir »on i|m »erfd|ieben 
finb, JU er|alten, um fo me|r aud| ßi| felbß er|ält, ober »iel« 
me|r nid|t nBt|ig |at, »on einem Jlnberen er|alten ju Werben, 
baß eb alfo mit einem SOSorte ®ott iß. 


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174 


§ 22 . 

X>iefe 3(rt, baS 2)afcin @ottc8 ju bewcifcu, nämlic^ burc^ bie 
3bce ®ottc8, ^at bcn grofecn SScrjug, ba^ irir äuglctdj, fo ivcit c8 
bic ©(^icac^e uufevcr 9ktur jutäfet, ertcnnen, ma8 für ein S03cfen 
©ett ift. 35enn im .ginbfid auf bie unä eingeborene 3bee ®ot= 
teg fe^en mir, ba& er emig, aümiffcnb, aümädjtig fei, Ouefl aller 
®iite unb Sßa’^rl^eit, «flfr ®ingf/ mit fincm S03orte, bafe 

er ®tma8 in fic^ entölte, morin mir irgenb eine unenblid^e ober 
burd^ leinerlei Unootltommenl^eit befd^ränlte SSoKfommenl^eit beut» 
lic^ erblicten Tonnen. 

§ 23. 

Xenn e8 gicbt Wanc^erlei, morin jmar einige Sßotlfommenfjeit 
fid) ertcnnen Ififit, aber auc^ einige Unooütommen’^cit unb ®e= 
fdjränfung. Slatürlid) tonnen folc^c SScfc^affen’^eiten nic^t auf 
®ott paffen, ©o fc^lie&t j. S. bic fbrpcrlic^c Statur mit ber 
räumlicfien 2(u8be^nung bie Sl^eilbarteit in ftd^. 3;^cilbar fein 
ift eine Unootltommenfyeit. 3llfo ift gemi^, ba^ ®ott fein Sörper 
ift. gmpfinben ift frcilid^ eine gemiffe SSoIlfommenl^eit in un8, 
ober in jeber ©mpfinbung ift ein Seiben, (eiben aber l^eip bon 
irgenb einem Sßefen abhängig fein, alfo muffen mir bafürl^alten, 
baff ®ott auf (eineSßcifc empfinbe, fonbern nurbcnle 
unb mollc, aber auc^ nid^t bente unb rnoHe, mie mir, burd^ 
eine Stei’^e unterfd^icbener SEl^ätigteitcn , fonbern fo, ba^ er burd^ 
einen einzigen, ftetS fid^ felbft glcid^en, abfolut einfad^cn Slct Sllle8 
nugteid^ bentt, miß, bemirlt. 3c^ foge 9llle8, b. alle 
äßefen, beim er miß nic^t ba8 Söfe, meil ba8 93öfe tein 3S5e» 
fen ift. 

§ 24. 

ffleil nun ®ott »on Slßem, ma8 iß ober fein fann, aßein bie 
malere Urfad^e au8mad^t, fo iß tlar, baß mir bic beße SJtetl>obc 
}u pl^ilofop’^iren befolgen merben , menn mir au8 bet ©rtenntniß 


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175 


©otteä fdbfl bie »on iJ>m gcfc^affcncn SBefcn barjut^un unb ab= 
lulciten flicken, um auf bicfe Steife bic tottfommenfte Söiffenfi^aft 
ju erreichen, nämli(^ bie (Srfcnntniji bcr 3L<irhingcn burc^ bie Ur= 
fa^cn. Um bicfc Sfufgabc r><^cr unb pfjuc ©efal^r bcä Orrtl^umä 
an?ugrdfcn, muffen mir uorfidbtig unb mit alter Sorgfalt forco^t 
ber Unenbtic^teit ®otte8 atä unferer eigenen Gnblic^fcit einge= 
bent fein. 

§ 25. 

SSJenn un8 alfo @ott oen feinem eigenen SBefen ober oon 
anberen Xiingen C^tma8 offenbart, bab unfere natürlid^en ®eifte8* 
träfte iiberfteigt, mie ba finb bie föh^fterien ber ^enfe^merbung 
unb 2?reieinigteit, fo loevten mir unb nid)t meigern, ?u glauben, 
fo menig mir biefe Xinge tlar erteuiien. Unb iiberljaupt mirb e8 
unb nic^t befremben, baff fomol}t in feinem eigenen uuermefetii^eu 
SSJefen alb in ben oon i^m gefdiaffenen Xingen SlÜeleb über unfere 
ffaffungbtraft l)inau8get;t. 

§ 26. 

ffiir motlen unb bal;er nidjt mit Unterfuc^ungen über bo8 
Unenblidfe ermüben. Xa mir enblic^e SSJefen finb, fo mürbe eb 
ungereimt fein, motlten mir in Sßetreff beb Uneublidjen etmab 3Je= 
flimmteb aiiefogen unb fomit baffelbe ju begrenzen unb ju begreif 
fen fuc^en. Xatum merben mir unb auc^ nic^t mit jenen Sragen 
beunruhigen : ob bei einer gegebenen unenblithen £inie beren mitt= 
lerer Xheil aud) unenblieh fei, ober ob eine unenblich grofee 
gleich ober ungleich fei, unb mab bergleichen mehr ifl? fOtit fol» 
chen Xingen plagen fich nur Seute, bie ihren Oeift für unenblidh 
halten. SBir bagegen merben alle jene Xinge, bei benen fuh in 
ber ^Betrachtung fein ®nbe auffinben Idfet, nicht alb unenbli^e, 
fonbern alb enblofe anfehen. So fönnen mir unb feine 9lu8= 
behnung fo grofe »orfletlen, ba^ nicht noch eine größere ftch benfen 
lie^e. Xarum merben mir erflären, bie Öfrbfec bcr benfbaren 


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176 


35inge fei cnHo?. Uiib li'eit fein S6rper in fo tiefe l^eifc ge» 
f^eift n?erben tann, baß bie einjefnen Streife nid^t hjieber t^eitbar 
erfc^einen, fo Joerben toir bafür^ften, bafe bie Quantität in8 (Snb- 
fofc t^eifbar fei. Unb »teil bie ber ©terne fid^ nie fo grofe 
torfteffen läfet, baß nid^t bentbarer SBeife nod^ me^r »on ®ott 
tonnten gefd^affen Werben, fo werben wir anne^mcn, bafe auc^ bie 
^af)I ber ©terne enbfoS fei. Unb fo in ben anberen fällen. 

§ 27. 

3ßir fagen in biefen Söffen ficber enbfog of8 unenbfid^, 
einmaf, um ben Stamen „uncnbfit^" ®ott affein oorjube^aften, 
weif wir in i^m affein in feber ®ejie^ng nid^t bfoä feine ®renjen 
finbcn, fonbern au^ (jofitio ertennen, bafe feine ba ftnb; bann, 
weif wir bei anberen Gingen ni^t ebenfo (jofttio ertennen, ba^ fte 
in irgenb einer SBejie^ung feine ®renjcn l^aben, fonbern nur ne» 
gatib betennen, bafe Wir bie ©renjen, wefd^e pe ^aben, nid^t im 
©tanbe pnb ju Pnben. 

§ 28. 

©0 werben wir aud^ in ^Betreff ber natürfid^en 2)inge nie» 
mafg bie ©rünbe bon ber Sfbfid^t '^erne'^men, bie ©ott ober bie 
iJlatur p(^ bei ber ©ntpel^ung jener 5)inge gefegt l^at. Denn wir 
bürfen unä ni(^t anmafeen, unb für Dl^eifnel^mer an feinen ^fänen 
}u l^aften. ©onbern wir werben i!^n fefbp afb bie bewirtenbe 
Urfad^e offer Dinge betrad^ten unb nun jufel^en, wab nadb ber 
natürfid^en ©inpd^t, bie er unb gegeben, aub feinen ©igenfd^aften, 
bon benen er unb einige Senntnip l^at mit%ifen Woflen , in ®e= 
jie'^ung auf feine SEBirfungen fofgt, bie unfern ©innen erfd^einen. 
Dabei bfeiben wir, wie gefagt, eingebenf, bap bie natürfid^e SSer» 
nunft nur fo fange ©fauben oerbient, afb ©ott nic^tb i^r ©nt» 
gegengefe^teb offenbart *). 

*) oben SSievte Sctvnebtimg, ©eite 112 ii 113. Sfumetfimg. 


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177 


§ 29 . 

T>ie elfte (^igenfc^aft (^U'ttcss, bie ^iet in 5?etrac^tung fcmmt, 
bcfte|t batin, bafe er abfohit »al^r^aft ift uiib ®cfcer aüeS 
Cic^tä. Xarum ift e8 ungereimt, bafe er un8 täuft^en ober im 
eigentlichen unb iJofitioen Sinn bie Urfache ber 3rrthümer fein 
foüe, benen mir, mie bie (Erfahrung jeigt, untermorfen finb. 3;äu= 
f^en fbnnen mag bei unä ffltenfchen etma atä ein 
®eift gelten; tauften m ollen ift ftetä bie unjmeifelhafte Solge 
»on ®o8heit, öurdht ober ©ihmiiche unb fann barum nie »on 
@ott gelten. 

§ 30 . 

.gieraug folgt, bafe bag Siebt ber 9?atur ober bag ung oon 
(ilott »erliehene (Srfenntni6t>ermbgen fein Object je erfaffen fbnne, 
bag nicht mahr ift , fofern eg oon bem Sicht ber förfenntnife be- 
leuchtet, b. h- fofern eg tlar unb bcutlich begriffen mirb. . Oenn 
(^ott mürbe mit IKecht ein Sügengeift h^'B^'Hi ff u"® f'*f 
ein 3?ermbgen gegeben hätte, bag oon 6kunb niig oerfehrt ift unb 
ben 3rrthum für Sahrheit nimmt. So ift jener gemaltige ijmeifel 
gehoben, ber baher fam, ba^ mir nid)t mufeten, ob mir nid)t oon 
SRatur fo befchaffen mären , baff mir ung nmh in ben fcheinbar 
flarften gingen täufchten. 3ci auch bie nnberen oben ermähnten 
iJmeifelggrünbe merben fich oon hier aug leicht heben laffen. ®enn 
bie mathematifchen SBahrheiten bürfen ung nicht meiter oerbod)tig 
fein, meil fie ooUfommen burchrieh^'B f'nb. Unb menn mir barauf 
merfen , mag in ben Sinnen, mag im SBachen ober im Oraum 
flar unb beutlidh ift, «nb eg oon bem Unflaren unb Ounfeln unter= 
fdheiben, fo merben mir leicht in jeber Sad^e ertennen, mag barin 
alg mahr gelten barf. 3ch braud)e hier ni^t meitläufig }u fein, 
ba ich biefe Oinge fchon in ben metaphvr>fehf" ®etrachtuugcn be= 
hanbelt he>be unb ihre genauere (Erörterung oon bem ®erftanbnife 
beg Solgenben abhängt. 

12 


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178 


§ 31. 

Obgtcid^ un8 ®ott nic^t taufest, fo fommt c8 boc^ puftg, 
bfl^ b-'ir irven. Um nun Utfprung unb Urfa^c unferer 3rrtpmcr 
ju etforfc^en unb ju lernen, mie man |lc^ banor i^ütet, mufe man 
mol^l beachten, ba& bie Orrtpmer nid^t fomo^l bom Serftanbe als 
bom SBillen afc^angen unb nid^tS KealeS finb, }u beffen ^erbpt= 
bringung bie t^atfcic^lic^e TOitmirlung ®otteS etfovbcrlic^ ift, fen= 
bern ba^ fie in SUidtfic^t au( ®i'U nur 91egationen *), in SÄudtfic^t 
auf uns iWongel fmb. 


§ 32. 

31(ie XenfttJeifen nämlii^, bie mir in unS finben , laffen fid^ 
auf jU'ci 9lrten jurücffül^ren ; bie eine ift iUnflcUung ober Dent= 
U;iitigfeit , bic anbere ©trebung ober 3BitlcnStl)ätigfeit. Jenn 
©inpfinben, ginbilben, reines DenTen fmb bcrfc()iebenc SBeifen beS 
ajorftcliens ; mie a?egel;ren , SSerabfcljeuen , ®cja^cn , Slerneincn, 
Smeifeln i'erfdi)icbcne Sßeifen bcS SEBollenS. 


§ 33. 

3Bcnn mir nun gtmaS borftcllcn , o'^ne uns baju irgenb 
mie befafienb ober bcvneinenb ju »erhalten, fo ift llar, bafe mir 
uns nid)t täufc^en. 6S ift ebenfo llar, bafe mir unS nid^t taufdjen, 
menn mir nur baS, maS mir llar unb bcutlid^ borftellen, als )jüfi= 
tio ober negati» befallen ober oerncinen, fonbern nur bann, menn 
mir gtmaS, mie cS moljl gef^ie'^t, nid^t richtig oorjlellen unb ben= 
noc^ barüber urt^eilen. 


•) „®. b- St'uaä, bas iiid)t ooii @ott ift, ba« imS @ott iii^t gegeben 
bat." fenii}örifd)c Ucbevfetjmig uoii 'fMeot Oeuvres de Des cartes publ. 
p. Vict. Cousin T. 111. p. 83. 


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179 


§ 34. 

3um Urt^eUen gel^&it jmar bcr Serftant, rt?ei( wir über ßtwab, 
ba6 wir auf feine SBeife t>Dr|1cIfen, auc^ in feiner SBeife ur%i(en 
fcnnen, aber eb gehört baju and) ber SB i f t e , um ba8 SScrgeftettte 
ju bejahen. 68 ge'^ört aber ni(^t baju , wenigftenS nid^t jum 
Urf^eifen über’^aubt, bie bcDitänbige unb bur^gfingige Sorftetiung 
eines I^ingeS, benn wir fcnnen Sßietem beiftimmen, baS wir nur 
fe^r bunfel unb unffar erfennen. 

§ 35. 

Unb jwar erftredt fic^ bie SBerflanbeSerfenntni^ nur auf ein 
fleineS, i^r offenes @ebiet unb ift in nflen Säüen fe^r bcgrenjt. 
Xagegen fann ber SBitle in gewiffem ©inne unenblid) genannt 
Werben, benn eS giebt, fo cief wir fe^en, fein Cbject irgenb eines 
anberen, fogar beS uncrmefelidjen gcttlicl^en SffiitlenS, worauf nid)t 
auc^ unfer SBifle fic^ erftreden fann. ©o ISfet ftd) ber SBille feiert 
über baS ®ebiet ber Haren ßinfic^t l^inauS (inS Unflare) ouS= 
be^nen, unb fobatb bieS gefc^ie^t, i|l eS nidjt mef)r ju oerWunbern, 
wenn wir irren. 

§ 36. 

T)od^ in feinem Satfe barf man meinen, ®ott fei ber Urheber 
unferer 3rrtpmer, weil er uns einen ni^t ollwiffcnben SSerftanb 
gegeben ^abe. Xenn eS liegt in ber fRatur beS creatürlid^en 35er= 
ftanbeS, bafe er cnbtic^, unb in ber fUatur bcS enblic^en SßerftanbeS, 
bafe er fic^ ni^t auf SllleS erftredt. 

§ 37. 

®a^ aber ber SBiCIc ben weiteften ©pielraum ^at, ift feinem 
SBefen gemäfe, unb eS ift bie ’^bc^jlc BoHfommen^cit beS föfenfe^en, 
bafi er burd^ ben SBiüen b. frei ^anbelt unb fomit auf eigene 
Sfrt Urheber feiner ,§anblungen ift unb um ihretwillen Slob ber» 
bient, ®enn ^lutcmaten tobt man nicht, weil fte alle ^Bewegungen, 

12 * 


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180 


ju benen fie eingerichtet finb , genau boQjiehen , benn fie machen 
biefe Semegungen nothicenbig fo unb nicht anberä; mon lobt ben 
Sünfller, ber bie Slutomaten fo genau gemacht hot» Siinft= 

1er hat biefelben nic^t noth»enbig, fonbern frei in8 SBert gerid^tet. 
Unb fo bürfen mir un8, bafe wir bie SBahrhcit ergreifen, wenn 
wir fie nämlich ergreifen, fürwahr mehr jurechnen. Weil biefe ®r= 
fenntnife eine 3ßillen8thot ifl, al8 wenn fie ein 21ct ber 9Joth= 
Wenbigfeit wäre. 

§ 38 . 

Daß wir aber in 3rrthümer oerfallen, ift Wohl ein ?ö?angel 
in unferem .ganbeln ober im Ocbrauch ber Sreih^'h ober nicht in 
unfcrem SBefen,' benn biefeg Sefen bleibt ftch gleich» eiiht'9 

ober unrichtig urtheilen. Sluch Wenn ®ott unferem SSerftanbe einen 
fo burchbrlngenben S?licf hätte geben fönnen , ba|| Wir niemals 
irrten, fo h<it>en Wir hoch lein SHecht, bieg oon @ott ju forbern. 
SBenn unter 9Kenfchen 6iner bie SKadht h“l» ein Uebel ju »erhin= 
bern, unb eg nidht thut, fo fagen wir, er fei bie Urfadhe jeneg 
Uebelg. 31ber fo bürfen Wir nicht oon ®ott meinen, baß er beß= 
halb bie Urfache unfercr Srrthümer fei , weil er eg hätte machen 
tonnen , baß wir niemals irren. ®enn bie 9Radht » welche bie 
3Henfchen im SSerhältniß ju einanber h^üen, ift barauf angewiefen, 
baß man ße braucht, um ßch gegenfeitig oor Uebeln ju bewahren. 
Dagegen bie Stacht ®otteS gegen alle übrige äßefen ift eoll= 
lommen unbebingt unb frei. Darum ftnb wir ihm für baS ®ute, 
bas er unS gefchenft, jwar allen Danf fchulbig, aber h“^en tein 
Stecht, barüber ju tlagen , baß er unS nicht 5ttleg gefchenlt h^üe, 
was er nach unferer Slnßcht uns hätte fchenten tonnen. 

§ 39 . 

Daß aber unfer Sßitte frei unb Wir im ©tanbe ftnb, oielen 
Dingen nach ^Belieben beijuftimmen ober nidht beijußimmen, iß 


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181 


fo offenbar, bafe nsfr biefe 6infi(^t unter bie erften unb atfgcmeinften 
un8 ongeborenen begriffe rechnen müffen. 3fuc^ l^at ftd^ biefe 
55reil^cit fc^on furj oor'^er gejeigt , al8 wir in unfercm geftiffcnt* 
lid^en SbJeifet an StDem big ju ber Slnna^me gingen, ein attmä(i^= 
tiger Url^cber unferer ßntftcl^ung fud^e un8 auf alle erbenfbarc 
SQBeife ju täufd^en; ba erfu!^ren n>ir bod^ in unb jene gtci^eit, 
traft beren wir un8 entölten tonnen, bag nic^t ganj Sichere unb 
3luggemad)te ju glauben. Unb 9ti(^tg in ber SBelt tann unmittel’= 
bar gewiffer unb beuttic^er fein, alg wag in jenem Stugenblidt beg 
^Weifelg jweifeüog fd^ien. 


§ 40. 

Slber wir ^abcn bei ber Slnertennung beg göttlid^en 3)afeing 
jugleic^ begriffen, bie iölad^t Ootteg fei fo unerme6li^„bafe wir 
nic^t meinen bürfen, wir oermbd^ten ßtwag ju t^un, bag nic^t 
bor^er bon ®ott fo geordnet war, Unb fo tbnnen wir ung lei^t 
in grofee ©d^Wierigteiten berwidfeln , Wenn wir biefe gbttlid^e 
SBor^erbeflimmung mit unferer SBillengfreil^eit ju ber» 
einigen unb beide jufammen ju begreifen fuc^en. 

S 41, 

Doc^ werben Wir unb bon biefen ©d^Wierigteiten befreien, 
wenn wir bebenten, bafe unfer ®eifl endlich, ®otteg 9)iac|t aber, 
träft beten er alleg SBirtlic^e unb SOtbglid^e nid^t blog bon 6wig» 
teit borl^er gewußt, fonbern aud^ gewollt unb borl^erbeftimmt l^at, 
unenblid^ fei ; ba& Wir mithin biefe iBlac^t jwar foweit erfaffen, 
bafe wir tlar unb beutlic^ ertennen, fie fei in ®ott, aber nid^t fo» 
Weit begreifen, um einjufe^en. Wie fte bie freien J^anblungen ber 
äJlenfc^en unbejUmmt liifet. Slber ber ^tei^eit unb SBillfür in ung 
Pnb wir ung fo fel^r bewupt, bap wir 9lic^tg einleuc^enber unb 
boUtommener begreifen. ®g würbe ja ungereimt fein, wollten wir» 
weil wir 6in.eg nid^t begreifen, bag ung nad^ unferer 9latur offen» 


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tar unfcegTeifli(i^ fein mu^, befe^Ib an einem Slnberen jloeifeTn, 
ba3 mir innerlid^ft begreifen unb in un8 fefbft erfai^ren. 

§ 42. 

3Benn aber, mie mir begriffen ^aben, nnferc 3rrt^ümer alle 
tfom SBiüen ab^ängcn, fo fann eä befremblid^ fc^einen, bafe mir 
jemals irren, rneii boc^ 9Jiemanb irren mill. Slber ein SlnbereS ift 
irren motlen, ein StnbereS, folc^en SSorfteHungcn beiftimmen moHen, 
in bcnen fic^ 3rrt^um fmbet. Unb menn aud^ in SßJa^r^eit kleiner 
ouSbrüdiic^ irren miü, fc ift boc^ faum ßiner, ber nid^t oft fol- 
c^en SSorfteflungen beiftimmen miü, in benen mibcr fein S03ijfen 
3rrtt;um enthalten ift. 3a fogar bie ®egierbc nac^ SBal^rl^eit er= 
jeugt fe^r l^äufig ben 3rrt|um, meit bie fieutc o^ne rec^t ju miffen, 
mie maa bie S3Jaf)r^eit ju fud^en ^abe, über X'inge urt^eiten, 
bie fie nic^t erfennen. 


§ 43. 

©emife merben mir aber niemals 3trt]^um für SBal^rl^eit 
gelten lajfen, menn mir nur folc^en Xingen beiftimmen, bie mir 
flar unb beutlic^ ertennen. 3d^ foge gemi|, meil baS ®rlennt= 
nigoermögen, baS unS ber mal^r^aftige ®ott gegeben l^at, fid^ nic^t 
auf ben 3rrt^um l^inrid^ten lann, unb ebenfomenig baS 35erm'6gen 
ber tgeiftimmung, menn eS fid^ bloS auf baS erftrectt, maS mir 
beutlidj ertennen. Unb felbft menn bieS burc^ feinen ®runb be= 
miefen mürbe, fo ift eS bO(^ allen ®emütl^ern »on 9?atur fo ein- 
ge})rägt, bafe mir unmilltürlic^ ben SSorfteüungen beiftimmen, bie 
mir flar ertennen, unb auf feine SBeife an il^rer SOSal^rlcit jmeifeln. 


§ 44. 

ebenfo ift eS gemi^, bafe, menn mir irgenb einem ®runbe, 
ben mir nic^t ertennen, beiftimmen, mir entmeber irren ober nur 
burc^ Zufall bie SCBal^rl^eit treffen, unb fomit nicljt miffen, bofe 


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iDtv rec^t ^bcn. 3nbcf[en gefc^ie'^t ei tu ber fetten , bn^ 
tuir ben Cbjecten mit bein Semu^tfein ber iWic^tcrfenntni^ bei-- 
Itimmen, tenn bie natürtic^e ®ermiuft Ijei^t unS nur über erfannte 
Dinge urt^eiten. Darin aber irren mir am ^aufigften, bafe mir 
in »icten Dingen meinen, mir Ratten fic tängft er» 
fannt, fiebern ©ebäd)tni& iibertaffen unb nun be» 
ia^en, alb ob fic i'ottfommen crtannt maren, ma^rcnb 
mir fie in SUaljr^cit boc^ niematb er tan nt tja ben. 

§ 45. 

3a fe^r »iete Wcnfb^en begreifen in itjrem ganjen Seben 
5Ji(^tb fo ridjtig, um fidjer barüber ju iirt^eilen. Denn ju einer 
Sinfic^t, auf bie ein fidjereb unb unbebenttidjeb Urf^eil fid) grün» 
ben tann, gehört nic^t btob, bafe [le ttar, fonbcrn audj, bn| fie 
beuttic^ ift. Star nenne ic^ bie aScrftellung, metc^c bem anfmert» 
famen ©eifl gegenmürtig unb offen ijl, fo mie mir fagcn, mir 
fe^cn ttar, menn baS Cbject bem anfdjaucnbcn Stuge gegenmärtig 
unb ber ©cfic^teeinbrud ftart unb beflimmt genug ift. Deutlich 
aber nenne ic^ bie i^orftettung, metdje ttar unb jugteie^ »on attem 
Stnberen fo gefc^iebcn unb abgefc^nittcn ift, baß fie nur Sttarcg in 
fu^ cnttjütt. 


§ 4(). 

SBenn j. ®. 3emanb irgenb einen heftigen © ^ m e r j em» 
tjfinbct, fo ift biefe ißorftettung beb ©c^merjea in i^m jmar ganj 
ttar, aber nidjt immer bcutlic^ , benn gcmo^ntid) oermirrcn bie 
5Kenf(^en jene SSorftetlung mit i^rem bunfeln Urt^eite oon bem 
Dbject, bab i^rer ^Meinung nadj an ber fc^mcrj^aften ©tette ber 
ßmpfinbung beb ©ci^mcrjeb, ben fie attcin ttar oorftctten, ätjnlic^ 
ift. Unb fo tann eine SSorftettung ttar fein, bie nidjt bcuttid) ift, 
aber teinc äJorftettuug beutiic^, o^ne jugteidj ttar ju fein. 


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184 


V 


§ 47 . 

5?un ift in bet Jlinbljcit ber ©cift fo fe^r in ben Sbri^er 
»erfentt, bafe er jtoar ®ianc^erlei flat, boc^ nie etwas beuttic^ 
»orflefietlt l^at, mib ba er in jener 3cit bennoii^ über SSieteä ge= 
urt^eilt, fo ftainmen bon f)ier bie bieten ajorurt^eite, wet^e bie 
ineiflen töienfc&en auc^ f^atcr nie abtegen. Um uns bon biefen 
aSorurt^eilen loSmac^en ju tonnen, wiü ic^ t)ier inSgefammt atte 
bie einfachen 9?egriffe aufjat;ten , auS benen unfere ©ebanfen be- 
fleißen, unb i(ß Witt unterfcßeiben, was in einem jeben biefer i8e= 
griffe Ttar unb was buntet ober fo befcßaffen ift, ba^ wir barin 
irren fbnnen. 


§ 48 . 

SBaS aucß nur unter unfere SSorjlettung fättt, betradßten 
wir entWeber atS Dinge ober ®ef(ßaffenßeiten ber Dinge ober 
atS ewige Sßaßrßeiten , bie feine ©jiftenj außer unferem Deuten 
ßaben. 

SBon ben ^Begriffen , bie fuß auf Dinge bejießen , finb bie 
attgemeinjlen ©ubftanj, Dauer, Drbnung, unb anbere ber 
3trt, bie fuß auf atte ©attungen ber Dinge erfUeden. Do(ß er» 
tennc i(ß ni(ßt meßr atS jwei oberjle ©attungen ber Dinge: bie 
eine ber intetlectuetten Dinge ober ©ebantenwefen b. ß. ?ttfeS, 
was jum ©ei ft ober jur benfcnben ©ubjtanj geß'ört, bie anbere 
ber materietten Dinge ober StIteS, was jut auSgebeßnten ©ub= 
flanj b. ß. jum S&rper geßBrt. 

ajorftettung , aBitie unb atte 3trten fowoßt beS SSorjtettenS 
atS beS aBottenS geßbren jur bentenben ©ubjtanj; jur auSgebeßn» 
ten bagegen ©rBße ober bie atuSbeßnung fetbft in Sänge, ißreite 
unb Diefe, gigur, ^Bewegung, au(ß Sage unb Dßeitbarteit ber 
Dßeite unb atnbereS bergteicßen. 


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aber »k erfahren in un8 nod^ mand^eS anbere, baä fid^ toeber 
bIo8 auf bcn @eijl ned^ bfo8 auf ben Sbrpcr bejiel^en läfet, unb 
ba8, »ie unten an feinem Ort gcjcigt mcrben mirb, »cm bcr engen 
unb innigen Bereinigung be8 ®eifte8 mit bem S6rt>er ^errü^rt, 
namiii^ bie 2;riebe bc8 ^ungcr8, be8 ®urftc8 u. f. f. Unb 
ebenfo bie ®emüt|8bemegungcn ober Scibcnfc^aften, bie nii^t 
bio8 im Renten bcjlcljen , l»ie bie Bemegung juin ,3»rn , J»r 
jQciterfeit, SErauer, üiebe u. f. f. Unb tule^t alle ©mpfinbungcn 
j. ©c^merj, ft'ifeel, fiic^t, Jarbe, Seme, @eiuc^, ©efd^maef, 
BJärme, .gärte unb bie anberen fül^tbaren Scfc^affen^eiten. 

§ 49. 

X)iefe8 aüe8 betrachten mir gleidhfam atS 2>inge ober al8 
53efchaffenheiten ober ?Dlobi ber 2)inge. SBenn mir aber aner« 
(ennen, bafe unmöglich au8 9ticht8 6tma8 merben fönne, fo mirb 
bieferSa^: „au8 9ticht8 mirb 9tidht8" nicht a(8 ein cjijUren- 
be8 Xing, auch nidht al8 '3J?obu8 eines XingeS angefehen, fonbern 
als eine emige Btahrheit, bie unferem ®ei(te inmohnt unb 
©emeinbegriff ober ajiom hf'fel* biefer art finb bie ©ähe: 
„unmöglich fann baffelbe jugleid) fein unb ni^t fein", „maB ge= 
flehen ift, fann nicht ungefchehen gemacht merben", „ber Xenfenbe 
muf, mährenb er bentt, ejiftiren", unb unjählige anbere, bie 
nicht leicht alle aufsujählen finb, bodh nothmenbig gemußt merben, 
fobalb bcr anlafe fommt, ihrer ju gebenlen, unb mir burdh feine 
Borurtheile »erblenbet merben. 

S 50. 

S5Ba8 nun biefe ©emeinbegriffe anlangt, fo ift fein ^Wfifel, 
bafe fie tlar unb beutlich ju ertennen fmb, benn fonft mürben fie 
nicht ©emeinbegriffe heiffen. Sßic benn aud) einige bavunter nicht 
gleichmäßig bei allen Jenen Flamen oerbienen, meil fie nicht gleich» 
mäßig »on allen erfannt merben. Glicht beßhalb, glaube ich, meil 


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ba8 ßtfenntnifeöcrm'ogcn bei bem ©inen weiter reid)t al8 bei tem 
Slnbern, fonbern Weil jene ©runbbegrijfe ben üorgefa^ten SWeinungen 
gewifjer Scute wiberftreiten , bie fie be|’^alb nic^t lei^t faffen f&n* 
nen, and) wenn manche Slnbcrc, bie jene a5orurtl)eile nid)t ^aben, 
biefe SBa'^r^eiten auf bab itlavfte einfcl^en. 

§ 51. 

SßaS aber jene Dbjecte betrifft, bie wir alä Dinge ober 
beren ffllobi anfel)en, fo ift eä ber 3)?ül)e wert^, fie einzeln jebe8 
für fic^ ju betrauten. 

Unter ©ubflanj fonnen wir nur ein Süiefen oerflet)en, wel- 
d^e8 fo ejiflirt, bafe e3 ju feiner ßjiftenj teine8 anberen SBefen8 
bebarf. Unb jwar tann unter ber ©ubftanj, bie in feiner SBeife 
eines anberen SOBefenS bebarf, nur eine einjige oerflanben 
Werben, nämlic^ ®ott. Sitte anbere bagegen fonnen begreiflid^er= 
Weife nur unter bet ?Dfitwirtung ©otteS ejiftiren. Unb fo pafet ber 
9fame ©nbftanj ni(i^t „univoce“, wie ftd^ bie ©c^ule auSbriieft, 
auf ®ott unb jene anbere SBefen, b. 1^. eS giebt feine S3ebeutung 
beS SBorteS ©ubflanj, bie »on @ott unb ben ßreaturen gemein» 
fc^aftlic^ gelten tbnnte*^. 


*) Sfr obige SJorngropb ijl für bie gortbilbnng ber Sebve Sescartes’ 
bebeiitfam. 5lu8 bem Segriff bet ©ubpaii} luitb bie ginbeit bcvfclben ab» 
geleitet. iUlit biefer giufubt gebt Sc8cartc8 gfrabeit S£ßegc8 auf (Sviiioja 
JU. 2lu8 bev giubeit ber ©ubftanj folgt, baß bie Dielen Singen nirt)t cigent« 
li(b fubjlantiell , atfo nicht felbftftäntig, fonbern in ibrem Safein oon ber 
SKitiuivfung ®otte8 obböngig fmb. Siefe Srtläning eröffnet fd)on ben 
DccafionaIi8ntu8. 88 loivb alfo gefolgert \Dcvbcn imlffen , baß bas 
menfd)Iicbc Seben nur mögticb fei unter ber 3)?ittoirtnng ®ottc8 (®culiny), 
unb eben baffelbc ninß Dom mcnfcblidjen @rfennen gelten (IDlalcbrancbe). 

Ser Ueberf. 


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§ 52. 

Dagegen laffen fic^ feie tbrpeilic^e ©ubjlaiij unb ber gefd)af- 
fene ®ci|'t ober bie bcnfenbe ©ubftanj unter biefen geincinfc^aft» 
licken Segriff fajfen, ba| fie SBefen finb, bie ju i^rer ®ji= 
ftenj btob ®ottc8 9Kitioirtung bebürfen. 

Snbeffen Iä|t fid^ au8 ber bloßen ßjiftenj bie «Subftanj ju= 
näc^l't nic^t loa^rne'^men , benn bie bloße ßjiftenj an fic^ ma(|t 
fi(^ un8 nid^t toa^rnc^mbar, fonbcrn toir anertennen bie ©ubftanj 
leidet au8 einem b^rer SIttribute jenem ©a^e gemäß: baß 
Stttribute ober ßigenfc^afien ober ißefd^affcnl^eitcn unmbgtid^ gteid^ 
5ßi(^tg ftnb. Daraub nämlic^ , baß wir ertennen , eb fei irgcnb 
ein ätttribut oorfianben , [erließen mir leidjt , baß auc^ ein ejifli» 
renbeb SßJefen ober eine ©ubftanj , ber jeneb' Slttribut jufomme, 
bafein müße. 


§ 53. 

Unb }»ar mirb aub jebem beliebigen 9ltiribute bie ©ubßanj 
erfonnt. Dod^ giebt eb bei jeber ©ubfianj eine fiauptfad^lid^c 
©igenf^aft, bie beren 9Jatur unb SäJefen aubmac^t, unb auf bie 
ftc^ alle übrigen jurüeffü^ren laßen, ©o mad^t bie 8tubbe^ = 
nung in Sänge, ®reite unb Diefe bab SEefen ber t&rperlid^en 
©ubßanj aub, unb bab Den len bab ber benfenben. Denn SKlleb, 
mab fonß nod^ bem Sorper jugefc^rieben ioerben tann , fe|t bie 
Stubbel^nung ooraub unb iß nur eine Slrt unb SEBcife ber S(ub= 
be'^nung, unb ebenfo finb üKe Sßorgänge in unferm ®eiß nur oer= 
fd^iebenc SBeifen beb Denfcnb. ©o läßt ßd^ j. 93. Sipr nur in 
einem aubgcbel^nten SlSefen, Setoegung nur im Kaum, Sinbilbung, 
gmpßnbung, Sßitte nur in einem benfenben S3efen begreifen. Da= 
gegen läßt ßd^ bie Stubbe^nung ol^ne gigur unb Ißemegung, bab 
Denfen o^ne ©inbilbung ober ßmpfinbung begreifen , unb fo in 
anberen Sätfen, wie eb 3ebem bei einiger Ueberlegung einleud^tet. 


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§ 54. 

©0 f&nnen Wir leidet jwei ftare unb beutlid^e 93e= 
griffe ober 3bcen l^aben: bie einer gefc^affenen ©ubftanj, weld^e 
benti, unb bie einer fbrpertic^en ©ubftanj, Wenn wir nämlic^ aKe 
Stttribute be8 DenfenS genau non ben Sittributen ber StuSbe^nung 
unterfdbeiben. SBie wir benn au<^ eine tiarc unb beutlid^e 3bee ^ben 
tbnnen oon einer ungefc^affenen unb unabhängigen ©ubftanj, 
Welche benft, b. i. »on ®ott, wenn wir nur nicht babei boraub« 
fe|en, ba^ biefe 3bee SHleb, bab in ®ott ift, ooÜtommen au8’ 
brücten fotle, unb wir auch felbft in biefer 3bee nichts witftürtich 
annehmen, fonbern nur barauf adhten, wa8 fle in SBahrheit in 
fidh enthält, unb wab, wie wir flar erfennen, jur ülatur beb boK' 
lommenjten S03efenb gehbrt. 

§ 55. 

Dauer, Orbnung, 3ah^ werben bon unb ganj beutlich er* 
fannt werben , wenn wir ihnen feinen ©ubjlanjbegriff anbichten, 
fonbern bafür holten: bie Dauer irgenb eineb Dingeb fei blob 
ein ÜJfobub, unter Welchem Wir bab Ding begreifen, fofern eb ju 
fein beharrt, unb ebenfo feien Orbnung unb 3 «hl 
ben georbneten unb gejählten Dingen Serfchiebeneb, fonbern blob 
9Kobi, unter benen wir jene Dinge betradhten. 

§ 56. 

Unb jwar begreifen Wir hier unter fflfobi ganj baffelbe alb 
fonji unter Slttributen ober Sefchaffenheiten. 

förwägen wir, bafe fie bie ©ubftanj afficiren unb beränbern, 
fo nennen wir fie iDfobi; erwägen wir, ba^ bie oeränberliche 
©ubftanj alb eine fo ober anberb befchaffene bejeichnet werben 
fann, fo nennen Wir jene Söfobi SSefchaffenheiten (Ouali* 
täten); fehen wir enblich im SlHgemeinen, ba^ nur folche Sefchaf* 
fenheiten ber ©ubftanj inwohuen, fo nennen wir Pe Slttribute. 


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189 


Darum fagen wir, ba^ e8 in ®ctt ni^t eigentlich ^obi 
ober ißef^affenheiten , fonbern nur Slttribute giebt, bcnn e8 
lö^t (ich in- ®ott leine Scränberung benlen. Unb ebenfo mufe in 
ben gefchaffenen Dingen bab, »ab barin immer gleich bleibt, 
»ie in einem esijlirenben unb bauernben Dinge bie @siftenj 
unb Dauer, nicht 53efcha|fenheit ober üBobub, fonbern 3lttribut 
heißen*). 

§ 57. 

Die ßinen ftnb in ben Dingen felbft , beren Slttribute ober 
’Wobi fte hfißftt/ i’» Slnberen nur in unferem Denfen. <So ijt bie 
3eit, »enn »ir fie oon bcr Dauer im SlDgemeinen genommen 
unterfcheiben unb fagen, fte fei bie 3«hl ^Bewegung, blob 
ein 9)?obub beb Dentenb. Denn bie Dauer ber Dinge ift offen* 
bar in bcr 93e»egung biefelbe alb in ber IRuhe, »ie baraub 
erhellt, baß, »enn ftch J»ci Sbv))cr eine ©tunbe lang be»egen, 
ber eine langfam , ber anbere fdhnell , »ir bei bem einen ebenfo 
oicl 3eit alb bei bem anberen, obgleich bei bem leßteren »eit mehr 
33e»egung jählen. Um aber bie Dauer ber Dinge ju meffen, fo 
oergleichen »ir fie mit ber Dauer jener größten unb gleichförmig* 
ften lBe»egungen, »oburch 3ah'^ 2;ag entftchen, unb biefe fo 
gemeffene Dauer nennen »ir 3Ufo ift bie 3c>t außer ber 

Dauer im 3lügemcincn genommen nichtb »eiter alb eine Dcnl* 
»cife. 


*) Slljo iinterfcheibeu fich bk ©egrifk SUtribiit, ?Icciben«, 9Jtobu8, Cua= 
lität in folgenbtr 2Sci(e. Sie ©ubpanj ober bob Sing ig bepinimt burch 
(eine 58efthopcnbciten. Siefe ®cfchaffenbeiten pnb entroeber iiotbwenbigc ober 
jufäUige. Sie notbroenbigen ftiib unoetänbetlich bteibenb, bie juföUigen ba- 
gegen oevönbevlich, »ecpjelnb. 3enc beißen Stttvibute, biefe Ouolitäten. 
Sie Ouatitoten ot« jufäöige beißen Sccibenjen, ol9 »ecßfelnbe beißen pe 
alt ob i. Ser Uebetf. 


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190 


§ 58. 

Gbenfo ift bie al'gcfe'^en t?on bcn cinjcfncn crfc^affcnen 

Gingen, im 9U'|'lvactcn unb SUIgcmcincn betrachtet, nur eine 2^enf= 
weife, wie überhäufst üKe fpgenannte Uniuerfatien. 

§ 59. 

3)iefc Uniuerfolien fommen nur baher, büfi wir ein unb bie» 
fetbe Obec brauchen, um otte unter einanber ähnliche ©injelbinge 
toi'rjuftellen. 9Bie wir auch ein unb baffelbe 3Bort allen burch 
jene 3bee corgeftellten gingen beilegen, unb biefeb SBort ift bab 
Slügemcine. 

Sffienn wir j. IB. gwei ©teine fehen unb nicht auf bereu eU 
genthümliche Dlatur, fonbern nur barauf achten, bafe e8 jwei finb, 
fü bilben wir bie 3bee ber fogenannten 3n>eijahl, unb wenn 
wir nadhh^t JWei äJbgel pbet jWei 58äume fehen unb ebenfalls 
ni^t ihre eigenthümlichen IBefchaffenheiten, fonbern nur, ba^ fie 
jwei ftnb, beachten, fo wieberholen mir biefelbe 3bee als borher. 
Diefe 3bee ift mithin allgemein, wie wir benn au^ biefe 3ah^ 
bemfelben allgemeinen SSJorte als „3tfci" bejeichnen. Sbenfo, wenn 
wir eine bon brei Sinien eingefchloffene Sigur betrachten, fo bilben 
wir uns bereu 3bee unb nennen fit 3bee eines 2>reiedS unb 
bann brauchen wir fte, um unS alle mögliche , bon brei Sinien 
begrenjte Figuren borjuftellen. 93emerlen wir nun weiter, baß 
bon ben Dreiecien bie einen einen rechten SBinlel h^^en, bie an* 
bereu nicht heilen, fo bilben wir bie allgemeine 3bee eines recht* 
winfligen ®reied8, bie in IRücJficht auf jene erfle allgemeine 3bee 
9lrt (©fsejieS) genannt wirb. Unb biefe rechtwinflige Sefchaffen* 
heit beS ®reied£S ift bie ©attungSbiff erenj, Wobur^ alle recht* 
winllige 3)reicde bon allen anberen unterfchieben werben. Unb 
bafe in biefen Dreieden baS Quabrat ber jQ^potenufe gleich ift 
ben fummirten Quabraten ber Statheten, baS ifl eine ©igenthüm* 


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191 


(i erteil, bic allen rcc^treinfligen Drdecfcn unb Mp 8 i^nen ju» 
tommt. ßnblid) »enn wir ben ^all l^aben, ba^ einige biefer fo 
befebafjenen Xreieefe ftc^ bewegen, anbere ru^en, fo wirb bieä eine 
allgemeine jufällige Sefdiaffen^eit fein (accidens universale). 

Unb fo werben gewbl;nli(^ biefe fünf Uniocrfalien aufgeja^tt : 
©attung, 9tri, 3Irtunterfc^ieb, ßigenipml^teit unb jnfallige S8e= 
f^affen^eit (genas, species, differentia, proprium, accidens). 


§ (50. 

lie in ben lingen felbft entfielet burc^ beren 

llnterfd^cibung. I^iefe Unterfdjeibung ift breifad); real, mobal, 
rational. 5Rcal ift fte im eigentlichen ®inn nur jwifdjen jwei 
ober mehreren ©ubftanjen. 2;aB biefe thatfächlich bon 
einanber oerfchicben fmb, erfennen wir baraue allein, ba^ bie 
eine ohne bie anbere fleh ttar unb bentlich erfennen läfet. 3n= 
bem wir ©otteb Dafein anerfennen , finb wir gewi^ , bafe er 
in’ä Syert fegen tonne 9Ule8, wa8 wir beutlich einfegen. ©o Pnb 
wir j. 53. bloß bcßhnff»« Wdl wir bie 3bce einer auägebehnten 
ober förderlichen ©ubftanj hni^^n, fo wenig wir fchon wiffen, ob 
eine folche ©ubftanj in 5ßahi'heit ejiftirt, bennoch gewiß, baß fie 
ejiftiren fann, unb wenn ße esiftirt, baß jeber Dheil berfelben, ben 
wir in ©ebanfen abgrenjen, bon allen übrigen Sh'-’'ff>5 ©ub= 
ftanj jugleich unterfchieben fei. Unb baraub allein, baß ein 3tber 
ftch alä benfenbeS Sßefen begreift, unb baß er in ©ebanten jebeb 
anbere Sßefen, bentenbeb wie aubgebehnteb, bon fich aubfchließen 
fann, folgt ebenfattb fuhcr, baß jeber ßinjelne, fo betrachtet, bon 
jeber anbern benfenben unb bon jeber förderlichen ©ubftanj wirf» 
lieh bcrfchieben iß. 

Unb felbft bei ber Sinnahme, ©ott h^^e wit bem benfenben 
Sßefen ein förderlicheb fo eng alb möglich berbunben unb aub 
beiben glei^fam eineb sufammengefügt, bleiben bie beiben ©ub= 


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192 


(langen bennod^ realiter i?erf(i^ieben. Denn h)ie eng fte ®ott auc^ 
pereinigt l^at, fo fonntc er boc'^ nic^t felbft bie Pon fic^ 

abt^un, bie er porter ^atte, um jene ©ubftanjcn ju trennen ober 
bie eine o^nc bie anbere ju ert)atten. Unb toab @ctt Pon ein= 
anber trennen ober abgefonbert erl^alten lann, ba? ijl in SKirt» 
li^feit unterfc|ieben*3. 

§ 61 . 

Die mobate Unterfdjeibung ift eine jmeifnd^e: bie eine j»pi= 
fc^en bcm eigentlich fogcnannten 9Kobu8 unb ber ©ubftanj, 
beren 5)U'bu8 er ift, bie anbre jmifd)en jmei Wobi eben ber» 
f eiben Subftnnj. Der erfle Uuterfd)ieb erhellt barau8, bafe Wir 
jwar bie ©ubftanj ohne ben Pon ihr perfchiebenen IKobu? Kar 
begreifen fcmnen, aber nicht umgctehrt biefcn WobuS ohne bie 
©ubftanj. ®ic Sigur unb Setoegung fuh mobaliter Pon ber Ibr» 
perlid)cn ©ubftanj untcrfchciben, fo aud) ißefahung unb föriuue* 
rung Pom @eifl. Der jipeitc Unterfchieb erhellt baraug, bo^ wir 
wohl einen 2Kobu8 ohne ben anbern unb umgelehvt ju erfennen 
permbgen, aber feinen ohne bie ©ubftanj felbft, ber fie inwohnen. 
3- 33. wenn ein Stein ftth tewegt unb Pieredig ift, fo fann ich 
wot;l feine oierecfige Signr ohne 33ewegung unb umgetehrt feine 
Bewegung ohne bie pieredige ßigur begreifen, aber Weber bie 58e= 
wegung noch biefe Sigur ohne bie Subftanj be3 ©teineb. 

Der Unterfchieb ober jwifchen bem 3Äobu8 einer Subftanj 
unb einer anberen ©ubftanj ober bem SJZobub einer anberen ©ub» 
ftanj, wie j. SB. bie ©ewegung eineb Stbrperb pch Pon einem on» 
bern Sorber ober Pom @eift unterfcheibet, unb wie bie ©ewegung 
Pom .Sweifel: biefer Unterfchieb mufe eher real alb mobal heißen. 


*) §iev ifl mit beit biinbiggen Sorten bie ®ciiublehtc bes Dccafioiiali«. 
mu8 auägefpro^en. Der Ueberf. 


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193 


ireit jene ^Äcfci fid^ nic^t Har erfennen (ajjen i'^ne bie real t>er^ 
jc^iebenen ©ubftanjen, beren Wobt fie finb. 

S 02. 

lie rotionale Unterfd^eibung enblt^ befielet jmifd^en ber 
©ubftan} unb einem i^rer 3Ütribute, o^ne n?e(d^e8 fte 
felbft nm begriffen »erben tann, ober ätoifdjen j»ei folc^en 
SUtributen einer unb berfelben ©ubftan;. Unb barauS jeigt 
ftc^, ba| mir bie tlare unb bcut(id)e 3bee einer ©ubflanj nid^t 
bilbcn tonnen, »enn mir bag SUtribut oon i^r aubfc^tie^en, unb 
cbenfo toenig bie 3bee eines i^rer 2(ttribute Har ju erfennen oer» 
mögen, loenn loir eS oon einem anbern Stttribute abfonbern. 

SBenn j. 58. eine ©ubftanj auf^brte ju bouern, fo '^orte fie 
audb auf ju fein. 3llfo »ar fte nur bur(^ unfer ®enten oon i^rer 
Douer unterft^ieben. Unb ade Dentmeifen, bie »ir als Stttributc 
ber Xinge anfe^en, finb nur burdi) unfer Denlen fo»of>I oon 
ben gingen, benen fte' jufommen , als aud^ in einem unb bem* 
felben 3)inge oon einander oerfc^ieben *3. 

3^ erinnere mic^, biefe Strt ber Unterf^eibung mit ber mo= 
baten einmal oermengt ju ^ben, nämlic^ am ®nbe meiner ®r» 
»ieberung auf bie erflen ßimoürfe gegen bie 58ctrac^tungen über 
bie ©runbtegung ber 5p()i(ofo).'^ie; inbeffen ^atte ic^ an jener 
©tede leinen Stntafe, genauer t)icrüber ju ’^anbetn, unb für meine 
bamaligen reidjte eS Ijin, jene beiden Stilen oon ber realen 
}u unterfd^eiben. 


*) ®ic frnnäöfiftbc Ucbedc^mig bringt biefe ©teile [o; „Unb überbnnbt 
alte Slttribnte, »ermöge beten mit »on einer nnb berfelben ©aebe oerfibie' 
bene Slorftellnngeii b“6en , mie 55. bie SlnSbebnnng be« Äörbet« unb 
bereu Xbe'lbarleit, «nterfdjeibeu pd) Dom Sörber, ben wir jnm Object 
nebmen, nnb oon einanber nur baburdb, bap wir bisweilen untlar au bie eine 
eigcn|d)üft ohne bie anbere beuten." ®er Ueberj. 

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194 


§ 63. 

Renten unb 9lu8bb^mmg laffen fic^ tetrad^teu al8 tie 2ße= 
fenaeigenf^ümlic^feitcn ber ertennenben unb forderlichen ©ubflanj, 
unb fte müffen ganj fo, wie bie benfenbe unb auägebehnte 
©ubftanj fefbft, b. h- ®«fi unb Sbrder, begriffen werben. 
©D werben fte auf ba8 Slarfte unb ®eutli(hfte erfannt. 3a, wir er= 
fennen fogar bie au8gebehnte ober audh bie benfenbe ©ubffanj 
feichter al8 bie bfoffe ©ubftanj, abgefe^en oon i^rer bentenben 
ober au8gebehnten SSefthaffenheit, benn e8 hui einige ©d^Wierig- 
feit, ben SSegriff ber ©ubftanj »on ben ©egriffen be8 T)enten8 
unb ber 3(u8behnung ju abflraljiren. X>iefe nämlich ftnb oon ber 
©ubftanj fefbft nur burch unfer Renten unterfchieben. Unb ber 
©egriff wirb baburch nicht beutficher, baff Wir Weniger in ihm ju= 
fammenfaffen, fonbern nur baburch, baff wir ba8 in ihm 3ufam» 
mengefaffte bon allem 3lnberen genau unterfiheiben. 

§ 64. 

2)enfen unb 3fu8behnung tann man au<h ol8 ?Wobi ber 
©ubftanj gelten faffen, fofern nämfidh ein unb berfelbe ®eifl meh= 
rere oerf(hiebene ©ebanfen huf>en fann, unb ein unb berfelbe 
Sorper bei gleicher fOfaffe ftch auf berfchiebene ©Seife ou8behnen 
läfft, je|t mehr nach ber fiänge unb weniger nach ®«ite unb 
Siefe unb halb nachh« tu ber entgegengefefeten ©Seife mehr nach 
ber ©reite unb Weniger nadh bet fidnge. Dann werben fte bon 
ber ©ubftanj mobaliter unterfchieben unb eben fo ffar unb beut* 
lieh jene fefbft erfannt, nur baff fte nicht af8 ©ubftanjen ober 
befonberS für ftch ejiftirenbe 2)inge, fonbern nur af8 SWobi ber 
2)inge angefehen werben. 

35enn baburch, baff wir fie in ben ©ubftanjen, beren ©?obi 
fle finb, betrachten, unterfcf)eiben wir fie bon ben ©ubftanjen unb 
erfettnen fie fo, wie fie in ©Wahrheit ftnb. ©Joflten wir fte ba* 


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195 


gegen o^ne bie ©ubjlaujen, benen fie inmol^neu, betrachten, fo 
würben wir jie al8 für fidh cjiftircnbe Sßefcn anfehcn unb auf 
biefe SBeife bie ^Begriffe 3Robn8 unb ©ubjlanj terwirren. 

§ C5. 

3(uf biefelbe Sßeife werben wir bie uerfchiebenen TOobi beb 
®cnten8, wie ßinfidjt, (Jinbilbung, tS:rinnerung, SBcgehrung u. f. f- 
unb ebenfo bie eerfchiebenen ^obi ber 31u8behnung ober bie jur 
3lu8behnung gehören, wie aße Siguren, Sage unb ^Bewegung ber 
Ehfilf am öfften erfennen, wenn wir fie nur al8 91Jobi ber Xingc, 
benen ftc inwohnen, betrachten, unb wa8 bie ®eWegung betrifft. 
Wenn wir fie blo8 al8 OrtSoerdnberung nehmen unb feine Unter» 
fuchung über bie Straft, bie fie hfioorbringt, anfteßen. ®och 
Werbe icb an feinem Crtc fuchen , biefen ^Begriff ber Straft ju 
entwicfeln. 


§ 66 . 

68 finb nodh übrig bie 6mbftnbungen, (Semüthbbewegungen 
unb Iriebe, bie jwar ebenfaßb fich ttar erfennen laffen, wenn 
man fich nur forgfdftig hütet, mehr baoon au8jufagen, at8 genau 
genommen in unfercr SBorftcßiTng liegt unb beffen wir un8 inner» 
liih bewußt finb. 3fber c8 ift fehr fchwierig, bie8 ju beobachten, 
Wenigftcn8 in SBetreff ber 6mpfinbungen. 2enn wir 3fße haben 
oon Stinbheit an gemeint, Slße8, wa6 wir empfunben, feien gewiffc 
au^er unferm ©eift ejiftircnbe unb unfren ßmpfinbungen, b. h- 
ben SSorfteßungen, bie wir baoon haben, ganj dhntiche X>ingc. 
«Sahen wir j. SB. Sarbc, fo meinten wir, ein au|er un8 befinb» 
licheS unb jener in une cm^funbenen 3bee ber garbc dhnliche8 
®ing JU fehen. Unb au8 ©cwohnheit, fo ju nrtheilen, meinten 
wir, bie Sache fo ftar unb beutliih ju fehen, bafe wir fie für ge» 
wi§ unb unjweifefhaft hiflßm. 


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§ 67. 

®affetbe gilt ganj unb gar au^ »on otlen onbern ßmbfin» 
bungen, fcgar »ou Si^et unb ©d^merj. ®cnn wenn man 
aud^ nic^t meint, ba^ biefc ou^ev uns finb, fo >)f[egt man fie bod^ 
ni(^t aiS bloS im ©eift ober in unferer aSorjtetlung, fonbetn olS in 
ber Jganb ober im ??u6 ober fonft wo in unferem SBrper »orl^an= 
ben ju betrad^ten. SBenn Wir 58. einen ©c^merj glei(^fam im 
gufee füllen, fo fd^eint eS, biefer ©djmerj fei etwas aufjer unfe- 
rem @eift im Sufe ©jiftirenbeS. Sßenn wir baS Si(^t gteid^fam in 
ber ©onne felgen, fo fd^eint eS, biefeS Sii^t ejiftire au|er unS in 
ber ©onne. 3)er ©d^ein l^at in beiben Säßen bie gteid^e ®ewi^= 
§eit. 3lber SSeibeS finb finbifd^e SSorurt^eiie, wie fid^ f))äter beuN 
lid^ jeigen wirb. 


§ 68 . 

Um aber "^ier baS Stare oom 25un!eln ju unterfd^eiben, 
muffen Wir fel^r forgfättig bead^ten, ba^ ©d^merj unb Sarbe unb 
StnbereS ber 3trt ftar unb beuttic^ ertonnt werben, wenn ße nur 
ols 6mpf inbungen ober ©ebanlen gelten. SBenn man 
aber meint, fie feien gewiffe außer unferem ®eiß beßnbtidße 55inge, 
fo läßt fic^ in feiner SSeife erfennen, was eS für ®inge fmb. 
©onbern, wenn ®iner fagt, er fel^e in einem Sor^>er Sarbc ober 
füllte in einem ®tiebe ©d^merj, fo ^eißt baS ebenfo »iet, alS 
wenn er fagte, er fe!^c ober fü^le bort 6tWaS, Wooon er ganj unb 
gar nid^t wiffe, waS eS fei, b. ]^. er wiße nic^t, waS er fel|e ober 
fü^Ie. S3erl^ätt er fic^ weniger tritifd^, fo Wirb er jW6c leidet 
glauben, baß er baS Ding einigermaßen fenne; et fe|t nemlid^ 
oorauS, eS fei jener Kmpfinbung ber S^tbe ober beS ©c^merjeS, 
bie er in ftdj erfährt, ä^ntid^; unterfud^t er aber, was für ein 
Ding jene gmpßnbung ber Sarbe ober beS ©c^merjeS, bie gleid^’' 
fam in bem farbigen Sbrper ober in bem fd^merjl^aften D’^eile 


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iftr 

ejifHrt, eigcnttic^ »orflette, fc Wirb er gteib^ mcrfen, bafe er e8 
nid^t weife. 

§ 09 . 

3uind wenn er bebenft, wie ganj anberg er bei bem ange« 
flauten .Slbrper ®rbfee ober Sigur ober Bewegung (wenigftenb bie 
örtliche, benn bie ^^Uofop^^en l^aben and) anbere Bon ber brttic^en 
oerfc^iebene Bewegungen erfunben unb bie 9^atur ber Bewegung 
baburc^ weniger begreiflii^ gematzt) ober \!age ober Xnuev ober 
3ol>i unb ä§nii(|e Befd^affen^eiten beä .übr^serS, bie fic^ beutüc^ 
Borfeellen laffen, ertennt, ol8 j^arbe ober ©djmerj ober ®eruc^ 
ober ®e|c^mad, ober waä fonft nod^ ju ben Smpriobungen gcl^ört. 
.3war finb wir beim Sinblicf eineg ftörperg feiner ßjiftenj ebenfo 
gewiß, Weil er geftdtet dg Weil er gefärbt erfc^eint, aber wir er- 
fennen weit einteudjtenber , Wag eg tjeifet, gejtaltet fein, alg ge» 
färbt fein. 

§ 70 . 

Mithin erl^etlt : Wenn wir fagen, Wir ne!^men in ben Objecten 
garben Wa^r, fo ift eg in ber ©ad^e ganj baffcibe, a(8 wenn 
wir fagten, wir nehmen in ben Objecten 6twag wal^r, oon bem 
wir gar nic^t Wiffen, wag eg ift, oon bem aber in ung felbft eine 
gewiffe fel^r offenbare unb beutlic^e gmpfinbung ’^erriil^rt, bie wir 
garbenempfinbung nennen. Slber in ber Urt^eitg weife ift ein 
fe^r grofeer Unterfd^ieb. Ü)enn fo lange wir nur urtl^eiten, eg fei 
in ben Objecten (b. 1^. in ben Gingen, wag cg nun aud^ immer 
für ®inge fmb, Bon benen ung bie gmpfinbungen jutommen) 6t» 
wag, bag wir nid^t fennen, fo irren wir fo Wenig, bafe Wir ung 
Bielme^r in biefem Sßuntte Bor bem Srrtl^um bewahren; benn in 
bem Bewufetfein, etwag nidfet ju wiffen, finb wir weniger leidet 
geneigt, in’g Blaue barüber ju urt^eiien. ©efeen Wir aber ben 
gaff: wir meinen in ben Objecten garben wa’^rjune^men , o’^ne 


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198 


bo^ ju miffen, »aä benn eigentlich bo8 ijl, wa& man gatbe 
nennt, unb o^ne baß h)ir eine 3(chnlichfeit ju erfennen toermbgen 
jmifdhen ber 5Jarbe, bie im Dbject fein feil, unb jener, bie in un= 
ferer 6mpfinbung ift; mit ftnb unb aber biefer unfrer Unmiffenhcit 
ni^t bemüht; roiffen jeboch, bafe uieleä Stnbre in ben Äbrt)ern, mie 
Orbße, Sigur, Objecten ift ober fein 

lann, oon un8 em^funbcn ober ertannt mirb: in biefem Satte 
gerathen mir in ben 3rrthum, ju urtheiten, eä fei, ma8 mir in 
ben Objecten Sarbe nennen, etmaS ber Sarbe, bie mir empfinben, 
ganj 3tehnliche8, unb auf biefe fflJeife ju meinen, mir erfennen 
tiar, ma» mir gar nicht erfennen. 

§ 71. 

^ier bürfen mir ben erften unb hauptfädhlichften @runb alter 
unfeter 3nthümer entbeefen. 3n ber Sinbheit nämlich haftete 
unfer (Seift fo eng an bem Sürt^cr, bafe er nur für folche @e= 
banten SRaum hatte, burdh meldhe er bie fbrpetlidhen Stffectionen 
empfanb. Unb biefe ©ebanten bejog er ni(ht auf etma8 au&er 
ihm 33efinbti(he8, fonbern er empfanb nur ©chmerj, fobatb bem 
Sörper etma8 Unangenehmes juflie^, unb im entgegengefe^ten 
Satte fiuft, unb menn ber Störtrer meber fehr angenehm noch fehr 
unangenehm afficirt mürbe, hatte er nadh ben oerfchiebenen 2;h*i' 
len, mo, unb nach t>en oerfchiebenen 3trten, mie bie Stffection ftatt* 
fanb, auch »erfchiebene embfinbungen , nämlich t>ie fogenannten 
(Srnpfinbungen be8 ©ef^maefs unb ©eruchs, be8 ©challs, ber 
303ärme unb Sälte, be8 Nichts, ber Sarben u. f. f., bie nichts 
aufeet bem Denten IBefinblicheS oorflellen. 

Zugleich hatte er auch t)ie SBahrnehmung oon ©röfeen, Si= 
guren, Semegungeu u. f. f., bie fich ihm nicht als ©m)>finbungen 
barftetiten, fonbern als Singe ober 5Dlobi oon Singen, bie aufeer- 
bem Senten ejifliten ober menigflenS ejiftiren lonnen, obmohl er 
biefen Unterfd)ieb noch nicht bemerfte. 


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199 


Unb reenn bann bie 9)?afc^ine beä .'Körper?, bie pcn bcr 9Ja» 
tut fo eingerichtet i|t, baß fte ftch au8 eigenem Vermögen auf Per« 
fchiebene SBeife bemegen fann, fith ungefähr hifrh'*' 
hin »enbetete unb burch 3'ifüü Stngenehme^ erreichte ober 
et»a8 Unangenehmeg oermieb, fo begann ber an bem Körper h«N 
tenbe (Seift ju merten, eg fei außer ihm, mag er auf jene ®eife 
erreichte ober oermieb, unb nun fchrieb er biefcn Cbjccten nicht 
bloß ®rbße, Sigur, 3?emegung u. f. ju, bie er aig Dinge ober 
9Robi ber Dinge anfah, fonbern au^ ©efchmacf, ®eruch u. f. f., 
feine eigenen 6mpßnbungen, bie er alg S^irtungen jener Dbjecte 
betrachtete. Unb ba er Slüeg nur auf ben iliuhen beg Körperg 
bejog, in ben er Perfenft mar, fo meinte er, je mehr ober meniger 
er Pon einem Objeet afftcirt mürbe, um fo mehr ober meniger SKe« 
aiität fei in bem afficirenben Dbjecte enthalten. Daher mar nach 
feiner Steinung meit mehr ©ubftan? ober .Kbrperlichfeit in ©teinen 
ober 9Äetaüen, alg in SBaffer ober Suft, meii er in jenen mehr 
Jgdrte unb ®emichtigfeit fpürte. 3a bie £uft h'fli ft für gar 
9{ichtg, fo lange er in ihr feinen SlMnb ober Kälte ober SBiiärme 
mahrnahm. Unb meil ihm bon ben ©ternen nicht mehr Sicht, 
alg Pon ben tleinen Slammen berSaternen luftrahlte, fo fteüte er 
ßch beßhalb Por, bie ©terne feien nicht großer alg jene Stammen. 
Unb meil er meber bie Ireigfbrmige Drehung noch fugelfbr« 
mige ®eftalt ber 6rbe bemerfte, fo mochte er beghalb lieber bie 
(Srbe für unbemeglich unb ihre Oberfläche für eben halten. Unb 
in taufenb anbere SBorurtheile ber 91rt mar unfer ©eiß Pon ber 
frühßen Kinbheit an Perfunfen. Stachhft im Knabenalter Pachte 
er nicht baran, baß er jene Sorurtheile ohne jureichenbe Prüfung 
aufgenommen h®^C; fonbern alg burch bie ©inne erfannt ober 
Pon ber Statur ihm .angeboren ließ er ße gelten für Poßlommen 
mahr unb einleuchtenb. 


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200 


§ 72 . 

3m reiferen Sitter, wenn ber ®ei[l nic^t me’^r bem S&rper 
ganj unb gar unterworfen ift unb nic^t 3lUe8 ouf ("^n bejiel^t, 
fonbern bie waljre S3efd)affen^eit ber S)inge, wie fie an flc^ fmb, 
unterfu(^t, entbecft er wo)f)I, bafe fcl^r »tele jener früheren Urt^eilc 
falfd^ finb. Doc^ be^^alb entläßt er biefe Urt^eile ni(^t auä bem 
@ebäd)tni6, unb fo lange fie l^ier l^aften, finb fie Urfad^e ju 
mannigfaltigen 3rrt^ümern. <So ^aben Wir uns j. SB. als Sin» 
ber eingebilbet, bie Sterne feien fe^r flein, unb wenn je|t nuc^ 
bie aftronomifc^cn ®rünbe uns einleuc^tenb bie ungel^eure ®rb^e 
ber Sterne beweifen, fo gilt bod^ jene »o'rgefa&te SJleinung immer 
nod^ fo »iel, bafe eS unS fel^r fc^wer fällt, bie Sterne anberS als 
e^ebem »orjuftellen. 


§ 73 . 

3)aju tommt, bafe unfer ®eift auf einige 3)inge nid^t o^ne 
Sc^Wierigfeit unb ®rmübung a^ten fann, unb am f^wierigften 
»on allen Dbjecten ift eben bie SBetvad^tung fold^er, bie Weber ben 
Sinnen nod^ felbfl ber ßinbilbung gegenwärtig finb; fei eS nun, 
weil feine Dlatur wegen il)rer SBerbinbung mit bem Sbrper eine 
fold^e SBefi^affenl^eit t)at, fei eS, Weil er in ber Sinb^eit, wo er 
fit^ blofe mit Dbjecten ber Sinne unb ber ginbilbung befd^äftigte, 
ftd^ eine grbfeere Uebung unb Sei^tigteit angeeignet l^at, über bie 
finnlii^en Dinge ju benfen als über bie anbern. Da^er begreifen 
fo Siele bie Subftanj nur als Dbject ber ©inbilbung, als Ibrper» 
lid^eS unb fogar finnlid^eS Ding. Denn fte wiffen nid^t, bafe fid^ nur 
fotdje Dbjecte einbitben laffen, bie in ber SluSbel^nung, Bewegung, 
®eftalt hefteten, wäl^renb bodt) »iete anbere Dbjecte benlbar 
finb. So meinen pe , eS gebe leine anbere Subpanjen als 
Sbrper unb leine anbere Shrper als finnlit^e. Unb weil 


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201 


wir, wie fpäter fu^ beutlic^ Sfiiieu wirb, fein 2l5efcn, wie e8 an 
i)t, 61o6 burd) bie ©inne erfennen, fo fommt c8, ba& bie 
weiften in i^rem ganten fieben nur untlare Ginfic^ten 
^ a 6 e n. 

§ 74. 

(5nblic^ bringt eb bie fRotf)Wenbigfeit bcr Siebe mit pd), bap 
wir aüe unfcre ^Begriffe an Süorte, weburc^ wir fie aiiäbrüden, 
^eften unb fie mit ben SQJorten jugleii^ bem ölebadjtnip aiU'er= 
trauen. X?a wir unb nun nac^^er leichter an bie SBcrtc alb an 
bie ©ad)en erinnern, fo ^aben wir fap nie ben ®egriff einer 
©ac^e fo beutlii^, bafe wir i^n oon allem SUortbegriff abfonbcrn 
lönnen. Unb bie ©ebanfen fap aller SJlenfcben ^aben mc^r mit 
ben aUorten, alb mit ben Dingen ju tpun, fo baff Pe fel^r l^äupg 
unoerftanbenen Sßorten i^ren SBeifall geben, weil pe meinen, pe 
Jütten pe einft oerftanben ober oon 'ünbern, bie pe richtig begriffen, 
empfangen. 

Sille biefe (Jrflärungen, fo wenig id) fie an biefer ©teile genau 
barlegen tann, benn ic^ ^abe bie Slatur beb menfe^lidfen Sörperb 
noc^ nid)t aubeinanbergefe^t unb nod) nic^t bewiefen, bap über- 
Itaupt ein Körper ejiftirt, fc^einen boc^ begreipii^ flenug, um mit 
ilfrer .gülfe bie flaren unb beutlii.^en Sfegripe oon ben bunfeln 
unb untlarcn tu unterfc^eiben. 


§. 7r>. 

Sllfo um evnftl;aft ju plfilofop^iren unb bie Sya^vlfcit aller 
erfennbaren Dinge tu erforfc^cu, müpen oor allem bie Hoiurt^eile 
abgelegt Werben, ober man mup pc^ forgfältig lauten, ben über» 
lieferten S3leinungen OHauben tu fitenten, eb fei benn, bap wir 
fie mui^ einer neuen 5fJrüfuiig alb toa^r befunben. 


13* 


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I 


202 

Dann müjfen mir in georbnetcr SRei^e auf bic 33egriffc nufere 
saufmerffamteii rid)tcn, bie mir felbft in uno ^aben; unb nur bic 
^ergriffe, mcIc^e mir bei einer fold^en iBeirac^tung fiar unb beut= I 
lid) ertennen, biirfen atfein al« mal^r gelten. 

®ei biefer S?etrad)tung merben mir juerft bemeifen, ba| mir 
ejiftiren, fefern mir benienber 9Jatur finb, unb jugtcicfi, baß ' 
aud} ein @ott ift, i'on bem mir ab^ängen, unb baß auS ber 
Ü3etrad)tung feiner ßigenfb^aften bie SBa'^r^eit aller übrigen SBefen ' 

erforfi^t merben fbnne, ba er ja bic Urfac^e bcrfcibcn ift. ßnblic^, , 

baß außer ben 5^egri|fen ®ctteg unb unfereä ®eifte8 audj bie 
itenntniß i'ielcr emiger Sßal^r feiten, in un8 fei, mie j. ®. 
baß aus 9iid)tS 9iid)t8 mirb u. f. f., unb eben fo bic itenntniß 
einer tbrbcrnd)cn ober auggebeßnten , t(}ciibarcn, bemegüdjcit 
itiatur, eben fo bic gemißer (Srnpf inbungen, bie uns affi< 
ciren, mie beb Sc^merjeb, ber Farben, beb ©efdjmadb u. f. f., 
obgleii^ mir nod) nic^t mißen, au8 meldjer Urfaeße ße un§ fo 
afficiren. 

Unb menn mir biefcs mit jenen untlaren ©ebanfen bon e^ebem 
oergleidjcn, fo merben mir nnb gembljnen, oon allen crfennbarcn 
Dingen ttare unb bcutlicßc ®egriße ju bilben. 

3n biefen menigen ©äßen fiub, fo fdjeint mir, bic l^aupt’ 
ftid)lid)ften ßJrincibien ber mcnfei^lic^en ©rfenntniß enthalten. 

§. 7G. 

Daju muffen mir unferm ©ebädjtniß alb oberfte SSegel ein= 
prägen : baß bie göttlichen Dßenbarungen ju glauben finb alb 
unter allen SBahrheiten bie ficherften. Unb menn aud) bab Sicht 
ber SJernunft unb auf bab Stlarflc unb 6iuleicd)tcnbfle elioab 
Slnbercb bar,uibieten ben ©chein l)‘itt^( f*-' *ß ^od) bab göttliche 
31nfcl)cn glaubmürbigcr alb unfer eigeneb Urtheit. 



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203 


9Jbcr in bcn 3>ingcn, herüber feie iRdigion tavf 

rer 9i'irf)t8 für Iral^r gdtcii Inffcn, bab er niiijt alsS 

ti'aljr cingefdjen ^at, unb »venn er ben ©innen meljr 
erlauben fd)entt, fo ^ei&t bieb fc üici, aid ben iiube = 
baebten Urt^eüen beb tinbif^en 9llter8 inc{;r trauen, 
als ber rci fen Vernunft. 



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7ru<t rrn Qiictor (Ku'iü In t)Armndtr. 


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Diglteod 


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